Die Trinkhalle

von Martin Bredenbeck mit Fotos von Axel Hausberg (18/4)

Wasser ist unentbehrlich. Dass es heute als Grundnahrungsmittel dient, dass international ein Grundrecht darauf gefordert wird, ist eine eher junge Geschichte. Denn bis weit ins 19. Jahrhundert war die Qualität des Wassers oft nicht dazu angetan, es unabgekocht zu genießen. Mit Bier, Wein und Säften war man dagegen auf der sicheren Seite. Allerdings, und das wussten schon die sprichwörtlichen Alten Griechen, kann Wasser auch ein Heilmittel sein. Egal, wie seine Wirkung zu unterschiedlichen Zeiten erklärt wurde: durch chemische Analyse, Molekülresonanz, Mondphasen oder auch durch einfache Magie. Zum Heilen, Vorbeugen und Lindern, zum Wohlbefinden und zur Stärkung nutzen wir Wasser seit Jahrhunderten. Nicht nur baden konnte man in den heißen oder kalten Quellen, sondern die Wässer auch trinken – aus guten Gründen aber als getrennte Vorgänge.

Vom Sehen und Gesehenwerden

Die große Zeit der Heilbäder war das 19. Jahrhundert. In Bad Ems, Baden Baden, Wiesbaden, Karlsbad, Spa und vielen weiteren bekannten Orten Europas kurten, tranken und badeten die adeligen und kulturellen Eliten, bürgerlich begleitet. Ein echtes „shared heritage“, für das auch der Welterbetitel angestrebt wird. Böse Zungen mögen behaupten, dass wie in den Opernhäusern und Museen das Sehen und Gesehenwerden im Mittelpunkt stand. Jedenfalls entwickelte sich rund um die heilsamen Wässer ein gesellschaftliches Leben, das seinen baulichen Ausdruck fand: Kurhäuser, Kurhotels, Trinkhallen, Wandelgänge und weitere historistische Ensembles prägen viele Kurorte bis heute und bilden ihr Kapital.

Aber nun zu Bad Neuenahr. Der berühmte Apollinarisbrunnen, entdeckt von einem Winzer, wurde 1852 im damaligen Wadenheim erbohrt. Vier Jahre später wurden die Heilquellen erschlossen und 1858 ein erstes Heilbad eröffnet, das mit Erlaubnis der Preußischen Regierung den wohlklingenden Namen Neuenahr führen durfte. Aus Wadenheim ging durch Zusammenschluss mit zwei weiteren Orten 1875 die Gemeinde Neuenahr hervor. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts erlebte sie eine erste Blütezeit. Die 1880 eröffnete Ahrtalbahn sorgte für den Zustrom an Kurgästen, die Infrastruktur wurde weiter ausgebaut. In wenigen Jahren entstanden um 1900 die bis heute stadtbildprägenden Anlagen, darunter das Thermal-Badehaus (1899-1901), das Kurhotel und das Kurhaus (1903-05). Gerade letzterer Bau, heute Spielcasino, steht für den Glanz des Kurortes zu dieser Zeit. Die neubarocke Formensprache zeigt hohen gestalterischen Anspruch und greift auf die Schlossarchitektur zurück. Das Thermal-Badehaus ist ebenfalls reich geschmückt, dieses Mal im Stil des Klassizismus. Im Historismus war eben vieles gleichzeitig möglich.

Bad Neuenahr startet in die Moderne

Für Erholung an der frischen Luft sorgten die reizvolle Landschaft und der von Peter Joseph Lenné geplante Kurpark. Daneben wuchsen Pensionen und Hotels in die Höhe, auch gehobene Wohnhäuser und Villen. Leider sind viele Vertreter gerade des Bautypus Hotel mittlerweile der Substanzerneuerung zum Opfer gefallen. Die Stadt erfreut sich regen Zuzugs von Senioren, und entsprechende Wohnungen werden angeboten. Ihre gestalterische Qualität lässt freilich zu wünschen übrig, doch das ist eine andere Geschichte.

Die staatliche Anerkennung des Heilcharakters der Neuenahrer Quellen erfolgte erstaunlich spät, erst 1927. Seitdem darf sich die Gemeinde Bad Neuenahr nennen. In diesen Zusammenhang gehört ein einzigartiges Bauvorhaben, das zu seiner Zeit wenige Parallelen hat. 1927 schrieb die Kur AG den Wettbewerb für einen neuen Kurkomplex aus. Auch der Kurgartenbereich sollte umgestaltet werden, in seinem Kern eine neue Trinkhalle. Die alte gusseiserne Trinkhalle wurde abgerissen und sogar der Verlauf der Oberstraße verlegt. Damit wollte man die relevanten Einrichtungen zu einer Einheit zusammenzuschließen. Der Wettbewerb hatte deutschlandweit hohe Resonanz. Das Preisgericht setzte sich aus der deutschen Architektur-Avantgarde der 1920er Jahre zusammen – genannt sei nur Ernst May, der zwei Jahre zuvor als Stadtbaurat das Neue Frankfurt ausgerufen hatte.

Unter Bauhauseinfluss

Die Wahl fiel auf die Entwürfe von Hermann Weiser. Zu seiner Zeit zählte er durchaus zu den bekannten Architekten. Als Meisterschüler von Peter Behrens, dem Mitbegründer des Deutschen Werkbunds an der Schwelle zur Moderne, war Weiser geprägt von den damaligen Debatten um eine zeitgemäße Architektur.

Ursprünglich plante Weiser einen Komplex, den Kunst- und Reiseführer heute zweifellos unter „Bauhauseinfluss“ verbuchen würden. Er verzichtete auf traditionelle Stilmittel, wählte stattdessen kubische Formen, große Glasflächen und Flachdächer. Kein Bauhaus, aber doch im Geist des Neuen Bauens. Die Ausführung verzögerte sich bis in die 1930er Jahre, begann 1933 und wurde erst 1937 abgeschlossen. Nun fielen die Bauten markant traditioneller aus: Die Gliederung mit Gesimsen und Pfeilern ist eher ein abstrahierter Klassizismus, sogar nahe an Vorstellungen von Behrens aus den 1910er Jahren. Dadurch wird die Nachbarschaft zum klassizistischen Thermal-Badehaus aber umso interessanter!

Von seltener Liebenswürdigkeit

In dieser Form ist die Anlage bis heute erhalten, ergänzt in den 1970er Jahren um einen Cafétrakt. Die Große Trinkhalle erhielt eine graphische Deckengestaltung aus abgehängten Betonelementen. Die großen Glasflächen, mit ihrem Ausblick auf den Kurgarten, wurden ausgetauscht. Dabei gerieten die Profile der neuen Kunststoffrahmen natürlich breiter.

Doch unbeschadet solcher zeittypischer Veränderungen spricht auch heute viel vom Geist der Neuen Sachlichkeit. Die Anlage steht in einer Reihe mit einigen wenigen deutschen Ensembles, darunter Bad Mergentheim und Bad Elster. Zwar wurden viele Heilbäder in den 1920er und 1930er Jahren modernisiert, aber derart umfangreiche Neubauten blieben die Ausnahme. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden dann wieder zahlreiche, auch sachlich gestimmte Kuranlagen. Für seine Zeit aber darf Bad Neuenahr – in Qualität und Umfang – eine an Einzigartigkeit grenzende Besonderheit beanspruchen. Die drehbare Konzertmuschel, die nach innen wie nach außen – zum Freiluftkonzert – gerichtet werden kann, ist dabei ein Detail von seltener Liebenswürdigkeit.

Von Lenné bis Beton

In Bad Neuenahr ergibt sich der besondere Reiz, die Entwicklung der Badekultur vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart ablesen zu können: von den Höhen der Gartengestaltungskunst eines Lenné bis hin zu den Beton-brut-Ergänzungen der jüngeren Vergangenheit. Bislang mag sich die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler noch nicht so recht zu diesem kulturellen Erbe bekennen. Dabei liegen dessen herausragende Eigenschaften schwarz auf weiß vor. Zahlreiche bundesweite Denkmalorganisationen haben einen Appell zur Bewahrung dieses Erbes unterzeichnet. Die Stadt, welche die Anlagen vor einigen Jahren von der Kur AG übernahm, argumentiert verständlicherweise mit Modernisierungsbedarf. Ein Erhalt sei aus technischen Gründen nicht möglich. Hier ist noch Überzeugungsarbeit zu leisten. Wichtig ist letztlich die Perspektive. Technische Gutachten könnten prüfen, was machbar ist. Wenn sie freilich als Schlechtachten möglichst viel Schaden nachzuweisen suchen, wird es für das Kulturerbe nicht leichter. Das sind bekannte Prozesse, die sich auch in Bad Neuenahr werden regeln lassen.

Modernisieren mit Verstand

Klar ist, dass das Kuren (modern auch: Wellness) heute anderen Abläufen folgt als im 19. Jahrhundert. Schon die 1970er Jahre sind für unsere Ansprüche keine Referenz mehr. Andere Angebote werden heute erwartet. Solche Modernisierungen im Bestand zu ermöglichen, ist aber gerade der Kerngedanke der Denkmalpflege. Sie will nicht museal, sondern lebensbezogen bewahren und – neu – nutzen. Insofern ist hier immer auch Bereitschaft zu Veränderungen und angemessenen Weiterentwicklungen gegeben. Und wenn wirklich einmal gar nichts mehr geht, ist auch eine qualitätvolle Neugestaltung denkbar.

Ob dann allerding eine echte Architekturqualität zu erwarten ist, sei dahingestellt. Die Architektur der Gegenwart entsteht allzu oft als virtuell ansprechende Animation, deren handwerklich-materielle Umsetzung stark zu wünschen übrig lässt. Einem Gropius wäre es jedenfalls nicht eingefallen, Fallrohre mitten über ornamentlose weiße Wandflächen zu führen – wie es allzu oft in unseren Neubauten „Typ Bauhaus“ zu sehen ist. Hinzu kommt, dass in Bad Neuenahr natürlich auch mit einer Verdichtung durch größeres Bauvolumen zu rechnen ist. Damit käme der Ensemblecharakter aus dem Gleichgewicht. Und natürlich würde ein Abriss und Neubau auch für die Parkanlage einigen Stress bedeuten.

Weitertrinken!

Ein bisschen Stress, das sei hinzugefügt, ergibt sich schon jetzt: 2019 kommt das Bauhaus-Jubiläum. Ein Jahr lang wird national und international die Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts gefeiert, der eben auch die Neuenahrer Bauten nahestehen. Müsste man hieraus nicht Kapital schlagen? 2022, und das ist quasi übermorgen, richtet Bad Neuenahr die Landesgartenschau aus. Sind dann die Bauten im Kurgarten denkmalgerecht ertüchtigt und strahlen in alt-neuem Glanz, als Schmuckstücke von Seltenheitswert? Oder sind sie zumindest als Schau-Baustelle noch in Renovierung, was sich didaktisch ansprechend vermitteln ließe? Die Unterzeichner des genannten Appells hoffen, dass die Bauten stehenbleiben und eine gute Lösung gefunden wird.

Denn unbeschadet aller heute möglichen angenehmen Alternativen, kann in der Großen Trinkhalle dann die Devise gelten: Weitertrinken!

P. S.: Jüngst beschäftigte sich die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kur- und Bädermuseen mit Bad Neuenahr. Auch hier ermunterte man die Stadt zur Bewahrung und Inwertsetzung des Kulturerbes. Das zeigt einmal mehr die Wertschätzung für die Anlagen und soll die Stadt ermutigen, damit konstruktiv-kreativ umzugehen.

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Herbst 18: „Geht aufs Haus!“

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Die Forschungsbrauerei

von Ralf Giebl mit Daniel Bartetzko (18/4)

Wer die Forschungsbrauerei in München-Perlach besucht, der tut dies eigentlich nur aus einem einzigen Grund: wegen des außergewöhnlichen Bieres. Doch am Ende dieses Beitrags sind hoffentlich noch ein paar weitere Gründe für einen Ausflug in die Unterhachinger Straße 78 hinzugekommen. Denn schon 1930, noch bevor Perlach zu München gehörte, wurde hier die Forschungsbrauerei begründet. Bis 2010 lag der Betrieb in den Händen der Familie Jakob, dann verabschiedete sich Stefan Jakob, der Enkel des Gründers. 2011 übernahmen die Brüder Silbernagl, seit 2016 führt die Wirtsfamilie Achhammer das Bräustüberl kulinarisch. Damit bleiben den Kennern bewährte Bierspezialitäten wie „Pilsissimus“ und der „Blonde Bock“ ebenso erhalten wie die Gebäude und Brauanlagen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts.

„ein Labsal zur körperlichen und seelischen Kräftigung“ (Gottfried Jakob, 27. Mai 1938)

Den Anfang machte Gottfried Jakob

Eine Inschrift über dem Eingang zum Sudhaus trägt das Baujahr der Brauerei und die Initialen der Gründer: G(ottfried), H(einrich), Ch(ristfried Jakob), 1936. Schon gegen Ende der 1920er Jahre hatte Gottfried Jakob mit einer 200-Liter-Anlage seine ersten Versuche unternommen – im ausgebauten Keller seines Wohnhauses. Später errichtete er die Brauerei an der heutigen Stelle, um praxisnäher arbeiten zu können. Damit wurde gleichzeitig die Kapazität verzehnfacht: Er konnte nun in einem Brauvorgang 20 Hektoliter „ausschlagen“, wie es in der Fachsprache heißt. Der Raum, in dem heute noch der Zapfhahn zu sehen ist, war damals das erste Perlacher Bräustüberl. Kurz darauf kam ein zweiter Raum hinzu, die heutige Probierstube.

Aus Nördlingen stammend, hatte Gottfried Jakob dort mit 16 Jahren eine Brauerlehre absolviert. Danach erwarb er einen dreifachen Ingenieurstitel in den Fächern Chemie, Maschinenbau und Brauereiwesen. Einen Namen machte er sich spätestens, als er für Binding das erste Brauereilabor aufbaute. In Perlach wollte er dann nach eigenen Vorstellungen und Ansprüchen wissenschaftlich vorgehen, daher der Name „Forschungsbrauerei“. Während seiner Laufbahn konnte Gottfried Jakob über 50 Patente eintragen lassen.

„Auf das Urteil eines unbefangenen Biertrinkers, der das Bier bezahlen muss, ist großer Wert zu legen.“ (Gottfried Jakob, 27. Mai 1938)

Im „Schlaraffenland“

Während des Zweiten Weltkriegs war auch in Perlach das Brauen verboten, weil die Gerste als Nahrungsmittel für die Bevölkerung benötigt wurde. Erst 1948 konnte die Familie Jakob die Arbeit wieder aufnehmen – mit einem dünnen „Einfachbier“. 1950 stellte Gottfried Jakob das Forschen ein, gebraut und ausgeschenkt wurde aber weiter von Hand auf der Grundlage seiner Erkenntnisse. 1958, nach dem Tod des Vaters, führte Heinrich Jakob den Betrieb, 2003 pachtete sein Sohn Stefan die Forschungsbrauerei. Fast unverändert erhalten blieb das Bräustüberl, das Gottfried Jakob als „Prüfstelle“ seiner Erzeugnisse durch die Gäste eingerichtet hatte. Die Ausmalung der holzverkleideten Räume hatte der Kunstmaler W. Erlacher übernommen, der Märchenmotive wie die Geschichte vom „Tischlein deck dich“ oder das „Schlaraffenland“ auswählte.

Spätere bauliche Zusätze, z. B. die Erweiterung des Sudhauses von 1974, sind deutlich ablesbar – etwa am feuerwehrroten Läuterbottich und an der großen Frontscheibe. Gebraut wird hier natürlich nach dem Reinheitsgebot. Das geht in Bayern gar nicht anders. Die Braukunst besteht unter anderem darin, die Stärke aus dem Malz in vergärbaren Zucker zu verwandeln – ohne die Zugabe von Fremdzucker. Damit das Bier aber immer in gleicher Qualität angeboten werden kann, muss man beim Sud jeweils die unterschiedlichen Ernten ausgleichen: vom Schroten über das Einmaischen und Läutern bis hin zum Kochen der Würze, zum Ausschlagen und zur Hefegabe.

„Wie schön ist doch die Harmonie / der Praxis mit der Theorie.“ (Direktor Lense, Hofbraurat München, im Stammbuch der Forschungsbrauerei)

Mit gutem Münchner Trinkwasser

Für die untergärigen Spezialbiere der Forschungsbrauerei wird ausschließlich Gerstenmalz verwendet. Hinzu kommt Naturhopfen aus der Region, keine Spur von Hopfenextrakt wie in Großbrauereien. Das Wasser stammt aus dem lokalen Trinkwassernetz. Früher hatte Gottfried Jakob noch einen eigenen Brunnen, aber inzwischen ist der Grundwasserspiegel zu weit abgesunken. Zudem wäre die Aufbereitung und Kontrolle für einen kleinen Betrieb zu aufwändig. Und das Münchner Trinkwasser passt mit seiner mittleren Härte hervorragend für die kräftigen Biere der Forschungsbrauerei.

Der Keller ist der Ort für die Hauptgärung, Nachgärung, Reifung und Lagerung. Alles eigentlich genau so, wie man es bei vielen Brauereiführungen schon gesehen hatte. Doch viele Details der technischen Anlagen versetzen den Besucher auf eine Zeitreise in die Anfangsjahre der Bundesrepublik. Denn in Perlach wurde nur das modernisiert, was unbedingt erforderlich war. Vieles blieb bis 2010 (fast) im Originalzustand, den die Brüder Silbernagel dann noch einmal behutsam erneuerten und ergänzten.

„Es leb der edle Gerstensaft / und der, der ihn gebraut. / Der Jakob hat’s weiß Gott geschafft / und hat ihn nicht versaut.“ (W. G. Thomas und Dr. Markert, im Stammbuch der Forschungsbrauerei)

Auf Lager

Der „Blonde Bock“ nach der Originalrezeptur von Gottfried Jakob, inzwischen ganzjährig erhältlich, wird zur Starkbierzeit im Frühjahr besonders stark eingebraut – mit 7,5 Prozent Alkohol und 19,5 Prozent Stammwürze. Vorher lagert er vier bis fünf Monate bei rund null Grad Celsius, um den vollen Geschmack zu entwickeln. Als zweite Spezialität wird in Perlach ein helles Exportbier angeboten unter dem schönen Namen „Pilsissimus“ (von Gottfried Jakob entwickelt als Steigerung eines Pils) – mit 5,2 Prozent Alkohol und 13,4 Prozent Stammwürze.

Bis 2010 war die Forschungsbrauerei ein rein untergäriger Betrieb, danach erweiterten die Brüder Silbernagl das untergärige Sortiment um Dunkles Exportbier, Helles Vollbier und ein saisoales Festbier. Dazu kamen noch ein Hefe-Weißbier und im Winter ein Weißbier Bock. Auf das Flaschenbier aus dem Brauereiverkauf gibt es eine vergleichsweise kurze Haltbarkeit von zwei bis drei Monaten. Das liegt u. a. daran, dass die Flaschen in den Wohnhäusern der Käufer natürlich bei deutlich höherer Temperatur herumstehen. Aber die Biere der Forschungsbrauerei wollen ohnehin weniger gelagert, als vielmehr getrunken werden.

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Herbst 18: „Geht aufs Haus!“

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FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck kurt in Bad Neuenahr.

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FACHBEITRAG: Ralf Giebl aus einem Münchner Sudhaus.

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Der Entenflötenkessel

von Karin Berkemann (18/4)

Es ist eine peinliche Geschichte. Stellen Sie sich vor, rein hypothetisch, wir hätten die frühen 1990er Jahre und Sie studierten Theologie im Westfälischen. Sie kaufen mit den Eltern im größten Supermarkt der Umgebung die Erstgarnitur. Und da steht er, an einem der endlosen Gänge: der Entenflötenkessel. Ein Heißwasserbereiter in bunter Vogelform, dessen Kopf am Siedepunkt zu pfeifen beginnt. Gesehen, gekauft, geliebt. Nie wurde Erdbeerschwarztee zu Räucherstäbchen stilvoller zubereitet. Erst Jahre später wurde unserer Protagonistin bewusst, dass sie damals auf absinkendes Kulturgut hereingefallen war. Denn am Anfang einer langen Kette von Designs und Raubkopien stand eine postmoderne Designikone.

Die großen Italiener

Für Puristen mag der Großvater des Supermarktentenkessels 1984/85 nicht minder kitschig angemutet haben: Damals entwarf der amerikanische Architekt und Designer Michael Graves (1934-2015) für Alessi ein chromglänzendes Etwas. So weit, so italienisch. Ähnlich hatte schon 1983 der deutsch-italienische Designer Richard Sapper (1932-2015) die Kesselform reduziert und mit einem goldfarbenen Pfeifenstück aufgefrischt. Doch mit der Punkteverzierung am Fuß, dem wolkig blauen Griff und vor allem mit dem roten Vögelchen als Dampfpfeife verließ Graves den akzeptierten Formenkanon. Erst drei Jahre zuvor hatte er mit dem Portland Building ähnlich tief in die gerade entstehende Stilkiste der Postmoderne gegriffen. Auf einmal tauchten Vokabeln wie „verspielt“ oder „ironisch“ in den Beschreibungen auf. Architektur war auf dem Umweg über das Geschirr aus der Verpflichtung zur Ernsthaftigkeit entlassen worden.

Geschirr ist die bessere Architektur

Wie bei den Wasserkesseln wurde bei Alessi auch das weiterführende Geschirr in die Hände von Architekten gegeben. Der vom postmodernen Städtebau so geliebte Begriff Piazza hatte auf das Design übergegriffen. Mit dem Werbeprogramm „Tea & Coffee Piazza“ entstanden 1983 Entwürfe, die Alessi Weltruhm einbrachten. Keine Geringeren als die Brüder Castiglione, Richard Sapper, Enzo Mari, Philippe Starck, Aldo Rossi, Charles Jencks, Bouroullecs, Hans Hollein, Jasper Morisson, Robert Venturi, Richard Meier und wieder Michael Graves ließen sich mit ihren versilberten Kaffee- und Teegarnituren nicht lumpen. 2003 führten Alessi das Programm unter dem Namen „Tea & Coffee Towers“ mit Erfolg fort. Teils hat man den Eindruck, die großen Baumeister wollten über den Umweg des Designs – und von den schnöden Zwängen der Statik und Bewohnbarkeit befreit – ihre Architektur in Szene zu setzen. Letztlich ging es nicht mehr darum, aus den Tassen auch Tee und Kaffee trinken zu können. Die Funktion hatte der Form zu folgen, und sie tat es mit Bravour.

Bunt ist Trumpf

1982 war es eine Frau, die Erste ihrer Art beim Traditionshersteller Rosenthal, die Farbe aufs postmoderne Porzellan brachte. Mit der Serie „Flash one“ ließ die amerikanische Malerin und Bildhauerin Dorothy Hafner (* 1952) gemusterte Blitze über Teller, Tassen, Kannen und Dosen zucken. So mancher bundesdeutsche Kaffeetrinker dürfte mitgezuckt haben. Denn hier wurde nicht nur bunt dekoriert, hier wurden klassische Formen aufgebrochen: Auch der Tassenhenkel, der Kannendeckel und der Tellerrand folgten den Blitzverläufen. Wie es die Architekten bei Alessi zeitgleich vormachten, brachte eine Künstlerin ihre ganz eigenen Mittel der Formgestaltung ein. Im Fall von Rosenthal war das Ergebnis etwas alltagstauglicher. Immerhin mussten die Dinge am Ende in Küchenschrank und Geschirrspüler passen. Die Gratwanderung ist Hafner nachweislich gelungen: Heute ist das hochwertig gearbeitete Service, das nicht mehr produziert wird, in Sammlerkreisen heiß begehrt.

Italien im Herzen

Was Rosenthal an Farbenfreude vorweisen konnte, machte ein Mitbewerber durch mediterranes Lebensgefühl wieder wett. Das westfälische Traditionsunternehmen wusste sehr genau, dass man in den 1970er Jahren mit dem Namen „Glaskoch“ kaum internationale Kundschaft locken konnte. So brachten es 1972 die italienisch klingende Serie „Leonardo“ auf den Markt, wählten eine duftige Wolke als Logo – und dominierte über Jahrzehnte den Sektor „Verlegenheitspräsente für Mädchengeburtstage und Hauseinweihungen“. Ob Kalte-Ente-Krug oder Longdrinkglas, schon der Aufdruck (oder Aufkleber) in der speziellen Wolkenform machte aus Glas ein willkommenes Geschenk. Den passenden Wolken-„Rührer“ gab es dazu, wobei man aus diesen Gläsern zu selten etwas trank, das tatsächlich hätte gerührt werden müssen. Wieder war es Michael Graves, der das beliebte Sortiment 1996 um ein edles, wertiges Stück Design ergänzte: die gläserne Kanne mit eingebautem Stövchen. Ironische Details wie die an Niki de Saint Phalle erinnernden Rundungen oder das Teeei an der kleinen stählernen Kurbel machen daraus bis heute eine (teure) Freude.

Aus der Zeit gefallen

Zwischenzeitlich war der Wasserkessel längst zu seinem eigenen Anachronismus geraten. Vom offenen Feuer auf den Kohle- und Gasofen auf die Elektro- und später Induktionsherdplatte verlief der technische Weg schneller als der gestalterische. Am Ende, beim elektrischen Wasserkocher angelangt, führte Alessi die Ironie seines Klassikers konsequent fort: Der Flötenkessel wurde – ähnlich wie Graves die Kanne mit dem Stövchen verband – auf eine verkabelte Heizplatte gesetzt. Schon in den 1980er und 1990er Jahren war es dem klassischen Teeei, teils auch der Teeeizange, ähnlich ergangen. Das Behältnis für die Teeblätter nahm die Form einer Miniatur-Kanne an. Oder eines Hauses oder einer Rakete oder einer Ente. Bei einem schwimmenden Wassertier ließ sich das Bild zumindest in Teilen nachvollziehen. Heute können Sie solche Späße in gelbem Kunststoff erwerben, z. B. als „Yellow Submarine“. Herrlich zu verschenken und anzuschauen, wen der leichte Gummigeschmack des Tees nicht stört. Aber (s. o.) um die Funktion geht es ja nicht.

Für irgendwas wird’s gut sein

Da wären wir wieder beim Entenkessel angekommen. Als sich Teeei und Heißwasserbereiter längst als Designobjekte verselbständigt hatten, war der Weg vom Prestigeobjekt zum Spaßteil nicht mehr weit. Aus der Vogelpfeife wurde ein ganzer Kessel in Tierform. Heute finden Sie in den Bau- und Supermärkten wassertragende Elefanten, Kühe, Giraffen und sogar Fußbälle. Geschirrkundler könnten dieser Assoziationskette sicher noch vieles hinzufügen. Die Bedeutung des Symboltiers Ente in der chinesischen Teekultur. Die Geschichte des Kesselwesens vom Mittelalter bis zum Bauhaus. Oder die lange verkannte teetrinkende Seite von Corbu und Co. Die Protagonistin unserer Einleitung jedenfalls hat sich fest vorgenommen, dem Entenkessel im elterlichen Keller nachzuspüren. Denn pfeifen konnte er, wohl das Attentat eines lärmempfindlichen Wohnheimkollegen, schon früh nicht mehr. Aber dekorativ war er weiterhin. Vielleicht wäre da der Lösungsweg der 1970er/1980er Jahre geeignet: In alles, was nicht mehr tut, was es einmal tun sollte, kann man immer noch Geranien pflanzen.

Titelmotiv: Entenflötenkessel (Bild: Jameson & Taylor, amazon.de)

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LEITARTIKEL: Jürgen Tietz über Trinken als Kunst.

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FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck kurt in Bad Neuenahr.

Die Forschungsbrauerei

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FACHBEITRAG: Ralf Giebl aus einem Münchner Sudhaus.

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FACHBEITRAG: Karin Berkemann auf Pomo-Spurensuche.

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PORTRÄT: Reiner Kolodziej erinnert sich an Berlin.

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INTERVIEW: Hendrik Bohle über den Milchpilz.

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FOTOSTRECKE: Limonaden- und Cola-Etiketten der DDR.