FOTOSTRECKE: Alfabeto Apuano 8.1

Text von Felix Richter (19/4)

Seit 1968 soll das “Wiener Übereinkommen über die Straßenverkehrszeichen” klare, sachliche und gut lesbare Gebrauchsschriften garantieren. In Deutschland ist es die DIN 1451, die seit 1936 (ab 1981 mit angepasstem Zifferndesign) auf Verkehrsschildern zu sehen ist. In Großbritannien und in anderen europäischen Ländern setzt man seit Jahren auf die „Transport“. So auch in Italien, mittlerweile in einer zeitgenössischen Neuzeichnung von 1979: „Alfabeto Stretto“, das schmale Alphabet mit fettem Duktus und Versalienvariante. Dennoch weichen gerade ältere italienische Verkehrsschilder immer wieder vom Normbild ab. Neben frühen Handzeichnungen, fehlerhaften Prägungen und Lackierungen verunklären Wetter- und Umwelteinflüsse das Schriftbild. Der Berliner Künstler H. F. Taffelt nahm diese Unschärfen zum Anlass, eine neue Norm zu kreieren: Er machte das Raue, Verfallende und Abweichende – den Makel – zum Konzept der “Apuano 8.1”, einer schlanken, erhabenen Versalienschrift mit breitem Strich.

PONtestazzemese, 2012 (Bild: H. F. Taffelt)

PONtestazzemese, 2012 (Bild: H. F. Taffelt)

An Verkehrs- und Hinweisschildern in der Region Stazzema in den Apuanischen Alpen untersuchte H. F. Taffelt das „Alfabeto Stretto“. Er dokumentierte unterschiedliche Spationierungsbreiten, abweichende Prägungen und Lackierungen, Rost, sich auflösende Konturen und Verwitterungen auf Pergamentpapier und ließ diese Unschärfen abstrahierend in ein neues Schriftbild fließen. Anhand gemittelter Unschärfe-Standards konstruierte er die abgenommenen Zeichen mit 8,1 Zentimeter Höhe neu. Ergänzend wurde der Schriftsatz um stilistische Punktationen und Sonderzeichen erweitert, digitalisiert und vektorisiert. Lokale Produktionszeichen und zeitliche Verzerrungen wurden so zum Markenzeichen der Kunstschrift erhoben. Das derart konzeptionell aufgeladene “Alfabeto Apuano 8.1” findet sich bei H. F. Taffelt in Textbildern, typografischen Zeichnungen, Plakaten und Büchern.

Titelmotiv: PRUno, 2012 (Bild: H. F. Taffelt)

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Herbst 19: Zeichen und Wunder

LEITARTIKEL: Schrift trifft Bau

LEITARTIKEL: Schrift trifft Bau

Agnès Laube über die neue Einheit von Text und Architektur.

FACHBEITRAG: Zeichenräume

FACHBEITRAG: Zeichenräume

Roland Meyer über den Buchstabendschungel der Moderne.

FACHBEITRAG: Schrift-Zug

FACHBEITRAG: Schrift-Zug

Sven Heinrichs über Typografien in der Berliner U-Bahn.

FACHBEITRAG: DDR-Archigrafie

FACHBEITRAG: DDR-Archigrafie

Felix Richter, Verena Pfeiffer-Kloss und Martin Maleschka über Schrift in der baubezogenen DDR-Kunst.

FACHBEITRAG: Typewalk

FACHBEITRAG: Typewalk

Tobias Köhler über eine Themenweg zum Werk des Architekten Franz Hart.

PORTRÄT: Carlo Scarpa

PORTRÄT: Carlo Scarpa

Christian Steubing über Schrift im Werk des intalienischen Star-Architekten.

INTERVIEW: "Gehirnscheiben"

INTERVIEW: “Gehirnscheiben”

Der Lichtkünstler Frank Oehring zum Leitsystem des ICC.

FOTOSTRECKE: Alfabeto Apuano 8.1

FOTOSTRECKE: Alfabeto Apuano 8.1

Felix Richter über eine Schrift, die den Makel zur Kunstform erhob.

“Abhängig von Bildern”

Interview mit dem Architekten Peter Busmann über die Macht der Metaphern (19/3)

Die bekanntesten Werke des Architekten Peter Busmann – das Museum Ludwig und die Philharmonie – stehen in Köln. Heute wohnt der 85-Jährige beschaulich auf halbem Wege nach Bonn, mit malerischem Blick auf den Rhein. Immer noch ist er so streitbar, wie man es ihm oft nachgesagt hat. Vor Kurzem erst hat er sich für den Erhalt des von ihm gestalteten Rathauses in Siegburg stark gemacht. Erfolgreich, der Bau wird nach einem Bürgerentscheid nun saniert. Welche Zuschreibungen seine Entwürfe ausgelöst haben und wie er heute über solche Sprachbilder denkt, erläutert er im Gespräch mit moderneREGIONAL:

moderneREGIONAL: Herr Busmann, die von Ihnen entworfene Gesamtschule Bonn-Beuel wird von rotlackierten Metallverkleidungen geprägt. Das hat ihr den Namen “Ketchup-Schule” eingebracht.

Peter Busmann: Die Schüler haben diese Bezeichnung damals gefunden. Meine eigenen Enkel kennen die Schule auch unter diesem Namen. Das finde ich okay. Rot ist eine aufreizende Farbe. Aber Erich Schneider-Wessling, mit dem ich das Büro BAUTURM gegründet habe, sagte immer: “Rot ist für mich neutral, nicht etwa Grau.” Rot wie das Blut, das ist eine Farbe des Lebens. Naja, sie brauchen sich ja nur hier umzusehen … (zeigt auf das rotlackierte Bücherregal im Hintergrund)

mR: Das Rot hatten Sie nicht als Provokation eingesetzt?

PB: So etwas fiel uns eigentlich immer ganz selbstverständlich ein, ohne irgendwelche Absichten. Es ist dann natürlich ein wenig unser Markenzeichen geworden – nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Büro-Kollegen. Wir nannten das immer das “Bauturm-Rot”.

mR: Auch Ihr Kölner Museum Ludwig (geplant gemeinsam mit Godfried Haberer) hat damals polarisiert – dieses Mal wegen der gezackten Sheddächer …

PB: … da fällt mir sofort das herrliche Titelblatt des Zeichners Peter Gaymann ein: Vor dem Bauwerk fotografiert ein Hahn den anderen. Der eine: “Interessante Dachgestaltung”. Darauf der andere: “Aber irgendwie geklaut!” Der Hahnenkamm als Anspielung auf das Museum Ludwig. Da war mir klar: Jetzt sind wir mit dem Bau in Köln angekommen.

mR: Manche sprachen auch von “Güterwaggons beim Gruppensex”. Wer hat dieses Bonmot in die Welt gesetzt?

PB: Der damalige Vorstandvorsitzende von Ford. Da habe ich schon ein bisschen geschluckt. Aber gut, das muss man akzeptieren. Wie Goethe bereits sagte: “Jedes Urteil eines Menschen über einen anderen ist auch ein Urteil über ihn selbst.” (lacht) Die Bevölkerung hat das übrigens nicht aufgegriffen, ein Spitzname ist daraus nicht entstanden.

mR: Haben Sie mit anderen Bauten ähnliche Erfahrungen gemacht?

PB: Ja, bei der Kölner Musikhochschule. Hier herrscht wieder Rot vor. Aber im Inneren findet sich die Komplementärfarbe Grün – bei der Mensa und in den dortigen Sitzgruppen. Dafür sorgte damals auch der Künstler, der mit uns gearbeitet hat: Barna von Sartory. Er liebte dieses Grasgrün und hat das auch viel bei seinen Skulpturen verwendet. Ich weiß von Musikstudenten, die sagten: “Wir treffen uns ‘in der Grünanlage’.” (überlegt) Als Vorsitzender bei Wettbewerben habe ich oft richtig autoritär verboten, Metaphern zu verwenden. Sonst setzt sich irgendein Eindruck zu einem Entwurf fest, ob negativ oder positiv. Das muss doch ganz offen bleiben. Man ist sonst so abhängig von diesen Bildern.

mR: Der Journalist Stefan Rethfeld schreibt im Leitartikel zu diesem Heft, ein guter Gebäude-Spitzname müsse “taxitauglich” sein.

PB: Sicher ist da immer etwas Volkstümliches. Beim Berliner Kanzleramt kann man ja durchaus an eine Waschmaschine denken. Oder “Zirkus Karajani” für die Berliner Philharmonie – das ist die Berliner Schnauze. Wenn Taxifahrer oder wer auch immer so etwas kreieren, dann macht sich das breit. Es wäre doch abartig, wenn man dagegen anrennen würde. Das muss man einfach so stehen lassen.

mR: Rückblickend wirkt die Architektur der 1970er Jahren eher wie eine reine Expertenkultur. Stimmt dieser Eindruck?

PB: Kurz nach der Einweihung mussten wir Architekten uns zu Gebäuden wie dem Museum Ludwig immer einiges anhören. In Köln gab es einen bekannten Architekturkritiker, dem irgendjemand sagte: “Aber schauen Sie, das wird doch akzeptiert von der Bevölkerung, die sind da gerne.” Darauf antwortete er: “Sprechen Sie etwa von der Abstimmung mit den Füßen?” Das war diese Haltung: Was alle toll finden, kann nicht gut sein. Dazu habe ich mich öffentlich oft unheimlich bissig geäußert. Die sogenannten Experten muss man schon kritisch sehen, vor allem in der Verkehrsplanung. Ein Satz wurde immer wiederholt: “Nicht machbar!”

mR: Gibt es einen Gebäude-Spitznamen, den Sie besonders mögen?

PB: Auf Anhieb fällt mir nur ein Zitat von Karl Kraus ein: “Schlagfertig bin ich immer zehn Minuten später.” (lacht) Dass Gebäude personifiziert werden, scheint mir besonders interessant. In Hamburg, wo ich herkomme, heißt die Michaeliskirche kurz “Michel”.

Das Gespräch führte Alexander Kleinschrodt.

Peter Busmann, geboren 1933, hat unter anderem bei Egon Eiermann Architektur studiert. Sein Denken und Entwerfen sei außerdem, wie er heute sagt, stark von dem Tischler, Pädagogen und Architekturkritiker Hugo Kükelhaus geprägt worden. Früh hat Busmann sich selbstständig gemacht, schloss sich dann aber ab den 1970er Jahren mit anderen Architekten zusammen: Er gehörte zu BAUTURM, in deren ehemaligem Kölner Haus bis heute das “Theater im Bauturm” seinen Platz hat. Später entstand das Büro Busmann & Haberer, heute als BHBVT in Berlin tätig.

Titelmotiv: Peter Busmann bei der Dani-Karavan-Vernissage in Köln (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 3.0, via wikimedia commons, 2011)

Bildmotiv: Köln, Musikhochschule (Bild: Uta Winterhager, koelnarchtitektur.de)

Dieser Beitrag wir zeitgleich veröffentlicht auf koelnarchitektur.de.

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Sommer 19: Nicknames

Echo vom Bürgersteig

Echo vom Bürgersteig

LEITARTIKEL: Stefan Rethfeld über Architektur-Spitznamen.

So ein Theater

So ein Theater

FACHBEITRAG: Alexander Kleinschrodt nennt Bauten nach anderen Bauten.

Gib mir Tiernamen!

Gib mir Tiernamen!

FACHBEITRAG: Anke von Heyl über faunistische Artenvielfalt.

Im Gotteskäfig

Im Gotteskäfig

FACHBEITRAG: Karin Berkemann über Sakralsynonyme.

St. Horten

St. Horten

PORTRÄT: Heinrich Otten über eine “Kaufhaus-Kirche” in Ahaus.

"Abhängig von Bildern"

“Abhängig von Bildern”

INTERVIEW: Der Architekt Peter Busmann über Metaphern.

Nickname-Bilderrätsel

Nickname-Bilderrätsel

FOTOSTRECKE: Welcher Bau passt zu welchem Spitznamen-Bild?

Nickname-Bilderrätsel

nennen wir es Gehirnjogging (19/3)

Wenn die unsere Artikel des mR-Sommerhefts verfolgt haben, sind Sie jetzt gut gerüstet: Welches Motiv gehört zu welchem Bauwerk? Viel Vergnügen beim Knobel! (Die Auflösung finden Sie unten am Ende der Seite).

 

 

(Auflösung: Elefant zur Fußgängerüberführung in Gießen, dem sog. Elefantenklo; Gürteltier zum Ludwig-Erhard-Haus (IHK), dem sog. Gürteltierhaus; Augenbrauen zum Loos-Haus in Wien, dem sog. Haus ohne Augenbrauen; Zirkuszelt zur Berliner Philharmonie, dem sog. Zirkus Karajani; Ketchup zur Gesamtschule in Bonn-Beuel, der sog. Ketchup-Schule; Gemüse zur Frankfurter Großmarkthalle, der sog. Gemüsekirche; Auster zur Kongresshalle in Berlin, der sog. Schwangeren Auster; Laubfrosch zur Neandertalhalle in Mettmann, der sog. Laubfroschoper; Fuchs zum Mainzer Rathaus, dem sog. Fuchsbau; Lampe zum Berliner Palast der Republik, dem sog. Erichs Lampenladen)

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Sommer 19: Nicknames

Echo vom Bürgersteig

Echo vom Bürgersteig

LEITARTIKEL: Stefan Rethfeld über Architektur-Spitznamen.

So ein Theater

So ein Theater

FACHBEITRAG: Alexander Kleinschrodt nennt Bauten nach anderen Bauten.

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FACHBEITRAG: Karin Berkemann über Sakralsynonyme.

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"Abhängig von Bildern"

“Abhängig von Bildern”

INTERVIEW: Der Architekt Peter Busmann über Metaphern.

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