LEITARTIKEL: Stilblüten der Stadtgestaltung

von Pablo von Frankenberg (21/2)

Straßenkappen, Bedürfnisanstalten, Lichtzeichenanlagen, Absperrpfosten, Fahrradanlehnbügel, Peitschenleuchten, Baumschutzgitter, Hundekotbeutelspender, Schachtdeckel, Handschwengelpumpen, Überflurhydranten, Normalladepunkte – die Liste von Bezeichnungen für Stadtmöbel ließe sich beliebig verlängern, zu dadaistischer Lyrik zusammenfügen oder als Ausgangspunkt einer tiefenpsychologischen Gesellschaftsanalyse nehmen. Die Stadt ist voller Objekte, deren Gestaltung so erratisch erscheint wie ihre Namen. Nun ist die gesamte Bauwirtschaft durchzogen von Begriffen, die auf einen Zirkel von Eingeweihten aus Stadtplanungsbehörden, Bauministerien, Hoch- und Tiefbaufirmen, Architektur- und Ingenieurbüros zurückgehen, fein abgeschmeckt mit dem komplexen Regelwerk baurechtlicher Bestimmungen. Die Schuttrutsche mit Einfüllstutzen auf einer Baustelle oder die Dampfsperrschürze beim Fensterbau sind allerdings in der Regel nichts, womit man als Privatperson regelmäßig in Kontakt kommt. Beim Stadtmobiliar ist das anders. Als Stadtmensch, und dazu gehören in Deutschland momentan drei Viertel der Bevölkerung, ist man tagtäglich mit ihnen konfrontiert, ohne sie allerdings groß zu beachten. Dabei kann man an ihnen nicht nur die Geschichte von Design und seiner Nutzung(-saneignung) ablesen, sondern auch kommunalpolitische und wirtschaftliche Zusammenhänge begreifen.

Amsterdam, Poller werden an Ketten gelegt, 1952 (Bild: Joop van Bilsen, CC0)

Im Weg: Im Hafen von Amsterdam sah man sich 1952 gezwungen, die Poller an die Kette zu legen (Bild: Joop van Bilsen, CC0, 1952)

Pollerforschung

Stadtmobiliar, der Oberbegriff für all diese Objekte, hätte in seiner Paradoxie nicht treffender gewählt werden können. Als ob man es sich auf einem elektromechanischen Versenkpoller in der Stadt mal so richtig schön gemütlich machen könnte. Dass der Poller dabei tatsächlich für weitaus mehr steht als eine bloße Durchfahrtsperre, beweist Helmut Höge mit seiner „Pollerforschung“. Höge, altgedienter Aushilfshausmeister der taz, betreibt seit 1989 dieses Subgenre der Stadtforschung und zeichnet in seinem gleichnamigen und 2018 neu aufgelegten Buch die psychogeografische Bedeutung und individuelle Aneignung des urbanen Pollers nach. Der Architekturtheoretiker Vittorio Lampugnani schließt sich ein Jahr später mit seinem Buch „Bedeutsame Belanglosigkeiten“ Höges Blick fürs Spezielle an und wendet sich ausgewählten Stadtmöbeln als historischen Quellen zu. Dass sie als solche taugen, lässt ihr irreführender Name nicht gleich erraten, denn die meisten sind keineswegs „mobilis“, also beweglich, sondern dauerhaft. Selten berücksichtigen ihre Gestaltung und ihre Platzierung den sie umgebenden urbanen Raum. Die mit hellgrauen Granitfliesen verkleidete „City-Toilette“ jedenfalls, die auf einem von Backsteingotik und neobarocken Häusern umgebenen Berliner Platz wie versehentlich abgeworfen steht, eröffnet völlig neue Dimensionen des Koolhaas’schen „fuck context“. 

Stadtmobiliar wird hinsichtlich seiner Dauerhaftigkeit und Unbeweglichkeit vielleicht treffender auch Kleinarchitektur genannt, die kleine Schwester der „richtigen“ Architektur also, wobei letztere jegliche Verwandtschaft am liebsten von vornherein abstreiten möchte. Familie sucht man sich nicht aus, und so könnte sie die Verhaltensauffälligkeiten ihrer kleinen Schwester integrieren, könnte man meinen. Dies zumindest tat Gabriel Davioud für das Haussmann’sche Paris und schuf eine bis heute sichtbare Identität zwischen Stadtumgebung und Stadtmöbeln. Platzsparende Funktionsintegration war für die Kombination von öffentlichen Urinalen oder Parkbänken mit Stadtbeleuchtung und Werbetafeln leitgebend. Die Gewinne der Werbeeinnahmen flossen zurück in die öffentliche Hand. Dieses Modell der Kommunalisierung von Gestaltung (Davioud war u. a. Generalinspekteur der Stadt Paris) und ihrer Finanzierung sucht man heute meist vergeblich.

Kawakawa, öffentliche Toilette nach einem Entwurf von Friedensreich Hundertwasser (Bild: W. Bulach, CC BY SA 4.0, 2009)

Dekorfreudig: öffentliche Toilette im neuseeländischen Kawakawa nach dem Entwurf von Friedensreich Hundertwasser (Bild: W. Bulach, CC BY SA 4.0, 2009)

Ein Meisterstück

Ein eigener Wirtschaftszweig lebt mittlerweile von diesen randständigen Dingen. Dass damit Austauschbarkeit statt Kontextualisierung einhergeht, hört man schon an den Werbeslogans der Stadtmöbelhersteller. Der „A13K – der Alleskönner unter den Abfallbehältern“ hält bestimmt, was er verspricht. Und wer könnte schon der Mischung aus Stabreim und Schutzbedürfnis widerstehen: „Lehna Lehnhilfen sind die sympathische Alternative zur starken Schulter.“ Wenn sich nun aber die Wachowski’sche Matrix beim öffentlichen Stuhlgang einschaltet, dann weiß man, dass das Leben so viel mehr für einen bereithält: „City-Toilette Neo. Die Toilette der Zukunft. Ein Meisterstück, das es in sich hat.“ Was genau dieses Klo in sich hat, will man nicht unbedingt wissen und entscheidet sich dann doch eher für die „City-Toilette Challenge: Design trifft Bedürfnis.“ Denn solange das Design nicht vom Bedürfnis getroffen wird, kann es zumindest nicht schlimm riechen. In jedem Fall will man nach kurzer Lektüre des Angebots auf dem Markt der Stadtmöbel Werbetexter werden. Wo sonst kann man sich stilistisch so austoben?

Stadtmöbel reizen aber auch zu ausgefeimten Geschäftsmodellen. Die Außenwerbefirma Wall hat es seit 1992 geschafft, über ein Vierteljahrhundert lang für die Bereitstellung und Pflege von Außentoiletten in Berlin einen hochlukrativen Vertrag mit dem Berliner Senat auszuhandeln. Man verlangte von der Stadt für Gestaltung, Aufstellung und Reinigung der „Challenges“ und „Neos“ im Gegenzug nichts. Nur, nun ja, die Werbeeinnahmen von jeweils elf beleuchteten Plakaten rund um jede dieser Bedürfnisanstalten. Wie viel Gewinn dieser Deal in die Kassen einer der weltgrößten Außenwerbefirmen (Wall gehört mittlerweile zu JCDecaux) spülte, bleibt geheim. Die Geheimhaltung allein dürfte beweisen, dass man weiterhin mit Scheiße Geld verdienen kann.

Stadtmöbel können aber auch auf andere Weise Gewinn abwerfen. Geschickt platzierte Hydranten verhindern die einzigen Park- und damit Zugangsmöglichkeiten für den an sich öffentlichen Strand in Duxbury, Massachusetts. Duxburys Küste ist mit privaten Villen zugebaut. Die Besitzer:innen dieser Immobilien sorgen durch die vorsätzliche Einschränkung öffentlicher Park- und das Fehlen nichtmotorisierter Zugangsmöglichkeiten dafür, dass der öffentliche Strand quasi privatisiert und der Wert der Immobilien damit erhöht wird. Die Gestaltung wiederum anderer Stadtmöbel versucht von vornherein, unerwünschte Nutzungen auszuschließen. So sind mittlerweile viele Bänke in Parks oder Bushaltestellen mit mehrfachen Armlehnen ausgestattet, sodass ein kurzes Nickerchen oder gar eine vom feuchtkalten Boden geschützte Übernachtung unmöglich werden. Manche Stadtmöblierung hat als einzige Funktion, Obdachlose zu vertreiben. Wie Taubenspikes zur Vogelabwehr gibt es hier ein breites, von findigen Ingenieuren geplantes Angebot: geriffelte Betonoberflächen, metallene Bodenstacheln, Wasserdüsen, die in unregelmäßigen Abständen den Boden befeuchten u. v. m. Hier stößt man auf eine Unterkategorie des Stadtmobiliars: die sog. defensive Architektur.

Freilichtmuseum Kiekeberg, Königsberger Straße (Bild: Freilichtmuseum Kiekeberg)

Museumswürdig: Das Freilichtmuseum Kiekeberg sucht für seine Königsberger Straße – hier die Projektleiterin Zofia Durda – Elemente der nachkriegsmodernen Stadtmöblierung (Bild: Freilichtmuseum Kiekeberg)

Ein Stadtmöbelmuseum

Dem steht ein ganzes Arsenal der Inklusion gegenüber. Guerilla knitting umhäkelt Poller und nimmt ihnen das Defensive, guerilla gardening eignet sich ungepflegte Grünflächen an, Initiativen wie Stadtlücken e. V. bauen Kletterwände, Spielplätze und öffentliche Versammlungsorte in ungenutzten Restflächen unter Brücken, das Flussbad Berlin will die bislang unzugängliche, fest in der Hand privater Reedereien befindliche und den Unwägbarkeiten unzulänglicher Kläranlagen ausgesetzte Spree zum öffentlichen Schwimmbad umwandeln. Das Arsenal der Inklusion reicht weit. Manche Stadtmöbel werden ungewollt zu Staffeleien von Street Artists, andere zu grind rails für Skater oder zum neuen Trainingsgelände für Traceurs. Wo aber bleibt das Museum für Stadtmöbel, um sich endlich in Ruhe mit den sozioökonomischen Zusammenhängen, den ethnologischen Besonderheiten und den ästhetikgeschichtlichen Entwicklungen dieses Randgebiets der Urbanismusforschung auseinandersetzen zu können – losgelöst vom Kontext der Stadt, übertragen in den analysierenden Raum des Museums? Das Stadtmöbelmuseum kann auch manch aussterbende Spezies retten: Telefonzellen, die durch Smartphones abgelöst, Parkuhren, die von digitalisierten Parkraumbewirtschaftungszonen überflüssig gemacht, Zigarettenautomaten, die in vielen Ländern verboten wurden.

Randnotizen

„Fuck context“, würde Rem Koolhaas bei dieser Bedürfnisanstalt wohl sagen (Bild: Pablo von Frankenberg)

„Fuck context“, würde Rem Koolhaas bei dieser Bedürfnisanstalt wohl sagen (Bild: Pablo von Frankenberg)

„Wenn Du Dir Zeit lässt, hast Du vom Leben mehr/Bei zu viel Vollgas, da ist der Tank bald leer.“ – Aneignung eines Polyurethan-Pollers im Stuttgarter Stadtraum durch selbstgemachte Widmungsplakette mit Heinz-Erhardt-Zitat (Bild: Pablo von Frankenberg)

Wenn Du Dir Zeit lässt, hast Du vom Leben mehr/Bei zu viel Vollgas, da ist der Tank bald leer“ – die Geschichte hinter diesem Polyurethan-Poller war leider zu lang, als dass sie es bis ganz hoch in den Artikel geschafft hätte (aber zu schön, um sie hier ganz zu verschweigen): Es geht um Stuttgarter SUVs, die auf Bürgersteige hochrampen, und hartnäckige Bürger, die auch schon mal direkt beim OB anrufen, um ihren täglichen Weg zu Fuß sicherer zu machen. Und Menschen, die all das durch Etikettierung mit einer selbstgemachten Widmungsplakette mit Heinz-Erhardt-Zitat zum Kunst-Happening erklären (Bilder: Pablo von Frankenberg)

Zum Weiterlesen

Armbrost, Tobias u. a. (Hg.), The arsenal of exclusion & inclusion, New York/Barcelona 2017.

Hahn, Hazel, Scenes of Parisian Modernity: Culture and Consumption in the Nineteenth Century, New York 2009.

Höge, Helmut, Pollerforschung, Hamburg 2018.

Magnago Lampugnani, Vittorio, Bedeutsame Belanglosigkeiten. Kleine Dinge im Stadtraum, Berlin 2019.

Titelmotiv: Wortwörtliche Stadtmöblierung: diskursive Aneignungstaktiken unter der Brücke (Bild: © Stadtlücken e. V. – Österreichischer Platz, Stuttgart)

Frühjahr 22: Kübel, Poller, Leuchte

LEITARTIKEL: Stilblüten der Stadtgestaltung

LEITARTIKEL: Stilblüten der Stadtgestaltung

Pablo von Frankenberg über die dadaistisch-lyrische Seite der Stadtmöblierung.

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

Nikolaus Bernau über eine verschwindende Leuchtenlandschaft.

FACHBEITRAG: Sinus in der Kurve

FACHBEITRAG: Sinus in der Kurve

Christiane Wachsmann über Ulmer Designschätze der Stadtmöblierung von Walter Zeischegg.

FACHBEITRAG: Die Höhle des Tidyman

FACHBEITRAG: Die Höhle des Tidyman

Daniel Bartetzko über die Kunst des Wegwerfens.

PORTRÄT: Von Pilzen und Chinesenhüten

PORTRÄT: Von Pilzen und Chinesenhüten

Matthias Ludwig über die Vielfalt der modernen Lichtspender.

INTERVIEW: "Vor unserer Haustür"

INTERVIEW: „Vor unserer Haustür“

Julia Novak und Thomas Beutelschmidt – beide haben die „Baudenkmalstiftung Nachkriegsmoderne“ (DSD) initiiert – im Gespräch über eine besondere Wasserpumpe.

FOTOSTRECKE: Immer im Kreis

FOTOSTRECKE: Immer im Kreis

Turit Fröbe und Daniel Bartetzko auf Fotosafari in Absurdistan.

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

von Nikolaus Bernau (21/2)

Noch gibt es in Berlin mehr als die Hälfte aller mit Gas betriebenen Lampen weltweit, noch ist in Friedenau das größte zusammenhängende Gas-Straßenleuchtensystem zu erleben. Doch seit 2014 wurden von den damals noch existierenden etwa 37.000 Leuchten Tausende zugunsten energetisch im Betrieb zweifellos effizienterer, in der Lichtwirkung aber nur angeblich genauso lichtfarbiger LED-Leuchten abgerissen. Schon 2018 gab es noch kaum 31.000 Leuchten. Fast selbstverständlich verweigerte die zuständige Senatsbauverwaltung unter Regula Lüscher schon damals jede Energiebilanzberechnung, um zu ermitteln, was an Grauer Energie in den oft mehr als 100-jährigen Gusseisenleuchten komprimiert ist, welche Energie für ihren Abriss und ihre Verschrottung, welche für die Produktion, die Aufstellung und den Betrieb der neuen Leuchten nötig ist. Inzwischen wurden ganze Stadtviertel ihrer historischen Lampen beraubt.

Berlin-Charlottenburg, Gaslaterne (Bild: gemeinfrei, via pixabay.com)

Berlin-Charlottenburg, Gaslaterne (Bild: gemeinfrei, via pixabay.com)

Mahnende Worte

Immerhin, mahnende Worte des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, der energische Protest etwa der Denkmalbehörden, des Landesdenkmalrats, von Fachhistoriker:innen und Stadtbildenthusiast:innen, Europa Nostra und Denkmal-an-Berlin, sogar von Umweltverbänden – Gaslicht ist insektenfreundlich! Und kaum überschaubar viele Medienberichte, zu denen auch der Autor dieser Zeilen einige beifügte, vor allem aber von unermüdlichen Vereinen wie Pro-Gaslicht e. V. oder Gaslicht-Kultur führten dazu, dass das Landesdenkmalamt wenigstens einige zusammenhängende Bereiche als Gaslicht-Flächendenkmale ausweisen durfte. Doch Denkmalschutz ist, wie die Demontage von geschützten kaiserzeitlichen Leuchten am Reiherplatz in Mannheim zeigte, oft nur bedingt wirksam.

Auch im Straßenbeleuchtungskonzept Berlins spielt das einst dominante Gaslicht kaum mehr eine Nebenrolle, ist reserviert auf einige historische Dorfkerne und Wohngebiete aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Vor allem die gesamte, auch stadtästhetisch relevante Reformgeschichte des Gaslichts ist damit unter akuter Bedrohung: Im eingeschlossenen West-Berlin galt das aus gut lagerbarer Kohle produzierte Stadtgas lange als Reserveenergie, mit der einer neuerlichen Blockade durch die Rote Armee oder gar die DDR vorgebeugt wurde. Hier ließ die GASAG immer neue Lampentypen entwickeln, etwa schlanke Peitschenmasten, die im Zug des Umbaus zur autogerechten Stadt eingesetzt wurden. Vor allem aber blieben die modernistischen Typen aus der Zwischenkriegszeit in Gebrauch, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu Zehntausenden saniert und weiter verwandt wurden.

Berlin-Mitte, Brunnenviertel, Gaslaterne (Bild: micharl_foto, CC BY NC SA 2.0, 2015, via flickr.com)

Berlin-Mitte, Brunnenviertel, Gaslaterne (Bild: micharl_foto, CC BY NC SA 2.0, 2015, via flickr.com)

Die Zukunft ist ungewiss

Mit nur wenig Übertreibung muss konstatiert werden: Wenn die Leuchte nicht in Gestalt der „Schinkel“-Lampen – die nur nach dem Architekten benannt sind, mit diesem aber historisch nichts zu tun haben – oder reichgeschmückte kaiserzeitliche Kandelaber erhalten blieben, ist ihre Zukunft überaus ungewiss. Noch ungewisser ist das Schicksal von Gasproduktionsgebäuden, wenn sie nicht von solch monumentaler Gestalt sind wie die gemauerten Speicher in Wien, die schon vor zwei Jahrzehnten zu Wohn- und Gewerbezwecken umgebaut wurden, oder der im Zweiten Weltkrieg als Bunker umgenutzte Speicher an der Berliner Fichtestraße von 1874, auf dem unter der skelettierten Schwedlerkuppel Luxuswohnungen gebaut wurden.

Manchmal können, wie in Athen oder Helsinki oder – ein besonders hinreißendes Beispiel – in Bernau bei Berlin alte Gaswerke als Kulturzentren weiter existieren, das Augsburger Staatstheater fand in einem solchen sogar einen adäquaten Aufführungsort. Doch den Normalfall stellt das Gaswerk in Berlin-Charlottenburg darf, das noch vor kaum zwei Jahrzehnten fast alle historischen Stufen der Gasproduktion und -speicherung dokumentierte, inzwischen aber bis auf einen Turm fast vollständig abgebrochen wurde – so wie vorher schon alle anderen Berliner Gaswerke. Selbst das Gaslampenmuseum im Tiergarten musste des häufigen Vandalismus wegen ins Deutsche Technik-Museum verlegt werden, nur noch einige Lampen etwa an dem Interbaupavillion, der heute als Burger King genutzt wird, stehen. Dabei ist die Bedeutung der Gasproduktion, -verteilung und -nutzung für die Geschichte der Moderne längst anerkannt. Europas Städte waren nicht nur bis zum Zweiten Weltkrieg und oft noch lange darüber hinaus wesentlich von einem aus heutiger Sicht sehr speziellen, weißstrahlenden und in allen Farben der Sonne schillernden Licht geprägt: Dem der mit Stadtgas betriebenen Laternen und Lampen.

Berlin-Scöhneberg, Gasometer (Bild: Robo030, CC BY SA 3.0, 2010)

Berlin-Schöneberg, Gasometer (Bild: Robo030, CC BY SA 3.0, 2010)

Der Nacht entgegen

Es prägte im 19. Jahrhundert erstmals in der menschlichen Urbanitätsgeschichte die Vorstellung, dass Städte der Nacht widerstehen können, schuf ein ganz neues Gefühl von Zeit und Raum entstand. Doch unter dem Druck der energetisch effizienteren und moderner geltenden Elektrizität begann sein Rückzug schon in den 1920ern und verstärkte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Leitungssysteme wurden erst zusammengelegt, dezentrale Kraftwerke abgebrochen. Akut bedroht ist nun auch einer der letzten Gasspeicher Berlins, der noch weitgehend in der Betriebsgestalt erhalten ist: Der Schöneberger Gasometer, eine Teleskopbehälter, dessen Segmente sich je nach gespeicherter Gasmenge anhoben. Eine gewaltige Gerüstkonstruktion, errichtet 1908 bis 1910 durch die Berlin-Anhaltische Maschinenbau AG 1908 und 1910 errichtet. Damals war der Speicher einer der drei größten Europas.

Lionel Feiniger schuf schon 1912 – noch vor der offiziellen Inbetriebnahme 1913! – ein feuerflammendes Bild der Anlage. 1994 wurde die Anlage unter Denkmalschutz gestellt, 1995 außer Betrieb genommen und später privatisiert – ausdrücklich mit der Auflage, das Gerüst zu erhalten. Der Investor ist dieser Auflage nur sehr bedingt nachgekommen, Rostschäden sind deutlich sichtbar. Das Gerüst soll nun gefüllt werden mit einem trommelförmigen Bürogebäude, das bis zum letzten Gerüstsegment reicht. Da aber nach aktuellen Plänen auch eine staffelförmig zurückgesetzte Dachbebauung vorgesehen wird, droht gerade die dominante Fernsicht vollständig ausgefüllt zu werden. Derzeit wird über den Bebauungsplan verhandelt. Die Berliner Denkmalpflege befürchtet, und das mit gutem Grund, dass die Erhaltungsinteressen wieder einmal zurückstehen müssen, zumal der Investor publikumswirksam mal 3.000 oder 2.000 Arbeitsplätze und Mieter:innen wie die Deutsche Bahn, die TU oder Tesla annonciert – keiner davon hat bisher zugesagt. Der Füllungsbau im Gasometergerüst ist schlichtweg eine Spekulation, die auch noch dieses Denkmal der Berliner Gasgeschichte in seiner Wirkung zu zerstören droht.

Zum Weiterlesen

Heckmann, Hans/Liman, Herbert/Röck, Sabine, Das Gaslaternen-Freilichtmuseum Berlin. (Ein Museumsführer), hg. vom Deutschen Technikmuseum Berlin und vom Arbeitskreis LICHT der Freunde und Förderer des Deutschen Technikmuseums Berlin, Berlin 2007.

Lepiorz, Stephan u. a., Das Gaswerk Schöneberg in der Torgauer Straße, hg. vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, Berlin 2005.

Bärthel, Hilmar, Die Geschichte der Gasversorgung in Berlin. Eine Chronik, hg. von der GASAG, Berliner Gaswerke, Aktiengesellschaft, Berlin 1997.

Lichtblicke. Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert, München u. a. 1983.

Titelmotiv: Gaslaterne, vierflammige Reihenleuchte (Bild: Harald Malte Schwarz, CC0 1.0, 2018)

Frühjahr 22: Kübel, Poller, Leuchte

LEITARTIKEL: Stilblüten der Stadtgestaltung

LEITARTIKEL: Stilblüten der Stadtgestaltung

Pablo von Frankenberg über die dadaistisch-lyrische Seite der Stadtmöblierung.

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

Nikolaus Bernau über eine verschwindende Leuchtenlandschaft.

FACHBEITRAG: Sinus in der Kurve

FACHBEITRAG: Sinus in der Kurve

Christiane Wachsmann über Ulmer Designschätze der Stadtmöblierung von Walter Zeischegg.

FACHBEITRAG: Die Höhle des Tidyman

FACHBEITRAG: Die Höhle des Tidyman

Daniel Bartetzko über die Kunst des Wegwerfens.

PORTRÄT: Von Pilzen und Chinesenhüten

PORTRÄT: Von Pilzen und Chinesenhüten

Matthias Ludwig über die Vielfalt der modernen Lichtspender.

INTERVIEW: "Vor unserer Haustür"

INTERVIEW: „Vor unserer Haustür“

Julia Novak und Thomas Beutelschmidt – beide haben die „Baudenkmalstiftung Nachkriegsmoderne“ (DSD) initiiert – im Gespräch über eine besondere Wasserpumpe.

FOTOSTRECKE: Immer im Kreis

FOTOSTRECKE: Immer im Kreis

Turit Fröbe und Daniel Bartetzko auf Fotosafari in Absurdistan.