FACHBEITRAG: Mythos Mauer

von Johannes Medebach (20/2)

Es gibt Tage, an die sich alle erinnern. Mit Sicherheit gehört der 9. November 1989 dazu. Gegen 18 Uhr verkündet Günter Schabowski in einer legendären Pressekonferenz die Möglichkeit der DDR-Bürger zur „ständigen Ausreise“. Menschen aus Ost-Berlin stürmen zu den Grenzübergängen der geteilten Stadt und pochen auf ihr neugewonnenes Recht. Und eine halbe Stunde vor Mitternacht ist es endlich soweit: An der Bornholmer Straße öffnen sich nach 28 Jahren die Tore. Der Todesstreifen hatte seinen Schrecken verloren. Heute sind die Bilder jener Tage zum Mythos geworden – so wie die Mauer selbst. Heute existieren in Berlin einige letzte Fragmente, an denen die ehemalige Grenze erfahrbar wird. So etwa am Friedrichshainer Spreeufer, an der East Side Gallery.

Berlin, Blick auf die Mauer nahe dem Potsdamer Platz (Foto: Nancy Wong, Bild: Edmunddantes, CC BY SA 3.0, 1986)

Berlin, Blick auf die Mauer nahe dem Potsdamer Platz (Foto: Nancy Wong, Bild: Edmunddantes, CC BY SA 3.0, 1986)

Real existierende Architektur

Neben ihrer symbolischen Bedeutung als Demarkationslinie war die Mauer eben auch ein Bauwerk. Je nach Betrachtung: eine Barriere, um den „real existierenden“ Sozialismus zu schützen, oder ein tödliches Werkzeug, um Menschen ihrer persönlichen Bewegungsfreiheit zu berauben. Eine Architektur der Abschreckung, von der trotzdem eine ungeheure Faszination und Inspiration ausging. Wie viele Schulklassen reisten bis 1989 nach Berlin, um sich dem schaurig schönen „Mauergucken“ hinzugeben …

Rem Kohlhaas schrieb 1972 seine Abschlussthesis „The Berlin wall as architecture“. Damals wagte er ein theoretisches Experiment: Westberlin als Hort der Freiheit durch Selbsteinfriedung. Dass Künstler aus aller Welt die westliche Seite als größte Leinwand der Welt verstanden, verwundert nicht. Eine solch ambivalente Struktur zieht mit ihrem Spannungsfeld viele Menschen an.

Spurensuche

Doch was passierte nach dem November ’89 mit diesem Bollwerk? Mit dem 155 Kilometer langen Mauerstreifen aus ca. 45.000 Segmenten, mit den 302 Beobachtungstürmen und 20 Bunkern? Entgegen der kollektiven Erinnerung verschwand die gesamte Baumasse nicht über Nacht. Kurz vor der Jahreswende beschloss die Regierung Modrow, die Berliner Mauer zu entsorgen. Diese Zeit barg zwar einen unbändigen Freiheitsdrang und einen großen Möglichkeitsraum, aber eben auch eine gewisse Ratlosigkeit. Entsprechend wurde das Verschwinden der Mauer durch einige Turbulenzen und unerwartete Wendungen begleitet.

Direkt nach der Öffnung hörte man in den innerstädtischen Bereichen vermehrt ein eifriges Klopfen. Die sog. Mauerspechte machten sich an die Arbeit. Fleißige Bürger, mit Hammer bewaffnet, rückten dem „antifaschistischen Schutzwall“ zu Leibe. Schlag um Schlag wurde der Betonwall ausgedünnt – und so manches Souvenir für zu Hause gesichert. Es ist selbstverständlich, dass ein Gros der Mauer so nicht entsorgt werden konnte.

Kontrollierter Rückbau

Sieben Monate nach dem geschichtsträchtigen 9. November, am 13. Juni 1990, begann an der Bernauer Straße der kontrollierte Rückbau der Grenzanlagen. Dieser Ort war nicht zufällig gewählt: Die Fluchten durch die im Osten stehenden Häuser, zu Beginn selbst Teil der Grenzanlagen, gingen um die Welt. An diesem Abschnitt starben aber auch die meisten Menschen bei vergeblichen Fluchtversuchen. Heute befindet sich hier die Zentrale Gedenkstätte Berliner Mauer.

Die Ost-Berliner Baukombinate wurden verpflichtet, die Anlagen zu entsorgen. Verständlicherweise war die Bereitschaft riesengroß. So mancher Mitarbeiter nahm sich selbst einige der drei Meter hohen und tonnenschweren Betonfertigelemente mit. Nicht immer stieß diese Art von „Gartenzaun“ auf Gegenliebe. Die blutige Geschichte haftete scheinbar am Stahlbeton.

Berlin, Mauer nahe der Friedrichstraße, 1990 (Bild: BIL, GFDL oder CC BY SA 3.0, 1990)

Totaler Ausverkauf

Die DDR-Regierung gehörte zu den Ersten, die das große Geschäft mit der Geschichte witterten. Schon im Januar 1990 demontierten Einheiten der Nationalen Volksarmee (NVA) 50 künstlerisch anspruchsvoll gestaltete Segmente aus dem Grenzgebiet zum damals kreativsten aller Westberliner Bezirke: Kreuzberg. Die Außenhandelsgesellschaft Limex machte aus dem Verkauf ein lukratives Geschäft. Erste Lieferungen gingen vor allem in die USA, wo die Berlin Wall Commemorative Group die Vermarktung übernahm. In der Folge gründet Limex mehrere Gesellschaften zur Verwertung der Mauer-Segmente. Im Verlauf des Jahres wurde ein Millionenerlös eingefahren – in Monte Carlo versteigerte man im Juni 1990 beispielsweise 80 Segmente.

Beliebt waren farbig gestaltete Mauerstücke von Künstlern wie Thierry Noir oder Keith Haring. Auf der Strecke blieben dabei die Künstler selbst, die sich die Beteiligung am Erlös erst einklagen mussten. Bis heute ist nicht ganz zu klären, ob alle Gelder dort angelangt sind, wo sie hingehörten. Die Limex hatte zahlreiche Tochterfirmen und private Kooperationspartner. Es ist anzunehmen, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Einnahmen in privaten Taschen landete. Als im Sommer 1990 nun auch die NVA das große Geschäft witterte, verschwanden weitere Fragmente unter der Hand. Nun wurde alles zu Geld gemacht, was mit der Grenze verbunden war: Zäune, Schilder und Ausrüstungen. Einige alte Grenzeruniformen schafften es sogar auf den Pariser Laufsteg: Der amtierende DDR-Verteidigungsminister Rainer Eppelmann bot sie Karl Lagerfeld für seine Kollektion an.

Mentale Mauer

Am 3. Oktober 1990 hörte die DDR auf zu existieren. Ganz abgeräumt war die Mauer zu diesem Zeitpunkt aber immer noch nicht. Ab sofort wachte die Bundeswehr über die verbliebenen Reste. Dieser schmeckte das Geschäft mit dem Todesstreifen nicht so recht. Als im Bonner Verteidigungsministerium jedoch die Zahlen des bisherigen Erlöses bekannt wurden, staunte man auch dort nicht schlecht. Ab Dezember 1990 wurden die bunten Mauerteile fröhlich weiterverkauft. Die Bundeswehr nahm so noch einmal rund 6 Millionen D-Mark ein.

Unterdessen ging der planmäßige Abbruch weiter. Die meisten Segmente wiesen keinen höheren Kunst- oder Verkaufswert auf und landeten geshreddert im Straßenbau. Gegen Ende des Jahres 1990 war die Mauer aus dem Berliner Stadtbild verschwunden. Der große Hype um die Relikte der einstigen Grenze ebbte ab – so wie sich im wiedervereinigten Deutschland langsam ein ernüchterter Blick einstellte. Die Mauer in den Köpfen sollte sich als deutlich widerstandsfähiger erweisen. In den 1990er Jahren näherten sich Ost und West nur langsam und unter starken Vorbehalten an. So wollte man sich im Osten aller Erinnerungen an die alte Zeit entledigen.

Berlin, Wachturm an der Erna-Berger-Straße (Bild: Sir James, CC BY SA 3.0, 2004)

Berlin, Wachturm an der Erna-Berger-Straße (Bild: Sir James, CC BY SA 3.0, 2004)

Rettet die Mauer

Das schnelle Verschwinden und der Ausverkauf der ehemaligen Grenze ist sicherlich dem turbulenten Tempo dieser Zeit zu schulden. Es gibt allerdings auch Kritiker dieser überhasteten Entsorgung. Johannes Cramer, emeritierter Professor für Bau- und Stadtbaugeschichte an der TU Berlin, beschäftigte sich in den 2000er Jahren mit der Dokumentation der Überreste. Durch das Auswischen des Grenzstreifens sei, so Cramer, „seine Feindseligkeit nicht mehr erlebbar“. An Orten wie der East Side Gallery sind heute nur noch Fragmente zu sehen. Man verwechselt die Betonwand mit der Grenze. Dabei bestand dieses perfide System aus vielen Schichten, die eine Flucht nahezu unmöglich machten.

Laut Cramer sind vor allem die leichteren, scheinbar unspektakulären Elemente der Grenze – wie etwa Drahtzäune oder die Lichttrassen – komplett verschwunden. Die Untersuchungen ergaben auch, dass der komplette Streifen in acht Abschnitten errichtet wurde. Keineswegs lag 1989 ein durchgängig homogenes Bauwerk vor. In den Außenbezirken bestand die „Mauer“ lediglich aus Zäunen. In der Veröffentlichung „Die Baugeschichte der Berliner Mauer“ sind die Ergebnisse dieser umfangreichen Forschung und Bestandsaufnahme gebündelt.

Auf eine weitere Gefahr wies Cramer bereits damals hin: Investoren könnten das ehemalige Grenzgebiet unter Beschlag nehmen und so die letzten historisch wertvollen Spuren löschen. Beim Bau der Mercedes-Benz-Arena wurde schon früh ein Teil dieses deutsch-deutschen Erbes geopfert. Die East Side Gallery wurde bei der Erweiterung des Media-Spree-Projektes gestutzt. Jüngst wurde bekannt, dass der letzte Wachturm des Typs BT 6 an der Erna-Berger-Straße einem Neubau weichen soll – trotz Denkmalschutz.

Umkehrung der Symbolik

Trotz- oder gerade wegen ihrer schrecklichen Vergangenheit ist die Mauer heute längst zur Ikone des Freiheitswillens geworden. Das vom Kurator Rainer Janicki initiierte Projekt „the-wall-net.org“ verortet die Spuren der Berliner Mauer auf der ganzen Welt: unter den Palmen des County Museum in Los Angeles oder seit 1990 am nordöstlichsten Rand Europas in Finnland oder vor der Deutschen Schule in Moskau …

Mancherorts gelten die Segmente als Trophäe des gewonnenen Kalten Krieges. andernorts wird vor allem die Umkehrung der Symbolik betont. Die Entwicklung geht von einem trennenden hin zu einem verbindenden Moment. Besucher haben auf „the-wall-net.org“ die Möglichkeit, ihre Eindrücke von den Gedenkstätten mitzuteilen. Auf diese Weise kann das Extrakt einer weltweit verknüpften Erinnerungskultur sichtbar gemacht werden. Janicki macht zudem online einzelne Aspekte im historischen Kontext zugänglich.

Exportschlager der DDR

Man könnte zynisch sagen: Die Mauer war der letzte Exportschlager der DDR. Jenseits aller Vermarktung und Touristenbespaßung muss daran erinnert werden, welches Unrecht und Leid dieser Ort hervorgebracht hat. Der spätere Umgang mit dem Objekt Mauer steht für die Widersprüchlichkeit und Vielfalt der historischen Ereignisse. Heute würde eine absolute Deutung dem System nicht mehr gerecht, das vorher in strikt in Gut und Böse trennte. Und falls man jetzt selbst Interesse an einem Stück Berliner Mauer haben sollte: Einige der damaligen Limex-Lizenznehmer sollen noch das ein oder andere Stück horten. Ab und an sind sie auf Ebay erhältlich, zum Liebhaberpreis, versteht sich!

Berlin: der deutsche Botschafter Volker Pellet besichtigt mit dem dominikanischen Außenminister Miguel Vargas Mauer-Reste (Bild: © Deutsche Botschaft, via the-wall-net.org)

Titelmotiv: Trondheim, Mauersegment vor dem Kunstmuseum Gråmølna (Bild: ©Lars-Ø-Ramberg, via the-wall-net.org)

Frühjahr 2020: Gabionenfrei

LEITARTIKEL: Machen Zäune gute Nachbarn?

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Till Raether über ein grenzenloses Leben.

FACHBEITRAG: Der PO-2, eine russische Legende

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Jiří Hönes über ein Beton-Zaun-System.

FACHBEITRAG: Mythos Mauer

FACHBEITRAG: Mythos Mauer

Johannes Medebach über zwei Seiten einer Grenze.

FACHBEITRAG: Der Jägerzaun

FACHBEITRAG: Der Jägerzaun

Peter Liptau über die deutscheste aller Einfriedungen.

PORTRÄT: Schallschutz mit Dackel

PORTRÄT: Schallschutz mit Dackel

Karin Berkemann über Gestaltungsruhe für alle.

INTERVIEW: "Ein pervertierter Ordnungswahn"

INTERVIEW: „Ein pervertierter Ordnungswahn“

Ulf Soltau über die „Gärten des Grauens“.

FOTOSTRECKE: Zaunzeuge

FOTOSTRECKE: Zaunzeuge

Walter Schütz über die Schönheiten der Vorstadt-Einfriedungen.

FACHBEITRAG: Der Jägerzaun

von Peter Liptau (20/2)

Er ist der VW Golf (besser: der VW Jetta in Goldmetallic) unter den Zäunen: der Jägerzaun. Dabei hat die fast transparente Holzkonstruktion wenig Abwehrhaftes, sie wirkt eher wie ein Rahmen. Heute bietet der Klassiker weder Schutz vor wilden Tieren noch vor menschlichen Eindringlingen. Trotzdem hat sich dieses „deutscheste aller Zaunwerke“ (Irene Lohaus) spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis gesichert.

Jägerzaun (Bild: Cora Schönemann, 2020)

Jägerzaun (Bild: Cora Schönemann, 2020)

Bäuerlicher Pragmatismus

Die Geschichte des Jägerzauns beginnt in einer Zeit, in der sich Adelige in den Wäldern herrschaftliche Bauten errichten ließen, um dem feudalen Hobby der Jagd nachzugehen. Natürlich legten die Herren viel Wert auf eine große Wildpopulation, um zuverlässig etwas vor die Flinte zu bekommen. Doch Hirsch und Reh zog es bei der Nahrungssuche immer wieder zu den Feldern, Gärten und Höfen der Dorfbewohner.

Die Lösung für dieses Dilemma: Das Volk durfte Holz in den fürstlichen Wäldern schlagen, um sich Zäune zu bauen. An diesem Punkt entwickelte sich aus einem vormodernen „form follows function“-Gedanken heraus der Scheren- oder Kreuzzaun, der später unter dem Namen „Jägerzaun“ Karriere machen sollte. Die Holzkonstruktion besteht aus kreuzförmig angebrachten Latten, ursprünglich meist gespaltenen Ästen, die im System der sog. „Nürnberger Schere“ zusammengenagelt werden – eine Funktionsweise, die (nebenbei bemerkt) bereits aus dem alten China überliefert ist. Verglichen mit der heutigen Bauweise fiel der historische Jägerzaun wohl etwas höher aus, um dem Wildbret sicher den Zugang zum Salat verwehren zu können.

Konstruktion des Hanichelzauns (Bildquelle: Habers, Guido, Der Wohngarten. Seine Raum- und Bauelemente, München 1933)

Eine simple Konstruktion

Der Jägerzaun ist einfach zusammenzuzimmern, falt- und transportierbar. In verbesserten Varianten überdauerte das Nutzobjekt Jahrzehnte und Jahrhunderte, bis es durch den praktischeren, rollbaren Maschendrahtzaun abgelöst wurde. Dessen Herstellung wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts industriell möglich. Bei der Tagung „Zwischen Jägerzaun und Größenwahn – Freiraumgestaltung in Deutschland 1933-1945“ arbeitete die Landschaftsarchitektin Irene Lohaus 2012 heraus: Das Modell kommt in den 1930er Jahren häufig zum Einsatz, aber nicht unbedingt vorrangig. Göring etwa wählte für seinen Landsitz Carinhall keine „Nürnberger Schere“ (wenn auch vom Namen her eigentlich für ihn prädestiniert), sondern einen schnöden Querlattenzaun.

Nach Lohaus entwickelte sich der Jägerzaun-Typus – genannt Scheren-, Diagonal-, Hanichel- Spriegel- oder gekreuzter Waldlattenzaun – im Mittelalter. Seinen heute charakteristischen Namen erhielt er, so Lohaus, jedoch erst in den 1960er Jahren. Die Bauweise findet sich bereits ab 1870 in Publikationen. Im Englischen läuft der deutsche Jägerzaun unter der Bezeichnung „rustic fence“.

Jägerzaun neben Drahtzaun (Bild: Jürgen Schölch, 2020)

Jägerzaun neben Maschendrahtzaun (Bild: Jürgen Schölch, 2020)

Eine Gegenreaktion

Möglicherweise als Gegenreaktion auf die kitschigen schmiede- oder gusseisernen Zäune des Historismus erlebt der Jägerzaun im frühen 20. Jahrhundert eine Renaissance. Die Gartenstadtbewegung wendet sich wieder ländlichen Gestaltungsmotiven zu. Mit ihr kommt der Jägerzaun in urbane Gefilde, so zum Beispiel in die Gartenstadt Berlin-Falkenberg des Architekten Bruno Taut. Nur wenig später werden im Dritten Reich Betonmauern oder gar glatte Mauern indiskutabel. Selbst „die übliche Verwendung von Betonpfosten ist unerfreulich“, so ein damaliger Gestaltungsratgeber.

Auch im Heimatschutzstil – einem zuvor schon vorhandenen, aber zu NS-Zeiten eng gefassten und politisch aufgeblähten Begriff – hat der Jägerzaun einen festen Platz: „Je größer der Größenwahn, desto pragmatischer die Mittel im Siedlungsbau“, so Lohaus. In Kleinsiedlungen wie München-Ramersdorf oder Düsseldorf-„Rotes-Haus“ zieht sich der Zaunklassiker entlang der Grundstücksgrenzen. Nicht zu vergessen der vertikale Lattenzaun, der zeitgleich Einzug in die Gärten hält. Bis heute findet man in solchen Siedlungen auf der Schau- oder Straßenseite häufig einen Holzzaun. Entlang der Grundstücksgrenzen wurde hingegen oft nur der schnöde Drahtzaun aufgestellt.

Magdeburg, Ausstellung mit Gartenlaube des VEG Holzbau Leipzig, 1957 (Foto: Biscan, Bild: Bundesarchiv Bild 183-47667-0002, CC BY SA 3.0)

Zurückhaltung

Ernst Neufert benennt schon 1936 in seiner Erstausgabe der „Bauentwurfslehre“ den Jägerzaun als mögliches Gestaltungsmerkmal. Hier wird die Bezeichnung „Rundstengelzaun“ gewählt, was erneut die ursprünglich rustikale (ungeschliffene) Gestaltung der Latten belegt. In verschiedenen Publikationen jener Jahre wird klar definiert, wie die Holzkonstruktion aufzustellen sei: Hinter dem Zaun liegen die Pfosten, die ihn an Höhe nicht übertrumpfen sollen. Ziel ist ein „vornehmes und zurückhaltendes Bild entlang der Straße“. Diese einheitliche Linie könne höchstens durch gemauerte Pfosten für Einfahrten und Grundstückszugänge unterbrochen werden.

Noch 1950 werden die Zaun-Beispiele im Neuffert-Ratgeber unverändert abgedruckt. In vielen Nachkriegssiedlungen kommen hingegen vermehrt Stahl- und Drahtzäune zum Einsatz. Beliebt ist hier beispielsweise – zwischen Betonpfosten, auf Betonsockelmäuerchen – ein Rundrohrrahmen mit einem gewellten Eisendrahtgeflecht. Oder eben gestaltete Elemente mit Fischen oder Blümchen aus Stahl.

Jägerzaun (Bild: Jürgen Schölch, 2020)

Jägerzaun (Bild: Jürgen Schölch, 2020)

Symbol der Spießigkeit

1960 eröffnet mit dem „BAUHAUS“ in Mannheim der erste deutsche Baumarkt. Für den Jägerzaun herrschten damals ähnlich gute Bedingungen wie noch im Mittelalter: Kostengünstig, transportabel, variabel passte er zunächst ins Nachkriegsvehikel und dann zwischen jede Fertiggarage und jedes Eingangstörchen. Eine neue Ära des Jägerzaunes beginnt, der vermutlich erst zu diesem Zeitpunkt auch so genannt wird. Woher diese Bezeichnung stammt, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

Heute hat der Jägerzaun seine eigentliche Schutzfunktion größtenteils eingebüßt. Aufgrund seiner Funktionslosigkeit ist er evolutionär geschrumpft. Wo es keinen Nutzgarten mehr zu verteidigen gibt, scheint der Zaun zu sagen: Weg da, das hier ist alles meins! Eine leicht sonderbare Abwehrhaltung ist in einem Gartenratgeber der späten 1960er Jahre zu erkennen: Gegen darübersteigende Kinder wird empfohlen, auf der Zaunrückseite – entlang der Spitzen – einen Stacheldraht aufzunageln. 

Ulm, Stadthaus, Ausstellung "Unser Leben – Süßsauer serviert", Heike Sauer, 2020 (Foto: Peter Liptau)

Ulm, Stadthaus, Ausstellung „Unser Leben – Süßsauer serviert“, Heike Sauer, 2020 (Bild: Peter Liptau)

Im „Jodlerstil“

Die Massenverwendung hat den Jägerzaun in absurde Formen gepresst: Zwischen gemauerten Pfosten wird das ursprünglich transportable Schutzgerät ad absurdum geführt. Gleiches widerfährt übrigens dem Maschendrahtzaun. Der Dokumentarfilmer Dieter Wieland spricht in seinem Bericht „Bauen und Bewahren“ 1984 vom „Jodlerstil“: Unsere Siedlungen bilden demnach ein Gewirr aus Einzelinteressen. Hier ist der Zaun sowohl Statussymbol als auch Abbild des individuellen Geschmacks. Er trägt das ersehnte Jägerzimmer im Gelsenkirchener Barock-Stil oder den röhrenden Hirsch nach außen. Es sind sogar neue Entwicklungsformen des Klassikers entstanden: als nicht mehr faltbare Plastikversionen, als Rankhilfe und Rosenbogen, als Umfassung im Geranienkasten oder Lückenbüßer zwischen Gabionenwänden.

Auch in den Galerien und Museen hat der Jägerzaun Einzug gehalten. So zeigt der Künstler HAWOLI auf einer Wiese eine Jägerzaun-Spirale – sie wächst, schraubt sich aus dem Boden oder in ihn hinein. Der Zaun bleibt Schwellensituation. Die Künstlerin Heike Sauer, deren Ausstellung im Frühjahr 2020 im Stadthaus Ulm zu sehen war, sammelt gern Kitschiges aus dem Alltagsleben und kombiniert es neu. Mit einem schmiedeeisernen Kerzenleuchter und einem Warnschild, das deutscher kaum sein kann, behauptet der Jägerzaun hier seine Zugehörigkeit zum Spießertum.

Jägerzaun für den Modellbau (Bild: Vollmer)

Anti-Bambi-Bollwerk

Irgendwie war der Jägerzaun immer schon da, irgendwie noch nie ernst gemeint oder ernst genommen. Mal Anti-Bambi-Bollwerk, dann Nazi, auf einmal stilsicherer Klassiker des Spießbürgertums und später aus Kunststoff. Aber seit mindestens hundert Jahren ist er kontinuierlich erhältlich. Auch als Modellbau-Utensil gibt es ihn seit Jahrzehnten für die hauseigene Tischeisenbahn zu kaufen. Daher zum Schluss eine Empfehlung: Versuchen Sie es im Kleinen, kaufen Sie sich die Miniaturversion und ein Usambaraveilchen! Vielleicht hält er, gemäß seiner historischen Bestimmung, die Läuse fern.

Titelmotiv: Jägerzaun (Bild: Jürgen Schölch, 2020)

Frühjahr 2020: Gabionenfrei

LEITARTIKEL: Machen Zäune gute Nachbarn?

LEITARTIKEL: Machen Zäune gute Nachbarn?

Till Raether über ein grenzenloses Leben.

FACHBEITRAG: Der PO-2, eine russische Legende

FACHBEITRAG: Der PO-2, eine russische Legende

Jiří Hönes über ein Beton-Zaun-System.

FACHBEITRAG: Mythos Mauer

FACHBEITRAG: Mythos Mauer

Johannes Medebach über zwei Seiten einer Grenze.

FACHBEITRAG: Der Jägerzaun

FACHBEITRAG: Der Jägerzaun

Peter Liptau über die deutscheste aller Einfriedungen.

PORTRÄT: Schallschutz mit Dackel

PORTRÄT: Schallschutz mit Dackel

Karin Berkemann über Gestaltungsruhe für alle.

INTERVIEW: "Ein pervertierter Ordnungswahn"

INTERVIEW: „Ein pervertierter Ordnungswahn“

Ulf Soltau über die „Gärten des Grauens“.

FOTOSTRECKE: Zaunzeuge

FOTOSTRECKE: Zaunzeuge

Walter Schütz über die Schönheiten der Vorstadt-Einfriedungen.

PORTRÄT: Schallschutz mit Dackel

von Karin Berkemann (20/2)

Wir müssen geschützt werden – vor Viren und Geräuschen. Bei „Lärm“ (oder politisch korrekter „Schall“) handelt es sich keineswegs um ein Exklusivproblem der Nachkriegsmoderne. Auch Pferdefuhrwerke und Dampflokomotiven waren laut, sogar lauter als viele Fortbewegungsmittel heute. Aber sie waren weniger und wir hatten weder Zeit noch Wahl, uns groß darüber aufzuregen. Doch spätestens seit den 1960er Jahren rücken uns die Dinge da draußen gefühlt immer dichter auf die Pelle. Dagegen bauen wir Schutzwälle, die wir mal ironisch, mal liebevoll mit viel Grün dahinter und niedlichen Tieren davor ablichten.

Goldbach, Einhausung der B 3 (Bild: Maulaff, CC BY SA 3.0, 2006)

Die letzten Brutalisten

Eine Lärmschutzwand will nicht mehr sein, als sie ist: ein notwendiges Übel. In Zeiten farbdekorierter Wärmedämmfassaden hat der umgebungsignorante Brutalismus hier seine letzte Zuflucht gefunden. Egal wie hässlich man die Betoneinhausung einer Autobahn finden mag, Krach ist hässlicher. Beim Durchfahren des schallschluckenden Tunnels ist es eh dunkel. Und die anschließenden Lärmschutzwände stehen im Niemandsland zwischen Verkehrsweg und Gebüsch. Kaum einer schaut wirklich hin. Architektur ist damit endlich frei von der Last, für etwas (ein)stehen zu müssen. Kein Schauwert, kein Zeichenwert, sondern pure Funktion. Mehr Moderne geht nicht.

Erst im zweiten Schritt lebt sich das Dekobedürfnis auch an Schallschutzwänden aus. Harmlos sind noch Wilder Wein und kränkelnder Efeu, die nicht nur für Schallminderung sorgen. Sie täuschen zugleich einen grünen Schutzwall vor: Eigentlich fahren wir durch einen Wald. Und was wir nicht sehen, kann uns nicht stören. Auch modisches Colour-Blocking in landschaftsimitierenden Grüntönen versendet sich im Vorbeifahren rasch. Schwierig wird es bei figurativen Versuchen, die an gutmeinende Fingermalereien auf Kindergartenzäunen erinnern. Wo schon die 1980er Jahre den Beton grün wegstreichen wollten, wird jetzt die Schutzwand mit Bienchen und Blümchen eingeschönt.

Lärmschutzwand in Ungarn (Bild: Globetrotter19, CC BY SA 3.0, 2018)

Lärmschutzwand in Ungarn (Bild: Globetrotter19, CC BY SA 3.0, 2018)

Einmal quer durch

In der Schallschutzwand lebt vergleichsweise unbeschadet das Lieblingsfeindbild der Denkmalschutzbewegung der 1970er und 1980er Jahre weiter: das schonungslose Durchschneiden von Landschaften. Hier werden Autobahnen und Bundesstraßen unübersehbar in die dritte Dimension verlängert. Immer wieder rennt der schweifende Blick gegen Wände. Was die Ohren schützen soll, beschneidet das Auge. Selbst das beim Straßenbau aufgehäufte Erdreich stört das Bild. Ein begrünter Wall braucht viel Platz bei wenig Wirkung. Was am Ende fehlt ist – ob Auto oder Bahn – der freie Blick. Das gilt dies- und jenseits der Mauer, da helfen auch Glaseinsätze wenig. Zwischen zwei Wänden bewegt man sich fort, erst im weiten Raum wird die Fahrt zur Reise.

Freiburg im Breisgau, Turmcafé (Bild: Hagen Stier)

Tankstelle in Aspik: das Freiburger Turmcafé mit Biergarten hinter ein Lärmschutzwand (Bild: Hagen Stier)

Gelegentlich werden Häuserzeilen bereits vorab als Schallschutz geplant. Das funktioniert, doch nur selten für die Bewohner eben jener Gebäude. Lärm kann an der Quelle selbst reduziert werden: leisere Motoren und Bremsen, reibungsarmer Straßenbelag, sorgfältige Schienenpflege, weniger geräuschintensive Stopps im Stadtverkehr. Selbst Hausfassaden können als Schallreflektoren eingesetzt werden. Zuletzt bleibt das Trostpflaster Lärmschutzwand. Wo wir als Bewohner schon nicht gegen die Übermacht von Mobilitätszwang und Schwerlastverkehr ankomme (und den Kampf nie wirklich aufgenommen habe), da möchten wir zumindest eine kleine bauliche Wiedergutmachung sehen. Dass wir uns damit selbst ins Ghetto verbannen, ist die Kehrseite der Medaille.

Vorbeifahr-Kunst

Natürlich, es gibt sie, die kunsthandwerklich gestaltete Betonoberfläche, die ornamental gemusterte Holzwand, das spät-postmoderne Aussichtstürmchen zwischen Metallpaneelen. Doch sie bleiben die Ausnahme. Zur Regel werden traurige Eigenheimanhäufungen hinter Erdwällen. Von der Ausbreitung der Gabionen schweigen wir der Höflichkeit halber. Am Ende helfen sie dabei, die verborgene Schönheit der nachkriegsmodernen Lärmdämmung zu sehen. All die liebevoll hilflosen Versuche der 1980er Jahre, irgendwie irgendeine gestalterische Geste auszuführen. All die Betonformsteine und Metallprofile der 1990er Jahre, die dem Wort Monotonie eine neue Dimension verleihen. Vielleicht liegt hier der eigentliche Wert dieser verkannten grauen Architektur. Genießen wir einfach die Gestaltungsfreiheit und Gleichförmigkeit unverzweckter Fläche. Das beruhigt, zumindest die Augen.

Etelsen, Lärmschutzwand (Bild: JoachimKohlerBremen, CC BY SA 4.0, 2019)

Etelsen, Lärmschutzwand (Bild: Joachim Kohler, Bremen, CC BY SA 4.0, 2019)

Lärmschutzwand bei Prag (Bild: ŠJů, CC BY SA 3.0, 2012)

Lärmschutzwand bei Prag (Bild: ŠJů, CC BY SA 3.0, 2012)

Lärmschutzwand in Portugal (Bild: Antero Pires, CC BY SA 3.0, 2010)

Lärmschutzwand in Portugal (Bild: Antero Pires, CC BY SA 3.0, 2010)

Dallgow-Döberitz, Lärmschutzwand (Bild: global-fish, CC BY SA 3.0, 2012)

Dallgow-Döberitz, Lärmschutzwand (Bild: global-fish, CC BY SA 3.0, 2012)

Lärmschutzwand (Bild: StromBer, CC BY SA 3.0 oder GFDL, 2009)

Lärmschutzwand (Bild: StromBer, CC BY SA 3.0 oder GFDL, 2009)

Lärmschutzwand in China (Bild: Hat600, CC BY SA 3.0, 2013)

Lärmschutzwand in China (Bild: Hat600, CC BY SA 3.0, 2013)

Titelmotiv: Schallschutz-Mauer-Element mit Dackel (Bild: Richard Huber, CC BY SA 3.0, 2013)

Frühjahr 2020: Gabionenfrei

LEITARTIKEL: Machen Zäune gute Nachbarn?

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Till Raether über ein grenzenloses Leben.

FACHBEITRAG: Der PO-2, eine russische Legende

FACHBEITRAG: Der PO-2, eine russische Legende

Jiří Hönes über ein Beton-Zaun-System.

FACHBEITRAG: Mythos Mauer

FACHBEITRAG: Mythos Mauer

Johannes Medebach über zwei Seiten einer Grenze.

FACHBEITRAG: Der Jägerzaun

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Peter Liptau über die deutscheste aller Einfriedungen.

PORTRÄT: Schallschutz mit Dackel

PORTRÄT: Schallschutz mit Dackel

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INTERVIEW: "Ein pervertierter Ordnungswahn"

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FOTOSTRECKE: Zaunzeuge

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Walter Schütz über die Schönheiten der Vorstadt-Einfriedungen.