FOTOSTRECKE: Zaunzeuge

mit Aufnahmen von Walter Schütz (20/2)

Im besten Fall blühen die Blumen nicht hinter, sondern in den Gartenzäunen: Der studierte Architekt Walter Schütz (*1957) hat sich mit der Kamera die schönsten Vorstadt-Einfriedungen vorgenommen. Im Instagram-Quadrateformat konzentriert er dabei standardisierte Elemente ebenso wie fantasievolle Eigenschöpfungen auf ihre ornamentalen Werte. Vom aufwändigen Segelschiff bis zur abstrakten Kreation tragen die Vorgartenzäune den Geschmack ihrer Bewohner nach außen – in Zeiten der Gabionen und Baumarkt-Sonderangebote eine (fast) aussterbende Kunst der Moderne.

Zaunelement (Copyright: Walter Schütz/zaunzeuge.de)
Zaunelement (Copyright: Walter Schütz/zaunzeuge.de)
Zaunelement (Copyright: Walter Schütz/zaunzeuge.de)
Zaunelement (Copyright: Walter Schütz/zaunzeuge.de)
Zaunelement (Copyright: Walter Schütz/zaunzeuge.de)
Zaunelement (Copyright: Walter Schütz/zaunzeuge.de)
Zaunelement (Copyright: Walter Schütz/zaunzeuge.de)

Alle Bilder: Copyright: Walter Schütz/zaunzeuge.de

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Frühjahr 2020: Gabionenfrei

LEITARTIKEL: Machen Zäune gute Nachbarn?

LEITARTIKEL: Machen Zäune gute Nachbarn?

Till Raether über ein grenzenloses Leben.

FACHBEITRAG: Der PO-2, eine russische Legende

FACHBEITRAG: Der PO-2, eine russische Legende

Jiří Hönes über ein Beton-Zaun-System.

FACHBEITRAG: Mythos Mauer

FACHBEITRAG: Mythos Mauer

Johannes Medebach über zwei Seiten einer Grenze.

FACHBEITRAG: Der Jägerzaun

FACHBEITRAG: Der Jägerzaun

Peter Liptau über die deutscheste aller Einfriedungen.

PORTRÄT: Schallschutz mit Dackel

PORTRÄT: Schallschutz mit Dackel

Karin Berkemann über Gestaltungsruhe für alle.

INTERVIEW: "Ein pervertierter Ordnungswahn"

INTERVIEW: “Ein pervertierter Ordnungswahn”

Ulf Soltau über die “Gärten des Grauens”.

FOTOSTRECKE: Zaunzeuge

FOTOSTRECKE: Zaunzeuge

Walter Schütz über die Schönheiten der Vorstadt-Einfriedungen.

Echo vom Bürgersteig

von Stefan Rethfeld (19/3)

Halleluja-Rutsche. Langer Eugen. Schwimmoper. Der Volksmund ist häufig spontan bei seinen Zuschreibungen und vergibt eigene Namen für Bauten: Spitznamen. Architektur wird knapp betitelt, pointiert bewertet, lustvoll beschrieben und dabei sowohl geadelt als auch getadelt. Doch zumeist ist viel Herz dabei. Und obwohl die Namen einfach klingen, beschreiben sie eine ganze Menge. Sie verraten etwas von der Architektur und zugleich etwas über den urteilenden Blick. Ein dankbares Feld für eine große Forschung – oder eine kurze Übersicht.

Vor den Augen der Öffentlichkeit

Spitznamen betiteln zumeist Bauten, die herausragen. Aus einem Meer von Gebautem. Die über eine individuelle Gestalt verfügen und konzeptionell wie künstlerisch eine besondere Schöpfungshöhe erreichen. In ihrer Zeit sind ihre Architekten zumeist ein gestalterisches Risiko eingegangen – vor den Augen der Öffentlichkeit. Die Bauten sind daher Ausdruck gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Neuerungen, ob im Schul- und Krankenhausbau, im Verwaltungs- und Geschäftshausbau, ob bei Kirchen, Kulturbauten oder Wohnhäusern. Spitznamen verstehen sich als eine Erwiderung vom Bürgersteig, ein Echo aus dem Alltag der Gesellschaft. Wie genau Spitznamen entstehen, ist dabei kaum zu rekonstruieren. Ob tatsächlich ein Blick, ein Gespräch, eine zündende Idee im Vorbeigehen der Ausgangspunkt war oder ein guter Zeitungsartikel mit einer knackigen Beschreibung? Nachweisen lässt es sich in den wenigsten Fällen. Und ebenso wenig erzwingen: Wiederholt ist zu verfolgen, dass in Namenswettbewerben zwar Vorschläge prämiert, doch noch lange nicht vom Volksmund übernommen werden.

Spitznamen zählen damit zu den empfindlichen Setzungen. Oftmals erweisen sich alternative Wörter eben nur als Luftwörter, die ziemlich schnell wieder verschwunden sind. So hat sich die “Waschmaschine” beim Bundeskanzleramt in Berlin bis heute nicht wirklich eingebürgert. Vielmehr handelt es sich bei Spitznamen um so etwas wie Schwarm-Intelligenz. Viele Menschen bilden hierbei eine Art “Superorganismus” für das eine “Superwort”: ein Prozess, der weder zentral gesteuert noch hierarchisch organisiert ist. Zu den erfolgreichsten Schöpfungen zählt “Erichs Lampenladen”, der seinerzeit den Palast der Republik in Berlin treffend bezeichnete. In gelungene Spitznamen fließen auch Milieubetrachtungen und ein politischer Kommentar mit ein. Gerne amüsiert sich der Normalbürger über eine gewisse Abgehobenheit einer Machtelite. Der Spitzname befreit die Gesellschaft vom verordneten Erscheinungsbild – ihrer selbst und der Gebäude.

Berliner Namenstage

Spitznamen erhalten Bauten, die in ihrer Gestalt von Alltagsbauten abweichen: in der Länge, Breite, Höhe, in ihrer Materialität oder Farbe, in ihrer Konstruktion, in ihrem Raumprogramm, in ihrer öffentlichen Widmung oder in ihrer Entstehungsgeschichte. Welche Rollen spielten Politik und Gesellschaft, Bauherr und Architekt, Zeit und Kosten? Kurzum: Ein Gebäude bietet zumeist viele dankbare Ankerpunkte für Spitznamen. Häufig wirken auch mehrere zusammen. Eine besonders hohe Dichte an Orten mit gelungenen Spitznamen haben in Deutschland sicher die Städte und Regionen, in denen sich sowohl Meinungsfreude im Volk und Experimentierlust in der Architektur in Umbruchzeiten kreuzen. Berlin scheint hier geradezu prädestiniert. Ganze Reiserouten sind entlang von Spitznamen möglich. Vor allem die Bauten der 1950er bis 1970er Jahre zeichnen sich hierbei durch eine große Bandbreite aus.

Eine Strecke könnte führen vom “Bierpinsel” (Poparchitektur von Ralf Schüler/Ursula Schüler-Witte, Turmgebäude, 1976) zum „Mäusebunker“ (Tierlaboratorium, 1969-72 von Gerd Hänska), von der “Rost- und Silberlaube” (FU-Institutsgebäude, 1973-82 von Candilis-Josic-Woods mit Manfred Schiedhelm) zum „Raumschiff Enterprise“ (Internationales Congress Centrum von Ralf Schüler und Ursula Schüler-Witte, 1975-79), vom “Bikinihaus” (Paul Schwebes, Hans Schoszberger, 1955-57) und “Lippenstift und Puderdose” (Gedächtniskirche, Neubauten von Egon Eiermann, 1959-61) über den “Zirkus Karajani” (Philharmonie, Hans Scharoun, 1960-63) bis zum “Sozialpalast” (Wohnblock “Pallasseum” von Sawade/Frowein/Grötzebach/Plessow, 1974-77). Auch die “Schwangere Auster” (Kongresshalle von Hugh Stubbins, 1957) liegt ebenso auf dem Weg wie der “Tränenpalast” (Grenzübergangsstelle von Hans Lüderitz, 1962) und verteilt in mehreren Bezirken die “Melitta-Kirchen” (verschiedene Architekten, 1970er Jahre).

Taxitauglich

Für Spitznamen sind Sprachbilder notwendig, die eingängig klingen und leicht weitergegeben werden können. Bekannte Vorbilder aus der Natur, der Tierwelt oder dem Haushalt bieten willkommene Formen, die ins Große projiziert werden: In den 1950er und 1960er Jahren wurden so gerade Puderdosen, Nagelfeilen, Lippenstifte und Kaffeefilter zu beliebten Vokabeln, die sich dann als „taxitauglich“ festgesetzt haben.

Deutschlandweit amüsieren wir uns über “Soll und Haben” in Frankfurt am Main (Zwillingstürme der Deutschen Bank von Walter Hanig, Heinz Scheid und Johannes Schmidt, 1979-84), den “Langen Eugen” in Bonn (Bürohochhaus von Egon Eiermann, 1966-69), das “Elefantenklo” in Gießen (Fußgängerüberführung von 1968), die schwungvolle “Schwimmoper” in Wuppertal (Badeanstalt von Friedrich Hetzelt, 1955-57), den “Affenfelsen” in Bensberg (Rathaus von Gottfried Böhm, 1963-69) oder den “Weisheitszahn” in Leipzig (City-Hochhaus von Hermann Henselmann, 1968-72). Dagegen lassen sich ein “langer Jammer”, ein “Weißer Riese”, ein “Bügeleisen” und diverse “Blechbüchsen”, “Spardosen” und “Bierkisten” vielerorts finden.

Häuser ohne Augenbrauen

Ein frühes Beispiel formulierten die Wiener. Als das Loos-Haus am Michaelerplatz 1911 eröffnet wurde, nannten sie es kurzerhand das “Haus ohne Augenbrauen” – und bezeichneten damit im prachtvollen Wien eine auffallend schmucklose Fassade. Treffsicher markierten sie damit den Startpunkt der Wiener Moderne. Wir dürfen gespannt sein, wie künftige Spitznamen auch hierzulande den Zeitenlauf kommentieren. Die “Halleluja-Rutsche” (Stephanuskirche) gibt es übrigens in Gelsenkirchen-Buer, gestaltet 1970 nach Entwürfen von Peter Grund.

Titelmotiv: Wuppertal, Schwimmoper (Bild: Matthias Böhm, CC BY SA 4.0, 2015)

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Sommer 19: Nicknames

Echo vom Bürgersteig

Echo vom Bürgersteig

LEITARTIKEL: Stefan Rethfeld über Architektur-Spitznamen.

So ein Theater

So ein Theater

FACHBEITRAG: Alexander Kleinschrodt nennt Bauten nach anderen Bauten.

Gib mir Tiernamen!

Gib mir Tiernamen!

FACHBEITRAG: Anke von Heyl über faunistische Artenvielfalt.

Im Gotteskäfig

Im Gotteskäfig

FACHBEITRAG: Karin Berkemann über Sakralsynonyme.

St. Horten

St. Horten

PORTRÄT: Heinrich Otten über eine “Kaufhaus-Kirche” in Ahaus.

"Abhängig von Bildern"

“Abhängig von Bildern”

INTERVIEW: Der Architekt Peter Busmann über Metaphern.

Nickname-Bilderrätsel

Nickname-Bilderrätsel

FOTOSTRECKE: Welcher Bau passt zu welchem Spitznamen-Bild?

LEITARTIKEL: Schrift trifft Bau

von Agnès Laube (19/4)

“Dass im Buchstabenbild eine gute Form der Innenräume die eigentliche Schönheit einer Schrift bewirkt”, beschreibt der Schriftentwerfer Adrian Frutiger um 1969 als bahnbrechende Erkenntnis. Heute ist für Schriftdesigner und Typografen selbstverständlich: Es geht immer um Raum, um das Verhältnis von Binnenräumen und zeichnender Fläche, um die Relation der Buchstabenkörper zueinander, um die Anordnung in der Fläche und die Gesamtkomposition in verschiedenen Medien. Es geht immer um das Verhältnis von Volumen und Leerräumen. So wie in der Architektur auch. Doch Schrift ist meistens zweidimensional, Architektur nicht. Vor allem aber werden Texte linear gelesen. Ein Gebäude hingegen gibt keine Leserichtung vor. Wir müssen uns bewegen, um ein Haus zu erfassen. Wird nun an einer Fassade oder über dem Eingang ein Schriftzug angeordnet, kommt es zum Konflikt: Der Blick wird von der Textzeile angezogen, denn sie transportiert Inhalte “effizienter” als ein Bild. Daher können selbst große Gebäude von einer kleinen Beschriftung dominiert werden. Ist diese nicht sorgfältig gemacht, kann sie ein Bauprogramm empfindlich stören.

Vor 100 Jahren

Zürich, Kaufhaus Ober (Gustav von Tobel/Otto Dürr, 1934 (Bild: © Theo Stalder, Zürich)

Zürich, Kaufhaus Ober, 1934 (Bild: © Theo Stalder, Zürich)

In der Moderne sind die wichtigsten Architekturikonen auch kongenial beschriftet: das Bauhausgebäude in Dessau (1926), das Café De Unie in Rotterdam (1925), das Kaufhaus Schocken in Stuttgart (1928), das Gebäude De Volharding in Den Haag (1928) oder das Kaufhaus Ober in Zürich (1934). Sie zeigen Einzelbuchstaben aus Metall, Reklamemalerei sowie Leuchtbuchstaben und -kästen. Die Architekten Gustav von Tobel und Otto Dürr, die das Kaufhaus Ober entwarfen, arbeiteten mit modern gesinnten Grafikern zusammen: Funktionale, klare, serifenlose Schriften wurden linksbündig, frei oder nach mathematischen Gesetzmäßigkeiten angeordnet. Ernst Keller, damals Leiter der Kunstgewerbeschule Zürich, schuf den weitherum sichtbaren Schriftzug O, B, E, R auf dem beleuchteten Treppenhausturm des Kaufhauses. Andere Architekten der Moderne entwarfen oder skizzierten die Beschriftung ihrer Architektur selbst.

Nach dem Ersten Weltkrieg profitierten die Kommunen von den Steuerabgaben der Lichtwerbenden. Auch die Elektrizitätswerke forcierten den Absatz von Lichtstrom. Glaubt man dem von Hugo Häring 1927 veröffentlichten Aufsatz “Lichtreklame und Architektur”, dann bot das deutsche Nachtbild ein “jahrmarktähnliches Durcheinander”. Der Frankfurter Stadtbaumeister Ernst May bemerkte 1928, dass die amerikanischen Errungenschaften der Werbung nur “gestalterisch in die richtige Bahn gelenkt werden müssten”. Im Geist des Neuen Bauens wurde das Licht in die Architektur integriert. Für Erich Mendelsohn war der Schriftzug “Schocken” von Beginn an prominenter Teil der Fassade. Auf seiner USA-Reise faszinierte ihn 1924 die moderne Metropole bei Nacht. Zurück in Deutschland baute er Kaufhäuser mit dreidimensionalen Fassaden, deren Lichtbänder und Leuchtschriften die Dynamik der elektrifizierten Großstadt einfroren.

Let there be Neon!

Nürnberg, Apollo-Kino, 1950er Jahre (Bild: © Agnès Laube)

Nürnberg, Apollo-Kino, 1950er Jahre (Bild: © Agnès Laube)

Die gemeinsamen Interessen von Kommunen, Industrie und Gestaltern mündete in Deutschland 1928 in eine “Licht-Kampagne”. Auch in Zürich fand 1932 eine stilprägende “Lichtwoche“ statt. In Europa brach das Neonfieber in den 1950er Jahren wieder aus. Schwungvolle Schriftzüge in zeittypischen Scriptfonts (z. B. die Mistral von Robert Escoffon von 1953) lockten die Menschen in die neuen Kinos, Kaufhäuser, Läden und Restaurants. Sie sorgten für etwas Glamour in den kriegsbeschädigten Städten und Tourismusdestinationen. Insbesondere in Vergnügungsvierteln wie St. Pauli in Hamburg, dem Pigalle in Paris oder dem West End in London bedeckten bunte Leuchtreklamen ganze Gebäude. Abseits dieser Hotspots handelte es sich aber meist um Einzelschriftzüge.

Die Kampagne “Berlin soll leuchten!” von 1957 symbolisierte den wirtschaftlichen Aufschwung Westberlins und den Kontrast zu den Ostblockstaaten. Während des Kalten Krieges sollten in sozialistischen Ländern wie Polen oder der DDR (staatlich verordnete) Lichtreklamen hingegen eine funktionierende Wirtschaft vorspiegeln. In den 1960er Jahren setzte dann der Niedergang der Neon-Industrie ein. Die ehemals frei geformten Röhren wurden nun in geschlossenen Buchstabenkörpern versteckt oder auf Schriftkästen aufgedoppelt. Die mit farbigen Acrylgläsern abgedeckten oder mit Folien beschichteten selbstleuchtenden Boxen wirkten zwar deutlich plakativer, verbrauchten aber viel Strom, störten die Fassadenbilder und Dachsilhouetten durch ihre Unterkonstruktionen.

Don’t brand my house

Venedig, Olivetti-Store und Logo von Carlo Scarpa, 1957 (Bild: © Seier+Seier, via flickr.com)

Venedig, Olivetti-Store und Logo von Carlo Scarpa, Ende der 1950er Jahre (Bild: © Seier+Seier, CC BY 2.0, via flickr.com)

In der Nachkriegsmoderne löste sich die architekturbezogene Beschriftung von der Fassade. Stattdessen wurden sie dem Bau auf Tafeln und Stelen beigefügt. Architekten sahen Schriften nicht mehr als selbstverständlichen Teil des Fassadenentwurfs. Eine der Ursachen lag in der rasanten Entwicklung von Werbung und Marketing während der “Wirtschaftswunderzeit”. In der Moderne waren die Entwerfenden oft Bauleiter und Fremdwerbung an Fassaden war noch kein Massenphänomen. Architekten konnten so das äußere Erscheinungsbild ihrer Häuser weitgehend kontrollieren. Ab den 1950/60er Jahren entstanden große Werbeagenturen und Beschriftungskonzerne (Westiform etc.) nach amerikanischem Vorbild, für die eine Fassade zunehmend nur der “Träger” von Markenlogos war. Gleichförmige Marken- und Corporate-Design-Elemente von globalen Unternehmen lösten individuelle Beschriftungen ab.

Zusätzlich boten neue Gebäudetypen – Rasterfassaden oder große Fensterflächen – kaum Platz für adäquate Beschriftungen. Nachträglich angebrachte Logos störten die Baugestaltung oft empfindlich. Die Architekten fühlten sich in ihrer Abwehr der ‘nachträglich angebrachten Grafikschicht’ bestätigt. In den 1970er Jahren entstanden identitätsvermeidende Bürovorstädte mit standardisierten Mietflächen, die einen schnellen Nutzungswechsel ermöglichen sollten. Die Einheit von innerer Struktur und äußerer Form (inklusive Schrift) war einer abstrakten Fassadenarchitektur gewichen, auf der beliebige Logos angebracht und ausgewechselt werden konnten. Ausnahmen wie das mit poppigen Schriftkugeln bestückte Geschäftshaus Bally in Zürich (Gérard Miedinger, 1967) oder der Olivetti Store in Venedig (gemeißeltes Logo von Carlo Scarpa, 1957) bestätigen die Regel.

Nicht zuletzt wurde die ‘Hands-off-Strategie’ beeinflusst durch den steigenden Bedarf an Orientierungsdesign – heute Signaletik genannt – in den großen nachkriegsmodernen Infrastrukturbauten. In verästelten Flughäfen, Großbauten und wuseligen U-Bahnen brauchte es eine sichere Wegleitung. Bei den ersten Konzepten orientierte man sich an den Verkehrssignalen. Diese mussten sich farblich und konstruktiv klar von der Umgebung abheben, um optimal lesbar zu sein. Schweizer Grafiker lieferten die entsprechenden Schriftentwürfe: 1957 veröffentlichte Adrian Frutiger die Schrift Univers. Max Miedinger brachte zeitgleich die Helvetica auf den Markt, die bis heute weltweit meistbenutzte Schrift für Beschilderungen.

Relax!

Paris, Institut du Monde Arabe (Bild: Fred Romero, CC BY 2.0, via flickr.com)

Paris, Institut du Monde Arabe, 1980 (Bild: Fred Romero, CC BY 2.0, via flickr.com)

Die großen, dynamischen und leuchtend grellbunten ‘Signs’ der 1960er und 1970er Jahre in den amerikanischen Städten und entlang der Ausfallstraßen waren nicht zuletzt von der Pop Art beeinflusst. Bei der Theoriebildung der Postmoderne durch den US-­amerikanischen Architekturkritiker Charles Jencks sowie die Architekten Denise Scott Brown, Robert Venturi und Steven Izenour spielten architekturbezogene Zeichensysteme eine wichtige Rolle. Ornamente, Schriften und Werbezeichen sollten aktiv und spielerisch in Architekturentwürfe (re)integriert werden. Dieser Ansatz reizte die späten Anhänger des Neuen Bauens und attackierte die Prinzipien der funktionalistischen Moderne. Während die meisten europäischen Architekten diese Reintegration vorerst ablehnten, meinte Jean Nouvel (ähnlich wie Stadtbaumeister May fast 60 Jahre zuvor): Man solle Schriften und neue Medien zwar integrieren, sie ästhetisch jedoch bändigen und transzendieren.

Die Theorien von Venturi, Scott Brown und Izenour (VSBA) wurden weltweit aufgegriffen. Als erste europäische Architekturbüros experimentierten Jean Nouvel und Herzog & de Meuron ab Mitte der 1980er Jahre wieder mit Beschriftungen. Allerdings in einer feineren Form als in den USA: weniger bunt und plakativ. Beide Büros interessierten sich für Medienfassaden, konnten diese aber meist nicht umsetzen. Nouvel konzipierte eine ornamentale Hightech-Fassade für das Institut du Monde Arabe in Paris und für das teilverspiegelte Headquarter von Nestlé in Gland. Herzog & de Meuron entwarfen digitale Laufbänder für das Theater in Blois (nicht ausgeführt), Schriftskulpturen für den Pavillon E, D, E, N oder Schriftornamente für das Suva-Haus in Basel. Heute erkennen jüngere Architekturbüros – gemeinsam mit spezialisierten Grafikdesignern – wieder das Potential einer hochwertigen Beschriftungskultur, denn sie unterstützt die Individualität ihrer repräsentativen Bauten.

Literatur

Laube, Agnès/Widrig, Michael, Archigrafie – Schrift am Bau. Archigraphy – Lettering on Buildings, Basel 2016.

Osterer, Heidrun/Stamm, Philipp, Adrian Frutiger – Schriften. Das Gesamtwerk, Basel 2014.

May, Ernst, Städtebau und Lichtreklame, in: Lotz, Wilhelm (Hg.), Licht und Beleuchtung. Lichttechnische Fragen unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der Architektur, Berlin 1928, S. 44-47.

Häring, Hugo, Lichtreklame und Architektur, in: Architektur und Schaufenster 24, 1927, 8, S. 5-8.

Titelmotiv: Zürich, Restaurant Hirschberg (Bild: © Theo Stalder, Zürich).

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Rundgang

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Herbst 19: Zeichen und Wunder

LEITARTIKEL: Schrift trifft Bau

LEITARTIKEL: Schrift trifft Bau

Agnès Laube über die neue Einheit von Text und Architektur.

FACHBEITRAG: Zeichenräume

FACHBEITRAG: Zeichenräume

Roland Meyer über den Buchstabendschungel der Moderne.

FACHBEITRAG: Schrift-Zug

FACHBEITRAG: Schrift-Zug

Sven Heinrichs über Typografien in der Berliner U-Bahn.

FACHBEITRAG: DDR-Archigrafie

FACHBEITRAG: DDR-Archigrafie

Felix Richter, Verena Pfeiffer-Kloss und Martin Maleschka über Schrift in der baubezogenen DDR-Kunst.

FACHBEITRAG: Typewalk

FACHBEITRAG: Typewalk

Tobias Köhler über eine Themenweg zum Werk des Architekten Franz Hart.

PORTRÄT: Carlo Scarpa

PORTRÄT: Carlo Scarpa

Christian Steubing über Schrift im Werk des intalienischen Star-Architekten.

INTERVIEW: "Gehirnscheiben"

INTERVIEW: “Gehirnscheiben”

Der Lichtkünstler Frank Oehring zum Leitsystem des ICC.

FOTOSTRECKE: Alfabeto Apuano 8.1

FOTOSTRECKE: Alfabeto Apuano 8.1

Felix Richter über eine Schrift, die den Makel zur Kunstform erhob.