Das Prinzip Untergrund

von Nikolaus Bernau

Man muss kein esoterischer Goetheaner sein, um zu wissen: Der Mensch strebt dem Licht und der damit verbundenen Wärme zu. Sonst wäre nicht Mallorca im Sommer, sondern Spitzbergen im Winter das Ziel von Millionen. Ein genetischer Reflex für uns, die wir alle aus den heißen Savannen Ostafrikas stammen, einst die Übersicht gewannen über unsere Umwelt durch das Aufstellen auf zwei Beine, nur im Hellen unsere Sinne entfalten können, im Dunkeln aber den Überfall leiser, feindlicher Wesen fürchten. Wir suchen in Höhlen nur Schutz, wenn es unbedingt nötig ist, dort droht Ungemach von giftigen Spinnen, Schlangen, Tausendfüßlern und Ratten, all den bis heute trotz aller Modernität bei vielen Menschen heftige Phobien auslösenden Wesen der Schatten.

 

Zum Höhlendasein gezwungen

Und doch werden seit etwa eineinhalb Jahrhunderten Millionen von Menschen tagtäglich zum Höhlendasein gezwungen, von Verkehrs- und Stadtplanern, Auto- und Bahnbauindustriellen, Diktatoren, gewählten Abgeordneten und Bürgermeistern. Kollektiv disziplinieren uns Architekten und Lichtdesigner zu diesem gegen alle genetischen Grundinformationen verstoßenden Tun. Ohne sie wäre der Bau vor allem des Massenverkehrsmittels U-Bahn undenkbar, beginnend bei der Gestaltung der Übergangszonen zwischen oben und unten, die gar nicht strahlend und schimmernd genug sein kann, bis zur Inszenierung des Schauders vor dem dunklen Tunnelzugang. Selbst wenn direkt dahinter Abstellhallen zu finden sind, werden die darin befindlichen Leuchten dem Publikum verborgen.

Großartige technische Bauten, auf die man so stolz sein könnte wie auf die hellen Bahnhöfe, sind deswegen weitgehend unbekannt. Die Züge mit ihren strahlenden Lampen und den matt erhellten Führerkabinen kommen aus dem Dunkel, verschwinden wieder darin, nur sehr dumme Mutige oder die in das Geheimnis eingeweihten Bahnmitarbeiter getrauen sich, ihnen dorthin zu folgen. Seit der dem Bau der ersten Untergrundbahn in London ab 1863 und in Athen ab 1869 sollten U-Bahnen die Straßen frei machen von Fußgängern, Fahrradfahrern und vom Personennahverkehr und schnelleren Transport etwa zwischen den großen Kopfbahnhöfen erlauben. Vor allem aber waren und sind sie ein Zeichen: Wir sind in der Lage zum Bau dieser überaus komplexen technischen Geräte, und wir können es uns leisten, sie zu betreiben.

 

Machtprojekt U-Bahn

Die ungeheuer hohen Baukosten – oft mehr als zehn Mal so hoch wie die für eine gleichwertige Straßenbahn! – die immensen Kosten für Instandhaltung der Tunnel, des Betriebs unter der Erde, auch die Überwindung der psychologischen Nachteile gegenüber jedem überirdischen Fahrzeug sind also gerade kein Nachteil, sie gehören stattdessen zum Machtprojekt U-Bahn. Nicht zufällig waren es oft die besten Architekten einer Epoche, die sich dem Entwurf von U-Bahnhöfen und ihren Zugangsbauten widmeten, wurden hier Denkmäler des jeweiligen Zeitgeistes geschaffen wie die bis heute faszinierenden U-Bahngestaltungen Alfred Grenanders in Berlin. Nachdem Erde und Luft und Meer dem Menschen Untertan geworden sind, soll es nun auch die Erdkrume sein.

Eng sind entsprechend U-Bahnbauten, staatliche Repräsentation und gesellschaftliche Selbstbestätigung miteinander einander verbunden. Die Hochbahn in Chicago, 1892 eröffnet, war ein Teil der prachtvollen Columbian Exhibition, mit der die USA erstmals den Anspruch auf Weltmachtgeltung demonstrierten. 1896 feierte Budapest den ungarischen Vormachtanspruch gegenüber Kroaten, Rumänen, Siebenbürger Sachsen, Slowaken und Serben mit einer Ausstellung, die tausend Jahre Landnahme , i. e. der Eroberung der pannonischen Ebene demonstrierte. Die neue U-Bahn unter der Andrassy Ut war Teil dieser Machtdemonstration, die das neue, grandiose Parlamentsgebäude mit dem gewaltigen, ästhetisch allein durch die Zeitdifferenz halbwegs erträglich gewordenen, inhaltlich immer noch fürchterlichen Nationaldenkmal verbindet.

 

Motorisierte Bedeutungsträger

Paris, das sich seit dem 18. Jahrhundert als die Stadt der Moderne schlechthin begriff, erhielt zur Weltausstellung 1900 seine „Metro“, die heute den größten Teil des öffentlichen Nahverkehrs bewältigt. Es war jene Weltausstellung, die nach der Apotheose der Revolution 1889 international noch einmal die Dominanz der französischen Kultur durchsetzen sollte – auch mit den stilhistorisch, jedenfalls aus einer deutschen oder österreichischen Perspektive, schon fast wieder überholten Metro-Jugendstil-Portalen Hector Guimards.

Der prachtvolle Ausbau der Moskauer U-Bahn zu den Zeiten Stalins und seiner Nachfolger verschleiert mit seinem Glanz nicht nur die Schrecken des Genozids in der Ukraine, des stalinistischen Terrors, der Vertreibungen und Deportationen, des Gulags, sondern das Scheitern aller sozialistischer Heilsversprechen an der sozialistischen Diktatur. In München entstand zu den Olympischen Spielen 1972, die die Rehabilitierung der Deutschen vollenden sollten, eine betont heiter und offen, jeden Gedanken an die massige Architektur der Nazizeit vergessen machende U-Bahn. In West-Berlin wurde das U-Bahnsystem und unter Aufopferung des Straßenbahnsystems radikal ausgebaut, oft direkt parallel zum von der DDR betriebenen S-Bahnsystem, auch, um die Bedeutung der Halbstadt im Kalten Krieg zu unterstreichen.

 

Vermaulwurfung der Gesellschaft

U-Bahnbau war aber immer auch eine gesellschaftspolitische Machtgeste: In den Vierteln der Armen oder Nicht-So-Reichen wie dem Berliner Kreuzberg, Prenzlauer Berg, New Yorks Vororten, den Randbezirken der Pariser oder Hamburger Innenstadt wurden die ratternden Gefährte auf hohe, oft eiserne Viaduke gehoben. Das war weit billiger als der Tunnelbau und die Anwohner hatten nicht genug Einfluss, um sich zu wehren. Im Gegensatz etwa zu den wohlhabenden Charlottenburgern, die durchsetzten, dass die Ost-West-Line der Berliner U-Bahn am Nollendorfplatz im Boden verschwindet; der teure Kampf Bayerns für unterirdische Stromtrassen auf seinem Landesteil (und die bürgerlich-sittlich intoniert scheinende gleichzeitige Polemik gegen angebliche Verschwender in Griechenland, das am Rand) hat seine Vorläufer.

Längst ist die mit dem U-Bahnbau eingeleitete Vermaulwurfung der westlichen Gesellschaften und Japans sowie der ihnen nacheifernden, wohlhabend werdenden Länder wie China, Brasilien oder Mexiko weit über den Verkehr hinaus geschritten. Paradigmatisch hierfür war der Umbau des Louvre zum Grand Louvre in den 1980er-Jahren – übrigens direkt verbunden mit einer U-Bahnstation. Nach den Plänen von I. M. Prei entstand eine gigantische unterirdische Mall, die die drei Flügel des Louvre miteinander verbindet.

ür eine Zeitlang wurden unterirdische Passagen geradezu zum Signal moderner Museumsplanung, etwa in Washington D.C. an der National Gallery oder, bisher nicht ausgeführt, zwischen dem Natur- und dem Kunsthistorischen Museum in Wien. Besonders radikal ist diese Fixierung auf das Unten auf der Berliner Museumsinsel: Dort bestanden bis 1944 zwischen vier der fünf Bauten oberirdische Verbindungsgänge und -brücken. Nun wird der Eingangsbau nach den Plänen David Chipperfields errichtet, um der künftigen, in den Tief- und Sockelgeschossen verlegten Erschließung zu Attraktivität zu verhelfen: Das teuerste Foyer der Museumsgeschichte, schamlose 140 Millionen Euro soll es nach aktuellem Stand kosten.

 

Teil unserer Geschichte

U-Bahnen und ihre Töchter im ökonomischen wie kulturellen Bereich sind das Anzeichen von Gesellschaften, die erhebliche Vermögen aufgebaut haben, von deren Renten leben und sich den Luxus leisten, ihre Verkehrsarten möglichst weit zu entzerren und unbeschwert um die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten zu sein. Nicht zufällig ist ihre Errichtung gerade in Millionenstädten auch eine Entscheidung zugunsten der individualautomobilen Gesellschaft. Zwar wäre es in diesen sinnvoll gewesen, die im 19. Jahrhundert aufgebauten, billigen und hocheffizienten Straßenbahnsysteme auszubauen – doch oft wurden sie, wie in Paris, Los Angeles, London oder Berlin, zerstört zugunsten von Autobahnen, Buslinien und U-Bahnen.

Die Verschwendung natürlicher Ressourcen kümmerte nicht, die Zerstörung der Städte – siehe die Vandalisierung ganzer Stadtviertel von Amsterdam für den U-Bahnbau! – genau so wenig. Aber es gibt Widerstand: Inzwischen zählen U-Bahnen zum historischen Bestand unserer Städte. Wir lieben sie als Teil unserer Geschichte. Und doch wird aus einer noch ferneren Perspektive als der aktuellen wohl eines der großen Rätsel sein: Warum ging der Mensch des 20. Jahrhunderts freiwillig unter die Erde?

 

Der Beitrag wurde erstmals bei moderneREGIONAL veröffentlicht im Themenheft „Untergründig“ (15/3). Das Titelmotiv: „Mehr Licht“ – Goethe folgen die Frankfurter auf einer der zahlreichen Rolltreppen jeden Tag in den Untergrund (und auch wieder zurück ans Tageslicht) (Bild: Gregor Zoyzoyla)

ESSAY: Heimat Beton

von Martin Bredenbeck (Foto-Spezial 16)

Martin Bredenbeck nebst Schwester 1984/85 in Oostkapelle: „Es war eine ganze Feriensiedlung aus solchen Bungalows. Im Haus stand eine afrikanische Trommel, die wir zur Freude der Eltern eifrig betätigt haben. Der Bungalow heißt bei uns bis heute ‚Trommelhaus‘.“

„Suchst Du mir bitte ein paar Kinderfotos vor der Johanniskirche raus?“ So die Anfrage an meine Mutter, um diesen Beitrag bebildern zu können. Aus den Kinderjahren in der evangelischen Johanniskirchengemeinde in Mülheim an der Ruhr musste es solche Aufnahmen geben, da war ich ganz sicher. Wie viele (Kinder-)Gottesdienste, Gemeindefeste, Frauenhilfsnachmittage und Bastelstunden hatten wir dort nicht als Pfarrfamilie erlebt! Aber leider fand sich in den Alben daheim kein einziges Foto, das mich und die Kirche gemeinsam zeigte. Es fand sich kaum eines, das überhaupt die Kirche zeigte. Hatten meine Eltern das Zentrum eines ganzen Lebensabschnittes so zurückhaltend fotografiert? Um nun nicht collagieren zu müssen, eingedenk früherer Bastelstunden, änderten wir die Suchstrategie: „irgendwas mit mir und moderner Architektur“. So lassen sich daran nun doch schöne Geschichten erzählen über meine Kindheit in und mit der Nachkriegsmoderne.

Bungalowbild nebst Mutter

Martin Bredenbeck nebst Mutter 1978/79 und 2016: „Unser Mülheimer Pfarrbungalow ist wegen der Hanglage zur Rückseite – was man hier auf den Fotos zur Straßenseite nicht sieht – zweigeschossig: ein ferner Nachhall der Villa Tugendhat.“

Das „Original“ zeigt Mutter und Sohn Bredenbeck (Jahrgang 1977) 1978/79 auf den Stufen zum Pfarrhaus. Anfang Oktober 1976 zogen die Eltern dort ein, denn für Horst Bredenbeck begann damals seine Verpflichtung als Pfarrer in Mülheim an der Ruhr. Johanniskirche und Pfarrhaus waren damals ziemlich junge Bauten. Umso mehr Beton die 1965 eingeweihte Kirche enthält, umso weniger das Pfarrhaus: Es handelt sich um einen wenige Jahre nach der Kirche errichteten Metallfertigteilbau mit Gipskartonplatten. Die Gemeinde kaufte damals übrigens direkt zwei Exemplare, aber nicht „auf Vorrat“, sondern beide wurden gleichzeitig für zwei Gemeindeteile aufgebaut und sind bis heute vorhanden.

Aus Beton besteht die Unterkonstruktion (insbesondere habe ich die große Sicherheitswanne für den Heizölbehälter in Erinnerung), aber dieses Material tritt ansonsten nicht in Erscheinung. Die Ästhetik wird geprägt durch Metall, Glas und Backstein sowie durch klare und nüchterne Formen. Wohl das aufwendigste Gestaltungselement ist der Eingang, durch das Vordach mit seinen recht feingliedrigen Metallprofilen, die passende Tür und die offenen Treppenstufen. Die Backsteinhülle des Bungalows war übrigens ein Extra, das sich die Gemeinde damals geleistet hat.

Wohnzimmer nebst Keramikananassen

Martin Bredenbeck nebst Kletterarchitektur 1984/85: „Das müsste der Skulpturenpark in Willebadessen sein. In der Gegend waren wir oft im Urlaub.“

Was kann ich über das Innere sagen, was ausstattungsgeschichtlich (klingt wie im Dehio!) relevant wäre … In der Diele gab es eine grüne Textiltapete und Wandlampen mit verspiegelten Glühbirnen. Zwischen Küche und Essbereich bestand die Wand aus beidseitig zu öffnenden Schränken (Resopalplatten?) und einer eingebauten Durchreiche. Die hintere Diele – Verteiler zu den Schlafzimmern – hatte eine Kunststoff-Lichtkuppel und das Elternbad moosgrüne Wandfliesen. Das Beste war das Wohnzimmer mit Grastapete und dunkelbraunen Cordsofas. Die gibt’s leider nicht mehr, aber die Kirschholzmöbel sind geblieben.

Die Einrichtung enthielt auch einige ältere Stücke aus dem 19. Jahrhundert, darunter ein raumhoher Wandspiegel im Flur, kleine Beistelltische mit goldgeprägter Lederoberfläche im Wohnzimmer, irgendwo eine Blumensäule und eine ehrfurchtgebietende Wanduhr (ein Geschenk von einem Männergesangsverein). Das alles war, wie ich mir das heute erschließe, eine um 1975 durchaus typische Mischung: einerseits Modernität (gemäßigt, gar nicht futuristisch oder schrill), andererseits das Wiederentdecken des Historismus durch Flohmärkte und Erbstücke. Besonders kurios waren die Lampen, die meine Eltern Anfang der 1970er für besagte Beistelltische erworben hatten: Für teures Geld und daher im Abstand von zwei Jahren kamen aus Italien zwei niegelnagelneue Keramikananasse (Welch seltene Gelegenheit für diesen Plural!), die aber irgendwie so schon 1875 hätten gemacht worden sein können.

Kirchturm nebst Kegelbahn

Turm nebst Deutungsebene 2016: „Der Campanile der Johanniskirche zitiert den 1966 fertiggestellten, denkmalgeschützten Stadtwerketurm im nahen Duisburg – allgemein wollte die nachkriegsmodernen Sakralarchitektur gleichsam Erinnerung an die Alltagswelt sein, aber in künstlerisch überhöhter Form.“

Umso moderner war die zugehörige Kirche: Die Evangelische Johanniskirchengemeinde war ein Kind der Expansion des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, ausgepfarrt aus der Altstadtgemeinde mit ihrem historischen Kirchenbau. An der bergauf nach Essen führenden Aktienstraße hatte die Gemeinde 1913 eine neuromanische Kirche mit Werksteinfassade errichtet. Als der Zweite Weltkrieg endete, war dieser Bau kaum 30 Jahre alt und doch stilistisch veraltet. Zudem hatte ein Bombenangriff 1943 starke Schäden verursacht. Für einen zeitgemäßen Neubau war zunächst kein Geld da, aber bald nach 1960 wurde das Projekt in Angriff genommen. Vom ruinösen Altbau hat man sich wohl leichten Herzens getrennt, den stattlichen Neubau aus Glas, Stahl und Beton am 19. September 1965 eingeweiht. Der Entwurf des Architekten H. Stumpf beruht auf Dreiecksformen, vom straßenbildprägenden hohen Zeltdach bis zum weithin sichtbaren Campanile.

Das alte Gemeindehaus wurde in den 1980er Jahren abgerissen für einen zeittypischen Neubau, dessen polygonal gebrochener Grundriss und der in Einzelkompartimente zerlegte Baukörper überaus zeittypisch sind. Wenn ich an die vielen Extras denke, die man sich damals leistete: Kaminzimmer, Kellerbar, bewegliche Sonnensegel und Kegelbahn! All das ist mittlerweile längst „ad acta“ gelegt, außer Funktion und teilweise ausgebaut. In der Euphorie eines echten Gemeinde-Zentrums geplant, konnte das Haus nicht dauerhaft mit genug Leben gefüllt werden. Oder anders: In Bars geht man immer noch, man kegelt und feiert Familienfeste, aber eben nicht in Gemeindezentren. So ist das ja auch mit den Kirchen. Die Menschen sind 2016 wahrscheinlich nicht „spiritueller“ als 1965, 1975 oder 1985, aber sie haben dafür andere Wege gefunden. Und wenn wir in „spiritueller Stimmung“ sind, wollen wir das Andere, das Besondere erleben.

Umzug nebst Zeitsprung

Vorgängerbau nebst Stilmix um 1913: „Die erste Mülheimer Johanneskirche entstand in einer ganz späten Neuromanik, mit einem Einschlag von Jugendstil und Reformarchitektur.“

Während die Johanniskirche im wesentlichen so dasteht wie 1965 und in meiner Erinnerung und mittlerweile vorsorglich vom Amt für Denkmalpflege im Rheinland begutachtet wurde, hat sich der Pfarrbungalow verändert. Viele Möbel wurden schon zu meiner Zeit, in der zweiten Hälfte der 1980er Jahren, gegen neue ausgetauscht. Die braunen Cordsofas, die heute wahrscheinlich ein Vermögen wert wären, wanderten von dannen, fröhlich pastellfarbene Veloursofas traten an ihre Stelle. Neue Wandverkleidungen wurden gespannt und ins Elternbadezimmer zog – natürlich – eine Hewi-Ausstattung ein.

Wir selber zogen 1989 in einen anderen Stadtteil um, wo fortan ein Wohnhaus aus der Zeit um 1910 und eine neugotische Kirche von 1883 unsere Ankerpunkte wurden. Es wäre spannend, darüber nachzudenken, in welche Richtung die Sozialisation unkomplizierter war: Es war für uns wohl leichter, von 1970 zu 1880 zu wechseln als umgekehrt. Von Anfang an im Altbau aufgewachsen und gebetet, da hätte ich mich wohl schwerer getan mit einem modernen Pfarrhaus und einer modernen Kirche. Das liegt auch daran, dass es die Moderne irgendwann seit den späten 1970er Jahren allgemein zunehmend schwerer hatte. Schon das neue Gemeindehaus der 1980er Jahre war ja ein Kind eben jener Veränderung: kein bewusst querstehender Solitär, sondern geprägt durch Einfügung, Maßstäblichkeit und angepasste Materialität (Backstein …).

Erinnerung nebst Realitätsabgleich

Pfarrbungalow nebst Wärmedämmverbundsystem: „Neu ist z. B. das Türblatt – von modern zu postmodern – und die Außendämmung mit hellcremigem Farbanstrich sowie einer verschieferten Traufkante.“

Nach unserem Weggang aus der Gemeinde 1989 verloren wir den Bungalow jahrelang aus den Augen. Beim Wiedersehen 2016 ist die äußere Grundstruktur gleich geblieben, ja, der ganze Treppenvorbau ist nahezu unverändert. Verändert haben sich indes viele Details. Wenn ich die Bilder vergleiche, kommt mir der alte Zustand gestalterisch konsequenter vor, irgendwie stimmiger. Der neue Zustand hat auch sein Recht, einmal wärmetechnisch, einmal ästhetisch. Der alte jedoch war es, mit dem ich aufwuchs und der mich geprägt hat.

Diese Erinnerung ist die Heimat, weniger das heute ja immer noch stehende Gebäude. Bei der Kirche gibt es diese Diskrepanz nicht – aber der persönliche Bezug zum Pfarrbungalow und zum Gemeindezentrum war insgesamt stärker als zur Kirche, einem Sonderbau. Auch wenn wir Pfarrerkinder die Kirche natürlich in- und auswendig kannten: Vielleicht wird man eines Tages dort die Orgel ausbauen (wenn, dann hoffentlich wegen Renovierung, nicht wegen Schließung). Dann wird man in ihrem Innenleben einen Flummi wiederfinden, den meine Schwester und ich in Kindertagen im spielerischen Ungestüm hineinmanövriert haben. Falls der Kunststoff die Jahrzehnte überstanden haben sollte, muss ich mir diesen Flummi zurückholen – er ist auch ein Baustein aus der Heimat.

Titelmotiv: Mülheim/Ruhr, Pfarrerbungalow Bredenbeck um 1978/79 (Foto: privat)

Wir danken dem Vater, Pfarrer i. R. Horst Bredenbeck, und der Mutter, Christa Bredenbeck, für die aktuellen Aufnahmen.

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Fotospezial 16: „Generation Beton“

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Gundernhausen: „Auf dem Balkon“

„Mein Heimatort Gundernhausen bei Darmstadt, Wohngebiet Stetteritz, atmet noch heute die Vorstellungen der 1960er bis 1980er Jahre. Hier standen nicht nur Ikonen der Nachkriegsarchitektur, sondern eher die typischen Wohnhäuser des Mittelstands. Unser Haus wurde 1979 fertiggestellt, ein Hanghaus mit den Wohnräumen im Obergeschoss und den Schlafzimmern unten zur Straße hin. Hier wohnte ich seit ich ein Baby war bis nach dem Abitur. Seither war ich sehr selten dort, zuletzt vor rund zehn Jahren. Mein Kinderbild entstand im Sommer 1981 auf unserem Balkon. Von dort hatte man einen weiten Blick in die Ebene. In der Nachbarschaft lebten Klassenkameraden. Ein Vierteljahrhundert später sind nur wenige alte Nachbarn geblieben und die Häuser nach Verkauf mehr oder weniger stark verändert – für mich die typische Geschichte eines alten Neubaugebiets. Berührt haben  mich das Wiedersehen mit dem Ort, Einblicke in unser altes Haus und das Gespräch mit der früheren Nachbarin Frau Volk.“ (Tobias M. Wolf, * 1979, Kunsthistoriker und Bezirkskonservator mit Blick für die Schönheiten der Nachkriegsmoderne)

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