Was schief gehen kann

von Dina Dorothea Falbe, mit Fotos von Christopher Falbe (17/2)

Energetische Sanierung: Dämmwahn, notwendiges Übel oder vielleicht doch ökologisch sinnvoll? Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern nur mit Blick auf den Einzelfall – genau wie die Frage nach einem möglichen Denkmalwert. Wo beide Fragen zusammenkommen, gehen die Meinungen besonders weit auseinander. Der Fall eines Wohnensembles in Berlin-Schmargendorf illustriert auf eindrucksvolle Weise, was in diesem Zusammenhang alles schief gehen kann.

Expressionismus oder Heimatstil?

Die viergeschossigen grauen Putzbauten mit Walmdächern zwischen Orber Straße und Salzbrunner Straße wurden 1938/39 errichtet, ohne sich dies gestalterisch anmerken zu lassen. Sie passen weder zum Heimatstil der gartenstadtartigen SS-Siedlung an der Krummen Lanke, noch zur monumentalen Strenge der Wohnsiedlung am Grazer Damm. Mit den abstrakten Klinkerornamenten um die Eingangstür und am Treppenaufgang könnten sie auch ein konservatives Beispiel der 1920er Jahre sein. Insgesamt sieben Häuserzeilen sind durch verklinkerte Pergolen miteinander verbunden und schließen einen etwas tiefer liegenden Innenhof ein. Als Architekten des Ensembles nennt das Buch „Berlin und seine Bauten Teil IV A“ den Namen „Sänger“. Beauftragt wurde er durch die Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten (Gagfah).

Viele verschiedene Wohnungsbaugesellschaften, private Bauherren und mindestens ebenso viele Architekten bestimmten in den1920er und 1930er Jahren den Wohnungsbau in Berlin. Legendär ist der „Zehlendorfer Dächerkrieg“, in dem sich u. a. Bruno Taut und Hans Poelzig gegenüberstanden. Der Architekt Harry Rosenthal hatte in beiden Büros gearbeitet. So scheint sein „Haus Salzbrunn“ (1927) in der Salzbrunner Straße beide Auffassungen zu verbinden. Für einen privaten Bauherrn errichtete er dort ein Wohnhaus mit großen, schmucklosen Fenstern, runden Balkonen und weißem Anstrich – ganz im Sinne des Neuen Bauens, wie es die Stuttgarter Weißenhofsiedlung repräsentierte. Darauf setzte er allerdings ein geneigtes Dach, wie in traditionellen Bauformen üblich.

Polystyrol statt Grauputz

Elf Jahre später, als Architekt Sänger auf der gegenüberliegenden Straßenseite für die Gagfah baute, hatte Harry Rosenthal Deutschland bereits verlassen müssen. Die Dachform und die Gebäudeanordnung, wie sie einen losen Blockrand markiert, verbinden jedoch dieses Gegenüber unterschiedlicher Fassaden. Eine Straßenecke weiter steht ein Haus von Hans Scharoun aus dem Jahr 1932. Die unterschiedlichen Architekturauffassungen der 1920er und 1930er treffen dieser Nachbarschaft zusammen und illustrieren so auf engem Raum ein wichtiges Kapitel Berliner Stadtentwicklung. Die Gegend nahe dem S-Bahnhof Hohenzollerndamm wurde nicht auf einmal beplant: Einige Blocks und Straßenecke blieben auch nach dem Krieg noch lange unbebaut. Der zeittypische Wohnungsbau vieler weiterer Jahrzehnte ergänzte Schritt für Schritt die inzwischen historischen Häuser.

Die Gagfah trug indessen wenig zum Unterhalt ihrer Gebäude in der Orber, Salzbrunner und Charlottenbrunner Straße bei. „Kriegsbedingte Zerstörungen wurden im Rahmen des Aufbau-Programms 1952 beseitigt“, weiß das Bezirkslexikon von Charlottenburg-Wilmersdorf. Dies war die letzte Modernisierung des Ensembles – bis zu dem Jahr, in dem die Deutsche Annington sich mit der Gagfah zu Deutschlands größtem Immobilienkonzern „Vonovia“ zusammen schloss: 2015. Plötzlich wurden die Mieter mit einer geplanten Mieterhöhung konfrontiert, die sich aus einer energetischen Sanierung ergeben sollte. Polystyrol sollte nun den Grauputz verdecken, dessen Widerstandsfähigkeit sich ein Dreivierteljahrhundert bewährt hatte. Weiße Kunststofffenster ersetzen die bauzeitlichen Holzkastenfenster. Auch die roten Haustüren werden bald nicht mehr aus handwerklich bearbeitetem Holz, sondern aus Metall sein.

Besitzstörung

Am 23. Januar 2016 empfahl der unabhängige Denkmalrat der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) das Ensemble unter Schutz zu stellen. Im Mai fasste die BVV den Beschluss sich beim Landesdenkmalamt (LDA) für die Eintragung in die Denkmalliste einzusetzen. Im August bestätigte das LDA die Denkmalwürdigkeit unter Vorbehalt weiterer Prüfungen. Die Bauarbeiten der Vonovia schritten indes voran, denn vor der Eintragung in die Denkmalliste sah sich das Landesdenkmalamt offenbar nicht in der Lage, in die Bauarbeiten einzugreifen. Zwischenzeitlich berichtete die Berliner Zeitung (BZ) über den „Aufstand in Schmargendorf“ – insgesamt 16 Mieter der 190 Einheiten umfassenden Wohnanlage hatten vor dem Verwaltungsgericht Klage wegen „Besitzstörung“ eingelegt, um sich gegen die Dämmung ihrer Wohnungen zu wehren. Die erwartete Heizkostenersparnis fällt gegenüber der Mieterhöhung marginal aus. „Die wollen nur die Mieterhöhung verhindern“, meint ein junger Anwohner, „der Denkmalschutz wäre nur ein Mittel dazu gewesen.“

Anfang April 2017 berichtete dann der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) vom „vergeblichen Protest in Berlin-Schmargendorf“ – der Denkmalschutz für die Wohnhäuser kommt nun doch nicht. Nach letztem Stand sollen nur die Gartenanlagen in die Denkmalliste eingetragen werden, da an den Bauten bereits zu viel verändert wurde. Dies erfuhren die Mieter nicht direkt vom Landesdenkmalamt, sondern vor Gericht im Februar 2017 von der Vonovia, die sich nach eigenen Angaben im „ständigen Austausch mit dem Denkmalamt“ befand. Gegenüber dem rbb erklärte die Vonovia zudem, dass das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf ihr bereits im September 2016 „nach Prüfung“ der Planungen „bestätigt“ habe, dass das Bauvorhaben „mit baukulturellen Belangen vereinbar“ sei.

Schmargendorfer Mieterprotest

Mieter Fred Grätz fühlt sich betrogen, zumal laut dem in Berlin geltenden Denkmalschutzgesetz die Denkmalliste „eben nicht mehr konstitutiv, also rechtserzeugend, sondern nur noch deklaratorisch, also rechtsbezeugend“ sei. Als Rentner engagiert sich Grätz als Sprecher des „Schmargendorfer Mieterprotestes“. Auch der pensionierte Denkmalpfleger Dr. Dieter Worbs, der als Mitglied des Denkmalbeirats die Eintragung empfohlen hatte, bedauert die nun ungehindert fortschreitenden Baumaßnahmen und bezeichnet sie angesichts der Bausubstanz als „unnötig“. Holzkastenfenster und massive Ziegelwände von 38 bis 50 Zentimetern Dicke bieten bereits mehr Isolation als viele konstruktive Lösungen der Nachkriegszeit.

Im selben Bezirk, etwas weiter südlich befindet sich die „Gartenstadt am Südwestkorso“, auch bekannt als „Künstlerkolonie“. Die 1927 bis 1930 für sozial nicht abgesicherte Künstler und Schriftsteller erbaute Siedlung steht seit 1990 unter Denkmalschutz und gehört ebenfalls der Vonovia. Obwohl die Bausubstanz dieser Siedlung mit der in der Orber Straße vergleichbar ist, sieht die Vonovia hier keinen Bedarf zur energetischen Sanierung.

„Man kann das doch so machen, dass es wie aus den 30ern aussieht“, meint ein älterer Anwohner, der wenig Verständnis für die Beschwerden des „Schmargendorfer Mieterprotestes“ hat. Mit dieser Aussage hat er gewissermaßen Recht, doch auch hier muss man wieder mit Blick auf den Einzelfall entscheiden – gerade die konkrete Bauausführung bereitet den Mietern wohl mit die größten Sorgen. Sie befürchten Schimmel und Algen an ihren Wänden und werfen der Vonovia vor, nicht nur bei den verwendeten Produkten, sondern auch an der Verarbeitung zu sparen. Dämmplatten sollen bei Regen und beidseitig an Balkontrennwänden verklebt werden, ein Mieter will verhindert haben, dass ein Fensterblech ohne den erforderlichen Abflusswinkel montiert wurde, sodass das Wasser in seine Wohnung geleitet worden wäre. Hier steht Aussage gegen Aussage. Tatsächlich fällt aber beim Besuch der Baustelle auf, dass die Bauarbeiten relativ unkoordiniert ablaufen. An verschiedenen Ecken wurde mit der Dämmung begonnen. Wirklich abgeschlossen scheint die „Sanierung“ bisher nirgends zu sein, obwohl die Bauarbeiten nun ins dritte Jahr gehen. Einige Holzfenster liegen achtlos auf einem Haufen, andere sind noch in Takt.

Aus Sicht benachteiligter Mieter erlaubt die Energieeinsparverordnung den „Missbrauch der Dämmung“ zur Mietsteigerung. Sie befürchten außerdem, dass die Vorgehensweise deutschlandweit „Schule macht“ und Immobilienfirmen möglichst schnell „Fakten schaffen“, damit sie sich um den Denkmalschutz keine Sorgen machen brauchen – berichtete der rbb. Umgekehrt kann auch die Denkmalpflege Schlüsse aus diesem Misserfolg ziehen. Wäre für eine Modernisierung dieser Art beispielsweise eine Baugenehmigung notwendig, könnten die Behörden Zeit gewinnen, die Denkmalwürdigkeit rechtzeitig zu prüfen.

„Deutschland macht’s effizient“

Ob nun rechtens oder nicht – die Abläufe in diesem Fall bestätigen jedes Vorurteil gegenüber Behörden, die im Zweifelsfall nicht auf der Seite der Mieter, der Baukultur oder der Umwelt, sondern auf der Seite der „Wohnungskraken“ stehen – so bezeichnet Fred Grätz die Vonovia, die durch Übernahme weiterer Immobilienfirmen ständig ihre Rendite steigert. Gleichzeitig zeigt der Fall die aktuellen Problemstellungen der institutionellen Denkmalpflege auf: Wie könnte man, oder könnte man überhaupt den Unterschutzstellungsprozess demokratisieren? Die Empfehlung des unabhängigen Denkmalbeirates in Verbindung mit dem Engagement der Mieter zeigt ein öffentliches Interesse an den baukulturellen Werten der Wohnanlage. Obwohl ein solcher Wert fachlich bestätigt war, verlief das Verfahren sehr zögerlich und letztlich erfolglos.

Umweltschützer warnen vor den Folgen, die Kunststoffabfälle für Flora und Fauna haben. Auch Asbest galt lange Zeit als günstiger und sicherer Dämmstoff, bis man die Risiken erkannte. Trotz der Sondermüllklassifizierung von Dämmplatten aus Polystyrol wird auf den Seiten der Kampagne des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie „Deutschland macht’s effizient“ weiterhin zuallererst auf Polystyrol verwiesen, das nach Angaben der Kampagne „etwa drei Viertel aller gedämmten Gebäude in Deutschland“ verkleidet. Immerhin engagiert sich das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz mit dem HolzbauPlus-Wettbewerb für das Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen und prämiert unter dem Motto „additive Ehrlichkeit“ auch eine Dämmung aus diesen Materialien, die im Gegensatz zu ihrem künstlichen Gegenstück komplett wiederverwertbar und biologisch abbaubar sind.

Der staatlichen Förderung der energetischen Sanierungen fehlt die Grundlage für wirklich nachhaltiges Wirtschaften, solange die klassische Immobilienbewertung von einer Lebenszeit weniger Jahrzehnte ausgeht, nach deren Ablauf das Gebäude für abrissreif oder zumindest grundlegend renovierungsbedürftig erklärt wird. Nicht nur Energieeinsparung sondern auch Ressourcenschonung und Abfallreduktion sollten in die Berechnungen einbezogen werden. Der Grauputz der 1930er Jahre hat bis heute gehalten. Die massiven Mauern lassen sich gegebenenfalls wieder auspacken, die hölzernen Kastenfenster und Haustüren wandern jedoch auf den Müll und sind damit unwiederbringlich verloren. Die Fassade des neu gebauten Europäischen Rates in Brüssel muss den betroffenen Mietern wie reiner Hohn erscheinen: Sie besteht aus eben diesen Holzfenstern, die den Bewohnern der traditionellen Berliner Mietshäuser und in ganz Europa teils gegen ihren Willen genommen werden.

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Frühjahr 17: Verdämmt!

Verteidigen, was kein Denkmal ist

Verteidigen, was kein Denkmal ist

LEITARTIKEL: Ursula Baus über Sinn und Unsinn der grassierenden Dämmwut – und was das über unser Architekturverständnis aussagt.

Was schief gehen kann

Was schief gehen kann

FACHBEITRAG: Dina Dorothea Falbe durchstreift Berlins Häuserschluchten.

Zweimal Bürofassade

Zweimal Bürofassade

PORTRÄT: Daniel Bartetzko skizziert zwei Frankfurter Sanierungen.

"Klartext!"

„Klartext!“

FACHBEITRAG: Thomas Rempen und 16 Master-Studierende werden laut und kreativ gegen den deutschen Dämmwahn.

"Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems"

„Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems“

INTERVIEW: Der bayerische Generealkonservator Prof. Mathias Pfeil spricht mit moderneREGIONAL über Forschung, Dämmung, Abwägung und Substanz.

Vorher-Nachher-Platte

Vorher-Nachher-Platte

FOTOSTRECKE: Martin Maleschka besucht Bukarest & Co.

Sitzen im Fußballstadion

von Matthias Marschik (17/4)

Bis zum Ende der 1950er Jahre war die Welt im (Fußball-)Stadion zwar nicht in Ordnung, aber geordnet: Gestaffelte Eintrittspreise unterschieden zwischen guten und schlechten Plätzen, schufen eine alters-, klassen- und auch geschlechterspezifische Hierarchie. Die Trennung in Sitz- und Stehplätze wurde zum genauen gesellschaftlichen Gradmesser. Es gab teurere (auf der Längsseite) und billigere (hinter den Toren und in den Kurven) Stehplätze und noch mehr Kategorien bei den Sitzen. Wie im Theater konnte man sein ökonomisches und soziales Kapital zur Schau stellen und in symbolisches Kapital umwandeln. Den Höhepunkt bildete die gedeckte und regengeschützte Tribüne, – und dort ganz speziell die Ehrentribüne, auf der sich die Spitzen der verschiedenen Kapitalsorten auf speziellen Sitzgelegenheiten zusammenfanden.

Ungehobelte Hornbrillenträger

Dennoch, ähnlich wie in den großen Theater- oder Konzertsälen, bildete das gemischte Publikum eine große Einheit: Auf den Steh- wie Sitzplätzen unterstützte und bewunderte man das eigene Team bedingungslos. Vielfach wurde darüber geklagt, dass sich die noblen Gäste auf den teuren Rängen übler aufführten als das junge oder proletarische Publikum auf den billigen Plätzen. So waren in Wien „Stadtpelz“ und „Hornbrillenträger“ beliebte – und auch antisemitisch gefärbte – Bilder für den reichen oder intellektuellen Mob.

Hier wurde die gegnerische Mannschaft geschmäht, die eigene bejubelt oder verdammt, der Schiedsrichter beschimpft, aber auch untereinander gestritten oder sogar gerauft. Vor allem dann, wenn die Stadiongemeinschaft durch Eindringlinge in Gestalt von Auswärtsfans gestört wurde. Diese Begegnungen konnten ganz unterschiedlich ausfallen: Blieb man einmal ganz unter sich (welcher Arbeiter konnte es sich schon leisten, etwa den HSV nach München zu begleiten), konnte ein andermal die Auswärtsmannschaft sogar mehr Fans aktivieren als das Heimteam. Meinungsverschiedenheiten (meist verbal ausdiskutiert, manchmal handgreiflich ausgetragen) standen natürlich auf der Tagesordnung. Aber dennoch funktionierte das Stadiongefüge zumeist ohne größere Brüche. Saßen oder standen hier doch Menschen nebeneinander, die sich zwar nicht hinsichtlich des bevorzugten Vereins, dafür aber bezüglich ihres gesellschaftlichen Status ähnlich waren.

Träge Couchpotatoes

Bis in die 1960er Jahre bildete das Stadion ein funktionierendes, streng reglementiertes System. Es war männlich, es war „weiß“, und jeder wusste, wo er hingehört: Frauen gehörten nicht ins Stadion (oder bestenfalls auf die Ehrentribüne), Migranten und Minderheiten auf die Unterliga-Sportplätze ihrer jeweiligen Vereine, und die Mehrheitsmänner verteilten sich nach strengen Regeln im Stadion. Wurde man älter oder stieg sozial auf, wechselte man vom Steh- zum Sitzplatz, von den billigeren zu den teureren Rängen. Manche Vereinsanhänger haben so in ihrem Leben das ganze Stadionoval umrundet.

Doch in den frühen 1960er Jahren veränderte das Fernsehen nachhaltig die Sportwelt. War es anfangs der Reiz des Neuen, der die Stadien zugunsten der TV-Live-Übertragung leerte, war es bald die Bequemlichkeit, die viele zu Hause blieben ließ. Die heimische Couch schien komfortabler als der Sitz im Stadion, zumal wenn das Wetter schlecht, das Spielergebnis absehbar oder der Termin ungünstig war. Je professioneller das Fernsehen mit Farbe, Zeitlupen, Kamerawechseln, Wiederholungen, Interviews und einem informativen Rahmenprogramm wurde, desto deutlicher entwickelten sich das Erleben vor Ort und am Bildschirm auseinander: Suchten die einen noch immer die Authentizität des Stadions, bevorzugten die anderen das vielfältige Erleben des Fernsehens. Gemeinsam war ihnen – nicht erstaunlich in den konsumfreudigen „Wirtschaftswunderzeiten“ – lediglich die Bequemlichkeit. Lümmelte man zu Hause mit Bier, Chips und Zigarette auf dem Sofa, rüsteten auch die Stadien auf: Man erweiterte die Tribünen, schuf neue (ergonomische) Sitzplätze. Nun reichten die Sitzreihen fast an die Outlinien heran. Die Rangordnung blieb vorerst aber noch erhalten, wurde durch erste exklusive VIP-Tribünen sogar noch verstärkt.

Junge Wilde

Aufgebrochen wurde die Struktur erst in den 1970er Jahren, als sich der Vereinsanhänger zum fußballinteressierten Konsumenten entwickelte. Es ging nicht mehr um die bedingungslose Unterstützung des eigenen Klubs, sondern um ein attraktives Spiel. Während bei den bedeutenden Spielen das Stadion voll war, kamen zu den unwichtigeren immer weniger Zuschauer (und Zuschauerinnen). Weil die Menschen nun angelockt werden mussten, bauten Klubs und Stadionbetreiber immer bequemere Sitze für ein freilich immer passiveres Publikum. Im Gegensatz dazu galt Fußball immer mehr als Sport der Unter- und unteren Mittelschichten. Aber auch unter den verbliebenen Anhänger_innen eines bestimmten Klubs änderte sich deren Zusammensetzung: Die „besseren Kreise“ wanderten zu Sportarten wie etwa dem Tennis ab. Verstärkt wurde dies durch die Sportfeindlichkeit der 1968er, die gerade den Fußball als Teil einer entfremdeten Massenkultur ablehnten.

Am anderen Ende entstand jedoch eine neue aktive Gruppe, welche die Tradition der Anhängerschaft fortführte. Es bildeten sich jugendliche Fankulturen mit neuen Ansprüchen und einem anderen Erscheinungsbild: Kutten und Schals, Transparente und Fahnen vor allem auf den billigen Plätzen, den Stehsektoren hinter den Toren und eben in den „Kurven“. Dadurch wurde der ehemals einheitliche, nur durch Auswärtsfans gestörte Raum des Stadions aufgebrochen. Nicht zufällig sahen sich die jungen Fans nun als Sub- und Gegenkultur. Forderte die Sitzplatztribüne mehr Bequemlichkeit und bessere Unterhaltung, wollten sie vermehrte Authentizität und aktive Teilhabe. Die Klubs gerieten in die Zwickmühle: Brachte das Publikum auf den teuren Plätzen auch mehr Einnahmen, waren es doch gerade die Fans, die für Stimmung und Unterstützung sorgten.

Fans, Hooligans, Ultras

Der Konflikt eskalierte in den 1980er Jahren gleich auf drei Ebenen: Zum Ersten kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppen, die ihre Identifikation mit dem Klub offensiv auslegten. Zum Zweiten spaltete sich die Anhängerschaft in Fans, Hooligans und Ultras. Dies führte zu Gewalt auch innerhalb der Unterstützer_innenszene eines Vereins, besonders, als der Rechtsextremismus auf den Stehplätzen einzog. Und zum Dritten verschärften sich die Kämpfe im Stadion. Es ging nunmehr generell um die „richtige“ Art und Weise, Fußball zu leben. Der Konflikt zwischen Tribüne und Fankurve spaltete fast jeden Verein. Selbst die Entscheidung zwischen Stehen (aktiv) oder Sitzen (passiv) wurde zur Glaubensfrage. Das Stadion zeigte ein Neben-, oft sogar Gegeneinander unterschiedlicher Gruppierungen. Verein und Mannschaft reichten als Klammer nicht mehr aus.

Weil das etablierte Publikum auf den Sitzplatztribünen freilich seine Interessen durchzusetzen wusste, antworteten die Vereine baulich. Die stärkere Trennung der „Subkulturen“ führte so zu „Hochsicherheitsstadien“. Als „gewaltbereit“ und „gefährlich“ eingestufte Gruppen wurden in Käfige gesperrt, durch Zäune und Stacheldraht, durch Polizisten und deren Hunde abgeschottet, durch Ordner und Kameras überwacht. Vor allem aber schloss man Publikum und Spielfeld voneinander ab. Es war absehbar, dass diese Strategie kurzfristig funktionierte, die Eskalation längerfristig aber nur vor die Stadien verlagerte.

Hungrige Konsumenten

Kein Wunder also, dass der Fußball in den 1990er Jahren massiv kommerzialisiert wurde, dass die Auseinandersetzung um den Sport zum Kampf um Identitäten geriet. Nach schweren Unfällen – allen voran die Massenpanik von Hillsborough, als 1989 fast hundert Menschen starben und mehr als 700 verletzt wurden – strukturierte man das Publikum neu. Die Käfige wichen einer notfalls sogar zum Spielfeld offenen Organisierung. Die auf das Spiel gerichteten Fernsehkameras wurden durch auf das Publikum blickende Überwachungskameras ergänzt. Für eine solche permanente Beobachtung müssen die Stadionbesucher freilich ruhiggestellt werden: Das All-Seater-Stadion ist inzwischen in allen größeren Ligen üblich und bei internationalen Begegnungen verpflichtend. Die Fans wurden damit an die Sitzplatzkultur angepasst, aus aktiven sollten passive Konsument_innen werden.

Die 2000er Jahre veränderten die Fußballkultur und die Stadien massiv: Wenn die Vereine mit Merchandising und dem Verkauf von Fernsehrechten weit höhere Einnahmen erzielen als mit den Eintrittsgeldern, werden die Sportstätten äußerlich zwar zu architektonisch aufwändigen, nach innen aber aus- und verwechselbaren Konsumtempeln. Der Umbau zu reinen Sitzplatzstadien mit ausgedehnten VIP-Bereichen dient der Preissteigerung und der Vermarktung vor allem für Tourist_innen. Die Stimmung in den Stadien droht zu sinken, wenn vor allem junge Fans mit geringem Einkommen auf den eigenen Fernseher, auf Kaffeehäuser, Kneipen und Pubs ausweichen, während andere nur noch die unteren Ligen besuchen. Auch die Einführung personalisierter Tickets, die wochenlang vorher erworben werden müssen, lehnen viele Fans ab. Der Trend geht ganz klar in Richtung einer abgesicherten amerikanisierten Unterhaltungs- und Familienkultur. Die Zuschauer_innen jubeln kurz beim Torerfolg, konsumieren das Match ebenso wie das kulinarische Angebot und verhalten sich ansonsten wie ein Theaterpublikum mit gelegentlichem Szenenapplaus. Der Fußball selbst tritt immer mehr in den Hintergrund oder wird Mittel zum Zweck.

Künftige Stimmungs(be)sucher

Das Fußballspiel ist immer noch kein beliebiges Unterhaltungsangebot, dem wirken ganz unterschiedliche Kräfte entgegen: Zum Ersten baut das Fernsehen, besonders das Pay-TV, auf die besondere Stimmung in den Stadien. Zum Zweiten setzen immer mehr Vereine ganz bewusst auf Tradition und lautstarke Unterstützung. Und zum Dritten gibt es noch immer genügend Fangruppen, die aus dem Stadionbesuch einen Teil ihrer kollektiven Identität ziehen und damit auch um ihre Stehplätze kämpfen. Somit ist das letzte Kapitel des Themas Fußballstadion noch nicht geschrieben.

Titelmotiv: Santiago, Bernabéu Stadium (Bild: Little Savage, CC BY SA 4.0)

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Herbst 17: Nehmen Sie Platz!

"Schwerer als ein Wolkenkratzer"

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LEITARTIKEL: Hajo Eickhoff über eine moderne Beweglichkeit.

Sitzen im Fußballstadion

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Sitting in Motion

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Sitzen im Kino International

von Dietrich Worbs (17/4)

Die Besucher des Berliner Kinos International müssen sich eine ganze Weile durch das Gebäude bewegen, bevor sie sich im Zuschauerraum niederlassen können. Das liegt am Auftrag des Bauherrn, denn der Ost-Berliner Magistrat wollte ein gesellschaftliches Zentrum für den 2. Bauabschnitt der damaligen Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee. Und dieses neue Kulturzentrum musste nicht nur ein Lichtspieltheater, sondern auch Stadtteilbibliothek und -klub aufnehmen. Künftig sollte das Kino DEFA-Premieren zeigen.

Stilwechsel an der Stalinallee

Mit großer Freude machte sich der Architekt Josef Kaiser (1910-1991), Leiter des Kollektivs Kaiser im VEB Hochbauprojektierung Berlin, an die Arbeit. Zusammen mit dem Stadtplaner Werner Dutschke (1919-1983) hatte er gegen sechs Konkurrenten 1958 den Wettbewerb um den 2. Abschnitt der Stalinallee gewonnen. Dutschke und Kaiser wichen erheblich von den städtebaulichen und gestalterischen Vorstellungen des 1. Bauabschnitts ab: Entstehen sollten entlang der Magistrale – im Gegensatz zu den neoklassizistischen Arbeiterwohnpalästen im 1. Bauabschnitt – moderne Hochhausscheiben.

Die Reihung der Hochhäuser wurde zwischen den Wohnbauten aufgelockert durch kleine Geschäftspavillons von Edmund Collein (1906-1992). Nördlich und südlich der Magistrale schufen Dutschke und Kaiser grüne Wohnhöfe mit Schulen und Kitas. Sie bildeten vor allem ein klares städtebauliches Zentrum an der Einmündung der Schillingstraße in die Stalinallee: mit dem Kino International, der Gaststätte Moskau und dem Hotel Berolina am U-Bahnhof Schillingstraße. Kurz gesagt, Dutschke und Kaiser führten die Moderne an der Stalinallee ein. Der 2. Bauabschnitt der Jahre 1959 bis 1965 stand in scharfen Kontrast zum 1. Bauabschnitt von 1952/53. Die SED-Parteiführung hatte Mitte der 1950er Jahre festgestellt, dass der Wiederaufbau Berlins an der Frankfurter Allee (wie die Straße ursprünglich hieß) mit traditionellen Vorstellungen nicht zu leisten sei. Nur durch die Vorfertigung und eine moderne (Städte-)Baukonzeption könne die Wohnungsnot überwunden werden.

„Raumplan“ für ein Kulturzentrum

Josef Kaiser entwarf nicht nur die zehngeschossigen Typenbauten für die Vorfertigung an der Stalinallee, sondern auch die drei Solitärbauten des Zentrums an der Einmündung der Schillingstraße: ein Ensemble aus Restaurant, Hotel und Kino. Überlegt ordnete er die drei Hauptfunktionen – Kino, Bibliothek, Klub – des International. Die Bibliothek sollte im Erdgeschoss liegen, von außen leicht zugänglich für Kinder und Erwachsene. Für das Kino war ein geräumiger Eingangsbereich mit Kassen, Garderoben und Vestibül vorzusehen, um über seitliche Treppen ins Obergeschoss zum Foyer und zum Zuschauerraum hinaufzusteigen.

Geplant war, den Zuschauerraum vom Foyer durch Schallschleusen zu betreten und im Saal durch zwei breite Gänge die Sitzreihen zu erschließen. Das Gefälle des Parketts von der obersten Sitzreihe zur untersten vor der Bühne war so zu bemessen, dass für jeden Besucher uneingeschränkte Sicht möglich sein würde. Über getrennte Treppen sollten die Besucher das Kino verlassen können. Es war vorgesehen, dass die Klubräume beiderseits des hohen Zuschauerraums über den Kino-Treppenhäusern liegen, erschlossen durch eigene Treppen, verbunden durch eine Brücke über den Schallschleusen und dem Projektionsraum des Kinos. Die ineinander verschränkten Raumbereiche von Kino und Klub sollten in einem geschlossenen, flachen, quaderförmigen Baukörper zusammengefügt werden, der auf einem Sockelgeschoss mit der Bibliothek ruht und mit dem Foyer über den Eingängen im Erdgeschoss ohne Stützen frei auskragt.

Kaiser stammte aus einer deutschböhmischen Baumeisterfamilie in der Nähe von Karlsbad. Von 1929 bis 1935 studierte er Architektur an der Deutschen TH in Prag. In diesen Jahren baute der Wiener Architekt Adolf Loos (1870-1933) hier seine letzten beiden berühmten Raumplan-Villen. Nach Kaisers eigenem Bekunden beeinflusste ihn Loos durch seine Schriften und Bauten. Dieser verschränkte Räume unterschiedlicher Höhe auf verschiedenen Niveaus, legte Wege durch diese Raumfolgen an und arbeitete mit Dunkelzonen und Lichtreizen, um die Menschen durch seine Bauten zu führen. Diese Konzeption nannte sein Schüler Heinrich Kulka den „Raumplan“. Und den nahm Kaiser offensichtlich in seiner Studienzeit auf und wandte ihn 25 Jahre später auf sein Berliner Kinogebäude an.

Der Aufstieg zum Kinosaal

Bis heute betritt der Besucher das Kino International zu ebener Erde unter dem auskragenden Foyer im Obergeschoss – ohne pompöse Freitreppe. Nach Windfang und Kassenhalle gelangt man in das niedrige Vestibül, in dessen Mitte eine Rundbank zum kurzen Verweilen einlädt. Darüber sind Hunderte von Glühlampen in eine Lichtdecke eingelassen. An den beiden Seiten sind die zwei Treppenaufgänge angeordnet, die nach einer Wendung um 90 Grad dem Licht entgegen zum oberen Foyer hinaufsteigen: Der Besucher tritt aus dem engen Schacht kommend in einen hellen, hohen, langgestreckten Raum, der sich mit einer Fensterfront zur Karl-Marx-Allee hin öffnet. Man atmet auf und sieht sich um.

Das Foyer besitzt eine Bar und eine lange Reihe von kleinen Tischen mit Stühlen an der Fensterwand. Man konnte hier schon immer vor dem Beginn einer Aufführung auf- und abwandeln oder an einem der Tischchen an der langen Fensterfront sitzen, einen Kaffee trinken, plaudern und sich auf den Film vorbereiten. Von der Karl-Marx-Allee gesehen, erscheinen die Besucher in der langen Fensterfront wie die Personen eines Films im Breitwandformat. Kurz vor der Aufführung öffnen sich dann beiderseits des Projektionsraums die Türen zum Zuschauerraum. Die vorigen Besucher haben den Saal durch eigene Treppenabgänge verlassen. Die engen und niedrigen Durchgänge in den Saal schützen vor Straßenlärm und bereiten auf etwas Neues vor: den hohen Zuschauerraum.

Der Zuschauerraum

Der Zuschauerraum fällt nach unten zur Bühne hin um zwei Meter ab, während die Decke im gleichen Maße ansteigt. Dadurch werden optimale Projektions- und Sichtverhältnisse geschaffen. Die Überraschung wird gesteigert durch die abgehängte Decke, den „fliegenden Teppich“ aus getöntem Stuck, der zur Leinwand hin in fünf Wellen ansteigt. Ein champagnerfarbener, mit Pailletten besetzter Vorhang verdeckt die Leinwand, der Fußboden zeigt einen blauen Teppichboden. Wie schon das Foyer sind auch die Seitenwände mit Stabholzleisten verkleidet, die eine gute Akustik gewährleisten.

Zwei breite Gänge führen von den Foyerschleusen zur Bühne hinunter, die nur um zwei Stufen gegenüber dem Parkett erhöht ist. 600 bequeme Sitze laden beiderseits der Gänge zum Entspannen ein. Der Zuschauerraum auf annähernd quadratischem Grundriss ist durch seine Keilform in der Horizontalen gerichtet – zur Bühne hin mit der Leinwand, auf die sich die Aufmerksamkeit der Zuschauer konzentrieren soll. Beiderseits der Bühne sind die Türen angeordnet, die sich zu den Treppenabgängen ins Freie öffnen.

Der Bau des Kinos hatte am 15. März 1961 begonnen. Am 15. November 1963 wurde das International in Anwesenheit höchster Repräsentanten von Staat und Partei mit dem sowjetischen Revolutionsfilm „Optimistische Tragödie“ feierlich eröffnet.

Die Filme im International

Zu DDR-Zeiten zeigte das Kino International je ein Drittel DEFA-Filme, Produktionen aus den übrigen sozialistischen Ländern und Streifen aus dem Westen – selbstverständlich nur ausgesuchte, wertvolle, fortschrittliche Filme, um die Werktätigen zu sozialistischen Bürgern zu erziehen. Die Besucher wussten dieses Angebot zu würdigen. Von den vielen DEFA-Premieren soll der Film „Spur der Steine“ von Frank Beyer (1932-2006) erwähnt werden. Im Sommer 1966 wurde er nach einer beispiellosen Kampagne vom Kulturminister verboten, jedoch uraufgeführt und dann nach inszenierten Krawallen abgesetzt: Man sah „die Rolle der Partei und des Staates in gröbster Weise verunglimpft“, wie das SED-Politbüro parteiintern verlauten ließ. Der Film verschwand im Tresorraum der DEFA.

Nach zwei Jahrzehnten widerfuhr dem Film, dem Regisseur und seinen Schauspielern späte Gerechtigkeit: Am 23. November 1989, zwei Wochen nach der Öffnung der Mauer, wurde „Spur der Steine“ in angemessener Form im International wiederaufgeführt – im Beisein von Frank Beyer, Manfred Krug und anderen Mitspielern. Als sie nach der Vorstellung vom Künstlerzimmer aus die Bühne betraten, sprangen die Zuschauer spontan von ihren Sitzen auf und brachen in stürmische Ovationen aus. Andere DEFA-Filme – wie z. B. „Lotte in Weimar“ (Egon Günther, 1975), „Solo Sunny“ (Konrad Wolf, 1979) oder „Coming out“ (Heiner Carow, 1989) – fielen nicht weniger kritisch aus als „Spur der Steine“, aber die SED wagte nicht noch einmal, ein Verbot so rüde durchzusetzen wie 1966.

Nach der Wende

Das International wurde zusammen mit dem Hotel Berolina und dem Restaurant Moskau als zentrales Ensemble des 2. Bauabschnittes der Stalinallee 1990 unter Denkmalschutz gestellt. Das hat – neben dem Kultstatus und der Qualität des Programms – sicher zur Erhaltung des Kinos beigetragen. Nach der Wiedervereinigung wurde es weiter bespielt, 1992 von der Yorck-Kino GmbH gepachtet und schließlich 1996 erworben. Seit 25 Jahren betreibt die GmbH das International als Programmkino und Veranstaltungsort für Tagungen und Feste, es ist seit 1990 Spielstätte der Berlinale. Im November 2013 feierte die Yorck-Kino GmbH das fünfzigjährige Bestehen des International gebührend mit einer Film-Retrospektive mit 500 geladenen Gästen.

Josef Kaiser hatte sein Kino – wie er 1963 äußerte – mit einem hohen Anspruch entworfen, der sich inzwischen über 50 Jahre bewährt hat: „Die architektonische Gestaltung von Filmtheatern soll heute darauf gerichtet sein, einen Ort festlicher Zusammenkunft für eine erlebnisbereite Gemeinschaft zu schaffen.“

Literatur

Worbs, Dietrich, Das Kino International in Berlin, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2015.

Titelmotiv: Kino International, Garderobenhalle, Vestibül (Bild: Eric Neuling, 2009)

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Herbst 17: Nehmen Sie Platz!

"Schwerer als ein Wolkenkratzer"

„Schwerer als ein Wolkenkratzer“

LEITARTIKEL: Hajo Eickhoff über eine moderne Beweglichkeit.

Sitzen im Fußballstadion

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FACHBEITRAG: Matthias Marschik zwischen Nordkurve und Souvenirstand.

Sitzen im Kino International

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FACHBEITRAG: Dietrich Worbs unterwegs zum Kinosessel.

Sitzen im Bonner Loch

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FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck über (ehemals) konsumfreie Räume.

Sitzen mit Wolfgang Voigt

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INTERVIEW: ein Architekturhistoriker und drei Ungers-Stühle.

Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

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PORTRÄT: Julius Reinsberg zwischen Pomp und Bescheidenheit.

Sitting in Motion

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FOTOSTRECKE: von ergonomischen Zugabteilen und futuristischen Flugzeugsitzen.