Foto-Wettbewerb: Außer Konkurrenz!

Anfang 2016 rief mR dazu auf: Stöbern Sie in ihren Alben! Finden Sie ein Foto, das Sie als Kind oder Jugendliche/n vor einem Bau der Moderne zeigt! (Foto, Bau und Mensch sollten im 20. Jahrhundert entstanden sein.) Ein paar der Bilder entsprachen nicht ganz genau den „Wettbewerbsregeln“, weil sich die Teilnehmer entweder nicht noch einmal heute vor Ort ablichten konnten (oder einfach zu verwandt mit uns sind). Doch sind einige dieser Aufnahmen so charmant, dass sie hier „außer Konkurrenz“ gezeigt werden.

Während das Hochhaus vor dem Fenster wuchs …

„Wir lebten in Hamburg-Barmbek in einem der frühen modernen Laubenganghäuser, die von der Neuen Heimat wiederaufgebaut worden waren. Aus unserer Wohnung beobachteten wir, wie am Habichtsplatz ein Hochhaus emporwuchs. Mein Vater hielt alles mit der Kamera fest und stellte einmal meine Mutter und mich davor in Positur. Heute sieht man das Hochhaus vor lauter Bäumen kaum noch.“ (Karin Sobotschinski, fotoscheue Exil-Hanseatin aus dem familiären Umfeld von mR)

In peinlichen Strickklamotten …

„Ich habe mit Freude festgestellt, dass der älteste Leipziger Spielplatz und Betonelefant im Rosental erhalten geblieben ist. Er wurde von mir in den Sixties in peinlichen Strickklamotten genutzt – unter Zwang.“ (Ray van Zeschau über ein Kindheitsfoto auf dem gerade – inkl. Rüsselrutsche – frisch sanierten Leipziger Spielplatz)

Man erzählte Geschichten und bildete Mythen …

„Sowjetische Familien entwickelten ihre Aufnahmen am Wochenende im Badezimmer. Auf den Nylonschnüren für die Wäsche flatterten nasse Fotopapierchen bei rotem Licht im Ventilatorenwind. Es war ein Ereignis, wurde dieser Aufwand doch nur selten betrieben! Danach gab es ein Festessen, man reichte die Bilder durch, erzählte Geschichten und bildete Mythen.“ (Katharina Sebold zu einer Aufnahme ihres Vaters in Saratov-Shasminnyj in den 1980er Jahren)

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Fotospezial 16: „Generation Beton“

ESSAY: Heimat Beton

ESSAY: Heimat Beton

Martin Bredenbeck, * 1977, (Kunst-)Historiker, kehrt heim zum Mülheimer Pfarrerbungalow seiner Familie – und sinniert grundsätzlich über Beton und Heimat.

Gundernhausen: "Auf dem Balkon"

Gundernhausen: „Auf dem Balkon“

Tobias Wolf, * 1979, Bezirkskonservator, blickt für mR noch einmal vom Wohnhaus seiner Kindheit in einer Neubausiedlung der Nachkriegszeit bei Darmstadt.

Gera-Lusan: "Die Birkenstraße blieb"

Gera-Lusan: „Die Birkenstraße blieb“

Christoph Liepach, * 1990, Grafiker/Kunstpädagoge, sucht das Plattenbauviertel seiner Kindheit auf.

Saarbrücken: "Blütenbote im Museum"

Saarbrücken: „Blütenbote im Museum“

Julius Reinsberg, * 1986, Historiker, ging im Archäologischen Institut auf Spurensuche – und fand den Ort seiner ersten Erfahrungen in der Schauspielerei.

Berlin: "Der kleine Stadtbummler"

Berlin: „Der kleine Stadtbummler“

Denis Barthel, * 1970, Architekturfotograf, machte seine ersten Gehversuche in der Architekturmoderne mit einem Kinderbuch – und mit was für einem!

Wiesbaden: "Schuhkauf mit Rutsche"

Wiesbaden: „Schuhkauf mit Rutsche“

Daniel Bartetzko, * 1969, Journalist, findet den Höhepunkt seines damaligen Einkaufsbummels wieder – und hat wieder genauso viel Spaß daran.

Blomberg: "Sieben Tage urlaubskrank"

Blomberg: „Sieben Tage urlaubskrank“

Karin Berkemann, * 1972, Theologin/Kunsthistorikerin, quälte sich einst liegend durch den Urlaub. Jetzt wohnen Flüchtlinge im westfälischen Feriendörfchen.

Garbsen: Ein Stadtteil fotografiert sich!

Garbsen: Ein Stadtteil fotografiert sich!

Aus einer Plattenbausiedlung bei Hannover: Bewohner stellen historische Fotografien an den heutigen Orten nach.

Foto-Wettbewerb: Alle Gewinner!

Foto-Wettbewerb: Alle Gewinner!

Die preisgekrönten Einsendungen unserer Leser!

Foto-Wettbewerb: Außer Konkurrenz!

Foto-Wettbewerb: Außer Konkurrenz!

Einfach zu charmant zum verstecken: Einsendungen auf unseren Foto-Wettbewerb „Generation Beton“, die wir Ihnen nicht vorenthalten können.

„Jutta, er kratzt“

Die Farbe stimmte, der Preis auch – Jutta hatte endlich den passenden Trevira zur khakifarbenen Hose gefunden. Da störte es nicht, dass die Verkäuferin erst lange auf sich warten ließ und dann schnippisch bemerkte: Die Bluse bestehe eigentlich aus einer Qualitätsfaser, die ausschließlich in der DDR produziert werde. Und die hieße nun mal, sie betonte jede Silbe mit Nachdruck, De-De-Ron. Dass fast alles davon in den Westen verkauft wurde, um dort als Trevira in die Läden zu kommen, blieb unausgesprochen. Jutta nahm die Szene ungewohnt heiter. Hier ging es um Höheres als den Klassenkampf. Sie musste gut aussehen am Samstag, für Klaus-Günther.

Auch am Nachmittag, auf dem „Platz der Freundschaft“, hatte man sie rasch als Westdeutsche ausgemacht. Immer wieder vergaß sie im Café, sich einen Platz anweisen zu lassen. Aber vielleicht waren pommersche Servierkräfte einfach nur von Natur aus unhöflich. Immerhin, das Aprilwetter spielte mit und sie konnte in der Frühlingssonne ihre Postkarte schreiben. Ihre Schulfreundin Rosemarie (Rosi!) musste erfahren, dass das Problem „Bluse“ gelöst war. Noch vor zwei Tagen hatten sie in Greifswald gemeinsam die Läden durchkämmt – auf der Suche nach dem einzig wahren Oberteil durchsucht. „Du brauchst Dich nicht mehr bemühen“, notierte Jutta nun auf der Karte und adressierte sie nach Wiesbaden-Dotzheim. Rosi würde die Anspielung verstehen: Klaus-Günther und sie, das war auf einem guten Weg.

Dann, endlich, war der Tag gekommen für das große Spiel. Klaus-Günther trat an für die Betriebssportgemeinschaft Kernkraftwerk Greifswald. Sie waren sich erst letzte Woche auf dem Wall begegnet: die Touristin aus Südhessen und der Freizeitfußballer vom KKW (zu mehr als Bezirksliga hatte es wieder einmal nicht gereicht). Aber das war ihr egal, damals. Man war ins Gespräch gekommen – und zwei Eierliköre im „Boddenhus“ später hatte er sie zu seinem großen Spiel eingeladen. Freikarten, erste Reihe. Doch am Ende hatte auch die neue Garderobe nichts genutzt. Bei einer ersten zarten körperlichen Annäherung nach dem Spiel hatte Klaus-Günther trocken bemerkt: „Jutta, er kratzt.“ Darauf hatte sie sich rasch von ihm losgesagt, samt ihrem braunen Trevira. (kb, 24.12.20)

Bilder: Zeitschriftencover (Sibylle, 1976), historische Postkarte und Fußballspielprogramm (1976)