„Da Du mich nicht liebst“

von Karin Berkemann (19/2)

Glaubt man den illustrierten Magazinen jener Jahre, dann liebte es die „Neue Frau“ rasant: Accessoires wie die sportive Kurzhaarfrisur und das windschnittige Motorrad standen um 1930 für urbane Bewegungsfreiheit. Eine Aufbruchsstimmung, die in Frankfurt selbst die Kirchen erfasst hatte. Bereits 1916 sammelte die katholische Frauenrechtlerin Hedwig Dransfeld für eine Kirche – als „Votivmal der Friedensgesinnung“, als Erinnerung an die gefallenen Väter, Ehemänner und Brüder. Einen Weltkrieg und eine Weltwirtschaftskrise später konnte der Traum 1929 mit der Frankfurter Frauenfriedenskirche verwirklicht werden. Deren Portalfigur, die Friedenskönigin des Bildhauers Emil Sutor, ziert auch eine Postkarte von rasanter Handschrift: Eine gewisse „I.“, nennen wir sie Ingeborg, beklagt sich hier am 28. August 1931 bei einem gewissen Guido (Nachname der Redaktion bekannt): „Da du mich nicht liebst, schicke ich Dir wenigstens eine andere Madonna.“

Objekt der Sehnsucht

Das Objekt von Ingeborgs Sehnsucht – ein „troier Pfroind“ (man hört „Die Drei von der Tankstelle“ leise mitsingen), eben jener Guido – lebt im Umfeld der damaligen Friedensbewegung: Er wohnt im Frankfurter Westend beim Deutschen Pazifistischen Studentenbund. Vielleicht ist man sich im Kampf um die gemeinsame freiheitliche Sache nähergekommen. Immerhin greift Ingeborg zu einem Postkartenmotiv der ersten (und einzigen) allein von Frauen finanzierten Kirche. Um das prominente Projekt wetteiferten damals viele renommierte Architekten. Der erste Preis ging an Dominikus Böhm und Rudolf Schwarz, der Auftrag an Hans Herkommer. Heraus kam ein Bau, dessen reiche Ausstattung eher auf das Art Déco verweist, dessen klare Formensprache aber mehr der Liturgischen Bewegung und dem Neuen Bauen verpflichtet ist. Nicht umsonst erinnert etwa das Bogenportal stark an einen anderen Vorzeigebau des Neuen Frankfurt, an Martin Webers Heiligkreuzkirche am Bornheimer Hang.

Kaum zehn ruhige Jahre

Heute erhebt sich die Frauenfriedenskirche weithin sichtbar an dem Platz, an dem sich die Hedwig-Dransfeld-Straße, die Franz-Rücker- und die grüne Zeppelinallee treffen. Dabei waren dem modernen Friedensmal nach seiner Weihe kaum zehn ruhige Jahre vergönnt. 1938 beschlagnahmten die Nationalsozialisten das Geld der verantwortlichen katholischen Vereinigung, später fielen Bomben auf das Kirchenschiff. Am Ende stand dann doch die Hoffnung: Die kriegszerstörte Frauenfriedenskirche wurde in den 1950er Jahren wieder aufgebaut und seit 2018 soll eine Sanierung den Zustand der Bauzeit wiederherstellen. Auch unsere Postkartenschreiberin schließt 1931 mit: „Warum schreibst du mir keinen Brief? 2-3 Küssjen“. Ob ihr Wunsch erhört wurde, wissen wir nicht – nur, dass der spätere Offenbacher Jurist Guido die Postkarte aufbewahrt haben muss. Aber, für den Fall einer unerfüllt gebliebenen Liebe, möchte man Ingeborg zurufen: Wer weint schon um einen Mann, der einen stolzen Liebesgruß mit dem Kürzel für „erledigt“ und dem Datumsstempel quittiert.

Links und Literatur

Dransfeld, Hedwig, Die Gesinnung des Friedens, in: Die Christliche Frau 1917, S. 241 ff.

Gozalbez Cantó, Patricia, Fotografische Inszenierungen von Weiblichkeit. Massenmediale und künstlerische Frauenbilder der 1920er und 1930er Jahre in Deutschland und Spanien, Bielefeld, 2012.

Juraschek-Eckstein, Markus, Frankfurt am Main, Frauenfrieden, auf: strasse-der-moderne.de.

Titelmotiv: Karin Berkemann mit einer „DKW RT 125“ vor der Frankfurter Frauenfriedenskirche (Bild: Andreas Beyer).

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Frühjahr 19: Moderne Mobil

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Ein Blick auf die religiöse Landschaft der Mainmetropole.

"Ungemein sympathisch"

„Ungemein sympathisch“

Ina Hartwig mit einem Arcona-Fahrrad vor der Heilig-Kreuz-Kirche.

"Das ist komplizierter"

„Das ist komplizierter“

Wolfgang Voigt mit einem „Opel Super 6“ vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle.

"Eine vornehme Ruhe"

„Eine vornehme Ruhe“

Philipp Sturm mit historischem Spazierstock vor dem Paul-Gerhardt-Gemeindehaus.

"Mitunter garstig"

„Mitunter garstig“

Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche.

"Da Du mich nicht liebst"

„Da Du mich nicht liebst“

Karin Berkemann mit einer „DKW RT 125“ vor der Frauenfriedenskirche.

FACHBEITRAG: Der PO-2, eine russische Legende

von Jiří Hönes (20/2)

Von Minsk bis Wladiwostok, von Tallinn bis Baku – wo auch immer man im postsowjetischen Raum unterwegs ist, begegnet einem früher oder später dieser Betonzaun. Die Fertigelemente mit dem charakteristischen Relief aus Trapezen und Dreiecken gehören zu einer sowjetischen Stadt wie die berühmten Chruschtschowkas, die fünfgeschossigen Plattenbauten der Nachkriegszeit. Als markante Mauerelemente umfrieden sie Industrieanlagen, Militäreinrichtungen, Parks, Eisenbahntrassen, Baustellen oder schlicht Brachland. Der Ursprung der Massenware mit dem Namen PO-2 liegt in den 1970er Jahren.

Moskau, Industriegebiet Metrogorodok, Betonzaun-Elemente „PO-2“ mit Schachbrettmuster (Bild: Jiří Hönes)

Moskau, Industriegebiet Metrogorodok, Betonzaun PO-2 mit Schachbrettmuster (Bild: Jiří Hönes)

Der Lachmann-Zaun

Das Design des PO-2, des sog. Lachmann-Zauns, stammt von einem gebürtigen Moskauer. Zunächst hatte Boris Lachmann Bauingenieurwesen studiert, um nach seiner Architekten-Ausbildung im Moskauer Konstruktionsbüro Mosgorstrojmaterialy zu arbeiten. Dieses staatliche Atelier für Industriedesign spezialisierte sich auf Baumaterialien – Technische Ästhetik hieß dieses Fachgebiet seinerzeit in der Sowjetunion. Lachmann stieg zum Chefarchitekten auf und hatte ein Team von zehn Leuten unter sich, darunter Künstler und Architekten.

Eine der Aufgaben des Teams war Mitte der 1970er Jahre das Design von Industriezäunen. Später berichtete Boris Lachmann in einem Interview mit dem russischen Magazin Esquire: „Die Anforderung war eine ästhetisch angenehme Gestaltung. Ich habe drei Skizzen angefertigt, die waren alle sehr hübsch. Zum Beispiel gab es einen Zaun, der Mauerwerk imitierte. Aber aus irgendeinem Grund entschieden sie sich für die einfachste der Varianten. Vielleicht hat ihnen dieses Spiel von Licht und Schatten gefallen? Vielleicht hat ihnen zugesagt, dass das Relief so selbstreinigend ist, dass Staub und Schmutz durch den Regen weggespült werden?“

Mehrere Monate war das Team mit der Entwicklung des Zauns beschäftigt, so Lachmann. „Wir hatten genug Zeit, niemand hatte es eilig.“ Für den Entwurf erhielt der Architekt auf der Ausstellung der Volkswirtschaftlichen Errungenschaften der UdSSR (WDNCh) in Moskau 1974 eine Bronzemedaille und 50 Rubel Preisgeld.

Reliefplatte im Stahlbetonrahmen

Von allen Entwürfen, die Lachmann und sein Team damals erstellt haben, realisierte man nur den Zaun. Konzipiert wurde der PO-2 als massiver Stahlbetonzaun zum Schutz strategischer Objekte wie Militäranlagen oder Industriebetriebe. Die Herstellung erfolgte in Werken, die eigentlich für Betonelemente im Wohnungsbau ausgelegt waren. Ein PO-2-Stahlbetonrahmen umgibt eine mit Drahtgeflecht verstärkte Betonplatte. Darauf ist das charakteristische Reliefmuster zu sehen, das ein lebendiges Spiel aus Licht und Schatten erzeugt. Dieser Effekt kommt besonders gut zur Geltung, wenn die Elemente zu langen Reihen verbunden werden.

Ein Zaun-Element ist 250 Zentimeter breit, (mit den Füßen, die in massiven Beton-Halterungen verankert werden) rund 3 Meter hoch und 15 Zentimeter dick. Durch diese massive Bauweise taugt der PO-2 zur Barriere ebenso wie zum Schallschutz. In den 1980er Jahren verbreiteten sich die Fertigelement-Zäune sprunghaft. Bis heute prägen sie insbesondere Industriegebiete und Vorstädte, doch auch auf Baustellen sind sie häufig anzutreffen. Ihr Schöpfer hat diesen Siegeszug nicht mehr vor Ort miterlebt. Er wanderte 1981 in die USA aus. Dort suchte er, wie er rückblickend berichtete, persönliche Freiheit – er wollte ein amerikanischer Architekt werden.

Moskau, Industriegebiet Metrogorodok, der Betonzaun "PO-2" (Bild: Jiří Hönes)

Moskau, Industriegebiet Metrogorodok, der Betonzaun PO-2 (Bild: Jiří Hönes)

Emigration in die USA

Zunächst arbeitete Lachmann beim Architekten Richard Milton Bellamy in New York, bevor er 1990 sein eigenes Büro eröffnete. Er plante Shoppingmalls, öffentliche Projekte und Schulen, eine Bibliothek und ein Gemeindezentrum sowie Privathäuser. Gewiss sei der Zaun, wertete Lachmann später, nicht das Größte, was er je erschaffen habe. Von dessen Omnipräsenz zeigte er sich überrascht: „Ich sehe immer noch, wenn ich sowjetische Filme oder einfach nur Aufnahmen aus Russland anschaue, überall meine Zäune, sogar in kleinen Städten“, berichtete er dem Magazin Esquire. Dies berühre ihn jedoch kaum, er sei schon ganz amerikanisch. Und wenn er kurz nostalgisch werde, dann esse er halt schwarzen Kaviar.

Im postsozialistischen Russland hielt sich die Begeisterung für Lachmanns Erbe zunächst in Grenzen. Die Moskauer Stadtverwaltung erließ im April 1997 eine Verordnung, nach der Baustellen im Zentralen Verwaltungsbezirk nur noch durch Metallzäune gesichert werden dürfen. Die massiven Lachmann-Zäune wurden offenbar als zu abweisend empfunden. Doch auch in Russland hat sich die Einstellung gegenüber dem Erbe der Nachkriegsmoderne gewandelt. Dazu mag beigetragen haben, dass gerade in Moskau die Spuren der Sowjetära in einem rasanten Tempo verschwinden.

Einige Initiativen setzen sich bereits für den Erhalt von Bauten der zweiten Phase der Sowjetmoderne ein. Inzwischen zeugen zahlreiche Ausstellungen und Publikationen von einem regen Interesse sowohl bei Wissenschaftlern als auch bei einer breiteren Öffentlichkeit. Die junge Generation, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aufgewachsen ist, die den Sozialismus nur aus Erzählungen der Eltern und Großeltern kennt, entwickelt ein reges Interesse an den Relikten dieser Epoche.

Der Betonzaun in der Popkultur

Da erstaunt es nicht, dass der allgegenwärtige Betonzaun in den Mittelpunkt der Popkultur rückt. Mehr als Leinwand denn als Exponat diente der PO-2 beim Projekt „Permer Lange Geschichten“. In der Industriestadt am äußersten Rand Europas wurden erstmals 2011 viele Meter Lachmann-Zäune für Künstler freigegeben. Sie erzählen darauf Bilder-Geschichten, die sich beim Entlanggehen erschließen. Bis heute findet dieses Event jedes Jahr statt.

Eine Installation aus Lachmann-Zäunen bildete 2018 die Hauptattraktion des Festivals „Archstojanije“ im Kunstpark Nikola-Leniwez in der Region Kaluga, etwa 200 Kilometer südlich von Moskau. Der Architekt und Künstler Alexander Sawwitsch Brodski präsentierte hier seine „Villa PO-2“: ein zweigeschossiges Haus aus PO-2-Elementen. Das Werk verbinde Sowjetnostalgie mit der klassizistischen Ästhetik des Palladianismus, urteilte damals das „Strelka Mag“. Sogar der deutsche Sportbekleidungshersteller Puma brachte mit der russischen Marke Outlaw einen Sneaker auf den Markt, dessen Sohle seitlich den PO-2 zitiert.

Moskau, Bezirk Alexejewskij, der Betonzaun PO-2 als Baustellenabsperrung (Bild: Jiří Hönes)

Russland zäunt sich ein

Allerdings hat der PO-2 seit der Perestrojka Gesellschaft bekommen. In der Sowjetunion hatte noch der Staat das alleinige Recht, Zäune zu errichten. Doch mit der Einführung des Privateigentums wuchs auch das Bedürfnis, dieses zu umfrieden. „Heimische Zäune. Wie Russland sich selbst abriegelte“, titelte 2017 ein Artikel der Tageszeitung Kommersant. In den vergangenen 25 Jahren sind demnach in Russland 2,5 Millionen Kilometer Zäune errichtet worden. Seit etwa 2005 seien es im privaten Bereich besonders die günstigeren Wellblech-Zäune, die dem Betonzaun Konkurrenz machten.

Doch auch im öffentlichen Raum greift die Zaunmanie weiter um sich. Hier ist ebenfalls Metall das Material der Stunde. Wer sich ein Bild davon machen will, schaut sich am besten eine der Stationen von Moskaus neuer S-Bahn „MCD“ an. Bahnsteige und Zugänge sind von meterhohen Zäunen umgeben, deren Lochbleche nur einen schemenhaften Blick nach draußen zulassen. Mit den Zugangssperren an den Eingängen entsteht eine geradezu gefängnishafte Atmosphäre. „Wir haben einen Staat, der sich einzäunt. Das ist die neue politische Situation seit 2014. Die militaristische und isolationistische Atmosphäre wird so auf bizarre Weise in die Köpfe der Bürger projiziert“, erklärte Sergej Medwedjew, Politikwissenschaftler und Historiker an der Higher School of Economics in Moskau, gegenüber der Zeitung Kommersant.

Durch die Kontrolle

Diese Zaun-Atmosphäre lässt sich besonders intensiv am Moskauer Fernsehturm Ostankino erleben. Zwar gewährt der Metallzaun hier noch einen Blick auf das Gelände, doch spricht der darauf angebrachte Stacheldraht eine deutliche Sprache. Zunächst muss man Kontrollen passieren, die penibler sind als an jedem Flughafen. Dann geht es auf einem umzäunten Weg durch eben jenes Gelände, das man soeben am äußeren Zaun halb umrundet hat. Erst jetzt kann man die nächste Kontrolle durchlaufen.

Ganz in der Nähe sind originale Lachmann-Zäune zu bewundern: auf der Rückseite des Botanischen Gartens, wo dieser an die Trasse des Moskauer S-Bahn-Rings stößt. Am nordwestlichen Eingang des benachbarten WDNCh-Geländes, wo Boris Lachmann einst seine Auszeichnung erhielt, sind neben originalen PO-2 auch Betonzäune mit einem abweichenden Muster zu sehen: der etwas niedrigere PO-16.

Die Legende lebt

Doch auch der klassischen PO-2 wird heute noch angeboten. Auf der Website des Herstellers Komplex-S können Selbstabholer ein Zaun-Element für rund 7.000 Rubel (etwa 87 Euro) erwerben. „Massiver Beton ist in der Tat sowohl physisch als auch psychisch ein ernstes Hindernis“, heißt es dort in der Produktbeschreibung. Durch zusätzlich angebrachten Stacheldraht werde der Zaun zu unüberwindlich für Mensch und Tier und schütze zudem vor neugierigen Blicken. Der PO-2, eine lebende Legende.

Quellen

Bogatko, Julija, Geschichte des Betonzauns mit Rauten, Esquire, 20 März 2013 (russisch).

Ruwinskij, Wladimir, Heimische Zäune. Wie Russland sich selbst abriegelte. Kommerssant, 20. Mai 2017 (russisch).

Moskau, am WDNCh, links der Betonzaun "PO-16", rechts der "PO-2" (Bild: Jiří Hönes)

Moskau, am WDNCh: links der Betonzaun PO-16, rechts der PO-2 (Bild: Jiří Hönes)

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