PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

von Karin Berkemann

Zinnowitz, Kulturaus, Schriftzug (Bild: K. Berkemann)
Symbolträchtiges Fotomotiv: der ramponierte Kulturhaus-Schriftzug (Bild: K. Berkemann)

In Zinnowitz hängt die Kultur schief – genauer gesagt, das große „L“ im Schriftzug „KULTURHAUS“. Auch sonst ist bei dem monumentalen Bau kaum noch etwas an seinem Platz: Die Fenster wurden eingeschlagen, die Birken wuchern auf der Freitreppe und das Backsteinmauerwerk legt sich selbst frei. Denn das „Kulturhaus Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ steht seit 1990 leer. In den folgenden 23 Jahren haben verschiedene Investoren unterschiedlichste Ideen durchgespielt und wieder verworfen. Nun scheint sich doch noch eine Lösung abzuzeichnen …

 

Das Seebad und der Bergbau

In den frhen 1950er Jahren wurde das Ostseebad Zinnowitz zum Ferienort der Bergarbeiter (Bild: Bundesarchiv Bild-Nr. 183-16206-0011, Foto: Bend, 1952)
Das „Erste Seebad der Werktätigen“ verzeichnete 1950 wieder 20.000 Besucher (Bild: Bundesarchiv Bild-Nr. 183-16206-0011, Foto: Bend, 1952)

Auf der Ostseeinsel Usedom stieg das Fischerdörfchen Zinnowitz 1851 zum Seebad auf. Es sollte bis zur Jahrhundertwende dauern, bis man den neuen Kur- und Feriengästen moderne Unterkünfte, eine gute Verkehrsanbindung und eine mondäne Seebrücke bieten konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Ort zügig wiederhergerichtet, so dass der Feriendienst des FDGB erste Plätze vergab. Im Jahr 1950 war das „Erste Seebad der Werktätigen“ mit rund 20.000 Gästen bereits wieder obenauf.

Doch dann kamen das Jahr 1953 und die Bergarbeiter. Die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut hatte sich nach dem Krieg als Staat im Staate etabliert. In Thüringen und Sachsen baute sie das seltene Uran ab, das den Kalten Krieg frostig hielt. Die Wismut-Bergleute sollten sich im lungenfreundlichen Zinnowitz erholen. Nach der Enteignungswelle „Aktion Rose“ übernahm die Wismut hier 1953 nicht nur bestehende Ferienheime, sie baute auch im großen Maßstab neu: vom Ernst-Thälmann-Heim (1958) bis zum Urlaubsdomizil „Roter Oktober“ (1977).

 

Zwischen NS-Stil und Stalinbarock

Zinnowitz, Kulturhaus (Bild: historische Postkarte)
Die Räume des Kulturhauses konnten zusammen rund 1.7000 Menschen aufnehmen (Bild: Historische Gesellschaft zu Seebad Zinnowitz auf Usedom)

Von 1953 bis 1957 schuf der VEB Industrieprojektierung Nord (Walter Litzkow, G. Ulbrich, Günter Möhring, Kurt Hämmerling (Bühnentechnik), W. Reichardt (Akustik)) auf einem H-förmigen Grundriss einen monumentalen Kulturtempel. Der Theater-/Kinosaal, der Speisesaal, das Tanzcafé und die Klubräume konnten zusammen 1.700 Menschen aufnehmen. Denn die SED hatte der DDR 1949 „Kultur auf dem Lande“ verordnet: Schon bis 1953 entstanden in Dörfern und Kleinstädten 343 Kulturhäuser, davon 102 im heutigen Mecklenburg-Vorpommern. An der Ostsee lassen sich Heringsdorf (1949), Murchin (1954) und Mestlin (1957) herausgreifen – Zinnowitz (1957) wurde das Größte von ihnen.

Für das „Sozialistische Kulturhaus“ suchte die DDR einen eigenen nationalen Stil. Eigentlich lag der „Stalinbarock“ nahe, doch hatten viele Architekten noch unter den Nationalsozialisten gelernt. In Zinnowitz mischten sich NS- und Barockformen: Eine Freitreppe führte zur Pfeilerhalle des Hauptgebäudes, die Seitenflügel gliederten Wandvorlagen und den großen Saal überfing ursprünglich eine Spiegeldecke. Möglich wurde dieses mächtige Bauwerk erst durch die Rasterung und Fachwerkbinder aus der Industriearchitektur.

 

Sanierungsstau und Investorenträume

Zinnowitz, Kurhaus (Bild: K. Berkemann)
Vor dem abgezäunten leerstehenden Kulturhaus zieht das Leben schon wieder ein (Bild: K. Berkemann)

In den 1980er Jahren sanierte man das Kulturhaus umfassend und opferte dabei weite Teile der originalen Decken. Am 3. März 1988 schalteten sich die Behörden ein: Als architektonisch-historisches Zeugnis der 1950er Jahre sei das Kulturhaus „zur Aufnahme in die Topographie der Denkmale der DDR-Geschichte vorgesehen.“ Der rechte Flügel war 1989 fast wieder nutzbar, doch dann überschlugen sich die politischen Ereignisse. Ab 1990 stand der Kulturtempel leer.

Nach der Wiedervereinigung lobte die Treuhand 1991 einen Wettbewerb aus: Der Hamburger Architekt Ulf von Kieseritzky z. B. schlug ein Konferenz- und Schulungszentrum vor. Durch den Umbau werde, so Kieseritzky, „die ‚Ex-DDR-Altlast‘ einem inhaltlichen und architektonischen Entstalinisierungsprozeß unterzogen.“ In der Akte der Landesdenkmalpflege findet sich neben diesem Satz ein handschriftliches „hoffentlich“. Weitere Pläne und Investoren kamen und gingen.

 

Luxuswohnungen und Wellnesszone

Zinnowitz, Kulturhaus, Planung des Umbaus (Bild: Seidel Architekten)
Geht es nach den neuen Eigentümern, sieht das Kulturhaus bald so aus (Bild: Seidel Architekten)

Während andere noch planten, wurde der Bau nicht nur verwüstet, sondern auch „wild“ genutzt: Für Heimatforscher, Hobbyfotografen und Lost-Places-Touristen war das verfallende Symbol einer vergangenen Weltordnung allzu verlockend. Langsam kam Bewegung in die Sache, als die TU Cottbus 2007 studentische Ideen für den inzwischen denkmalgeschützten Bau präsentierte. Auch der angrenzende Park wurde 2009 wieder auf das Kulturhaus ausgerichtet. In einem zweiten Anlauf haben sich nun neue Eigentümer gefunden. Für sie soll das Büro Seidel + Architekten die erweiterten Seitenflügel als (Luxus-)Wohnungen, den großen Saal als öffentlichen Wellnessbereich herrichten – und das schiefe „L“ bleibt wohl auch erhalten.

 

Rundgang

Begleiten Sie Karin Berkemann – mit Bildern der Historischen Gesellschaft zu Seebad Zinnowitz auf Usedom und von Seidel + Architekten – auf einem Rundgang durch die Geschichte und Neugestaltung des Kulturhauses Zinnowitz.

 

Literatur und Quellen

Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Objektakte, 1987-2013

Lichtnau, Bernfried (Hg.), Architektur und Städtebau im südlichen Ostseeraum von 1970 bis zur Gegenwart. Entwicklungslinien – Brüche – Kontinuitäten [Publikation der Beiträge zur Kunsthistorischen Tagung, 15. – 17. April 2004, Caspar-David-Friedrich-Institut, Bereich Kunstgeschichte, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald], Berlin 2007

Hartung, Ulrich, Arbeiter- und Bauerntempel. DDR-Kulturhäuser der fünfziger Jahre. Ein architekturhistorisches Kompendium, Berlin 1997 [zgl. Diss., Uni Berlin, 1996]

Hain, Simone u. a. (Bearb.), Die Salons der Sozialisten. Kulturhäuser in der DDR, hg. von der Gesellschaft Hackesche Höfe e. V. und vom Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung e. V. Erkner, Berlin 1996

Handorf, Dirk, Horte der Ordnung und Größe, in: Denkmalschutz und Denkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern 1996, 3, S. 40-44

Heft als pdf

Sommer 14: Gestrandete Wale

LEITARTIKEL: Kann ein Bau stranden?

LEITARTIKEL: Kann ein Bau stranden?

Kerstin Wittmann-Englert vergleicht die Wale mit Architektur: Gestandet seien die modernen Großbauten hoffentlich nicht.

FACHBEITRAG: "Zentrum am Zoo"

FACHBEITRAG: „Zentrum am Zoo“

Karin Wilhelm schildert Berlins Aufbruch der Nachkriegszeit: als 1957 das „Bikini-Haus“ von Paul Schwebes und Hans Schoszberger entstand.

FACHBEITRAG: Das Kröpcke-Center

FACHBEITRAG: Das Kröpcke-Center

Olaf Gisbertz geht in Hannover auf Spurensuche nach dem gebauten, zerstörten und wiederaufgebauten Stadtzentrum – mit dem Kröpcke-Center aus dem Jahr 1976.

FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

Julius Reinsberg beschreibt eine Utopie des Sozialismus um 1930. Der Wettbewerb erzielte Höchstleistungen und beendete die russische Avantgarde.

FACHBEITRAG: Das "frappant"

FACHBEITRAG: Das „frappant“

Sylvia Necker folgt der Zwischennutzung des Hamburger Frappant. 1977 als Geschäfts- und Wohngebäude eingeweiht, steht heute an seiner Stelle ein neuer IKEA.

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

Der DAM-Direktor zeigt das Gothaer-Haus in Offenbach, das im Jahr 1977 die veschiedensten Nutzungen einfach übereinander stapelte.

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

Karin Berkemann befragt die moderne Baugeschichte des Kulturtempels: 1957 im Ostseebad eingeweiht, steht er seit der Wende leer und verfällt.

LEITARTIKEL: Grenzenloses Vergnügen?

von Dirk Schubert (Heft 15/2)

Von der Idee zum Verkehrsschild: die deutsche Fußgänngerzone
Von der Idee zum Verkehrsschild

Viele Stadtzentren verlieren heute ihr charakteristisches Profil: Die meist kleinbetriebliche wohnortnahe Versorgung bricht weg und der innerstädtische Einzelhandel wird von Filialisten vereinnahmt. Verkehrs- und Parkprobleme, nachlassende Sicherheit und Sauberkeit, denkmalpflegerische Anforderungen und fehlende Expansionsmöglichkeiten haben die peripheren Einkaufszentren gestärkt. Daneben drängen neue Betriebs- und Marktformen wie Teleshopping und Internethandel auf den Markt. Während sich der Strukturwandel bei Anbietern und Verbrauchern rasch vollzieht, „reagieren“ städtebauliche Strukturen deutlich langsamer.

 

Eine Erfindung der Nachkriegszeit

Die Fußgängerzone war eine Erfindung der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die einen neuen Typus öffentlicher Räume mit sich gebracht hat. Zwar wurden schon in den 1920er und 1930er Jahren städtische Haupteinkaufsstraßen zeitweise für den Fahrzeugverkehr gesperrt, wenn sie für Fahrzeuge und Passanten gleichzeitig zu schmal waren. In größerem Umfange setzten sich Fußgängerzonen aber erst in der Nachkriegszeit durch. Ende 1977 gab es in der Bundesrepublik bereits ca. 450 Fußgängerzonen, von 142 Städten und Gemeinden lagen Planungen für weitere vor.

Die Fußgängerzone galt nun als zündende Idee, als pfiffiges Konzept, gar als Quadratur des Kreises: Sie sollte zugleich die Verkehrsprobleme, die Umsatzrückgänge des Einzelhandels und die Verödung der Innenstädte lösen. Inzwischen hat – nach Angaben des Deutschen Instituts für Urbanistik von 2004 – wohl jeder Ort mit mehr als 5.000 Einwohnern in Deutschland eine verkehrsfreie Einkaufsstraße. Begrifflich können Fußgängerstraßen (nur für Fußgängerverkehre), Fußgängerzonen (Netz von Fußgängerstraßen) und Fußgängerbereiche (Netz von Zonen und Straßen) unterschieden werden.

Den Hintergrund für diese Entwicklung bildete – in den USA seit den 1920er Jahren und in Deutschland seit den 1950er Jahren – das rasche Anwachsen des motorisierten Individualverkehrs. Diese „Springflut der Motorisierung“ beherrschte die Straße zunehmend und verdrängte das übrige Leben von ihr. Daher galt die Fußgängerzone vorrangig als verkehrsorientierte Baumaßnahme.

 

An den Rändern der Stadt

Die „Fußgängerzonen-Begeisterung“ färbte auch auf die neuen Wohnquartierszentren am westeuropäischen Stadtrand ab. Bei Planung und Bau von Einkaufszentren halfen die Erfahrungen mit innerstädtischen Fußgängerzonen. Das Auto – zunächst als Symbol des Fortschritts und Wohlstands gewertet – erklärte man umgehend zur Ursache von Stadtflucht, Suburbanisierung und Innenstadtverödung. Verkehrsberuhigung und Wohnstraßen für Wohnquartiere wurden als Gegenkonzepte entwickelt.

Das Erfolgsmodell „Fußgängerzone“ übernahmen phasenverschoben auch die sozialistischen Länder. Hier allerdings überwogen andere ideologische Begründungszusammenhänge. Die sozialistischen Stadtzentren sollten sich deutlich von den kapitalistischen profitmaximierten Innenstädten unterscheiden. Als Alternative zur „City kapitalistischer Prägung“ sah das sozialistische Leitbild andere Qualitäten vor.

Dieser ideologische Begründungszusammenhang ist mit dem vergleichsweise geringen Motorisierungsgrad in der DDR zu relativieren. In der kapitalistischen Immobilienwirtschaft setzten sich die jeweils ertragsreichsten Nutzungen und damit Monostrukturen durch. In den sozialistischen Stadtzentren hingegen erlaubte es der weitgehend eingefrorene Bodenpreismechanismus, Wohnungen und Kultureinrichtungen einzuplanen. Auch im Zentrum sollten dabei möglichst industrielle Bauverfahren eingesetzt werden.

 

Umbauen, anpassen und variieren

Fast alle Fußgängerzonen sind seit ihrer Entstehung (mehrfach) umgebaut worden. Die zunehmende Konkurrenz zwischen innerstädtischen Fußgängerzonen und peripheren Shopping-Centern erforderte für die Kernstädte ein gestalterisches „Make-up“, das einen „Stimmungszusammenhang“ beim Einkaufen befördert. Man beklagte, dass die Fußgängerzonen nach Geschäftsschluss verödeten und zum Sammelpunkte von „Problemgruppen“ wurden. Begriffe wie „Fußgängerzone“ und „öffentlicher“ Raum versprachen gleichermaßen eine Kultur der „europäischen Stadt“, „Urbanität“, belebte Plätze und entspannte, Cappuccino schlürfende Flaneure. Frühere Öffentlichkeitsformen werden dabei nicht selten idealisierend verallgemeinert.

Die Shopping Mall setzte die Fußgängerzone konsequent und konsumorientiert fort. Zwischen 1950 und 1960 stieg ihre Zahl in den USA von 100 auf 3.000. Im Jahr 1985 wurden bereits mehr als 50 % des Einzelhandelsumsatzes in Einkaufszentren gemacht. Dabei lassen sich das „Strip Commercial Center“, die „Roadside Franchises“, die „Shopping Villages“ und die „Pedestrian Mall“ unterscheiden. Häufig wurden die Einkaufszentren mit Freizeitzentren und Themen-Parks verzahnt.

 

Ein „grenzenloses Vergnügen“?

Es geht immer stärker um den erlebnis- und freizeitorientierten Einkaufsbummel, um ein „grenzenloses Vergnügen“. Zunehmend gerät die innerstädtische Fußgängerzone ins Hintertreffen: Der angestammte Einzelhandel wird von Filialen verdrängt und verliert damit seine Vielfalt. Zudem geht der Trend zu Standorten, die sich am Autokunden orientieren. Vor diesem Hintergrund werben die peripheren Einkaufszentrum mit einem entspannten Erlebniseinkauf („shopping is fun“).

Wenn heute über die öffentlichen Räume von Fußgängerzonen diskutiert wird, herrschen zwei Themen vor: Zum einen werden Schlagworte wie Kriminalität, Sicherheit und Überwachung medien- und (partei-)politisch ausgeschlachtet. Zum anderen erörtert man die Globalisierung und ihre Auswirkungen auf öffentliche Räume – und verbindet dies noch mit Themen wie Kontrolle und Privatisierung des öffentlichen Raumes. Hier geht es vor allem um die „neuen“ öffentlichen Räume (Malls, Passagen, Shopping Center etc.), die Modernisierung der Fußgängerzonen und die „Verinselung“ (sicherer) öffentlicher Räume.

Beklagt werden inzwischen die Musealisierung, Theatralisierung und Dekoration des öffentlichen Raumes (Malls, Skywalks, Passagen etc.). Besonders kritisiert man die (behauptete) zunehmende Privatisierung sowie räumliche oder zeitliche (Teil-)Sperrung von Fußgängerzonen. Andere wiederum beschweren sich über Kriminalität, Obdachlose, Junkies und Drunkies und fordern mehr Kontrolle (Videoüberwachung, bessere Ausleuchtung, abschließbare Parks etc.). Das Bild einer Stadt und ihrer öffentlichen Räume bezieht sich zumeist auf das Zentrum und häufig auf die Fußgängerzonen, die ihre Reize teils aus der Vergangenheit erhalten. Denn Plätze und Fußgängerzonen bilden in der europäischen Stadt die klassischen Kristallisationspunkte öffentlichen Lebens.

 

Die Idyllisierung des Urbanen

Das Ende einer Idee?
Viele Malls der Stadtränder kopieren nur die Idylle der Innenstädte

Der x-te Umbau eines Rathausplatzes und die x-te Neupflasterung einer Fußgängerzone bewirken nicht automatisch, dass diese als öffentliche Räume besser akzeptiert und intensiver genutzt werden. Noch überwiegt hier ein übertriebenes „Sauberkeits-, Besitz-, Ordnungs-, Macht- und Besserwisserdenken“. Der Charakter einer Stadt, ihre Bedeutung und Ausstrahlung wird maßgeblich von ihrem „Showstück“, dem Zentrum bestimmt. Denn periphere Einkaufszentren sind häufig nur (schlechte) Kopien der Idyllen des Zentrums. Die Mall gleicht sich äußerlich der städtischen Fußgängerzone an und vice versa. Die Unterschiede nivellieren sich auf ein Mehr oder Weniger vom Gleichen.

Die neue Kontrolle wiederum (Disziplinierung, Normalisierung und Reduktion von Sicherheit), wie man sie in den eingeschränkt öffentlichen Malls eingeführt hat, werden von den Innenstädten kopiert. Das Konzept der „Business Improvement Districts“ setzt zwar auf Freiwilligkeit und sucht nach Alleinstellungsmerkmalen, will aber letztlich konkurrenzfähig machen zu den peripheren Malls. Die Innenstadt gibt der Stadt (noch) Unverwechselbarkeit, auch wenn die „Guten Stuben“, die Fußgängerzonen immer weniger unterscheidbar sind. Innenstädte und Fußgängerzonen sind vor allem dann zukunftsfähig, wenn sie wandlungsfähig bleiben.

 

Literatur

Schubert, Dirk, Die Fußgängerzone – Auslaufmodell oder Beitrag zur europäischer Stadtkultur, in: Jahrbuch Stadterneuerung 2008, S. 33-54.

Siebel, Walter, Zum Wandel des öffentlichen Raums – Das Beispiel Shopping-Mall, in: Saldern, Adelheid von (Hg.), Stadt und Kommunikation in bundesdeutschen Umbruchzeiten, Stuttgart 2006, S. 67-82.

Logemann, Jan, Einkaufsparadies und „Gute Stube“. Fussgängerzonen in westdeutschen Innenstädten der 1950er bis 1970er Jahre, in: Saldern, Adelheid von (Hg.), Stadt und Kommunikation in bundesdeutschen Umbruchzeiten, Stuttgart 2006, S. 103-122

Montz, Markus, Lebendige Stadtmitte. Eine städtebau- und kulturgeschichtliche Betrachtung er Fußgängerzone in westdeutschen Städten um 1970, Magister-Arbeit, Universität Göttingen, 2005.

Noller, Peter, Globalisierung , Stadträume und Lebensstile. Kulturelle und lokale Repräsentation des globalen Raums, Opladen 1999.

Durth, Werner, Die Inszenierung der Alltagswelt. Zur Kritik der Stadtgestaltung, Braunschweig 1977.

Heft als pdf

Frühjahr 15: Fußläufig

LEITARTIKEL: Grenzenloses Vergnügen?

LEITARTIKEL: Grenzenloses Vergnügen?

Dirk Schubert über die Ursprünge, Formen und Chancen der städtebaulichen Idee „Fußgängerzone“.

FACHBEITRAG: Chemnitz,  Brühl

FACHBEITRAG: Chemnitz, Brühl

Sylvia Necker folgt Spuren der Karl-Marx-Stadt, die in ihrem Zentrum einen eigenen Boulevard erhielt.

FACHBEITRAG: Frankfurt/O., Scharrnstraße

FACHBEITRAG: Frankfurt/O., Scharrnstraße

Paul Zalewski eignet sich mit Studenten die Große Scharrnstraße in Frankfurt/Oder neu an.

FACHBEITRAG: Hannover, Innenstadt

FACHBEITRAG: Hannover, Innenstadt

Ralf Dorn über eine der größten Fußgängerzonen Deutschlands – wie Hannover nach den Kriegszerstörungen verkehrsgerecht wiederaufgebaut werden sollte.

FACHBEITRAG: Dresden, Prager Straße

FACHBEITRAG: Dresden, Prager Straße

Tanja Scheffler bummelt durch die alte/neue Einkaufsmeile Dresdens.

PORTRÄT: Kassel, Treppenstraße

PORTRÄT: Kassel, Treppenstraße

Folckert Lueken-Isberner zur Ikone aller Fußgängerstraßen – der Kasseler Treppenstraße, ihrer langen Entstehungsgeschicht und ihren heutigen Problemen.

INTERVIEW: Haverkampf über die Zeil

INTERVIEW: Haverkampf über die Zeil

Der Stadtbaurat über „Deutschlands erste postmoderne Fußgängerzone“ – wie die Frankfurter Zeil begann und welchen Sinn sie heute noch macht.

LEITARTIKEL: Freie Zeiten, gute Orte

von Ingeborg Flagge (Heft 14/1)

Um wie viel einfacher wäre jetzt ein kurzer Abriss über die Qualität alter Architektur vom Barock bis zum Jugendstil. Aber dies sollen allgemeine Gedanken über moderne Architektur am Beispiel von Freizeitbauten werden. Und das ist schwer nach meiner kürzlichen, fesselnden Lektüre des klugen, aber äußerst pessimistischen Buches „Hybris“ von Meinhard Miegel, der das Bauen in unserer weltweiten Gesellschaft als eine Konstellation aus Exzessen bezeichnet, die zum Himmel schreit.

 

Alles, und zwar sofort

Die Londoner Skyline (Bild: Cmglee)
Die Londoner Skyline – links im Bild die Kuppel von St. Paul – wird heute von Hochhäusern beherrscht (Bild: Cmglee)

Nach Miegels Meinung ist diese Entwicklung der Tatsache geschuldet, dass eine unersättliche Gesellschaft immer mehr und immer höher hinaus will, und dieses alles sofort, ohne zu warten. Geduld sei keine ausgeprägte Eigenschaft unserer Konsumgesellschaft. Wer die neuesten Schreckensberichte über die Zerstörung der Skyline Londons liest, die sich noch vor ungefähr zehn Jahren an der Höhe der Kuppel von St. Paul orientierte, während heute über 200 neue Hochhäuser ohne Rücksicht hierauf realisiert werden, versteht, was Miegel kritisiert.

Es ist eine Binsenweisheit, dass Architektur eine Gesellschaft in ihrem Entwicklungszustand widerspiegelt und vieles aussagt über ihre Verantwortung, ihre Werte, ihre Ängste und ihre Prioritäten. Wir erfahren täglich, dass und wie sehr wir auf Sensationen, auf Höchstleistungen und außergewöhnliche Events hin orientiert sind. Das Spektakuläre hat Hochkonjunktur. Eben auch in der Architektur.

Extravagante Bauten und eine aufsehenerregende Gestalt, die wie Weltrekorde den Weg in die Nachrichten finden, werden bestaunt und besucht. Extreme Architekturlösungen wie ein phallusähnliches Hochhaus oder „das Wunder von Baku“ – eine spektakuläre Arena, die 2012 mit dem Eurovision Song Contest eingeweiht und in weniger als zehn Monaten realisiert wurde, sind das Ziel von Besucherströmen. Bekannte Architekten werden im Zuge dieser Entwicklung auch schon einmal zu Superstars erklärt und ihnen Züge von Superman zugeschrieben.

 

Auf Dauer überfordert

Dennoch: Offensichtlich bestaunt der Mensch diese Entwicklung, lässt sich von ihr auch faszinieren, fühlt sich aber in der Architektur dieser überwältigenden neuen Welt auf Dauer überfordert und nicht wohl. Wenn er wieder zu Hause in seiner eigenen, überschaubaren Welt ist, gibt er sich zufrieden und beginnt nicht etwa, diese jetzt entsprechend umzubauen.

Im Zentrum der genormten Gartenstadt Bad Dürrenberg bei Merseburg (A. Klein, 1930) sollte ein begrünter Platz  mit Planschbecken zum Verweilen einladen (Bild: Bundesarchiv, 1930)
Im Zentrum der genormten Gartenstadt Bad Dürrenberg bei Merseburg (A. Klein, 1930) sollte ein begrünter Platz mit Planschbecken zum Verweilen einladen (Bild: Bundesarchiv, 1930)

Irgendwie erinnert diese Diskrepanz an die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Moderne Architekten propagierten damals für die Nutzer neue, „ungeschmückte Sachformen“ (Hermann Muthesius) als Fortschritt, die allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg eine weltweite Verbreitung erfuhren. Die Menschen aber liefen Sturm gegen die anonyme Verzichtsarchitektur der Großsiedlungen der 60er Jahre und ihr stereotypes Raster.

Eben die menschenverachtende Rationalität solcher Bauten war einer der Gründe für die Hinwendung der Deutschen zu historischer Architektur, ihrer Maßstäblichkeit und ihrer Formenvielfalt. Die Schweizer nennen uns inzwischen „Rekonstruktionsweltmeister“, weil in Deutschland nicht nur der Erhalt und die Pflege alter Architektur leidenschaftlich betrieben wird, sondern auch abgerissene Schlösser und gesprengte Kirchen in so großer Zahl wieder rekonstruiert werden wie in keinem anderen europäischen Land.

 

Auf der Suche nach einem Zuhause

Das Modell-Wohnzimmer (1957) des VEB Deutsche Werkstätten Hellerau übersetzte die Ziele der Neuen Sachlichkeit in die Heimatsuche der frühen Nachkriegszeit (Bild: Bundesarchiv, 1957)
Das Modell-Wohnzimmer (1957) des VEB Deutsche Werkstätten Hellerau übersetzte die Ziele der Neuen Sachlichkeit in die Heimatsuche der frühen Nachkriegszeit (Bild: Bundesarchiv, 1957)

Wie aber muss eine moderne Architektur aussehen, in der der Mensch sich wohl und zu Hause fühlt? Diese Frage müsste eigentlich jeden Architekten umtreiben und Richtschnur seines Handelns sein. Die Antwort ist so schwer nicht: Sie muss großzügig und vielfältig sein, farbig, kleinteilig, atmosphärisch reich, aber nicht schrill.

Ernst Bloch sprach davon, dass „Bauen ein Produktionsversuch menschlicher Heimat“ sei. Diese sperrige Formulierung meint nichts anderes, als dass eine entsprechende Architektur uns bereichert und nicht einengt, dass sie dem Menschen Halt gibt und Spielraum lässt, dass sie selbstverständlich ist und nicht nur ein oberflächliches Versprechen. Wenn ein Bau Heimat sein soll, dann muss er hoffnungsfroh stimmen und Freude machen. Die Identität, die in einem solchen Fall entsteht, bedeutet die Übereinstimmung der Kenntnisse und Werte eines Menschen mit seiner Umgebung. Der ehemalige französische Kultusminister Francois Mauriac fand dafür einen schönen Vergleich. Er meinte: „Der Bau von Luftschlössern in unserer Welt kostet nichts. Aber ihre Zerstörung ist sehr teuer.“

Unsere Gesellschaft ist viele Gesellschaften: Massengesellschaft, Konsumgesellschaft, Wegwerfgesellschaft, Spaßgesellschaft, Freizeitgesellschaft. Die Bauaufgabe Freizeit ist dabei äußerst komplex und reicht von Kinobauten über Bäder bis zu Sportstätten. Für alle diese Entwurfsaufgaben gelten zwar unterschiedliche ästhetische und funktionale Anforderungen, aber keine Abstriche in Sachen herausragender Architekturqualität.

 

Gegen die Langeweile

München, Schwabylon (J. Dahinden, 1973, Abriss 1979/2013) (Bild: J. Dahinden)
Das Münchener Freizeitcenter „Schwabylon“ (J. Dahinden, 1973, Abriss 1979/2013) beherbergte u. a. exklusive Ladengeschäfte und die Großraummdisko „Yellow Submarine“ (Bild: J. Dahinden, 1973)

Der Schweizer Justus Dahinden, ein nicht immer erfolgreicher Architekt in Sachen Freizeit, formulierte – ziemlich abgehoben, aber trotzdem noch richtig – über das Bauen für Erholungssucher: „Es ist die Befreiung von der Langeweile […] Der Gestaltpsychologe vertritt die Meinung, daß Architektur die Empfindungswelt des Menschen in hohem Maße beeinflusst. Er spricht dabei von der Gefühlsansteckung, die sich als intensive Form der Kommunikation zwischen Bauwerk und Mensch einstellt. Architekten sind also die Regisseure, die Formen, Farben, Materialien, Licht und Schatten, Zeichen und Symbole so einsetzen, daß sich eine geplante Einstimmung des Menschen ergibt […] Für die Architektur bedeutet dies ein sinnliches Milieu zum Anfassen.“

Also überschaubare Einrichtungen statt des Baus riesiger Komplexe, die Berücksichtigung individueller Anforderungen statt massenhaft programmierter Bedürfnisse. Es gilt – so Dahinden – „die Architektur aus der Stummheit von reinen Formen und vom Lärm ostentativer Konstruktionen zu befreien, damit ein Bau wieder zu einem Gestaltungsanlaß werden kann […] Das Resultat sind dann nicht länger nur Funktionsbehälter und Konstruktionswunder“, sondern eine einnehmende Architektur, die überzeugt und erfreut.

 

Literatur

Hamm, Oliver G., Das Wunder von Baku, Berlin 2013 (3. Auflage)

Miegel, Meinhard, Hybris, Die überforderte Gesellschaft, Berlin 2013

Flagge, Ingeborg/Romeiß-Stracke, Felizitas, Freizeitarchitektur. Planen und Bauen für die Freizeit, Bd. 3, Architektur in der Demokratie, Stuttgart 1988

Heft als pdf

Frühjahr 14: Sport und Spektakel

LEITARTIKEL: Freie Zeiten, gute Orte

LEITARTIKEL: Freie Zeiten, gute Orte

Ingeborg Flagge sieht hinter den modernen Freizeitbauten eine Gesellschaft aufscheinen, die alles auf einmal will – und doch nur ein Zuhause sucht. Dabei brauche es weder vordergründiges Spektakel noch pure Funktion und Konstruktion. Sie ist sich sicher: Wirklich gute Architektur nimmt ein, überzeugt und erfreut.

FACHBEITRAG: Der Berliner Spreepark

FACHBEITRAG: Der Berliner Spreepark

Christina Gräwe folgt all den vielen Achterbahnfahrten: Jetzt gibt es neue Hoffnung für den stillgelegten Berliner Freizeitpark.

FACHBEITRAG: Das Kurbad Königstein

FACHBEITRAG: Das Kurbad Königstein

Karin Berkemann zeigt den Bäderbau der Nachkriegszeit: am Kurbad Königstein, das Otto Herbert Hajek 1977 künstlerisch gestaltete.

FACHBEITRAG: Der Hockenheimring

FACHBEITRAG: Der Hockenheimring

Daniel Bartetzko blickt auf den Geschwindigkeitsrausch und die sprechenden Architektur am Hockenheimring.

INTERVIEW: Zu Hause bei Dieter Rams

INTERVIEW: Zu Hause bei Dieter Rams

Der langjährige Braun-Designer zeigt sein Kronberger Haus: Wohn- und Atelierräume als Gesamtkunstwerk.

PORTRÄT: Das Gloria in Weißenfels

PORTRÄT: Das Gloria in Weißenfels

Sarah Huke beschreibt die moderne Baugeschichte und ungewisse Zukunft des Lichtspieltheaters Gloria in Weißenfels.