Neue Schulen

mit einem Text von Kerstin Renz und Fotos von Marco Kany (18/3)

Die Schulen der Stadt Saarbrücken aus den 1950er Jahren – zur Saarmoderne gehören sie unbedingt mit dazu. In diesem Jahrzehnt ging es darum, einen enormen Aufholbedarf zu bewältigen. Die Planer in den Hochbauämtern taten sich nicht immer leicht, alte Gleise zu verlassen. Doch die Impulse von außen, aus der Schweiz, aus den USA und Skandinavien waren stark und überzeugend. Zahlreiche Architekten hatten sich nach dem Krieg dort umgesehen und kamen mit neuen Schulbaukonzepten nach Hause. Auch in Saarbrücken sollte nach neuen Kriterien gebaut werden: Aufenthaltsqualität im Haus und auf den meist großzügigen Freiflächen, Klassenräume mit flexibel handhabbarem Mobiliar und günstigenfalls zweiseitiger Belichtung für neue Unterrichtsformen, Foyers, Treppenhäuser und Korridore mit viel Licht, Farbe und spielerischen Details, die für eine neue Pädagogik und Offenheit standen. Beste Startbedingungen für eine neue demokratische Jugend? Nicht immer und nicht überall, denn die Unterrichtsmethoden hinkten oftmals der Architektur hinterher. Insgesamt aber wurde in einer Qualität und mit einem fast liebevollen Sachverstand gebaut, der heute immer wieder erstaunt.

Literaturtipp

Renz, Kerstin, Testfall der Moderne – Diskurs und Transfer im Schulbau der 1950er Jahre, Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen 2016/17, 17 x 24 cm, Klappenbroschur, ISBN 9783803008169.

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Frühjahr 18: Bleu – Blanc – Brut

Mit großer Geste

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LEITARTIKEL: Marco Kany über die unterschätzte Saarmoderne.

Plattenbau à la française

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FACHBEITRAG: Carsten Diez über das System Camus-Dietsch.

Sacre brut

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FACHBEITRAG: Karin Berkemann über Saar-Kirchen im Wandel.

Ein Habitat für Beamte

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FACHBEITRAG: Axel Böcker über einen besonderen Wohnturm.

Innere Angelegenheiten

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PORTRÄT: C. Julius Reinsberg über europäische Räume.

Neue Schulen

Neue Schulen

FOTOSTRECKE: von Kerstin Renz und Marco Kany.

"Monsieur l'Architecte"

„Monsieur l’Architecte“

INTERVIEW: DW Dreysse über französische Grenzerfahrungen.

„Monsieur l’Architecte“

Der Architekt DW Dreysse über Grenzerfahrungen (18/3)

DW Dreysse lebt und arbeitet als Architekt in Frankfurt am Main und hat sich hier besonders mit dem Schutz des architektonischen Erbes der 1920er Jahre einen Namen gemacht. In den 1960ern arbeitete er in Paris für das international renommierte Büro von Georges Candilis und unterrichtete anschließend viele Jahre an der Architekturschule in Straßburg. Mit moderneREGIONAL sprach er über seine Erfahrungen als deutsch-französischer „Grenzgänger“.

moderneREGIONAL: Herr Dreysse, Sie kamen 1963 als junger Architekt nach ihrem Studium in Darmstadt nach Paris – ein Kulturschock? 

DW Dreysse: Nein, für mich war es einfach, weil ich relativ wenig praktische Erfahrungen aus Deutschland mitbrachte. Ich hatte nur ein Jahr lang in einem Frankfurter Büro gearbeitet, ein praktisches Jahr zwischen Vor- und Hauptstudium. Einen Kulturschock erlebte eher an der „École des Beaux-Arts“, für die ich ein Stipendium hatte. Dort traf ich auf wilde Kerle, die sich mehr für Musik und Feste interessierten als für das Architekturstudium. Ganz anders als an der Hochschule in Deutschland. An diesem Studium hatte ich wenig Interesse, nach einem Vierteljahr fing ich an, zu arbeiten. Ich begann im Büro von Georges Candilis und blieb dort über sieben Jahre. In dem internationalen Büro arbeiteten 20 bis 30 Mitarbeiter aus allen Nationen – es gab alles, nur erstaunlicherweise keine Franzosen! Vielleicht hatte ich einen Stein im Brett, weil ich aus Frankfurt kam und das Büro gerade einen Entwurf für den Römerberg gemacht hatte. Jedenfalls kam ich gleich an Wettbewerbe, konnte mir Freiheiten erarbeiten und wurde schon nach einem Jahr Projektleiter für städtebauliche und Hochbauprojekte in Südfrankreich.  

mR: Architektur funktionierte also in Frankreich nicht anders als in Frankfurt? 

DWD: Was in Frankreich grundsätzlich anders war und teilweise noch heute ist, ist das Berufsverständnis. Die Architekten selbst betreuen im Wesentlichen die Entwurfsphase. Die ganze Ausführungsphase wird abgegeben. Das übernehmen Ingenieurbüros, die sich um Statik, Haustechnik, Brandschutz und so weiter kümmern. Der planende Architekt hat zwar die gestalterische Oberleitung, aber mit den Details wenig zu tun. Außerdem ist die Architektenszene in Frankreich eine völlig andere als in Deutschland, schon numerisch. Es gibt schlicht wesentlich weniger Architekten, vielleicht ein Zehntel der Anzahl der deutschen Kollegen.  

mR: Warum gibt es so wenige Architekten? Ist die Ausbildung so schwer? 

DWD: Nein, das hängt vor allem mit der traditionellen gesellschaftlichen Stellung des Architekten in Frankreich zusammen. Früher gehörte er zu den Berufen, die im Dienste des Königs tätig waren. Eine ganz besondere Auszeichnung. Lange wurden Architekten nicht mit Namen, sondern mit „Monsieur l‘Architecte“ angesprochen. Herr Architekt! Davon hat sich bis heute etwas erhalten. Die Architektenschaft hat lange wie eine Art Kaste dafür gesorgt, unter sich zu bleiben. Es war eine große Ehre, in die Berufskammer, den „ordre des architectes“, aufgenommen zu werden. Heute ist das alles einfacher, aber es gibt immer noch die Hürde des Diploms. In Deutschland gibt es etwa 75 Architekturschulen, in Frankreich sind es 20. An der Architekturschule in Straßburg, an der ich später lehrte, brauchte man sechs bis sieben, manchmal acht Jahre, bis man das Diplom bekam. Pro Jahr gab es 40 bis 50 Absolventen, nicht mehr. Der Beruf ist also bis heute exklusiv. Und im Gegensatz zu Deutschland gibt es die Kategorie des angestellten Architekten nicht. Ich arbeitete bei Candilis etwa als technischer Zeichner. Ich war zwar Projektleiter, durfte Bauanträge unterzeichnen und hatte viele Kompetenzen, durfte mich aber nicht Architekt nennen. 

mR: Ließ sich dieses spezifische Berufsbild mit dem Wiederaufbau vereinen, als Architekten in ganz Europa sehr gefragt waren? 

DWD: Die Vichy-Regierung hatte schon 1942 eine Kommission für den Wiederaufbau eingerichtet. Sie verfügte über ausgezeichnete Kontakte zu einzelnen profilierten Architekten. Die wurden dann ziemlich schnell beauftragt, Wiederaufbaupläne zu entwickeln und umzusetzen, also nicht nur ein Team zusammenzustellen, sondern die gesamte Planung in die Hand zu nehmen. Bevorzugt beauftragt wurden Architekten, die nachweislich über städtebauliche Kompetenzen verfügten. Auguste Perret beispielsweise hatte 1930 utopische städtebauliche Entwürfe für Paris vorgelegt. Das war seine Referenz, um mit dem Wiederaufbau von Le Havre beauftragt zu werden. Wie die meisten seiner Kollegen, die als Hochschullehrer tätig waren, verfügte er über ein sogenanntes Atelier, seine Studierendenklasse an der „École des Beaux-Arts“. Sie folgte ihrem Meister bedingungslos und musste seine Wünsche an den Lippen ablesen können. Eine eingeschworene Gemeinschaft. Für die konkrete Arbeit vor Ort wurden die Schüler in die Pflicht genommen, während Perret selbst seine Projekte in Paris politisch vertrat und nur hin und wieder in Le Havre auftauchte. Auch andere Wiederaufbauprojekte liefen ähnlich ab. 

mR: Was bedeutete das für die deutschen Städte in der französischen Besatzungszone? 

DWD: Auch hier sind solche Großmeister mit den Planungen beauftragt worden. Diese Teams und Ateliers waren mit allen notwendigen Vollmachten ausgestattet, schon von der Struktur völlig anders als in Deutschland. Beim Wiederaufbau haben sie versucht, die städtebaulichen Ideale umzusetzen, die sie in den 1920er und 1930er Jahren entwickelt hatten, ohne Rücksicht auf die Geschichte der Stadt zu nehmen. Eine Radikalität, die typisch ist für die französischen Architekten dieser Zeit. In Frankreich ging man mit einer aus heutiger Sicht bewundernswerten Radikalität ans Werk. In Deutschland ist das übrigens damals kaum wahrgenommen worden. Dabei war Frankreich viel weiter, abgesehen von Ausnahmen wie dem Berliner Hansaviertel. 

mR: Wann wagten die deutschen Architekten den Blick über den Tellerrand? 

DWD: Erst in den 1960er Jahren. Nachdem die ersten großen Wohnsiedlungen in Frankreich gebaut worden waren, die „Grands Ensembles“. Das hat viele deutsche Architekten inspiriert, Trabantenstädte wie Neuperlach in München oder Kranichstein in Darmstadt sind ohne die „Grands Ensembles“ undenkbar. Auch die Industrialisierung im Bauwesen ist eine französische Errungenschaft. Sie hat ihren Ursprung zwar in Deutschland, wo etwa Ernst May als Pionier auf diesem Gebiet tätig war, wurde aber hier nicht weitergeführt. Das erste Beispiel der Vorfabrikation im großen Stil liegt in Straßburg, die „Cité Rotterdam“. Die Siedlung war ein Pilotprojekt für ganz Frankreich, hier wurden seit dem Ende der 1940er Jahre verschiedene Methoden der Vorfabrikation sowie ganz unterschiedliche Gebäudetypen getestet. Entsprechende Siedlungen haben im ganzen Land Schule gemacht, in den 1970er Jahren uferte der Trend jedoch aus. Die Planungen wurden riesenhaft und entwickelten sich oft zu Brennpunkten. Wenn eine so große Anzahl von Menschen neu zusammengewürfelt wird, hat das soziale Folgen. Eine bittere Erfahrung in Frankreich wie in Deutschland.  

mR: Gab es auch Dinge, die sich die französischen Architekten von ihren deutschen Kollegen abschauten? 

DWD: Da gab es wenig abzugucken. Abgesehen vom Bauhaus natürlich. Das Bauhaus hatte in den 1920er Jahren einen großen Einfluss in Frankreich, der sich gehalten hat. Im Gegensatz zu Deutschland, wo das Bauhaus erst ab den 1960ern wieder als Referenz dienen konnte.

Das Gespräch führte C. Julius Reinsberg.

Titelmotiv: DW Dreysse (Bild: Peter Paul Schepp) und Le Havre, Rathaus (Bild: Francesco Bandarin, CC BY SA 3.0)

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Frühjahr 18: Bleu – Blanc – Brut

Mit großer Geste

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"Monsieur l'Architecte"

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INTERVIEW: DW Dreysse über französische Grenzerfahrungen.

„Schwerer als ein Wolkenkratzer“

von Hajo Eickhoff (17/4)

Schon Ende des vergangenen Jahrhunderts wirbt ein IT-Unternehmen: „In unserem Unternehmen herrscht Gehverbot.“ Die Software ist so gut, dass sich niemand vom Sitz erheben muss. Sitzen auf Stühlen ist die zweifache Abknickung des Körpers und das Ruhen auf einer unterschenkelhohen Ebene. Das Erheben ist mühevoll und die Unbeweglichkeit schwächt Kreislauf, Muskulatur und Atmung, stört Stoffwechsel und Bewegungsabläufe, weitet das Denken und blockiert das Fühlen. Erst diese Erkenntnis führt zu Maßnahmen, die Sitzende entlasten sollen. In Büros werden raffinierte Stühle, neue Halteformen und alternative Arbeitsplatzkonzepte erprobt: das Stehen am Pult, der Wechsel von Stehen und Sitzen sowie unterschiedliche Arten eines dynamischen Sitzens.

Nur einer darf auf den Thron

Neben dem Stuhl als Werkzeug, das organische, nervöse, orthopädische, emotionale und psychische Beeinträchtigungen mit sich bringt, schwingt in jedem Sitzenden unbewusst eine Kulturgeschichte mit. Diese ist geeignet, den Kern des Zivilisationsprozesses anschaulich zu machen: den Prozess der Demokratisierung. Archaische Gemeinschaften erwählen aus ihrer Mitte einen Mann, setzen ihn auf den Thron und nennen ihn König. Er ist der einzige, der diese Haltung einnehmen darf. Auf dem Thron gibt er der Gemeinschaft nun Wert, Mitte und Richtung. Er gilt als unantastbar, einheitsstiftend und mächtig. Er erhält Privilegien und herrscht über seine Untertanen, doch seine Haltung ist zugleich eine Haltung der Ohnmacht. Er muss seinen Bewegungsdrang und seine Emotionen unterdrücken und aufrecht sitzen. Seine bizarre Körperhaltung soll geistig-spirituelle Fähigkeiten ausbilden, um mit kosmischen Mächten zu verkehren und daraus Nutzen für die Gemeinschaft zu ziehen.

Im Alltag der Antike spielen Stühle keine Rolle. Die Ägypter hocken auf dem Boden, sind aber die Erfinder der Sitzstatue und prachtvoller Pharaonenthrone. Die Griechen zeigen auf ihren Vasen vier Stuhltypen: Klismos, Diphros, Tronos und Hedra. Allerdings gibt es für sie keine Belege, erhalten sind lediglich steinerne Theatersitze. Die Römer kennen den römischen Kaiserthron, die Sella curulis, und das zweisitzige Bisellium, auf dem verdiente Senatoren für eine Zeit allein sitzen dürfen.

Wer sitzt, hat Macht und Einfluss

Das heutige Sitzen auf Stühlen entsteht im Christentum. Neben dem Papstthron und Bischofssitzen, Abwandlungen der Sella curulis, haben Mönche im 11. Jahrhundert das geweihte Chorgestühl mit Klappsitz entwickelt, das Vorbild für Theater-, Kino- und Hörsaalgestühle. Erst danach sind die Bürger an der Reihe. Die Ratsherren haben sich im 14. Jahrhundert das Recht auf chorstuhlähnliche Sitze in der Kirche erkämpft – die ersten ungeweihten Stühle, denen aber das Entscheidende fehlt: der klappbare Sitz.

Das Sitzen auf Stühlen im Alltag ist eine Erfindung Europas. Seit dem 13. Jahrhundert hat das Bürgertum mit dem Aufschwung von Handel, Handwerk und Wissenschaft an politischem Einfluss gewonnen. In der Renaissance maßen sich Ratsherren und wohlhabende Kaufleute die Machtgeste thronender Könige an. Wer sitzt, hat Macht und Einfluss. Von hier ausgehend, dürfen immer mehr Bürgerschichten sitzen, bis in der Französischen Revolution jeder das Recht erhält, einen Stuhl zu besetzen. Das Ende der Demokratisierung: vom Thronen des einen zum Sitzen aller. Sitzen ist ein Bild der Macht und der Stuhl ein Werkzeug, das dem Sitzenden eine bürgerliche Form der Disziplin antrainieren soll. Da der Stuhl auch für das Berufsleben vorgesehen ist, nehmen die Bürger den Tisch zu Hilfe und machen die Dreiheit aus Tisch, Sitzendem und Stuhl zu einer mächtigen Produktivkraft.

Ein neuer Stuhl muss her

Die Schule übernimmt die Aufgabe, ins Sitzen einzuüben. Nach und nach wachsen die Schüler in den Stuhl hinein und werden sitzend diszipliniert. Sie lernen, diejenigen Sinnesreize auszublenden, die den Lernprozess stören, bis sie in der Lage sind, sich auf abstrakte Gedanken und logische Operationen zu konzentrieren. Dieser Fähigkeit stehen Handikaps gegenüber wie körperliche Unbeweglichkeit, kontrollierte Emotionen, ein schwaches Atemvermögen, atrophierte Muskeln und ein geringer Energiehaushalt. So findet im Sitzen eine Verlagerung vom Leib auf den Geist statt, die es zu einer Form der Sedierung macht. Nicht zufällig ist das Grundwort für „sitzen – sedere“ besänftigen.

Wenn auch mit der Französischen Revolution jeder sitzen darf – es gibt kaum Stühle. Sie sind Luxusobjekte, Imitationen meist antiker Throne, gefertigt in Handarbeit und aus edlen Materialien, teuer und schwerfällig. Daher wird ein neuer Stuhltyp gesucht: ein Bürgerstuhl, der massentauglich ist. Keine leichte Aufgabe, stellte doch noch Mies van der Rohe fest: „Es ist schwerer, einen guten Stuhl zu bauen als einen Wolkenkratzer.“

Dem Tischlermeister Michael Thonet aus Boppard am Rhein, der mit dem Biegen von Holz experimentiert, glückt mit seinem neuen Verfahren ein alternativer Stuhl: der Wiener Kaffeehaus-Stuhl. Dieser ist leicht, braucht wenig Holz, erinnert nicht an Throne und adlige Stühle und ist bezahlbar – ein echtes Massenprodukt. Doch woher stammt der Name? Die Familie Thonet erhält von Banken keine Kredite mehr. Deshalb springt der Kaiser Franz Joseph I. in Wien ein und fördert das Projekt bis zum fertigen Stuhl. Das Ergebnis ist eine weltweite Sensation. Zugleich leitet es von Wien aus die Kaffeehauskultur ein, die dem Bürgertum zur Bühne seines politischen Kampfes gegen Adel und Kaiserreich wird.

Einzelstück oder Massenprodukt

Mit der Etablierung des Sitzens wird rasch deutlich, dass der Mensch weder für eine solche Haltung noch für eine solche Unbeweglichkeit geeignet ist. Er braucht regelmäßiges Bewegen, weshalb seit Mitte des 19. Jahrhunderts Orthopäden an den unerwünschten Begleiterscheinungen arbeiten. Beim ersten Modell, dem Staffelstuhl von 1884, soll eine federnde Rückenlehne in jeder Position stützen, was fehlschlägt. Einige experimentieren mit der Rückenlehne, andere mit der Sitzebene. Seitdem wird der Stuhl in immer aufwändigeren Experimenten zum Hightech-Gerät mit Hebeln, Motoren und raffinierter Software. In der Arbeitswelt wird aus dem Vierbeiner bald ein Objekt auf fünf Rollen: der moderne Bürostuhl.

Nach dem Wiener Kaffeehaus-Stuhl leitet Ende des 20. Jahrhunderts ein Billigprodukt eine zweite Welteroberung durch den Stuhl ein: der Monobloc-Stuhl für Garten, Café und andere Bereiche. Obwohl die Thonets jährlich etwa eine Millionen Stühle produzierten, reichte es nicht zu einem Stuhl für jedermann. Dagegen wird der Monobloc jährlich milliardenfach produziert, wodurch der Mensch moderner Gesellschaften potenziell über etwa drei Dutzend Sitze verfügt.

Macht Euch locker!

Der Mensch, der immer und überall sitzen will und muss, ist zum Homo sedens geworden. Seine Abhängigkeit kann er überwinden oder zumindest bewältigen, wenn er sie, wie einst Könige, zum Ritual mit einem hohen ästhetischen, moralischen und spirituellen Wert macht. Nicht von ungefähr nimmt der geknickte Mensch eine melancholische Gefühls- und Körperhaltung ein. Er hat eine Richtung, aber er sitzt fest, er ist blockiert. Das scheinbar banale Sitzen, einst die Spiritualisierung des Königs, wirkt hemmend auf Intellekt und Geistesgegenwart. Konzepte für Stühle, moderne Büroarbeitsplätze und Homeplaces bleiben hilflose Versuche, wenn wir nicht unser Denken und Fühlen lockern, körperliche und geistige Haltungswechsel wagen und tätig in die Zukunft schreiten.

Titelmotiv: Monobloc-Stuhl (Bild: Frank Vincentz, CC BY SA 3.0)

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