Zweimal Bürofassade

von Daniel Bartetzko (17/2)

Eine energetische Ertüchtigung muss bei Bauten der Nachkriegsmoderne nicht zwangsläufig die Ästhetik ruinieren. Zwei gelungene Beispiele fürs „Revitalisieren“ von Bürohäusern der Wirtschaftswunderzeit, nur eines davon denkmalgeschützt, finden sich in Frankfurt/Main; beide ausgeführt durch das Büro Pielok Marquardt aus Offenbach.

Verkaufskontor der Farbwerke Hoechst

Seit Ende der 1990er Jahre unter Schutz steht das ehemalige Verkaufskontor der Farbwerke Hoechst im Stadtteil Sachsenhausen. Es wurde nach Plänen der Architekten Max Meid und Helmut Romeick 1955/56 errichtet und 1968 erweitert. Das Büro Meid & Romeick zeichnet für etliche Frankfurter Nachkriegsbauten verantwortlich, so für das Parkhaus Hauptwache (1956) und das Hochhaus der Schweizer National (1963/64) am Mainufer. Auch das Konrad-Adenauer-Haus in Bonn (1971, abgerissen 2003) war ihr Entwurf.

Für die Hoechst AG entstand ein gestreckter viergeschossiger Betonskelettbau mit Travertin-verkleideter Fassade, gerastert durch Fensterbänder und braunrote Verblendriemchen in deren Brüstungsfeldern. Den Haupteingang überfasst ein weit auskragendes, geknicktes Flugdach. In den 1980ern ersetzte man die ursprünglichen Metall- durch Kunststofffenster. Weitere Umbauten folgten 1997, als die Pensionskasse der fusionierten Hoechst AG die Immobilie zur Vermietung feilbot. Mit Auszug der letzten Mieter 2011 war eine Grundsanierung unumgänglich. Zwar unterliegt der Bau dank des Denkmalstatus nicht der Energieeinsparverordnung (EnEV), eine Vermietung an solvente gewerbliche Nutzer wäre aber aufgrund der hohen Energiekosten kaum mehr möglich gewesen.

Pielok Marquardt baut rück

Pielok Marquardt, die 2005 bereits das Schweizer-National-Hochhaus sanierten, gelang beim zweijährigen Umbau ein Kunststück: die Anmutung des Gebäudes zu erhalten und trotz starker Eingriffe in die Substanz mit dem Denkmalamt zu kooperieren. Das Kontorhaus wurde entkernt und, unter Beibehaltung der ohnehin wenigen bauzeitlichen Details im Inneren, geradezu rekonstruiert: Die neu aufgebrachte Travertin-Fassade erhielt eine zehn Zentimeter starke, hinterlüftete Wärmedämmung. Die Ziegelriemchen der Brüstungsfelder sind auf der neuen Dämmung verklebt. Insgesamt ist die Fassade um elf Zentimeter gewachsen. Ihre vollständige Rekonstruktion ermöglichte es jedoch, dies nahezu unmerklich auszuführen. Ein Sonnenschutz wurde in die neuen Metallfenster gelegt, welche in ihrer Anmutung wieder nahe am 1958er-Original liegen.

Zudem wurden im gesamten Gebäude Heiz-Kühldecken installiert. Sie reduzierten die Raumhöhe um wenige Zentimeter, machten aber die raumgreifenden Heizkörper obsolet. Die einzig gemauerten, tragenden Wände eines langen Flurs wurden zugunsten einer flexiblen Büroaufteilung in Pfeiler/Durchbrüche aufgelöst. Es entstanden pro Geschoss zwei Nutzungseinheiten, die frei einteil- und möblierbar sind. Dominierende Bestandteile im Inneren sind die teils originalen, teils rekonstruierten schwarzen Granittreppen samt Geländer. Sie lassen nie vergessen, dass man sich in einem fast 60 Jahre alten Bau befindet. 2016 wurde das Projekt beim Hessischen Denkmalschutzpreis mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Die Begründung: „Trotz des erheblichen Verlusts an originaler Bausubstanz ist die Sanierung (ein) positives Beispiel für die energetische Modernisierung eines vergleichsweise jungen Baudenkmals.“

Sanierung der VCI-Zentrale

Es geht auch ohne Denkmalschutz: Manchmal genügen ein Bauherr mit (ästhetischem) Anspruch und ein Architekt mit Sinn für Nachkriegsmoderne, um ein Gebäude zu revitalisieren wie gleichwohl zu retten. Das 1954/55 gebaute Scheibenhochhaus des Verbands der chemischen Industrie (VCI) in der Mainzer Landstraße ist ein Beispiel hierfür. Ursprünglich kleidete den Bau eine durch Lisenen gegliederte Steinfassade. In den 1980er Jahren erhielt die VCI-Zentrale eine entstellende Blechverkleidung und einen wuchtigen Dachaufbau. Seit 1997 arbeiten Pielok Marquardt für den VCI, die just vollendete Sanierung des Hochhauses entstand aus der Situation, nach einem möglichen Abriss nicht mehr in gleichem Umfang bauen zu dürfen: Das Gebäude ragt über die Fluchtlinie hinaus und übertrifft die Nachbarbebauung um etliche Geschosse.

Auch der VCI wurde entkernt, nur das bereits sanierte Erdgeschoss blieb unangetastet. Nun ziert den Bau eine zweischalige Fassade mit zentraler Lüftung, orientiert an der Tragstruktur des Gebäudes. Vor den Fenstern befinden sich hochrechteckige Prallscheiben, über ihnen im Inneren an der Decke jeweils Luftleitplatten, die zur Klimatisierung der Büros beitragen. Zudem wurden die Böden wie beim Hoechst-Gebäude gedoppelt, bei nur drei Meter Raumhöhe ein sensibles Unterfangen. Auch die Raumaufteilung ist heute komplett verändert, sodass Tageslicht quer durch die Etagen scheinen kann. Die Verblendung der Außenhülle mit Jura-Kalk kommt der einstigen Gestaltung nahe, das neu gebaute Obergeschoss schließt heute wieder mit einem Flugdach ab. Hier oben befindet sich die 1997 erneuerte Kantine, deren Interieur während der Sanierung eingelagert und wiederverwendet und ergänzt wurde.

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Frühjahr 17: Verdämmt!

Verteidigen, was kein Denkmal ist

Verteidigen, was kein Denkmal ist

LEITARTIKEL: Ursula Baus über Sinn und Unsinn der grassierenden Dämmwut – und was das über unser Architekturverständnis aussagt.

Was schief gehen kann

Was schief gehen kann

FACHBEITRAG: Dina Dorothea Falbe durchstreift Berlins Häuserschluchten.

Zweimal Bürofassade

Zweimal Bürofassade

PORTRÄT: Daniel Bartetzko skizziert zwei Frankfurter Sanierungen.

"Klartext!"

„Klartext!“

FACHBEITRAG: Thomas Rempen und 16 Master-Studierende werden laut und kreativ gegen den deutschen Dämmwahn.

"Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems"

„Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems“

INTERVIEW: Der bayerische Generealkonservator Prof. Mathias Pfeil spricht mit moderneREGIONAL über Forschung, Dämmung, Abwägung und Substanz.

Vorher-Nachher-Platte

Vorher-Nachher-Platte

FOTOSTRECKE: Martin Maleschka besucht Bukarest & Co.

In Plastik sind alle gleich

Daniel Bartetzko/Karin Berkemann (18/2)

Hektisch heute? Da hätten Sie erst einmal das Jahr 1961 erleben sollen! Gegen die „Hast“ jener Tage bewarben die süddeutschen Modellbau-Fabrikanten Hermann und Edwin Faller damals ihre Miniaturhäuser als „heilsames“ Hobby. Der anspruchsvolle Kunde sollte sich beim lärm- und mühelosen Basteln entspannen. Die anspruchsvolle Kundin hingegen trat in den bunter werdenden Modell-Katalogen nur äußerst selten in Erscheinung – und wenn, dann eher in dekorativer Mission. Und weil ja bekanntlich nichts politischer ist als das angestrengt Unpolitische, schwang in den Werbebildern immer auch ein Stück Familien- und Weltbild mit: Während da draußen eine Mauer, zwei Blöcke und diverse interstellare Wettrennen hochgezogen wurden, war die Moderne auf der Modellbahnplatte der Wirtschaftswunderzeit eine betont harmonische.

Von Doppelnullen und fliegenden Dächern

Damals war der Marktführer Märklin längst zum Inbegriff für das „rollende Material“ aufgestiegen. Dabei war es der Konkurrent Trix, der 1935 die 00-Eisenbahn im Maßstab 1:90 auf den Markt brachte. Bald folgten fast alle Hersteller dieser Größe, die 1950 noch von Doppelnull in Halbnull (H0/1:87) geändert wurde. In ihrer Anfangszeit blieb die sogenannte „Tisch-Bahn“ ein Privileg der Gutbetuchten. Hermann Göring hortete auf seinem Landsitz Carinhall nicht nur Raubkunst, sondern auch mehrere Modelleisenbahnen. Doch dieses Spielzeug ist ideologiefrei: Was sich auf der Platte tut, entscheidet alleine ihr Erbauer. Hier darf zwischen vielgleisigen Schnellzugstrecken die Sinfonie einer Großstadt erklingen oder eine Bimmelbahn in ein Bergdorf-Idyll schnaufen.

Den Herstellern der Häuschen-Bausätze ging es neben wirtschaftlichem Streben auch um Passion, sorgfältige Recherche und manchmal um unverwirklichte (Architekten-)Träume. In den Nachkriegsjahren zeigten die Faller-Modelle bunte Geländer, schräge Wandabschlüsse und immer wieder mittig gefaltete Flugdächer. Wer den Firmensitz in Gütenbach besucht, findet sie wieder in den Villen und in der Fabrik der Faller-Brüder. Beim Konkurrenten Kibri war die Moderne schlicht und kubisch. Das Bahnhofsensemble Neu-Ulm wurde ebenso miniaturisiert wie der Bahnhof Kehl. Bei Vollmer in Stuttgart gab es ab den frühen 1960ern eine Auswahl gelb geklinkerter Bahn-Systembauten, dazu diverse moderne, schmucklose Einfamilienhäuser, deren Vorbilder in den gutbetuchten Randbezirken der Stadt zu suchen sein dürften.

„Klingt einfach, ist es aber nicht“

Die Miniaturhäuser der ersten Nachkriegsjahre waren aus Blech, Holz und Pappe. Und schwarz-weiß, zumindest in den Katalogen von Faller, Kibri und Vollmer. Für die frühen Broschüren wurden höchstens die Titelblätter in einer Farbe hinterlegt oder einzelne Schriftzüge hervorgehoben. Menschen spielten im Bild keine prägende Rolle. In einem der seltenen Fälle erhob Kibri 1956 einen Jungen, der gerade strahlend einen Bahnhof-Bausatz vollendet, zur Chiffre. Die Stilmittel des Bahnhofs wie der Grafik verweisen eher in die erste, als in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ohne dass es die schwarzen Linien zeigen würden, vervollständigt der heutige Betrachter blondes Haar und blaue Augen. Mitte der 1950er Jahre leuchteten bald bunte Modelllandschaften auf den Faller-Titelblättern, im Innenteil wurden einzelne Fotos koloriert und farbige Grafiken eingestreut. Und wenn sich schraffierte und punktierte Flächen mit Schrift verbanden, zog fast schon eine Vorahnung von Roy Lichtenstein durch den Schwarzwald.

Der Sprung zum bunten Plastikbausatz, zum Kunststoffspritzguss-Verfahren, vollzog sich in der Bundesrepublik in den 1950er Jahren: In eine gezielt gekühlte Stahlform wird mit hohem Druck flüssiger Kunststoff eingespritzt. Nach dessen Aushärten fallen die Elemente am sogenannten Spritzling aus der aufgeklappten Form. Um den Kinderfernseh-Moderator Peter Lustig zu zitieren: „Klingt einfach, ist es aber nicht.“ Der Werkzeugmacher muss die Gussform so vorbereiten, dass sich die Bauteile nach dem Spritzen nicht verziehen. Der Modellbauer kontrolliert die Kühlung der gesamten Maschine, den korrekten Fließdruck und die Temperatur. Es zählen Sekunden, wenn das Werkstück ausgeworfen wird und in eine temperierte Box oder ein Wasserbad fällt. Dabei gilt, ob Fachwerk, Historismus, Bauhaus oder Avantgarde: In Plastik sind alle gleich.

Die Kunst des Schummelns

Vordergründig sind Modellbahnhäuser verwandt mit Architekturmodellen. Doch ein Architekturmodell als solches offenbart den Unterschied: Auf einer Modellbahnplatte würden maßstäblich eingedampfte Großbauten alle Dimensionen sprengen. In der Miniaturwelt ist die Kunst der Auslassung und des Maßstabssprungs gefragt. Und die des Schummelns: Modellhäuser sind befreit von Bauvorschriften, Nutzerfreundlichkeit und Statik. Ob Fallers Turmcafé bei voller Auslastung auf dem Flugdach der darunterliegenden Tankstelle halten würde, lässt sich nur vermuten. Das Faller-Hochhaus kann ausschließlich durch den Eingang eines Ladengeschäfts betreten werden, die DDR-Pendants von Vero ändern vom Erdgeschoss zu den oberen Etagen gar die Modellbahn-Nenngröße von 1:87 in 1:160. Was zählt, ist der stimmige Gesamteindruck.

Ab 1957 bot Faller allumfassende Lebenshilfe: Das „Faller Modellbau Magazin“ (ab 1977: „Welt der Modellbahn“) erschien mit Farb-Cover, der Innenteil blieb schwarz-weiß. Fotos wurden um technische Detailzeichnungen bereichert – Hauptsache deutlich. Doch, eine Seltenheit im Vergleich zu den Katalogen, hier waren gelegentlich echte Bastler bei ihrem Hobby zu sehen, hier durften sich Miniatur- und Alltagswelt kurz berühren. Einen ähnlichen Ansatz verfolgten die Kundenhandreichungen „1000 Möglichkeiten mit Vollmer-Teilen“ oder für den ostdeutschen Spur-TT-Fan in den 1960er und 1970er Jahren die Zeitschrift „Modellbahn Praxis“. In den Faller- Katalogen wurden Eltern und Kinder um 1960 auf freigestellten Farbfotos traulich vereint: Die weibliche Seite dekorierte die Landschaft, während der männliche Part die Technik kontrollierte. 1961 begegneten sich Junge und Mädchen bei einer der Werbegrafiken auf Augenhöhe. Im Kern blieb es aber dabei: Der Bub baute und das Mädel bewunderte ihn dafür.

Von wegen spießig

Während Kibri um 1960 noch formidable Grafiken im Mondrian-Stil schuf, schwenkte man dort um 1965 zu einem konsequenten Fotorealismus – ein Trend, dem Vollmer und VauPe folgten. Die Faller-Kataloge präsentierten die gewohnt wohlgeordnete Modellbauwelt zunächst eher vor psychedelisch gefärbten Hintergründen. Auch der Anbieter OWO zeigte die DDR en miniature architektonisch und grafisch durchaus modern. Der ostdeutsche Traditionsbetrieb Auhagen hingegen vollzog um 1970 fast nahtlos den Sprung zum durchgängigen Farbfoto. Je näher das Modell-Bild der – zugegebenermaßen sehr aufgeräumten – gebauten Wirklichkeit kam, desto besser für den Verkauf.

Heute liegt die schrumpfende Modellbahn-Szene nicht ganz so brach, wie man meinen mag. Wer als popkulturell sozialisierter Intellektueller darüber lächelt, dass der CSU-Politiker Horst Seehofer eine Eisenbahn im Hobbykeller baut, dem sei gesagt, dass auch Rod Stewart und Neil Young als Teilzeit-Lokomotivführer wirken. Die ehemaligen Diskotheken-Inhaber Frederik und Gerrit Braun locken jährlich über eine Million Besucher in ihr Miniatur Wunderland Hamburg. Der Modellbauer Gerald Fuchs treibt dieses Genre im wahren Wortsinn auf die Spitze, wenn er dutzende alte Stadthaus-Bausätze zu einem monumentalen Großbau kombiniert. Doch egal, wer wie was baut, die Erkenntnis ist: Gute Architektur kann durch keinen Kleberfleck beschädigt werden.

Titelmotiv: Dame mit Falzarego-Kapelle im Faller-Katalog 1961 (Bild: Faller-Katalog 1961)

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Sommer 18: Modell Moderne

In Plastik sind alle gleich

In Plastik sind alle gleich

Daniel Bartetzko und Karin Berkemann über Miniatur-Welten.

"Im Kopf weiterspielen"

„Im Kopf weiterspielen“

Zu Hause beim Theologie-Professor Klaus Raschzok.

Falk Jaeger, * 1950

Falk Jaeger, * 1950

Der Publizist lernte Architektur mit Modell-Katalogen.

Oliver Elser, * 1972

Oliver Elser, * 1972

Der DAM-Kurator träumte von einer Abknipszange.

Rudolf Evert, * 1946

Rudolf Evert, * 1946

Der Anwalt schätzte schon früh präzise Abläufe.

Amandus Sattler, * 1957

Amandus Sattler, * 1957

Der Architekt wurde statisch früh herausgefordert.

Wolfgang Voigt, * 1950

Wolfgang Voigt, * 1950

Der Architekturhistoriker baute seinen eigenen Flughafen.

Außer Konkurrenz

Außer Konkurrenz

Zu schön, um sie nicht zu zeigen.

„Klartext!“

von Thomas Rempen mit Beiträgen von 16 Master-Studierenden (17/2)

Vor einem Jahr fragte mich die „Münster School of Architects“ (mas), ob ich nicht auch als Nicht-Architekt ein Semester-Seminar mit Masterstudenten machen will. Klar, wollte ich. Denn zwei Dinge beschäftigen mich schon lange: Da ist erstens die Sprachlosigkeit der Architekten im Labyrinth der Paragraphen, der Verordnungen, der Standards, der Regeldichten, der Abhängigkeiten – die Branche wehrt sich nicht, sie hat keine Lobby. Und zweitens sorgt genau diese deutsche Perfektionierung sinnferner Paragraphen und Verordnungen dafür, dass der sogenannte „Social turn“ und das soziale, preiswerte Wohnen für und mit allen (fast) unmöglich geworden ist.

16 Master-Studierende und eine Frage

16 Master-Studierende haben sich während des Wintersemesters 2016/2017 mit diesen beiden Problemfeldern auseinandergesetzt. Das Ergebnis: Sie haben entdeckt, warum die Architektur der Besinnung auf das notwendige, sinnvolle, nützliche, soziale, das liebens- und lebenswerte neue Rahmenbedingungen braucht. Sie haben entdeckt, wie problematisch und fragwürdig z. B. die Vorschriften zur Energiesparverordnung (EneV) sind, aber auch wie unzumutbar die Prosa der Bauordnungen ist und wie beschämend das Schweigen ihrer Branche. Sie haben entdeckt, dass sie sich bemerkbar machen müssen, wenn sich etwas ändern soll für neue Freiheiten und neues Vertrauen in die gestalterischen und sozialen Werte der Architektur – denn dafür steht der Architekt.

Sich wehren, anklagen, fordern

Erst war da bei den Studierenden gelangweiltes, dann ungläubiges Zögern. Doch dann hatte ich große Freude daran, zu sehen, wie sich die Studierenden für all diese Fragen wie die Wärmedämmung begeistern konnten. Investigativ spürten sie zahlreiche unbekannte und oft skandalöse Architekturverhinderungsfakten auf. Um sich dann an etwas zu versuchen, was eigentlich gar nicht ihr ursächliches Interesse ist: politische Kommunikation, sich wehren, Fragen stellen, anklagen, fordern, laut werden – eben „Klartext!“ reden.

Wenn sich etwas ändern soll

Nach den Vorbereitungen im Seminar schlug am 21. Januar 2017 der „Tag des Klartextes“: Es gab eine Ausstellung mit Filmen, Plakaten, Faktenwand und Musik. Dabei präsentierten die Studierenden unter dem Motto „Sondermüll-Mode“ Selbstgemachtes aus Dämmstoff. Sie rappten zur Energiesparverordnung, lasen bizarre Passagen aus dem Baugesetzbuch mit über 61.000 Paragraphen sowie der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI). Es gab Führungen durch den Dschungel der Dämmfragen und Plakate gegen das Regelwirrwarr. Und die Seminarteilnehmer präsentieren Website und Konzept für einen Verband deutscher Architekturstudierenden, eine Interessensvertretung ihrer Generation.

Laut und ungedämmt

Die Ausstellung und ihre vielfältigen Präsentationen sind inzwischen Geschichte. Doch können einige der Ergebnisse online und in diesem Beitrag bleibend angeschaut werden. Und die Studierenden haben entdeckt, dass sie sich bemerkbar machen müssen, wenn sich etwas ändern soll in ihrer Branche. Sie setzen sich ein für neue Freiheiten und neues Vertrauen in die gestalterischen und sozialen Werte der Architektur.

Titelmotiv: „wir brauchen einen vdas“: Website für einen „verband_deutscher_architektur_studierenden – die interessenvertretung für die junge architekten-generation“

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Frühjahr 17: Verdämmt!

Verteidigen, was kein Denkmal ist

Verteidigen, was kein Denkmal ist

LEITARTIKEL: Ursula Baus über Sinn und Unsinn der grassierenden Dämmwut – und was das über unser Architekturverständnis aussagt.

Was schief gehen kann

Was schief gehen kann

FACHBEITRAG: Dina Dorothea Falbe durchstreift Berlins Häuserschluchten.

Zweimal Bürofassade

Zweimal Bürofassade

PORTRÄT: Daniel Bartetzko skizziert zwei Frankfurter Sanierungen.

"Klartext!"

„Klartext!“

FACHBEITRAG: Thomas Rempen und 16 Master-Studierende werden laut und kreativ gegen den deutschen Dämmwahn.

"Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems"

„Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems“

INTERVIEW: Der bayerische Generealkonservator Prof. Mathias Pfeil spricht mit moderneREGIONAL über Forschung, Dämmung, Abwägung und Substanz.

Vorher-Nachher-Platte

Vorher-Nachher-Platte

FOTOSTRECKE: Martin Maleschka besucht Bukarest & Co.