FACHBEITRAG: Das Bundes­­wehr­­kranken­haus in Ulm

von Peter Liptau (22/2)

Über der Stadt Ulm, auf dem Eselsberg und zumindest ursprünglich mitten im Grünen steht das Bundeswehrkrankenhaus, das von 1974 bis 1979 durch das Büro Heinle, Wischer und Partner errichtet wurde. Insbesondere der Architekt Robert Wischer (1930–2007) war es, der nicht nur das Haus in Ulm nach seinem Prinzip des „zukunftsoffenen Krankenhauses“ plante. Es sollte jederzeit flexibel auf den Fortschritt reagieren können, ohne dass große An- und Umbauten nötig sind. Diese Strukturen haben sich in den letzten Jahren in der Sanierungsphase, die ebenfalls vom Büro Heinle, Wischer und Partner durchgeführt wurde, als nützlich erwiesen.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Schema der Gebäudestruktur (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Das zukunftsoffene Krankenhaus

Robert Wischer wollte ursprünglich Medizin studieren – und wurde Architekt. Dies sind selbstredend beste Voraussetzungen für einen Krankenhausbauer. Für diese gemeinwesenorientierten, rund um die Uhr geöffneten Hochleistungsarchitekturen braucht es einen gesundheitsfördernden Lebensraum. Dennoch gab es für Wischer bis dato kein überzeugendes Konzept für zukunftsoffene Krankenhäuser, deshalb entwickelte er eine eigene Theorie.

Schon der römische Architekturtheoretiker Vitruv habe gefordert: Gebäude müssen ebenso langfristig brauchbar wie dauerhaft in Material und Ästhetik sein. Wischer ergänzte die Funktionsoffenheit. Insbesondere ein Krankenhaus folge vier Kriterien: 1) Der Ort ist dauerhaft und bleibt über Jahrhunderte bestehen. 2) Die konstruktive, elementare, technische und logistische Struktur ist langfristig, sie erstreckt sich über 50 bis 100 Jahre. 3) Der raumbildende Ausbau und die ihn ergänzende technische Ausstattung sind für 20 bis 40 Jahre von mittelfristiger Gültigkeit. 4) Bewegliche Dinge können alle 5 bis 30 Jahre ausgewechselt werden.

Vor diesem Hintergrund plante Wischer seine eigenen Krankenhäuser. In Ulm wurden die Systeme für die technischen Installationen und den Innenausbau nahezu unabhängig in eine stählerne Tragstruktur eingesetzt. Für diese konstruktive Innovation erhielt das Büro Heinle, Wischer und Partner 1979 den Europäischen Stahlbaupreis.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Lichthof (Bild: Peter Liptau)

Auf dem grünen Hügel

Als das Land Baden-Württemberg die Medizinisch-Naturwissenschaftliche Hochschule in Ulm plante, entschied der Bundestag, dass hier auch ein Bundeswehrkrankenhaus mit 620 Betten entstehen sollte. Letzteres war zugleich als Lehrkrankenhaus für die Universität gedacht, das etwa ein Drittel seiner Kapazität für die Behandlung von Zivilist:innen bereitstellte.

Das Ensemble sollte sich „unaufdringlich in die Natur“ einfügen und „adäquat und in solider, zurückhaltender, im guten Sinne konservativer Gestaltung“ ausfallen. Auch deshalb wurde die Krankenhaus-Cafeteria zum beliebten Ausflugsziel für Spaziergänger:innen, die den Weg ins Naherholungsgebiet auf sich nahmen. Von Vorteil war und ist dabei natürlich der unverbaute Weitblick, der bei guten Wetterverhältnissen bis zu den Alpen reicht.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus (Bild: Peter Liptau)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Außeninstallation samt Grünflächengestaltung des Künstlers Kurt Georg Pfahler (Bild: Peter Liptau)

Jedem Zimmer sein Kunstdruck

Die Kunst am Bau sollte „die Menschen ansprechen, sie nachdenklich machen oder auch aufmuntern“. Dazu gehört in Ulm eine große Außeninstallation samt Grünflächengestaltung des Künstlers Kurt Georg Pfahler. Hinzu kommt die hochwertige Ausstattung der Innenräume: Plastiken des Künstlers Alfonso Hüppi im Lichthof sowie eine umfassende Kunstsammlung die es ermöglicht, dass jedes Krankenzimmer einen originalen Kunstdruck erhält.

Um das Bettenhochhaus herum gliedern sich – eingebettet in die Grünanlage, durch die Geländemodellierung teils unsichtbar – niedrigere Bauten für Ambulanzen, OP-Bereiche, Sozialräume, Labor, Bettenzentrale usw. Mit dieser Aufteilung reagierte Wischer darauf, dass bei solchen hoch technisierten Funktionsbauten mit einem höheren Anpassungsbedarf zu rechnen ist. Man wollte eventuelle An- und Umbauten vereinfachen und hielt dafür prophylaktisch Freiflächen bereit. Darauf befand sich u. a. eine Sportanlage für Soldat:innen, aber auch für die Patient:innen.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus (Bild: privat)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Lichthof (Bild: privat)

Im Luftraum

Die Pflegestationen befinden sich allesamt im Bettenhochhaus, wo mit weniger Anpassungsnotwendigkeit zu rechnen ist. Den Mittelpunkt bildet der Eingangsbereich mit seinem Lichthof als verbindendes Element: Mehr einem botanischen Garten als einem Krankenhausfoyer gleichend, betritt man das Haus auf Ebene 0. Hier erschließt sich ein glasgedeckter Luftraum, der sich nach unten bis zur Ebene -1 erstreckt, wo die meisten Funktionen und Ambulanzen liegen. Im Lichthof der Ebene -1, eingebettet in reichhaltiges Grün, gliedern „brutalistische, angeschrägte Kuben“ einen langen Raum. Über diesen ‘Graben’ verlaufen mehrere Brücken, welche die Ebene 0 des Haupthauses mit dem Nebengebäude der Fachabteilungen verbinden.

Das Bundeswehrkrankenhaus zeigt sich bis heute in seiner ursprünglichen Gestaltung: Die hinterlüftete Vorhangfassade mit eingestellten Brüstungselementen wurde seinerzeit mit bronzefarben eloxierten Aluminiumplatten verkleidet. Sie sind vor den Krankenzimmern so niedrig gehalten, dass die Patient:innen auch aus dem Bett heraus sehen können, was sich draußen auf Bodenhöhe abspielt. Vor der Verglasung liegt der Sonnenschutz aus Aluminiumlamellen, die automatisch bedient und von den Zimmern aus separat gesteuert werden können. In den vollklimatisierten Räumen lassen sich aus psychologischen Gründen einzelne Fensterflügel öffnen. Die Fassadenaufteilung selbst ergibt sich aus dem Raster der inneren Tragstruktur.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus (Bild: Peter Liptau)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Fassadenstruktur mit Sonnenschutz (Bild: Peter Liptau)

Streng nach dem Raster

In Ulm folgt der Aufbau den von Wischer proklamierten Prinzipien des „zukunftsoffenen Krankenhauses“: 1) Das Konstruktionssystem dient als tragende Struktur in einem dreidimensionalen, einheitlichen Raster mit minimalen baulichen Bindungen (Stützen, Aussteifungswände, Schächte). 2) Das Ausbausystem verfügt über verschiedene Variationsmöglichkeiten (Wand, Decke, Fußböden). 3) Das technische System für alle räumlichen Funktionen gestattet künftige Änderungen und ein entflochtenes Ordnungssystem – beispielsweise durch adaptive Energieanschlüsse.

Das Ausbausystem im Innern beruht auf einem Raster von 120 Zentimetern. Alle Elemente sind ein Vielfaches oder ein Teil davon (60 Zentimeter, 30 Zentimeter, 240 Zentimeter etc.). Auch die Raster aller tragenden Stützen sind identisch. In den Flachbauten wurden leicht zu versetzende Elemente aus kunststoffbeschichteten Stahlblechen eingesetzt, da mit einer dynamischeren Nutzung zu rechnen ist.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Schema der Installationen (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Stützen und Schächte

In den Untergeschossen 5 bis 2 finden sich Stützen, Wände und Decken aus Stahlbeton. Oberirdisch geht die Struktur dann in eine reine Stahlskelettkonstruktion über. Insgesamt birgt das Hochhaus sechs Schächte für die Installationsstränge. In den Geschossen verlaufen die Leitungen horizontal in den abgehängten Decken: Wasser, Abwasser, Heizung für das jeweils darüberliegende Stockwerk, Luft, Elektroinstallation und medizinische Gase. Diese Decken umfassen ein Schienensystem, in das Verkleidungsplatten, Beleuchtungspaneele und technische Energieauslässe eingefügt sind. In den Stationen bestehen die Wandelemente aus 15 Zentimeter starken Gipskartonwänden, die mit Glasfasertapete beschichtet und unterschiedlich gestrichen wurden. Die Fußböden sind nahezu vollständig in PVC ausgeführt, mit Ausnahme der Treppenhäuser, Nassbereiche und Küchen. Für die Nassbereiche der Zimmer wurden vorgefertigte Nasszellen eingesetzt, die am Stück angeliefert werden konnten.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Tresen mit Kleinförderanlage (Bild: privat)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Tresen mit Kleinförderanlage (Bild: privat)

Entlang der Kleinförderanlage

Zur Ausstattung gehören auch modernste technische Einrichtungen. Neben den sammelgesteuerten Aufzügen und einer automatischen, über zwei Kilometer langen Wagentransportanlage (z. B. für Essens- und Wäschewagen) verfügt das Haus auch über eine sogenannte Kleinförderanlage. Hier fahren 80 Metallkörbe mit Eigenantrieb über insgesamt 1700 Meter Schienen zu 32 Stationen. Dies ermöglicht bis heute eine schnelle Übermittlung von Befunden, Laborproben, Blutkonserven etc. Ein Hauptschienenstrang verläuft durch die Haupteingangshalle und macht die Modernität des Hauses damit für die Besuchenden sichtbar. Die bronzefarbenen Platten der Aluminiumfassade finden sich im Inneren wieder – als Verkleidung der Konstruktionsstützen. Auch die Aufzugsschächte zeigen sich in dieser Optik.

Das Gebäude erhielt ein Haustelefon und eine moderne zentrale Computeranlage. Eine Neuerung war außerdem der Patientenruf, der nicht nur über ein Warnlicht im Flur und ein akustisches Signal funktionierte, sondern auch eine Hör-Sprechverbindung zwischen Patient:innen und Pflegepersonal herstellte, u. a. über ein sogenanntes Hör-Sprech-Kissen.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Innenraum, 1981 (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Gerüstet für den Kriegsfall

Selbstverständlich handelt es sich beim Bundeswehrkrankenhaus um ein Militärkrankenhaus, dessen Ausstattung in der Hochzeit des Kalten Krieges auch für den Ernstfall geeignet sein sollte. In den zeitgenössischen Publikationen ist hierzu selbstverständlich nichts zu lesen, dennoch ist das Wissen darüber mittlerweile nach außen gedrungen. Beispielsweise befindet sich unter dem Gebäude eine weitreichende mehrgeschossige Bunkeranlage, wohin man den gesamten Krankenhausbetrieb hätte auslagern können. Zudem wurden der Lichthof und der Eingangsbereich großzügig geplant, um hier im Kriegsfall mehrere hundert Krankenbetten aufzustellen. Durch die Klimaanlage entsteht ein leichter Überdruck, der etwa beim Einsatz chemischer Waffen einer Kontaminierung entgegenwirken sollte.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Pflegestützpunkt, 1981 (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Modernisieren im laufenden Betrieb

Schaut man sich das Bundeswehrkrankenhaus heute von außen an, fällt vor allem der neue Hubschrauberlandeplatz über (nicht auf) dem Dach ins Auge. Dieser ersetzte erst in den vergangenen Jahren den nördlich des Ensembles gelegenen Landeplatz auf Bodenniveau. Ansonsten zeigt sich das Haus weitestgehend in seiner ursprünglichen Gestaltung, was an den langlebigen Materialien liegen mag, aber auch an seiner programmatischen Variabilität. Wesentlich war aber vor allem, dass die Sanierung vom Erbauerbüro Heinle, Wischer und Partner durchgeführt wurde. Die Modernisierungen blieben fast unsichtbar: Wie es Wischer voraussagt hatte, wurde nach knapp 30 Jahren eine Renovierung fällig. Dafür sanierte man die einzelnen Funktionseinheiten nicht an ihrem Standort, sondern ließ sie an neuen Orten neu entstehen. So wurde ein OP-Trakt mitsamt Notfallambulanz im Souterrain errichtet, womit die ehemals dort befindlichen Sozialräume (inklusive einer Kegelbahn!) wiederum andere verschobene Abteilungen aufnehmen konnten.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Pflegestützpunkte und Anmeldungen nach der Sanierung (Bild: Heinle, Wischer und Partner, Yogi Hild)

Die gesamte Sanierungsphase dauerte 20 Jahre und brachte nur sehr geringe Einschränkungen für den laufenden Betrieb. Auch die Gestaltung wurde überarbeitet. Dabei blieb der ursprüngliche Farbkanon erhalten, jedoch durch hellere Farbwerte aufgelockert. Anmeldetresen und Mobiliar wurden passend erneuert. Die öffentlichen Räume wie Eingangsbereich, Cafeteria und auch die Notfallambulanz wurden vom italienischen Designer Giulio Ridolfo in ihren Farbtönen entwickelt. Mit dieser Sanierung folgt das Krankenhaus tatsächlich der Prognose Robert Wischers und erweist sich weiterhin als „zukunftsoffenes Krankenhaus“. Eine Ehre, die einem weiteren bedeutenden Bau seines Büros wohl nicht mehr zuteilwird: Das Krankenhaus der Universität Göttingen, das fast noch konsequenter der Rasterbauweise folgt, steht aktuell wegen angeblich zu hoher Sanierungskosten auf der Abschussliste.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Grundriss, Ebene 0 (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Grundriss der Ebene 0 (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Nasszelle auf einem Wagen (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Nasszelle auf einem Wagen beim Bau 1979
(Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Titelmotiv: Bundeswehrkrankenhaus von Westen aus gesehen (Bild: Peter Liptau)

Quellen (Auswahl)

Vom Unikat zum Stadtbaustein – Gedanken zur Entwicklung des Krankenhauses, hg. von Heinle, Wischer und Partner, Stuttgart u. a. 2008.

Teuffel, Gert A. (Bearb.), Bundeswehrkrankenhaus Ulm, hg. von Heinle, Wischer und Partner, Stuttgart 1981.

Archiv des Bundeswehrkrankenhauses, Ulm.

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LEITARTIKEL: Bauen und Pflegen für das Wohlbefinden

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Jürgen Tietz über die große Verheißung der Moderne.

FACHBEITRAG: Opas Heilbad ist tot!

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FACHBEITRAG: Das Bundes­­wehr­­kranken­haus in Ulm

FACHBEITRAG: Das Bundes­­wehr­­kranken­haus in Ulm

Peter Liptau über ein “zukunftsoffenes Krankenhaus” des Architekten Robert Wischer.

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FOTOSTRECKE: Auf Kur mitten im Krieg

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Der Best-of-90s-Beitrag

FACHBEITRAG: Brutalismus für Betagte

von Gerhard Kabierske (22/2)

Die Betonfassade war vielen Karlsruherinnen und Karlsruhern ein Stein des Anstoßes: Ausgerechnet an der Aufgabe Altersheim demonstrierte der Architekt Reinhard Gieselmann (1925–2013) seine eigenwilligen Vorstellungen, und ausgerechnet mit dem spektakulären Neubau in einer der Radialstraßen im Zentrum der Fächerstadt, die das sonst verlorene Bild der klassizistischen Residenzstadt einigermaßen bewahrt hatte. Weder dem, was sich damals ältere Menschen unter einer ‘schönen’ Architektur für ihren letzten Lebensabschnitt vorstellten, noch dem, was als Einordnung in einen städtebaulichen Kontext verstanden werden konnte, entsprach dieser Bau. Er war bei seiner Fertigstellung 1967 schlichtweg ein Akt der Selbstdarstellung. Aus heutiger Perspektive gesehen, hat Gieselmann der Stadt zu einem überregional bedeutenden Zeugnis des Betonbrutalismus verholfen.

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Erdgeschossgrundriss der Gesamtanlage (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT))

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Erdgeschossgrundriss der Gesamtanlage (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT))

Ein besonderer Auftrag

‘Licht, Luft, Sonne’, die Doktrin der Moderne, galt in der Nachkriegszeit auch beim Bauen für Betagte. Selbstverständlich sollten sie am neuen ‘befreiten’ Lebensgefühl teilhaben. Alten- und Pflegeheime entstanden deshalb gerne als Solitäre in Neubaugebieten, wo die ‘gesunde’ Ausrichtung nach Himmelsrichtungen sowie umgebendes Grün gewährleistet waren. Funktion und Hygiene schien Genüge getan, wenn sich die Zimmer mit Balkon und Waschbecken schematisch entlang eines Flurs aufreihten, die gemeinschaftlichen Sanitärräume nicht allzu weit vom Zimmer entfernt waren und auch ein Personenaufzug nicht fehlte.

Ein neues Heim in einer Kriegslücke an einer viel befahrenen Innenstadtstraße zu bauen, war eher die Ausnahme. 1960 hatte das Deutsche Rote Kreuz (DRK) den Architekten Alfred Fischer (1889–1969) mit einem Gutachten beauftragt, wie das verbandseigene Grundstück an der Stephanienstraße intensiver genutzt werden könnte. Nach der Trümmerräumung diente es nur als Stellplatz für die DRK-Krankenwagen. Hier stand auch eine Baracke als provisorische Einsatzzentrale. Fischer schlug für das schmale und tiefe Areal eine Heimnutzung vor. Da es in Karlsruhe an Altenheimplätzen mangelte und überdies eine Finanzierung möglich war, entschied man sich für ein solches Projekt. Die Stadt stimmte baurechtlich zu. Da Fischer aus Altersgründen die weitere Planung nicht übernehmen wollte, brachte er seinen damals erst 36-jährigen Schwiegersohn Reinhard Gieselmann als Architekten ins Spiel. Ohne personelle Alternative oder einen Wettbewerb erhielt dieser 1962 den Auftrag.

Bald stand sein Konzept eines Heims für rund 70 alte Menschen: Die Krankenwagen wurden in eine Tiefgarage verbannt. Die zugehörigen Wartungs- und Einsatzräume verortete man ebenso im Tiefgeschoss und belichtete sie über einen Lichtgraben im hinteren Grundstücksteil. Die Bauflucht an der Straße sollte durch einen viergeschossigen Trakt geschlossen werden, der sich entlang einer Brandmauer zum Nachbargrundstück nach hinten entwickeln und diese verdecken sollte. Ferner sollte ein zweigeschossiger Querriegel dahinter das Grundstück in der Tiefe teilen sowie inmitten des baumbestandenen, rückwärtigen Grundstücksteils eine eingeschossige bungalowartige Baugruppe mit Altenwohnungen entstehen. Im Grunde übernahm Gieselmann mit Vorderhaus, Seitenbau, Hinterhaus und Gartenhaus ein Bebauungsschema des 19. Jahrhundert, wie es sich auch in der Karlsruher Innenstadt finden lässt.

Ein Blick auf die ausgeführte Straßenansicht und den Erdgeschossgrundriss macht jedoch deutlich, dass der Architekt weitergehende Ambitionen hatte. Um so viel Sonnenlicht wie möglich einzufangen, wird die Fassade an der Straße mit Loggien und über Eck geführten Fenstern aufgebrochen. Auf der Rückseite ist die Baugruppe extrem in Höhe und Tiefe gestaffelt, die Fronten sind gebogen und abgetreppt. Aber man ahnt sofort: Es geht dem Architekten nicht nur um das Einfangen von Sonne, sondern vor allem um das Spiel mit plastischen Formen. Er liebt spannungsreiche Inszenierungen, im Äußeren mit einem ungewöhnlichen, fast dreieckigen Hofbereich, im Inneren mit expressionistisch-irrationalen Raumzuschnitten.

Reinhard Gieselmann (links) mit Oswald Matthias Ungers, 1957 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT))

Reinhard Gieselmann (links) mit Oswald Matthias Ungers, 1957 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT))

Ein engagierter Architekt

Reinhard Gieselmann baute keinen Standard, dafür war er schon zuvor bekannt. 1944 noch als 19-Jähriger zur Wehrmacht eingezogen, entschied er sich nach traumatischen Erlebnissen am Kriegsende höchst motiviert für ein Architekturstudium in Karlsruhe. Prägend wurde zunächst Egon Eiermann, bei dem er 1950 sein Diplom machte: mit dem Entwurf eines Motels an der Autobahn, für das er – typisch Eiermann-Schule – in einem Baukastensystem Container in Leichtbauweise aneinanderreihte. Die Ablösung von der Vaterfigur Eiermann begann, als er 1953 auf dem Motorrad bis Finnland fuhr und dort Alvar Aalto und seine Bauten kennenlernte. Zum Schlüsselerlebnis wurde im selben Jahr auch der CIAM-Kongress in Aix-en-Provence, auf dem Peter und Alison Smithson ihre ‘brutalistischen’ Bauten vorstellten und offen gegen die Meister der weißen Moderne der 1920er Jahre opponierten. Das Zusammentreffen mit Le Corbusier, der dem jungen Deutschen persönlich eine Wohnung in der gerade fertig gestellten Unité d’Habitation in Marseille zeigte, sollte ebenso nicht folgenlos bleiben.

Schon Gieselmanns erste eigene Bauten zeigen besondere Plastizität und Raumwirkung, den Einsatz von groben Materialien wie Sichtbeton, Backstein, Kalksandstein oder Rauputz. Er nahm damit Trends der 1960er Jahre vorweg. Belesen und interessiert an Architekturtheorie, promovierte er mit einer Arbeit über den modernen Kirchenbau und meldete sich zu aktuellen Themen mit aufmüpfigen Leserbriefen in Bauzeitschriften zu Wort. Mit seinem Freund Oswald Matthias Ungers verfasste er 1960 ein „Manifest zu einer neuen Architektur“. In 20 Thesen beschwor ihr „Credo des Subjektiven“ den Vorrang der künstlerischen Schöpfung vor Ratio und Technik in der Architektur. Sie müsse „Erlebnis des Körperhaften und Räumlichen“ sein. In diesem Sinne baute Gieselmann mehrere individualistische Einfamilienhäuser und eine erste Kirche, die deutlich Le Corbusier rezipierte.

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Straßenfassade, 1967 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Straßenfassade, 1967 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Béton brut in der Stephanienstraße

Beim Großprojekt für das Altersheim konnte Gieselmann in den 1960er Jahren alle Register seines baukünstlerischen Wollens ziehen, seine Liebe für Sichtbeton und eine neoexpressive raumbildende Architektur ausleben. Weder der Bauherr noch die Stadt redeten ihm bei der Gestaltung hinein. So wurde schon die Straßenfassade zu einem Manifest: Das hohe Erdgeschoss tritt nach außen als zurückgesetzte dunkle Sockelzone in Erscheinung, aus der nur die Rahmung von Eingang und Tiefgarageneinfahrt hervortreten.

Die drei aufgeständerten Wohngeschosse präsentieren sich wie ein abstraktes Relief, das durch vorkragende Wandteile, Rücksprünge der Fensternischen und dunkle eingetiefte Loggien eine stark plastische Struktur erhält. Um jedes Schema der dahinter gleichartig gereihten Zimmer zu vermeiden, sind die Öffnungen von Fenstern und Loggien in einem raffinierten Spiel von Symmetrie und Asymmetrie gespiegelt. Im Gegensatz zur Horizontalen wird der Kamin der Heizung im Untergeschoss turmartig als vertikaler Akzent in die Fassade gerückt, manieriert überdimensioniert, nach oben auskragend, in einem dreiteilig gestaffelten Kopf über der Traufe auslaufend und die breite Front wiederum asymmetrisch teilend.

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Eingangsbereich mit Blick in die Treppenhalle, 1967 vor Anbringung der Wandreliefs aus Majolika, in der Mitte eine der 'Säulen' mit Kapitell (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Eingangsbereich mit Blick in die Treppenhalle, 1967 vor Anbringung der Wandreliefs aus Majolika, in der Mitte eine der ‘Säulen’ mit Kapitell (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Im Inneren

Genauso expressiv gibt sich das Innere. Sichtbeton mit Kalksandstein-Ausmauerungen dominiert auch die Eingangshalle und den sich anschließenden, nach oben schachtartig über die gesamte Gebäudehöhe führenden Lichthof. In einem freistehenden Betonzylinder fährt der Personenaufzug nach oben, ebenso wird die zum Lichthof offene Treppe zum Blickpunkt. Beides erschließt die umlaufenden Laubengänge vor den Zimmern. Geradezu barock ist die Lichtregie mit einem pointierten Hell-Dunkel-Kontrast. Während an der Straßenseite das große Hallenfenster Seitenlicht spendet, fällt von oben indirekt Sonne durch einen über das Dach ragenden Aufbau mit umlaufendem Fensterband.

Die Hallenwand wird durch gerahmte, geschichtete Rechteckfelder gegliedert, die wie ein aus der Architektur heraustretendes Relief erscheinen. Später erhielten die Felder Majolikareliefs mit stark abstrahierten, vegetabilen Motiven des Meistermann-Schülers Karlheinz Overkott. Einen überraschenden Dekor bekamen auch die mächtigen zweiteiligen Rundstützen, deren kubisch verschachtelte Fantasiekapitelle die Decke tragen. Ebenso erstaunlich sind der Speisesaal und die Flure des rückseitigen Querbaus mit nicht alltäglichen Rauminszenierungen und der Härte der Materialien. Der Anspruch eines Gesamtkunstwerks wurde noch unterstrichen, indem Gieselmann auch die Möbel der Gemeinschaftsräume entwarf.

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Treppenhalle mit Laubengängen zur Erschließung der Zimmer, 1967 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Treppenhalle mit Laubengängen zur Erschließung der Zimmer, 1967 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Kritik und Anerkennung

Nicht nur bei Karlsruher Bürgerinnen und Bürger sorgte Gieselmanns Werk für Kopfschütteln. Es kam in der Gestaltungsfrage auch zum Zwist zwischen ihm und seinem Schwiegervater Alfred Fischer, der ihm den Auftrag vermittelt hatte. Und er bekam das Befremden der Karlsruher Kollegen zu spüren: „Sie wollten Funktion, ich: Struktur und Atmosphäre“, so fasste der Architekt selbst die Distanz zusammen, die er im regionalen Kontext fühlte. Dass „Brutalismus“ in Karlsruhe nicht gelitten war, lag an der Prägung durch die Schule von Egon Eiermann, der in seinen Vorlesungen das Altersheim „des Herrn G.“ sogar als Negativbeispiel vorführte. Beton, zumal plastisch geformter Sichtbeton, galt dem Liebhaber des Stahls und Perfektionisten in der Kunst der Fügung von Einzelelementen als geradezu anstößig. Man könne mit diesem Baustoff disziplinlos „alles machen“ und das Material anschließend nie wieder beseitigen. Mit negativen Gutachten torpedierte Eiermann in der Folge sogar zweimal Berufungen seines ehemaligen Schülers, mit dem er sich duzte und dessen Frau eine gute Freundin seiner Frau war.

Gieselmann wollte sich gegen die Vorbehalte wehren. In seiner Eröffnungsrede und in weiteren Texten erläuterte er den sozialen Aspekt seines Gebäudes: Ein Altersheim dürfe nicht nur reine Funktionen des Wohnens im Alter erfüllen, es müsse für die Seniorinnen und Senioren auch architektonische Reize bieten, Abwechslung wegen des im Alter immer enger werdenden Bewegungsradius. Das Haus müsse quasi die Stadt ersetzen, die selbst nicht mehr erlebt werden könne. Und er sah seine Formspielereien legitimiert durch Geschichte: Hatte nicht der Architekt Hermann Billing, dem er einen Aufsatz widmete, 1900 in der gleichen Straße ein Hauptwerk des Jugendstils hinterlassen, dessen Fassade auch gegen alle Konventionen verstieß?

Doch es gab keineswegs nur Kritik. In der überregionalen Fachpresse stieß das Gebäude auf großes Interesse. Es erschienen zahlreiche Artikel, selbst in französischen, ungarischen und japanischen Zeitschriften. Zusammen mit Gottfried Böhms wenig jüngerem Altenheim in Düsseldorf-Garath, das ähnliche architektonische Reize bietet, stand der DRK-Bau in Karlsruhe für einen neuen Ansatz in dieser Gattung. Gruppen von Architekten und Architektinnen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum kamen nach Karlsruhe. Offenbar schätzten sie vor allem den Mut, die Stützen wieder mit Kapitellen auszubilden – hier zeichnet sich schon die Postmoderne ab, der sich Gieselmann später zuwenden sollte. Nicht zuletzt dürfte das Werk mitverantwortlich dafür gewesen sein, dass sein Urheber zwei Jahre nach Fertigstellung einen Ruf auf einen Lehrstuhl an die Technische Hochschule (TH) Wien erhielt.

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Rückansicht des Vorderbaus mit Rauputzfassade, 1967 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Rückansicht des Vorderbaus mit Rauputzfassade, 1967 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Umgang mit dem Gebäude

Seit den 1980er Jahren steht das Altersheim bereits unter Denkmalschutz und eine in den frühen 1990ern geplante, entstellende Generalsanierung – unter Beteiligung von Gieselmann selbst – wurde zum Glück nicht realisiert. Dennoch hat der Bau in der Zwischenzeit viel von seiner ursprünglichen Wirkung verloren. Neue Standards für Altenheime, Sicherheits- und Brandschutzauflagen sowie Dämmmaßnahmen führten an vielen Stellen zu unglücklichen Eingriffen. Anstriche und Verkleidungen des Sichtbetons im Inneren demonstrieren das geringe Verständnis der neuen Eigentümerin, der Evangelischen Stadtmission, für die historische Bedeutung und die bauliche Qualität des Hauses. Die neue Erschließung über einen benachbarten Erweiterungsbau führte zur Degradierung des eigentlichen Zentrums der Anlage, der Eingangshalle. Zudem kann sie nicht mehr von der Straße eingesehen werden. Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft denkmalpflegerische Belange mehr Berücksichtigung finden.

Rundgang

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Rückansicht des Vorderbaus mit „Himmelsleiter“ als Fluchtweg (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Rückansicht des Vorderbaus mit „Himmelsleiter“ als Fluchtweg (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Gesamtanlage von der Rückseite (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Gesamtanlage von der Rückseite (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Bungalow im Garten (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Bungalow im Garten (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Eingangshalle mit Majolikareliefs von Karlheinz Overkott (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Eingangshalle mit Majolikareliefs von Karlheinz Overkott (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Blick nach oben im Lichthof (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Blick nach oben im Lichthof (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Haupttreppe im Lichthof (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Haupttreppe im Lichthof (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Dachterrasse (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Dachterrasse (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Speisesaal (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Speisesaal (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Möblierung nach einem Entwurf von Reinhard Gieselmann (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Möblierung nach einem Entwurf von Reinhard Gieselmann (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Flurbereich im Rückgebäude (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Flurbereich im Rückgebäude (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Quellen und Literatur

 
saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Reinhard Gieselmann.

Gieselmann, Reinhard, On the Search of Style. Auf der Suche nach Stil, Stuttgart/London 2007.

Titelmotiv: Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes (Bild: Gerhard Kabierske)

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LEITARTIKEL: Bauen und Pflegen für das Wohlbefinden

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Jürgen Tietz über die große Verheißung der Moderne.

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FACHBEITRAG: Das Bundes­­wehr­­kranken­haus in Ulm

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FACHBEITRAG: Brutalismus für Betagte

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Gerhard Kabierske über einen Karlsruher Bau von Reinhard Gieselmann.

PORTRÄT: Bahnhof-Apotheke Lübbecke

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INTERVIEW: "Nach wie vor verliebt in dieses Klinikum"

INTERVIEW: “Nach wie vor verliebt in dieses Klinikum”

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FOTOSTRECKE: Auf Kur mitten im Krieg

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Der Best-of-90s-Beitrag

PORTRÄT: Bahnhof-Apotheke Lübbecke

von Karin Berkemann (22/2)

Diese Apotheke ist der wahrgewordene Traum jedes Designvictims der späten 1970er Jahre. Als Grundlage dienten die Zeichnungen eines ostwestfälischen Apothekers: Der stilsichere Rainer Krause (1952–2013) konnte 1974/76 die italienische Architektengruppe Superstudio, hier speziell Adolfo Natalini (1941–2020), für den Neubau des Familienbetriebs gewinnen. In Lübbecke störte man sich zunächst an diesem 1979 fertiggestellten Haus, das als eines der ersten Zeugnisse der Postmoderne in Deutschland gilt. Rasch waren Spitznamen wie “Waschmaschine” oder “Pillenbunker” zur Hand. Doch als Zeitschriften wie “Casa Vogue” oder “Schöner Wohnen” positiv über die Bahnhof-Apotheke schrieben, stellte sich bald Stolz ein. Schließlich richtete sich Krause im Dachgeschoss der Stilikone mit seinem neuen Designberatungsbüro ein, dessen Ausstellungen es bis zur Documenta schaffen sollten.

Superstudio, Supersuperficie: Vita, 1970–1972 (Bild: trevor.pott, CC BY NC SA 2.0, via flickr)

Superstudio, Supersuperficie: Vita, 1970–1972 – mit künstlerischen Mitteln gegen die Hochglanzarchitektur (Bild: trevor.pott, CC BY NC SA 2.0, via flickr)

Anti-Architektur

Unter dem Namen Superstudio hatten sich ab 1966 in Florenz mehrere Avantgarde-Architekten zusammengetan, darunter Peter Frassinelli, Alessandro Magris, Roberto Magris, Alessandro Poli, Cristiano Toraldo di Francia und Adolfo Natalini. Ihr Anspruch war kein Geringerer, als eine Persiflage auf die vorherrschende Baukunst zu erschaffen. Daher kehrten sie die Logik der Megacities mit Zeichnungen und Collagen ins Absurde. Zudem entstanden – über alle Gattungsgrenzen hinweg – Filme, Modelle, Ausstellungen, reale Architekturen und Designentwürfe.

Als sich das Kollektiv gegen Ende der 1970er Jahre auflöste, wandte sich Adolfo Natalini dem Städtebau zu, um ab 1991 mit seinem Sohn ein eigenes Büro zu betreiben. Die Superstudio-Collagen wanderten in die großen Architektursammlungen der Welt. Doch am populärsten sollten die Designstücke werden, die man heute zu hohen Preisen handelt. Da ist es nur konsequent, dass die Lübbecker Apotheke wie eine Mischung aus italienischer Espressomaschine und amerikanischem Art Déco daherkommt.

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Bilder: links: Aldo Ballo, rechts: Reinhard Wolf)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke – seit den 1990er Jahre liegt die Leitung der Apotheke bei den Pharmazeut:innen Elke und Volkhard Meyer (Fotos: links: Aldo Ballo, rechts: Reinhard Wolf, Bild: Archiv Michael von Jakubowski

Krause-Frassinelli-Natalini

Rainer Krause sprach fließend Italienisch. Schon 1974 hatte er um Superstudio geworben, mit einem Brief auf einem kreisrunden Blatt Papier. Nach einem zweiten Schreiben mit konkreten Vorschlägen erhörten ihn die italienischen Architekten. Natalini und Frassinelli erstellten je einen eigenen Entwurf. Auf dem Grundstück in Lübbecke stand noch ein Backsteinhaus des 19. Jahrhunderts. Im Neubau sollten neben der Apotheke auch eine Arztpraxis und zwei Wohnungen unterkommen. Während sich Frassinelli mit Backstein und einer markanten Silhouette an den Vorgänger anlehnen wollte, blieb Natalini nah an Krauses Vorschlägen und schuf etwas völlig Neues.

In der Bahnhofstraße, auf halber Strecke zwischen Eisenbahn und Altstadt, entstand so ein Kubus, der von zwei schlanken U-Formen durchdrungen wird: Eine der halben Röhren nimmt das Treppenhaus auf, die andere bekrönt das ansonsten flach gehaltene Dach. Immer wieder bringen aufstrebende Glasprismen Tageslicht ins Innere. Nach außen sind die Wände eingehüllt in das regelmäßige Raster grauer Fliesen, gerahmt und durchzogen von blau-grauen Mosaikbändern. Auch die Fenstersprossen tragen diesen Farbton. Später gab Natalini an, er habe sich von deutschen Häusern mit ihren gebogenen Dächern und bunten Dekorfriesen inspirieren lassen – und hat dabei wohl innerlich den Mittelfinger gegen Adolf Loos erhoben.

Konsequent ausgestattet – Deckenleuchte von Superstudio (Edelstahl, Alabaster) und Uhr für den unteren Erker, entworfen von Adolfo Natalini (Fotos: Michael von Jakubowski)

Stilbewusst bis ins Detail

Schon früh hatte sich Krause in gutes Design verliebt und vorausschauend kommende Klassiker gesammelt: amerikanische Stücke aus den 1930er/40er Jahren und vieles, natürlich, aus Italien. 1983 zählte Krause zu den vier Gründungsmitgliedern der Designgalerie “quartett” in Hannover, die das opulente Design jener Jahre zelebrierte – schon zur ersten Kollektion gehörten klangvolle Namen wie Ettore Sottsass und Philippe Starck. Mit seinem neuen Partner Michael von Jakubowski überführte Krause die Idee 1987 in die Designfirma “anthologie quartett”, die sich im Schloss Hünnefeld bei Bad Essen ansiedelte. Schon ein Jahr später etablierten beide ihr Beratungsbüro im Loft in der Bahnhofstraße. Folgerichtig war Krause formbewusst bis ins Detail, auch bei der Ausstattung des Lübbecker Hauses. Für die Büromaschinen etwa griff er ausschließlich zur italienischen Marke Olivetti.

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Bild: Grundrisse und Modellstudie, Adolfo Natalini, Scan/Foto: Michael von Jakubowski)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke – ein Kubus, zwei halbe Röhren und viele Glasprismen (Bild: Grundrisse und Modellstudie (Terracotta), Adolfo Natalini, Scan/Foto: Michael von Jakubowski, Bilder: Archiv Michael von Jakubowski)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Bild: Aldo Ballo)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Foto: Aldo Ballo, Bild: Archiv Michael von Jakubowski)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Bild: Aldo Ballo)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Foto: Aldo Ballo, Bild: Archiv Michael von Jakubowski)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Bild: Aldo Ballo)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Foto: Aldo Ballo, Bild: Archiv Michael von Jakubowski)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Bild: Aldo Ballo)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Foto: Aldo Ballo, Bild: Archiv Michael von Jakubowski)

Superstudio, Deckenleuchte (Edelstahl/Alabaster) für die Bahnhof-Apotheke in Lübbecke (Foto: Michael von Jakubowski)

Superstudio, Deckenleuchte (Edelstahl/Alabaster) für die Bahnhof-Apotheke in Lübbecke (Foto: Michael von Jakubowski)

Adolfo Natalini, Studie zur Bahnhof-Apotheke Lübbecke, Gouache (Scan: Michael von Jakubowski)

Adolfo Natalini, Studie zur Bahnhof-Apotheke Lübbecke, Gouache (Bild: Archiv Michael von Jakubowski)

Lübbecke, Vorgängerbau der Bahnhof-Apotheke (Bild: Archiv Michael von Jakubowski)

Lübbecke, Vorgängerbau der Bahnhof-Apotheke (Bild: Archiv Michael von Jakubowski)

Literatur

Felicori, Bianca, Pharmacist Rainer Krause’s house designed by Superstudio, in: domus, 13. Januar 2021.

Stark, Ulrike, Architekten – Adolfo Natalini und Superstudio, Stuttgart 1993, 3. Auflage.

Natalini, Adolfo/Superstudio, Una casa fatta (anche) di memoria – Superstudio. Ein Haus (auch) aus Erinnerungen, Lübbecke 1979.

Superstudio, Una casa fatta anche di memorie, in: Casa Vogue 98, 1979.

Verwendung der Bilder von der und zur Bahnhof-Apotheke Lübbecke mit freundlicher Genehmigung von Michael von Jakubowski.

Titelmotiv: Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Bild: Aldo Ballo)

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