Im Osten was Neues?

von Kirsten Angermann

"Alles Platte oder was?" (Bild: Landesenkmalamt Mecklenburg-Vorpommern)Veranstaltungen zur Nachkriegs- und Ostmoderne haben Konjunktur. In diese illustre Riege gehört auch die Rostocker Tagung „Alles Platte oder was? Architektur im Norden der DDR als kulturelles Erbe“. Sie fand vom 20. bis 22. Oktober 2016 auf Einladung des Landesamts für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern und des Amts für Kultur, Denkmalpflege und Museen der Hansestadt Rostock statt. Im Mittelpunkt stand das baukulturelle Erbe der DDR in den ehemaligen Nordbezirken Rostock, Schwerin und Neubrandenburg. Neben verschiedenen Vorträgen gaben auch organisierte Führungen durch den Tagungsort Gelegenheit, über Denkmalwert, Erhaltungschancen und charakteristische Eigenart dieser Bauten konkret ins Gespräch zu kommen. Aus den vielen Impulsen und Diskussionen rund um die Veranstaltung gibt es Neues zur Ostmoderne-Forschung zu berichten. Schließlich war die Rostocker Tagung die erste von einem Landesdenkmalamt und einer kommunalen Denkmalschutzbehörde organisierte Konferenz, die sich explizit der Inventarisation und Erhaltung von Denkmalen der DDR-Architektur widmete.

 

Gut erfasst in der Stadt, noch Bedarf auf dem Land

Rostock, Lange Straße, 1963 (Foto: Karnitzki, Bild: Bundesarchiv Bild 183-B0821-0003-001, CC BY SA 3.0)
Schon unter Schutz: die neotraditionalistischen Bauten der Langen Straße in Rostock, hier im Jahr 1963 (Foto: Karnitzki, Bild: Bundesarchiv Bild 183-B0821-0003-001, CC BY SA 3.0)

Im Norden sieht es bei der Erfassung des DDR-zeitlichen Kulturerbes bereits sehr gut aus, wie eingangs Peter Writschan für die Stadt Rostock betonte. Dort sind von neotraditionellen Bauten der 1950er Jahre, etwa entlang der Langen Straße, bis hin zu innerstädtischen Projekten der 1980 Jahre, etwa dem Fünf-Giebel-Haus am Universitätsplatz, bereits Vertreter aller Jahrzehnte unter Schutz. Im ländlichen Raum hingegen steht es schlechter um die Inventarisation dieser Bauepoche, wie im Beitrag von Alexander Schacht zum Landkreis Rostock deutlich wurde. Die Erfassung der Ostmoderne hat sich also bislang auf die Städte konzentriert. Daraus ergibt sich ein klarer Auftrag an die Inventarisation in Mecklenburg-Vorpommern und den anderen neuen Bundesländern.

Am ersten Konferenztag gaben eingeladene Wissenschaftler aus ganz Deutschland einen Überblick über den derzeitigen Forschungsstand. Am Folgetag kamen vor allem lokale Akteure aus den Behörden, der denkmalpflegerischen Praxis und von bürgerschaftlichen Initiativen zu Wort. Dass bewusst auf Zeitzeugen und damalige Akteure verzichtet wurde, verhalf den einzelnen Referaten zur nötigen historischen Distanz. Stattdessen erhielten die Zeitgenossen, darunter der ehemalige Rostocker Stadtarchitekt Michael Bräuer, auf der Abendveranstaltung der Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern ein Podium.

 

Neue Forschung von großer Dynamik

Die futuristische Rettungsstation auf Rügen ist einer der bekanntesten Bauten Müthers (Bild: Kra)
Vorgestellt wurde u. a. ein Forschungsprojekt zum Betonschalenbau Ulrich Müthers: die Rettungsstation auf Rügen ist eines seiner bekanntesten Projekte (Bild: Kra)

Nicht nur abgeschlossene Forschungen wurden vorgestellt (wie etwa die Arbeit zu Ulrich Müthers Betonschalen von Tanja Seeböck), sondern explizit auch sich aktuell sehr dynamisch entwickelnde laufende Projekte. Somit konnten neue Erkenntnisse zum lange vernachlässigten Industriebau (Jessica Hänsel), zur Ferienarchitektur (Daniela Spiegel), zur regionalen Anwendung von Großtafelbauserien (Roman Hillmann) und zur postmodernen Architektur (Kirsten Angermann) diskutiert werden. Dabei kamen teils Besonderheiten der ehemaligen Nordbezirke und insbesondere des Bezirks Rostock zur Sprache: bautechnische und ästhetische Innovationen ebenso wie die Anknüpfung an Architekturtraditionen des Ostseeraums.

Die Veranstalter scheuten nicht die Auseinandersetzung mit dem „unbequemen“ Erbe der DDR-Zeit, den Zeugnissen von Teilung, Repression und Staatsgewalt: vom Bericht (Jana Frank) zu den Relikten der innerdeutschen Grenzanlagen, die nunmehr mit archäologischen Instrumenten untersucht werden, bis zum Beitrag (Stefan Wolter) über die DDR-zeitliche Kasernennutzung des im Dritten Reich geplanten KdF-Seebads in Prora.

 

Ohne bürgerschaftliches Engagement geht es nicht

Schwerin-Lankow, Schwimmhalle (Bild: Annette Jawi)
Engagierte kämpfen für ihren Erhalt: die ostmoderne Schwimmhalle in Schwerin-Lankow (Bild: Annette Jawi)

Die folgenden Berichte von Initiativen (z. B. zur Rettung der Volksschwimmhalle Lankow von Annette Jawi und Gottreich Albrecht sowie zum Kulturhaus Mestlin von Claudia Stauß) unterstrichen die bedeutende Rolle von bürgerschaftlichem Engagement für die Erhaltung von Denkmalen, unabhängig von der Bauepoche. Die Beiträge zum denkmalpflegerischen Umgang mit den Bauten der DDR-Zeit (etwa der Sanierung der Schiffbaufakultät an der Universität Rostock aus den 1950er Jahren von Ehrenfried Kebe) machten ergänzend deutlich, dass (potentielle) Denkmale nicht per se ein Erhaltungsproblem darstellen. Häufiger geht es um Vermittlungsprobleme. So darf man sich schon gespannt auf die Tagungspublikation freuen, die aktuell in Vorbereitung ist.

Betonpreis für TU Chemnitz

Gestiftet wurde die Auszeichnung 1974, als der moderne Baustoff Beton Vielen grau und unmenschlich erschien. Im Jahr 2014 wurde der Architekturpreis Beton nun – durch das InformationsZentrum Beton in Kooperation mit dem Bund Deutscher Architekten – zum 19. Mal verliehen. Unter den Preisträgern findet sich der Umbau des Adolf-Ferdinand-Weinhold-Baus der TU Chemnitz. Errichtet wurde der 170 Meter lange Riegel 1970 durch den Dresdener VEB Iproplan. Im Oktober 2013 schlossen die Münchener Burger Rudacs Architekten den Umbau zu Gesamtkosten von rund 55,25 Millionen Euro ab.

“Mit seinen schwer aufeinander lagernden, plastisch ausgebildeten Betonkörpern”, so die Jurybegründung, “wirkt das Instituts- und Forschungsgebäude der TU Chemnitz fast wie ein Neubau.” Hierfür wurden der Zwischenbau – ehemals Teilbibliothek für Elektrotechnik – niedergelegt, der Hauptbau um zwei Geschosse reduziert und die charakteristischen Sonnenblenden der Fassade entfernt. Im Gegenzug verkleidete man den erneuerten Riegel mit Sandwich-Betonelementen in verschiedenen Grautönen und ergänzte ein Eingangsbauwerk sowie Fluchttreppenhäuser. Die Preisverleihung findet am 10. September 2014 in Duisburg statt. (kb, 18.6.14)

Der Chemnitzer Adolf-Ferdinand-Weinhold-Bau wurde 2013 umgebaut (Bild: Frank Schettler/TU Chemnitz)

Schwerte: Burg in Falten

von Martin Bredenbeck

Schwerte, Katholische Akademie (Bild: Katholische Akademie Schwerte)
Die Katholische Akademie in Schwerte (Bild: Katholische Akademie Schwerte)

Um 1970 beschäftigte die neue Katholische Akademie Schwerte immer wieder die Fantasie der Journalisten: Vom „Westfalenblatt“ bis zur „Welt“ wetteiferte die schreibende Zunft um ein treffendes Bild für das nach außen hochgeschlossene, nach innen um einen Hof gruppierte Baukunstwerk von Hans Haas. Die „Schwerter Zeitung“ sprach von einem „Römischen Atrium“, die „Ruhr-Nachrichten“ von einer „Festung“ und das „Evangelische Sonntagsblatt“ gar von einer „Burg“. Bei Haas selbst jedoch findet sich keine derartige Metapher für die Katholische Akademie Schwerte. Am nächsten käme vielleicht ein Vergleich, den er 1968 für ein imaginäres Gotteshaus wählte: ein „faltenreicher Mantel“, der „die Vielzahl der Gläubigen zu der Einheit der Gemeinde“ formt. Klingen hier die geknickten Backsteinflächen der Akademie und ihrer Kapelle an?

 

Im Netz des rheinischen Kirchenbaus

Schwerte, Katholische Akademie (Bild: Katholische Akademie Schwerte)
1970 eingeweiht, 2000 bis 2002 nochmals durchgreifend renoviert: Die Katholische Akademie Schwerte dient als Haus für die Erwachsenenbildung des Erzbistums Paderborn (Bild: Katholische Akademie Schwerte)

Die Akademie wurde vom Architekten Hans Haas (1931-89), der in Aachen ein Büro und auch später eine Professur unterhielt, als Haus für die Erwachsenenbildung des Erzbistums Paderborn gestaltet. Die Grundsteinlegung feierte man am 28. September 1968, die Einweihung im Mai 1970. Durch seine Ausbildung in Aachen stand Haas früh in Verbindung mit bedeutenden rheinischen Architekten wie Hans Schwippert, Willy Weyres oder Rudolf Schwarz. Spätestens die Bekanntschaft mit Hans Schilling, Emil Steffann und Fritz Schaller verband Haas mit einem einflussreichen Kirchbaunetzwerk. Über seinen Lehrer Rudolf Steinbach am Aachener Lehrstuhl für Baukonstruktion, wo Haas 1958 Hauptassistent wurde, war er vertraut mit dem organischen Bauen eines Hans Scharoun und mit der Internationalen Moderne von Le Corbusier oder Ludwig Mies van der Rohe.

Haas machte sich in erster Linie durch Profanbauten wie die Aachener Wohn- und Geschäftshäuser „Krämerstraße“ und „Am Bädersteig“ einen Namen. Doch verwirklichte er auch prägnante Sakralbauten wie St. Pius in Lippstadt (1969, mit Josef Rüenauver), die „Kirche zum verklärten Christus“ (1968) in Bad Driburg oder Christkönig (1992) in Kempen. Für die Katholische Akademie Schwerte fällt als Parallele vor allem das von Haas zeitgleich umgesetzte Düsseldorfer Servitinnenkloster mit der Jugendbildungsstätte St. Swidbert ins Auge. Als Vorbild für Schwerte kann ebenso der Backsteinbau der Benediktinerabtei Königsmünster (1964 von Hans Schilling) herangezogen werden wie die „Beton-Kristalle“ Gottfried Böhm (z. B. Köln, St. Gertrud, 1967).

 

Alles um einen Hof

Schwerte, Katholische Akademie (Bild: Katholische Akademie Schwerte)
Der umlaufende Gang erschließt alle wichtigen Funktionen – eine davon unten rechts die Akademiekapelle (Bild: Katholische Akademie Schwerte)

Der kompakte, vielgestaltige und vielansichtige Bau entwickelt sich auf einem unregelmäßig-polygonalen Grundriss. Die Räume sind um einen langrechteckigen Innenhof angeordnet, auf der vorderen Schmalseite befinden sich Foyer und Garderobe, rechts zurückgesetzt Rezeption und Kapelle, links folgt die zweigeschossige Große Halle. Im Uhrzeigersinn reihen sich an der linken Längsseite der Speiseraum sowie zwei Säle auf, die rückwärtige Schmalseite nimmt der Clubraum ein, auf der rechten Längsseite folgen Fernsehraum, Bibliothek und Zeitschriftenraum. Der Zugang zu diesen beiden erfolgt über einen kleinen Vorraum, von dem ein Gang nach rechts zu den Dienstzimmern der Referenten und Räumen für Verwaltung und Leitung abzweigt. Der Verwaltungsflur mündet neben der Kapelle in den großen Umgang. Besonders auffallend sind Halle und Kapelle: Beide erheben sich jeweils auf einem unregelmäßigen achteckigen Grundriss und verlaufen über zwei Geschosse.

Die Konstruktion des Akademiegebäudes besteht aus armiertem, teils sichtbar belassenen Beton für die – auch optisch – tragenden Teile. Die Backsteine, das zweite bestimmende Material, folgen dem „Wilden Verband“. Als dritter Baustoff ist das Glas bei belebt-unregelmäßig verteilten hochrechteckigen Fenstern und großzügigen Glasflächen hervorzuheben. Die Kapelle erscheint als eigenständigster Bauteil wie in den Sockel des Eingangsplateaus eingeschoben. Die Struktur ihrer über die gesamte Gebäudehöhe laufenden, sie in der Frontansicht übersteigenden Backsteinflächen ist von Faltungen geprägt, die durch die Wandhöhe monumental ausfallen. Der Besucher der Akademie wird im Umgang subtil geführt, indem sich z. B. an der Betondecke bereichsweise die Richtung der Schalungsbretter-Abdrücke wechselt.

 

Ein ganzes „sakrales“ Ensemble

Schwerte, Katholische Akademie (Bild: Katholische Akademie Schwerte)
Vom Kapellenraum her wurde das ganze Ensemble gedacht (Bild: Katholische Akademie Schwerte)

Der Kapellenraum wird durch hohe Backsteinwände geprägt, die einzelne Betonsichtflächen durchziehen und die eine regelmäßige, nach unten gewölbte Holzdecke überfängt. Vorgerückt im Raum steht der Altar, von drei Seiten durch Stuhlblöcke gerahmt. Links hinter dem Altar nimmt eine Wandwölbung den Tabernakelschrank mit Marmortür im Blumenrelief auf, das die Bildhauerin Liesel Bellmann ebenso gestaltete wie zwei Bronzeleuchter im Altarraum und vor der Kapelle. Das an der Altarwand angebrachte Kruzifix ergänzte der Künstler Bernd Terhorst 1978. Die Wand links des Altars trägt den Kreuzweg, eine 1968 von der Künstlerin Elsbieta Szczodrowska gefertigte und 1986 von der Akademie erworbene Arbeit. Den Raum prägt entscheidend der bauzeitliche Fensterzyklus von Wilhelm Buschulte: 13 Fenster zeigen teils abstrakte, größtenteils aber biblische Motive vor allem aus den vier Evangelien. Das Beispiel Schwerte zeigt somit, dass Haas die Bauaufgabe der kirchlichen Akademien nicht nur funktional von der Kapelle her gedacht hat, sondern auch gestalterisch: Er hat einen formalen und bautechnischen Aufwand, der sonst eher Sakralbauten vorbehalten ist, auf den gesamten Bau ausgedehnt und diese damit aufgewertet. (7.12.16)

 

Literatur und Links

Homepage der Katholischen Akademie Schwerte.

Hoffmann, Gretl, Reiseführer zur modernen Architektur, Stuttgart 1968, 67-68.

Rüenauver, Josef, Neue Kirchen im Erzbistum Paderborn, in: Alte und neue Kunst 17/18, 1969/1970, 41-68.

Rüenauver, Josef, Neue Kirchen im Erzbistum Paderborn, in: Alte und Neue Kunst 19/20, 1971/72, 51-67.

Vennebusch, Joachim, Katholische Akademie Schwerte, in: Erwachsenenbildung 1, 1971, 29-32.

Bollenbeck, Karl Josef , Transformationen – 10 Kirchen von Hans Haas, in: Das Münster 2, 1992, 89-112.

Otten, Heinrich, Der Kirchenbau im Erzbistum Paderborn 1930-1975, Paderborn 2009 .

Habig, Inge/Stoffels Michaela (Hg.), Räume und Zwischen-Räume. Die dritte Dimension der Katholischen Akademie Schwerte, Schwerte 2010.