Gundernhausen: „Auf dem Balkon“

„Mein Heimatort Gundernhausen bei Darmstadt, Wohngebiet Stetteritz, atmet noch heute die Vorstellungen der 1960er bis 1980er Jahre. Hier standen nicht nur Ikonen der Nachkriegsarchitektur, sondern eher die typischen Wohnhäuser des Mittelstands. Unser Haus wurde 1979 fertiggestellt, ein Hanghaus mit den Wohnräumen im Obergeschoss und den Schlafzimmern unten zur Straße hin. Hier wohnte ich seit ich ein Baby war bis nach dem Abitur. Seither war ich sehr selten dort, zuletzt vor rund zehn Jahren. Mein Kinderbild entstand im Sommer 1981 auf unserem Balkon. Von dort hatte man einen weiten Blick in die Ebene. In der Nachbarschaft lebten Klassenkameraden. Ein Vierteljahrhundert später sind nur wenige alte Nachbarn geblieben und die Häuser nach Verkauf mehr oder weniger stark verändert – für mich die typische Geschichte eines alten Neubaugebiets. Berührt haben  mich das Wiedersehen mit dem Ort, Einblicke in unser altes Haus und das Gespräch mit der früheren Nachbarin Frau Volk.“ (Tobias M. Wolf, * 1979, Kunsthistoriker und Bezirkskonservator mit Blick für die Schönheiten der Nachkriegsmoderne)

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Fotospezial 16: „Generation Beton“

Gera-Lusan: „Die Birkenstraße blieb“

„Als in Gera-Lusan 1972 die ersten Straßen entstanden, wurden sie provisorisch als ‚Baustraßen‘ bezeichnet. Für die offiziellen Straßennamen orientierte man sich später oft an der geplanten Bepflanzung. Meine Großeltern waren 1975 Erstbezieher in der Birkenstraße. Hier wuchsen meine Mutter und meine Tante auf. Auch ich sollte hier die Kombinierte Kindereinrichtung besuchen. Ich ging in die nahegelegene Schule, die meine Mutter und Tante zuvor besuchten und in die meine jüngere Schwester heute geht. Dies alles klingt recht dörflich, würde es sich nicht um den ersten Abschnitt des Neubauviertels handeln. Sechs weitere Abschnitte folgten, am 30. Juni 1985 sollte Lusan 44.086 Einwohner zählen, bevor Mitte der 90er Jahre der Rückbau begann. Viele Straßen wurden umbenannt. Die Birkenstraße blieb. Sie veränderte sich trotzdem. Der Plattenbau meiner Eltern und die Kindereinrichtung verschwanden. Die Wohnung meiner Großeltern wurde saniert. Für mein Buch ‚Stadtbilderklärer Gera-Lusan‘ begab ich mich auf Spurensuche: bei Zeitzeugen, in Archiven und mit der eigenen Kamera. Ich wohne heute nicht mehr in Gera. Die Birkenstraße passiere ich aber bei jedem Besuch immer wieder gerne.“ (Christoph Liepach, * 1990, heute Grafiker, Kunstpädagoge und interessiert an der Ästhetik der Platte)

Sein aktuell im mdv (Mitteldeutscher Verlag) erschienenes Buch „Stadtbilderklärer Gera-Lusan“ versteht Christoph Liepach als Erinnerungsbuch und zugleich beispielhafte Dokumentation einer Neubausiedlung der DDR. Layout, Bild und Grafik gestaltete er als Reminiszenz an das Design der 1970er Jahre.

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Fotospezial 16: „Generation Beton“

Saarbrücken: „Blütenbote im Museum“

„Der Saarbrücker Unicampus war neben der Architektur Ferdinand Kramers wohl eine meiner frühesten Begegnungen mit der Nachkriegsmoderne. Als Kind einer Archäologin boten sich diverse Gelegenheiten, das weiträumige Gelände der Hochschule, die sich Ende der 1940er Jahren in einer ehemaligen Kaserne eingerichtet hatte, zu erkunden. Zwar faszinierte mich seinerzeit die burgenhaft anmutende Architektur der Toreinfahrt mehr als die französischen Neubauten aus den 1950ern, dennoch gewann ich die elegante Treppe und die streng gerasterte Fassade des Gebäudes Nr. 10 bald lieb. Lebhaft in Erinnerung sind mir die Tage der offenen Tür, die das archäologische Institut in historischer Kostümierung zelebrierte. Der Auftritt als Blütenbote in Toga und Sandalen war nicht der einzige seiner Art. Am Fuß der Treppe und zu Füßen des römischen Imperators Morchulus – verkörpert durch den Institutsfotografen – genoss ich die Darbietungen antiker Sagen durch kostümierte Studentinnen und Professoren. Die Nachkriegsmoderne zeigte Haltung – und bot dem Schauspiel mit ihrer nüchternen Eleganz einen würdigen Rahmen.“ (Julius Reinsberg, * 1987, heute seriöser Historiker mit Hang zum textilen Architekturmimikri)

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Fotospezial 16: „Generation Beton“