2 x Cäsar Pinnau

Cäsar Pinnau, Wohnzimmer mit Bibliothek, Studienarbeit, um 1930 (Bild: Hamburgisches Architekturarchiv)
Cäsar Pinnau, Wohnzimmer mit Bibliothek, Studienarbeit, um 1930 (Bild: Hamburgisches Architekturarchiv)

Wenn Ihnen beim Namen Cäsar Pinnau nicht gleich ein wissendes „Aaah“ entgleitet, grämen Sie sich nicht: Pinnau war lange etwas für Eingeweihte. Dass der 1906 in Hamburg geborene Architekt bisher noch nicht intensiver erforscht wurde, hängt wohl vor allem mit seinem Schaffen in der NS-Zeit zusammen. Nach einem (Innen-)Architekturstudium in Berlin und München war er zunächst für den Architekten Fritz August Breuhaus de Groot tätig. Anschließend wirkte Pinnau an NS-Prestigeobjekten mit, darunter die Innengestaltung der Reichskanzlei und die von Albert Speer angeleiteten Planungen zur Berliner Nord-Süd-Achse. Doch warten gerade im Nachkriegswerk des stilistisch vielseitigen Architekten, der ein Leben lang in der Nähe der jeweils Mächtigen arbeitete, lohnende Entdeckungen, wie aktuell gleich zweifach überzeugend vorgeführt wird – mit einer Ausstellung im Altonaer Museum und einem „bauheft“ im Schaff-Verlag zu einem der Hauptwerke des Hanseaten.

 

Dekorfreudige Villen und Schiffsausstattungen

Cäsar Pinnau und Aristoteles Onassis an Deck der Yacht Christina bei der Probefahrt in Kiel, 1954 (Foto: Archiv Peter Pinnau)
Cäsar Pinnau und Aristoteles Onassis an Deck der Yacht Christina bei der Probefahrt in Kiel, 1954 (Foto: Archiv Peter Pinnau)

In der Nachkriegszeit arbeitete Cäsar Pinnau national und international, entwarf Privatvillen und Bürobauten für einige der bedeutendsten Akteure der deutschen Wirtschaftswunderzeit. Darüber hinaus machte er sich einen Namen mit extravaganten Schiffsausstattungen, etwa für die Reederei Hamburg Süd (z. B. die Cap San Diego) oder für die Luxusyachten von Aristoteles Onassis. Einen Tätigkeitschwerpunkt legte Pinnau im Hamburger Westen, wo er in den 1970er Jahren an der Palmaille, im ehemaligen Wohnhaus von Christian Frederik Hansen, sein Atelier einrichtete und seiner Frau Ruth in den 1980ern im Baur Park ein neoklassizistisches Palais mit allem Drum und Dran gestaltete.

Vor diesem Hintergrund macht das Altonaer Museum – in Zusammenarbeit mit der Hamburgischen Architektenkammer – Pinnau zum Gegenstand der Sonderausstellung „Cäsar Pinnau. Zum Werk eines umstrittenen Architekten“. Die Grundlage bildet sein Nachlass, der im Hamburgischen Architekturarchiv verwahrt wird. Grundsätzlich müssen Leben und Werk mit dem seiner Zeitgenossen verglichen werden, um sein Schaffen in der NS-Zeit angemessen beurteilen zu können. Die interdisziplinäre Ausstellung will daher ausdrücklich auch Fragen der politischen und der gesellschaftlichen Entwicklung aufgreifen. Die Präsentation wird vom 27. September 2016 bis zum 26. März 2017 zu sehen sein, begleitend erscheint bei Dölling und Galitz ein reich bebilderter Katalog.

 

Elegante Bürohäuser im Internationalen Stil

Hamburg Süd Hochhaus 1, 1958-64, Willy-Brandt-Straße in Hamburg (Foto: Oliver Heissner, 2000)
Hamburg Süd Hochhaus 1, 1958-64, Willy-Brandt-Straße in Hamburg (Foto: Oliver Heissner, 2000)

Wer sich jetzt schon zu einem Hauptwerk dieses „umstrittenen Architekten“ warmlesen möchte, findet kompetenten Stoff in der Reihe „hamburger bauhefte“ des Schaff-Verlags: Sylvia Necker und Jörg Schilling porträtieren das Ensemble der Reederei Hamburg Süd, das ab 1956 inklusive eines der ersten Hochhäuser an der neuen Ost-West-Straße geplant, aber erst 1965 fertiggestellt wurde. Das repräsentative Projekt hatte Cäsar Pinnau an amerikanischen Vorbildern und Leitbildern einer rationalisierten Büroorganisation entwickelt. So bildet „Hamburg Süd“ eine überaus elegante architektonische Lösung im Geist des Internationalen Stils, den Pinnau ebenso virtuos zu bedienen wusste wie bei Bedarf und Anlass den Neoklassizismus.

Die Reederei Hamburg Süd gehört zur großen Unternehmensgruppe Oetker, für die Pinnau als „Hausarchitekt“ u. a. auch ein Bürogebäude in Berlin (1961) und die von Rudolf-August Oetker gestiftete Kunsthalle in Bielefeld (1968, errichtet von Pinnau nach Plänen des amerikanischen Architekten Philip Johnson) umsetzte. Die drei unter Denkmalschutz stehenden Hamburg-Süd-Gebäude unterzieht man noch bis in das Jahr 2016 hinein einer aufwendigen Grundsanierung. Im Anschluss sollen sie, zusammen mit einem benachbarten Neubau, von der Hamburg Süd wieder als Firmensitz in Betrieb genommen werden. Pinnau selbst blieb Hamburg auch nach seinem Tod im Jahr 1988 erhalten: Er liegt auf dem dortigen Ohlsdorfer Friedhof bestattet – selbstverständlich unter einer von ihm entworfenen neoklassizistischen Grabstätte. (db/kb, 5.9.16)

 

Zum Warmlesen

Bezug_PinnauAM_29mm_final_vorab.inddNecker, Sylvia/Schilling, Jörg, Hochhaus und Verwaltungsgebäude Hamburg Süd (hamburger bauheft 16), Schaff-Verlag, Hamburg 2016, 52 Seiten, Rückendrahtheftung, ISBN: 9-783944-40524-7 (erschienen auch in englischer Sprache, ISBN: 9-783944-40525-4).

Czech, Hans-Jörg/Hirsch, Vanessa/Schwarz, Ullrich (Hg.), Cäsar Pinnau. Zum Werk eines umstrittenen Architekten, Katalog, Altonaer Museum, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2016, 320 Seiten, gebunden (erscheint zur Ausstellung), ISBN: 978-3862180899.

 

Farbe für die Republik

In der DDR der 1960er Jahre wurde die Farbfotografie zum Stilmittel für den Aufbruch in eine bunte sozialistische Zukunft. Noch bis zum 31. August 2014 ist im Deutschen Historischen Museum die Ausstellung „Farbe für die Republik – Auftragsfotografie vom Leben in der DDR“ zu sehen. Thema ist nicht die private, sondern die journalistische Farbfotografie. Zu sehen sind – aus den Beständen des Deutschen Historischen Museums – Aufnahmen der Bildjournalisten Martin Schmidt (* 1925) und Kurt Schwarzer (1927-2012), die zum ersten Mal so umfassend der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Für volkseigene Betriebe, staatliche Organisationen und Zeitschriften zeigten Schmidt und Schwarzer, was im Sinn der Auftraggeber war: ein positives Bild von der DDR. Gerne arrangierten sie junge Menschen vor neuer Architektur und Technik. In der Ausstellung werden die Motive durch großformatige Abzüge lebendig. Zugleich geben originale Negative und Materialien einen guten Einblick in die Arbeitsweise der beiden Fotografen. Begleitend ist im Quadriga-Verlag ein Bildband erschienen. (kb, 7.6.14)

Kurt Schwarzer,Paar vor dem Kraftwerk Vockerode, 1963 (Bild: Stiftung Deutsches Historisches Museum)

Ein Kofferraum voll Kirchenbau

Erbach, Heinz Willi Peuser und Karin Berkemann (Bild: D. Bartetzko)
Natürlich kann man die Sitzbank nicht ausklappen, wenn der eine Teil der Interviewer hier Ersatzteile transportiert. Da fährt der andere Teil der Interviewer gerne im Kofferraum mit (Bild: D. Bartetzko, im Bild: K. Berkemann, H. W. Peuser und ein Volvo)

Gute Gespräche über modernen Kirchenbau beginnen auf der Ladefläche eines Volvo – so zumindest, wenn man mit dem Architekten Heinz Willi Peuser unterwegs ist (zu den Hintergründen siehe links). Denn nach fast 88 Lebensjahren, davon 60 mit einer Ehefrau und fast 60 in einem Beruf, hat er sich den komfortablen Beifahrersitz redlich verdient. Wie schon einige Generationen seiner Familie vor ihm ist Peuser eigentlich Bau- und Möbelschreiner. In der Diele seines Bad Camberger Wohnhauses, das sein Urgroßvater 1887 errichten ließ, zeigt er nicht ohne Stolz sein Meisterstück aus dem Jahr 1952: ein Intarsienschrank mit Vogelmotiven und einer weiblichen Schönheit auf den furnierten Türen. „Heute würde man das sicher anders machen, aber handwerklich …“

Mit eben jener selbstbewussten Bescheidenheit nähert sich Peuser rückblickend seinem gesamten Werk, das vom Einzelmöbel im Bundespräsidialamt bis zur modernen Kirche im Westerwald reicht. Direkt nach dem Krieg war er beim Vater in die Lehre gegangen, um in Wiesbaden 1952 die Meisterprüfung abzulegen und im selben Jahr in Detmold ein Innenarchitekturstudium abzuschließen. Später sollten noch zwei Doktorentitel und verschiedene Lehrtätigkeiten hinzukommen. Aber vor allem arbeitete Peuser als selbständiger Architekt von Camberg aus an Neubauten und Sanierungen vorwiegend für kirchliche Auftraggeber.

 

„Bewußt keine spektakuläre Sache“

Den ersten eigenen kirchlichen Auftrag übernahm Peuser in Camberg: ein Kindergarten, der 1957 eingeweiht wurde – fast pünktlich zur Geburt seines ersten Sohns. 1960/61, kam der Ruf zum ersten Kirchenneubau, die maßstäbliche Filialkirche Hl. Kreuz in Hirzenhain. „Das war, was mir in vielfacher Hinsicht vorgeschwebt hat“, freut er sich noch heute über die Bauaufgabe. In Wallmerod im Westerwald konnte er dann bis 1964, in die Jahre des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) hinein, seinen ersten „großen“ Kirchenneubau verwirklichen: Maria Königin. Auf einem pfeilförmigen Grundriss setzte er den Altar als Mitte und Ziel der darum gescharten Gemeinde in die Spitze. Nach außen zeigte er am Bau aufgemauerten Naturstein und stellte ihm einen ebensolchen schiefergedeckten Glockenträger zur Seite. Nach innen setzte der Glaskünstler Jupp Jost farbige Akzente.

Als zweiter großer Kirchenneubau folgte St. Mauritius (Weihe 1970) in Erbach im Taunus. Aus dem Grundriss-Pfeil wurde das gemeinschaftsfördernde Sechseck. Für die Fenster brachte der Glasmaler Jupp Gesing (mit den Werkstätten Donat) Skizzen des Architekten zum Leuchten. „Bewußt keine spektakuläre Sache“, nannte Peuser sein Anliegen. So vermittelte er mit Natursteinen zwischen den sichtbar belassenen Stahlbetonrahmen der neuen Kirche und dem verbliebenen Turm des Vorgängerbaus. Über Neubauten hinaus erweiterte Peuser historische Räume (z. B. Oberselters, St. Antonius, 1962), gestaltete Kapellen (z. B. Oberselters, Friedhofs- und Marienkapelle, 1969/70), errichtete Pfarrheime (z. B. Camberg, 1967) und Zentren mit Kapellen (z. B. die Altersheime in Arzbach bei Ems, 1964, oder in Dillenburg, 1965, 1983 erweitert nach Entwurf von Peuser) und beteiligte sich an Wettbewerben (z. B. Obertshausen, St. Thomas Morus, 1973).

 

„Eine der Sternstunden meines Lebens“

Rom, 1983 (Bild: Archiv H. W. Peuser)
Als Heinz Willi Peuser im Dezember 1983 mit Künstlerfreunden zur päpstlichen Audienz nach Rom reiste, lauschte er auch einem der „automatischen Kirchenführer“ in einer der vielen historischen Kirchen der Stadt (Bild: Archiv H. W. Peuser)

In seinen späten Arbeitsjahren rückte Peuser noch einmal ein Stück näher an die „Weltkirche“ heran: Er wirkte mit bei Kirchbau-Projekten in Tschechien (u. a. 1994-99 bei der Renovierung der barocken Klosterkirche Osek), beriet bei Neubauten in Bolivien (1978-79, 1987, 2000-01) und – für ihn eine der „Sternstunden“ seines Lebens – wurde 1983 zu einer päpstlichen Audienz gebeten. Anlass war eine fast 500 Beispiele umfassende Dokumentation, die Peuser für die internationale Künstlervereinigung SIAC zusammengestellt hatte. Ab 1979 sammelte er Beispiele für die christliche Kunst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil – und brachte damit, zwischen Inkunabeln von Helmut Mutschler oder Hans Striffler, von der Kathedrale in Brasilia von Oskar Niemeyer bis zur Kirche in Tokio von Kenzo Tange, auch einige der gekonnt maßstäblich, bis ins Detail handwerklich durchdrungenen Peuser-Entwürfe bis nach Rom. (kb, 23.8.16)

 

Literatur und Quellen

Archiv Prof. Dr. Ing. Dr. phil. Heinz Willi Peuser, Bad Camberg. (Weitere Archivalien sind abgelegt in: Kirchenbau und Kirchenkunst international. 1962-1983. Vatika – Rom, 1984; Materialien zum Werk von Peuser im Archiv des Architekturmuseums der TU München).

Peuser, Heinz W., St. Mauritius – Pfarrzentrum. Erbach im Taunus, hg. von der Katholischen Kirchengemeinde Erbach/Taunus, Erbach/Taunus 1970.

Peuser, Heinz W., Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul, Kreuzkapelle und Hohenfeldtkapelle zu Camberg. Kunstgeschichtl. Studie mit denkmalpflegerischer Inventarisation, Basel/Frankfurt am Main 1975 (zugl. Dissertation, Frankfurt am Main, 1975).

Peuser, Heinz W., Gnadenthal und die Jesus-Bruderschaft (Schnell und Steiner, Kleine Kunstführer 1249), München/Zürich 1984.

Peuser, Heinz W., Schlossausbauten aus Romantik und Historismus als bau- und denkmalpflegerische Aufgabe, Dissertation, Weimar, 1992/93

Peuser, Heinz W., Kirchenbau und Denkmalpflege in Ostdeutschland. Beispiele aus Studien an der TU Dresden, in: das Münster 1996, 3, S. 194-207.