Café „Heimat“

von Stefan Timpe (17/3)

Er passt so gar nicht ins kalte Hochhausimage der Mainmetropole, der nierentischförmige Kiosk in einer Biegung der Berliner Straße. Zwischen Goethehaus und Paulskirche, inmitten mehrgeschossiger Bürohausriegel, wirkt die Kleinarchitektur mit dem geschwungenen Flugdach fast ein wenig verloren. Doch vor zehn Jahren wurde dem Kiosk nach einer wechselvollen Nutzungsgeschichte wieder neues, nicht nur kulinarisches Leben eingehaucht.

Von der Eisdiele zur Jazzkneipe

Der ursprünglich als Café mit Kiosk angelegte Pavillon wurde 1956 nach einem Entwurf von Edgar Schäfer unmittelbar gegenüber dem Bundesrechnungshof errichtet. Einige Zeit diente der Bau auf ovalem Grundriss als Eisdiele. In den 1960er und 1970er Jahren machte er dann Furore als Jazzkneipe. Hier traten Musikgrößen auf, wie Nana Mouskouri oder Caterina Valente. Es folgten wechselnde Nutzungen, wie Imbiss oder Kneipe.

Das äußere Erscheinungsbild entwickelte sich in dieser Zeit nicht gerade zum Vorteil: Der Kiosk war in den 1980er Jahren durch eine eingreifende Fassaden-Umgestaltung vollends in die Banalität gerutscht. Man tauschte die großzügig verglasten bauzeitlichen Stahlfenster gegen kleinteilig gegliederte Holzsprossenfenster mit klobigen Profilen aus. Spätestens mit der – dem damaligen Zeitgeschmack entsprechenden – plakativen Farbgebung war die ursprüngliche Qualität des Gebäudes kaum noch zu erahnen.

Mit alten Plänen zu neuem Leben

Vor diesem Hintergrund mag die Unterschutzstellung im Jahr 1999 als ein seltenes Zeugnis von denkmalpflegerischem Optimismus gewertet werden. Niemand mochte damals erahnen, dass jemand das bauzeitliche Erscheinungsbild wiederherstellen könnte. Nach jahrelangem Leerstand wurde 2007 durch einen Besitzerwechsel aus der denkmalpflegerischen Vision Realität.

Die neuen Nutzer planten in den begrenzten Räumlichkeiten eine gastronomische Nutzung. Darüber hinaus sollten auch die Sprossenfenster gegen ungeteilte Fensterscheiben ausgetauscht werden. Gestützt auf die Entwurfszeichnungen von 1956, konnte der Offenbacher Architekt Christian Schmidt – in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege – 2007 die fast vollständig verglaste Fassade inklusive Eingangstür und Farbgebung im ursprünglichen Sinne wiederherstellen. Die hochstehenden Kacheln im Sockelbereich wurden von jüngeren Farbschichten freigelegt und gereinigt. Die Überreste der einstigen Kioskfenster und der Mosaikverkleidung aus den 1950er Jahren blieben erhalten. Sie wurden jedoch aufgrund der nutzungsbedingt veränderten Innenraum-Gliederung durch Paneele geschützt und den Blicken (zumindest vorläufig) entzogen.

Kleine Küche, großer Anspruch

Der behutsam sanierte Pavillon beherbergt heute ein beliebtes Szene-Restaurant, das sich – in Entsprechung zur kleinen Küche – für eine überschaubare, aber erlesene Wein- und Speisekarte mit regionalem Anstrich entschieden hat. In der wärmeren Jahreszeit kann der Innenraum durch die Terrassen-Außenflächen um fast das Doppelte erweitert werden. Bereits kurz nach Abschluss der Baumaßnahme feierte die Presse das Ergebnis als „Inbegriff der Wiederaufbaumoderne“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. Dezember 2007). Für Frankfurts Architekturliebhaber hat sich der Pavillon in den letzten zehn Jahren zu einem der Schlüsselbauten für die Wiederentdeckung der Architekturmoderne gemausert. Dass man hier zudem gutes Bauen bei gutem Essen genießen kann, soll noch der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

Titelmotiv: Frankfurt, Café „Heimat“ nach der Sanierung (Bild: Christian Schmidt, Offenbach)


Alfred Biolek und Regine Hildebrandt backen 1996 einen Frankfurter Kranz: Für die Crème: 2-3 Päckchen Vanillesoße, Zucker nach Augenmaß, 1 Prise Salz, 1/2 Liter Milch, 250 Gramm Margarine. Für den Kuchenteig: 250 Gramm Zucker, 500 Gramm Mehl, 4 Eier, 250 Gramm Kartoffelstärke, 1/2 Päckchen Backpulver, ein bisschen Wasser. Für den Belag: Margarine, grobe Haferflocken, Zucker. Und 1 Flache Kochwein für den Koch.

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Sommer 17: Mettigel

Brutalistisch kochen?

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LEITARTIKEL: Jürgen Dollase über gut konstruiertes Essen.

Kantine oder Küchentisch?

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Hajeks Mensa in Saarbrücken

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Auf ein Milcheis mit Mark Escherich

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INTERVIEW: der Ostmodernist vor dem Erfurter Rundpavillon.

Café "Heimat"

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PORTRÄT: Stefan Timpe über ein wiedererstandenes Szene-Restaurant.

Kochen wie einst im Osten

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FOTOSTRECKE: wie Kochbücher 1968 den Ostblock sahen.

Jerusalem, Beit Belgiyah

von Karin Berkemann (18/1)

Ein Haus wie ein Donut – dieser für das Beit Belgiyah (בית בלגיה/Belgium House) gern bemühte Vergleich klingt zunächst wenig charmant. Doch das Bild trifft, denn das 1967 eingeweihte Bauwerk erinnert tatsächlich an das amerikanische Gebäck: kreisrund mit einem großen Loch in der Mitte. Das sandsteinverkleidete Gäste- und Clubhaus der Hebräischen Universität steht in Jerusalem am Rand des Campus Edmond J. Safra, direkt hinter der Nationalbibliothek, ganz nah beim Parlament (Knesset) und beim Israel Museum, nur eine kurze Busfahrt von der Altstadt entfernt.

Alles sehr sicher

An Kontrollen und bewaffnete Kontrolleure muss man sich hier gewöhnen: Das beginnt am Flughafen in Tel Aviv, zieht sich durch vom Bustransfer bis zum Altstadtbesuch, steigert sich beim Ausflug nach Bethlehem – und macht auch vor der Unterkunft nicht halt. Denn das Beit Belgiyah ist anschlagsgefährdeter Teil der Hebräischen Universität, liegt im Einzugsgebiet des Regierungsviertels. Der Campus ist umzäunt, alle Zugänge haben Grenzhäuschen und Metalldetektoren. Und wer auf der Suche nach dem Gästehaus eine Seitenstraße entlangwandert, wird vom Polizeiauto aus gut im Auge behalten.

Im Gegenzug wirkt der Campus wie eine Zeitreise in eine sauber aufgeräumte Sozialutopie der 1960er Jahre: gepflegte Rasenflächen, allegorische Figurengruppen in azurblauen Wasserbassins, gewundene Wege und schattige Laubengänge, wie am Reißbrett gestaffelte Riegel mit Rasterfassaden. Und dazwischen, in den Hang hinter die Institutsgebäude geduckt, verbirgt sich das Club- und Gästehaus. Die helle Sandsteinverkleidung ist für Jerusalem obligatorisch, doch hier kommt sie als Rustika besonders wehrhaft daher. Die Außenwände werden von trapezförmigen Fenstern fast zu Burgzinnen geformt. Und der Eingang liegt etwas versteckt nach Süden auf der ruhigen, vom Campus abgewandten Seite.

Ein belgisches Forum Romanum

Im Nähertreten entpuppt sich die vermeintliche Burg dann doch eher als Forum Romanum, als würdiger Ort der Versammlung und Begegnung. Zur geschützten Gartenseite im Westen öffnet sich der zylindrische Hauptbau im Untergeschoss zu einer Galerie, die zugleich als Open-Air-Bühne genutzt werden kann. Im Obergeschoss findet sich der Ring der Gästezimmer, davor ein Flur und zuletzt wieder eine Galerie, diesmal zum kreisrunden Innenhof weisend. Alles ist üppig bepflanzt und von allerlei skulpturaler Kunst durchzogen. Von Beginn an versteht sich das Beit Belgiyah als Ort der Kultur. Hier finden Konzerte und Wechselausstellungen statt. Dafür wurde dem „Donut“ ein kleinerer Rundpavillon zur Seite gestellt. Wo der Hauptbau sich zum Innenhof öffnet, wurde dem Pavillon eine Beton-Haube aufgesetzt. Hier ist Raum für Tagungen, Versammlungen und Feiern.

Im Herzen ein Brutalist

Das „Belgische Haus“ wurde zu Ehren des belgischen Philosophieprofessors Baron Chaim Perelman gestiftet von seiner Witwe, der Baronin Ela Perelman, beide waren Begründer der „Freunde Belgiens der Hebräischen Universität von Jerusalem“. Auf dem ganzen Campus mischen sich westeuropäische und nordamerikanische Einflüsse mit mediterranen Anklängen. Zusammengebunden wird alles von der hellen Sandsteinverkleidung, Orientalismen sucht man vergebens. Nach außen blitzt die Stahlbetonkonstruktion, die das Beit Belgiyah im Herzen zusammenhält, nur selten auf – über den Fenstern etwa. Im Inneren muss man heute in den unteren Umgang und dort aufmerksam nach oben schauen, um Spuren der gut gefügten Schalung zu erahnen. Nicht umsonst war der Entwurfsverfasser, der Jerusalemer Architekt Ze’ev Rabina, auch bei anderen prominenten Projekten des aufbrechenden Israel beteiligt, so z. B. in den Planungsprozessen zur Knesset.

 Vorher – nachher

Was im Inneren alle Sanierungen der letzten Jahrzehnte überstanden hat, sind einige der beeindruckenden holzverschalten Decken. Zusammen mit den verschiedentlich auch im Innenbereich eingesetzten Natursteinen vermitteln sie ein rundes Gesamtbild. Die heutige Ausstattung scheint mehr dem Geschmack südfranzösischer Einrichtungsmagazin zu entsprechen. Überaus gegenständliche Bronzefiguren, reichlich Picasso-Kunstdrucke, mintfarbene Gartenmöbel und tiefviolette Tischdecken geben dem Belgischen Haus eine durchaus charmante postmoderne Note. Hier lässt es sich trefflich tagen und erholen, am Donnerstagabend mit vergessen geglaubten Grandprix-Schlagern ins jüdische Wochenende hineinfeiern und am Sabbat selbst die konsequente Ruhe im Haus genießen. Man darf darüber nur nicht vergessen, dass jenseits des Zauns noch ein anderes Jerusalem wartet.

Titelmotiv: Jerusalem, Beit Belgiyah (Bild: Jochen Kratschmer, bestechend.de)

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Winter 18: Im Hotel

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C. Julius Reinsberg über zeichenhafte Unvollendetheit.

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Jerusalem, Beit Belgiyah

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Karin Berkemann in einem modernen Rundtempel.

Kochen wie einst im Osten

Vergessen Sie mal kurz Kalorientabellen, Political Correctness, Low-Carb-Tage, Genderdebatten und Veganismus. Es sind nur Fotos. Folgen Sie uns auf eine kulinarische Reise durch den Osten – so, wie er von der legendären Time-Life-Kochbuchreihe Ende der 1960er Jahre illustriert wurde. Gelegentliche Flecken auf den Bildern/Rezepten sind keine, es sind Genussspuren vom Nachkochen. Das empfehlen wir Ihnen auch. Guten Appetit!

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