Foto-Wettbewerb: Außer Konkurrenz!

Anfang 2016 rief mR dazu auf: Stöbern Sie in ihren Alben! Finden Sie ein Foto, das Sie als Kind oder Jugendliche/n vor einem Bau der Moderne zeigt! (Foto, Bau und Mensch sollten im 20. Jahrhundert entstanden sein.) Ein paar der Bilder entsprachen nicht ganz genau den „Wettbewerbsregeln“, weil sich die Teilnehmer entweder nicht noch einmal heute vor Ort ablichten konnten (oder einfach zu verwandt mit uns sind). Doch sind einige dieser Aufnahmen so charmant, dass sie hier „außer Konkurrenz“ gezeigt werden.

Während das Hochhaus vor dem Fenster wuchs …

„Wir lebten in Hamburg-Barmbek in einem der frühen modernen Laubenganghäuser, die von der Neuen Heimat wiederaufgebaut worden waren. Aus unserer Wohnung beobachteten wir, wie am Habichtsplatz ein Hochhaus emporwuchs. Mein Vater hielt alles mit der Kamera fest und stellte einmal meine Mutter und mich davor in Positur. Heute sieht man das Hochhaus vor lauter Bäumen kaum noch.“ (Karin Sobotschinski, fotoscheue Exil-Hanseatin aus dem familiären Umfeld von mR)

In peinlichen Strickklamotten …

„Ich habe mit Freude festgestellt, dass der älteste Leipziger Spielplatz und Betonelefant im Rosental erhalten geblieben ist. Er wurde von mir in den Sixties in peinlichen Strickklamotten genutzt – unter Zwang.“ (Ray van Zeschau über ein Kindheitsfoto auf dem gerade – inkl. Rüsselrutsche – frisch sanierten Leipziger Spielplatz)

Man erzählte Geschichten und bildete Mythen …

„Sowjetische Familien entwickelten ihre Aufnahmen am Wochenende im Badezimmer. Auf den Nylonschnüren für die Wäsche flatterten nasse Fotopapierchen bei rotem Licht im Ventilatorenwind. Es war ein Ereignis, wurde dieser Aufwand doch nur selten betrieben! Danach gab es ein Festessen, man reichte die Bilder durch, erzählte Geschichten und bildete Mythen.“ (Katharina Sebold zu einer Aufnahme ihres Vaters in Saratov-Shasminnyj in den 1980er Jahren)

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Fotospezial 16: „Generation Beton“

ESSAY: Heimat Beton

ESSAY: Heimat Beton

Martin Bredenbeck, * 1977, (Kunst-)Historiker, kehrt heim zum Mülheimer Pfarrerbungalow seiner Familie – und sinniert grundsätzlich über Beton und Heimat.

Gundernhausen: "Auf dem Balkon"

Gundernhausen: „Auf dem Balkon“

Tobias Wolf, * 1979, Bezirkskonservator, blickt für mR noch einmal vom Wohnhaus seiner Kindheit in einer Neubausiedlung der Nachkriegszeit bei Darmstadt.

Gera-Lusan: "Die Birkenstraße blieb"

Gera-Lusan: „Die Birkenstraße blieb“

Christoph Liepach, * 1990, Grafiker/Kunstpädagoge, sucht das Plattenbauviertel seiner Kindheit auf.

Saarbrücken: "Blütenbote im Museum"

Saarbrücken: „Blütenbote im Museum“

Julius Reinsberg, * 1986, Historiker, ging im Archäologischen Institut auf Spurensuche – und fand den Ort seiner ersten Erfahrungen in der Schauspielerei.

Berlin: "Der kleine Stadtbummler"

Berlin: „Der kleine Stadtbummler“

Denis Barthel, * 1970, Architekturfotograf, machte seine ersten Gehversuche in der Architekturmoderne mit einem Kinderbuch – und mit was für einem!

Wiesbaden: "Schuhkauf mit Rutsche"

Wiesbaden: „Schuhkauf mit Rutsche“

Daniel Bartetzko, * 1969, Journalist, findet den Höhepunkt seines damaligen Einkaufsbummels wieder – und hat wieder genauso viel Spaß daran.

Blomberg: "Sieben Tage urlaubskrank"

Blomberg: „Sieben Tage urlaubskrank“

Karin Berkemann, * 1972, Theologin/Kunsthistorikerin, quälte sich einst liegend durch den Urlaub. Jetzt wohnen Flüchtlinge im westfälischen Feriendörfchen.

Garbsen: Ein Stadtteil fotografiert sich!

Garbsen: Ein Stadtteil fotografiert sich!

Aus einer Plattenbausiedlung bei Hannover: Bewohner stellen historische Fotografien an den heutigen Orten nach.

Foto-Wettbewerb: Alle Gewinner!

Foto-Wettbewerb: Alle Gewinner!

Die preisgekrönten Einsendungen unserer Leser!

Foto-Wettbewerb: Außer Konkurrenz!

Foto-Wettbewerb: Außer Konkurrenz!

Einfach zu charmant zum verstecken: Einsendungen auf unseren Foto-Wettbewerb „Generation Beton“, die wir Ihnen nicht vorenthalten können.

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

von Thomas Danzl und Andreas Putz (20/1)

Das Konsumverhalten eines ganzen Jahrhunderts fasste Le Corbusier in kurze Sätze: „On jette aux ferrailles le vieil outil […]; on jette, on remplace.“ Spätestens in den frühen 1960er Jahren aber wurde offenkundig, dass die Hinterlassenschaften der Moderne nicht in ewiger Jugend verharren. Angesichts des Zustands des Dessauer Bauhausgebäudes sprach der Architekturhistoriker Leonardo Benevolo 1960 von einem „jammervollen Trümmerhaufen“. Dessen Wiederherstellung (1974-76) geriet zu einer der ersten Rekonstruktionen der Moderne. 20 Jahre später, als 1996 eine weitere Generalsanierung anstand, ging es auch methodisch um einen Paradigmenwechsel: von einer wenig befundorientierten, teils spekulativen Wiederherstellung zu einer substanzschonenden Instandsetzung. Im gleichen Jahr hielt die ICOMOS-Tagung „Konservierung der Moderne?“ in Leipzig fest: Die Bauten der Moderne sind so zu behandeln wie jedes andere Denkmal.

Stuttgart, Weißenhofsiedlung, Haus Scharoun (Bild: Runner1928, CC BY SA 3.0)

Stuttgart, Weißenhofsiedlung, Haus Scharoun (Bild: Runner1928, CC BY SA 3.0)

Erinnerung vor Substanz?

Bezeichnenderweise spielte die Erhaltung von modernen Oberflächen, von Putz und Farbe, in der Fachdiskussion lange nur eine untergeordnete Rolle. Noch das ICOMOS-Seminar zum Erbe des 20. Jahrhunderts in Helsinki betonte 1995 vor allem den Erinnerungswert – und vernachlässigte dabei das Material. Nur war damals die erneuernde Instandsetzung der Weißenhofsiedlung Stuttgart (1981-87) bereits warnendes Beispiel. Nicht nur der erhebliche Verlust von Originalsubstanz, sondern die geradezu mythische Suche nach dem Urzustand weckte internationale Kritik. Ebenso wirkt die allgemeine Vorstellung nach, die Moderne sei eine Abfolge kurzzeitiger Moden. Bis heute werden allzu oft Nachbildungen, Neuinterpretationen und irreversible „Nachbesserungen“ damit begründet, dass moderne Bauweisen und -stoffe kurzlebig und unzulänglich seien. Aber auch die Architektur der Moderne besteht nicht in einer entstofflichten Ästhetik bloßer Formen.

Vermeintlich langlebig

Von der Mitte der 1970er bis zum Ende der 1990er Jahre hatte sich der Gegensatz zwischen „Bild“-Denkmalpflege und „geschichtsdidaktischer“ Denkmalpflege verstärkt. Die Vorstellung einer immer jungen Moderne, die keine Runzeln verträgt, wurde erst im neuen Jahrtausend ersetzt durch eine neue Praxis: Nachhaltigkeit, Authentizität, Reparatur, Pflege, Wartung und Monitoring. Daher lohnt ein kurzer Blick auf die Wurzeln unseres Denkmalverständnisses, in den Katalog zur Wanderausstellung „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ von 1975. Saskia Durian-Ress schildert dort in ihrem Beitrag „Klassische Denkmalpflege“ bereits zwei mehr denn je gültige Strategien: Zum einen sieht sie das Denkmal als Datenspeicher, der Schutz für seine gesamte Lebensgeschichte einfordert. Zum anderen sollten fachliche wie außerfachliche Vertreter dabei mithelfen, zu erklären, zu beraten und zu vermitteln.

Dessau, Atelierhaus (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Dessau, Atelierhaus (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Bereits in den 1970er Jahren wurden viele Denkmäler musealisiert – Befunde präsentierten sich als Präparate, als Palimpseste, die nur wenige Eingeweihte lesen konnten. In der Tradition der „Gestaltenden Denkmalpflege“ konzentrierte man sich auf das ästhetische Bild des Denkmals. Das Mittel zu diesem Zweck waren vermeintlich überlegene, weil „moderne“ Industrieprodukte. Seither ist auch diesseits der Alpen die operative Kunstkritik eines Cesare Brandis in die Baudenkmalpflege eingesickert. Diese begreift Kunst- und Bauwerk als historisch-ästhetisches Zeugnis in seiner Materialität und in seinem überkommenen Zustand. Jeglicher Eingriff sollte umsichtig, behutsam und wiederholbar sein. Alle Wertungen zum Material, zu seiner Geschichte und Ästhetik sind letztlich aufeinander zu beziehen.

Im Umgang mit dem Erbe der Moderne bedarf es der Vorsicht und des Respektes, auch vor späteren Veränderungen. Ein derart „historisch gewachsener Zustand“ bringt unterschiedlich starke Verluste der Substanz und der äußeren Erscheinung mit sich. Dabei können durchaus neue Materialien und neue Werte hinzukommen, die das ursprüngliche Bild überformen, ja auslöschen. Eine Bestandsaufnahme und -kritik muss daher zunächst drei Punkte neutral darstellen: Material – Geschichte – Ästhetik. Anschließend sollten fächerübergreifend und gemeinschaftlich die möglichen Eingriffe und Verluste eingeschätzt und kritisch abgewogen werden.

Brünn, Haus Tugendhat, Modell (Bild: Christian Michelides, CC0 1.0, 2013)

Brünn, Haus Tugendhat, Modell (Bild: Christian Michelides, CC0 1.0, 2013)

Nachjustieren

Während der erneuten Instandsetzung des Dessauer Bauhausgebäudes (1998-2006) präzisierte man die historische Form. Endlich wurde die elegante Raffinesse des Farbkonzeptes erforscht und wiederhergestellt. Erst mit der restauratorisch-materialkundlichen Untersuchung erkannte man: Bei den von der Bauhaus-Wandmalereiklasse geprägten Farbflächen handelte es sich nicht um Kunsthandwerk, sondern um eine zeitgemäße Variante der monumentalen Wandmalerei. Lediglich Schweizer Beispiele ließen ahnen, dass die Farbgestaltungen repariert und wiederhergestellt werden konnten – in höchster, am Bestand orientierter Qualität. Dieses Konzept konnte man zwischen 2001 und 2003, unter der Bauherrschaft der Wüstenrot Stiftung, am Meisterhaus Muche-Schlemmer umsetzen. Die Lehren daraus ließen sich später nicht nur für die Bauhausbauten in Dessau übertragen.

Die neueste Wiederherstellung am Bauhaus in Dessau (1998-2006) erhebt jedoch keinen Absolutheitsanspruch. Stattdessen geht es um work in process, um die dynamische Wiederaneignung des Wissens von farbiger Flächengestaltung – mit Nachuntersuchungen, Korrekturen und Feinjustierungen, mit verfeinerten materialkundlichen Untersuchungsmethoden, mit Teilreparaturen und Erneuerungszyklen.

Offene Prozesse

Was im Umgang mit dem hochwertigen Erbe der Moderne gelernt wurde, ist letztlich auf die gesamte Epoche zu übertragen: Baudenkmalpflege und Restaurierung stellen nicht einen einzigartigen, „ursprünglichen“ Zustand (wieder) her. Stattdessen geht es um bewusste Eingriffe innerhalb der ständigen Veränderung am Denkmal. Diese sind weniger abgeschlossene Objekte, als vielmehr offene Prozesse. Daher muss eine architektonische Lehre und Diskussion umdenken, die weiterhin stark auf endgültige Bilder, auf unveränderliche Ergebnisse fokussiert ist. Immer wieder sollte über frühere Eingriffe, Transformationen und Erhaltungsbemühungen gesprochen werden. Und damit auch über frühere Wertzuschreibungen und Betrachtungen – gerade bei Denkmälern, über die scheinbar schon alles (oder vieles) bekannt ist. Eine offene Einladung zu diesem Austausch über das Erbe der Moderne stellt die TUM-Vortragsreihe „über das neue bauen hinaus“ dar, und auch die Beiträge des vorliegenden Online-Heftes sind so zu verstehen.

Potsdam, Einsteinturm (Bild: Coenen, CC BY SA 3.0)

Literatur

Benevolo, Leonardo, Geschichte der Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts, München 1964 [italienische Origiginalausgabe: Bari 1960].

Denkmalpflege der Moderne. Konzepte für ein junges Architekturerbe, hg. von der Wüstenrot Stiftung, Stuttgart/Zürich 2011.

Eine Zukunft für unsere Vergangenheit, Katalog zur Wanderausstellung 1975-76 im Auftrag des Deutschen Nationalkomitees für das Europäische Denkmalschutzjahr, vorbereitet vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, München 1975.

Le Corbusier, Vers une architecture. 2. Auflage., Paris 1925.

Nägele, Hermann, Die Restaurierung der Weißenhofsiedlung 1981–87, Stuttgart 1992.

Petzet, Michael/Schmidt, Hartwig (Hg.), Konservierung der Moderne? Über den Umgang mit Zeugnissen der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts (ICOMOS, Heft des Deutschen Nationalkomitees 24), München 1998.

Wohlleben, Marion/Meier, Hans-Rudolf (Hg.), Nachhaltigkeit und Denkmalpflege. Beiträge zu einer Kultur der Umsicht. Zürich 2003.

Titelmotiv: Stuttgart, Weißenhof-Siedlung, Haus Le Corubsier (Bild: Andreas Praefcke, CC BY 3.0)

Winter 2020: Moderne lernen

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

Thomas Danzl und Andreas Putz über Behutsamkeit.

FACHBEITRAG: Das Maschinenlaboratorium der ETH Zürich

FACHBEITRAG: Das Maschinenlaboratorium der ETH Zürich

Theresia Gürtler-Berger über einen innerstädtischen Koloss.

FACHBEITRAG: Das Bauhaus-Gebäude in Dessau

FACHBEITRAG: Das Bauhaus-Gebäude in Dessau

Monika Markgraf über eine Serie von Restaurierungen.

FACHBEITRAG: Das Arbeitsamt in Dessau

FACHBEITRAG: Das Arbeitsamt in Dessau

Berthold Burkhardt über ein Ufo der Bauhaus-Ära.

FACHBEITRAG: Die Meisterhäuser von Dessau

FACHBEITRAG: Die Meisterhäuser von Dessau

Winfried Brenne über Diskussionen um die Inkunabeln.

PORTRÄT: Haus Schminke in Löbau

PORTRÄT: Haus Schminke in Löbau

Felix Wellnitz über ein Behaglichkeitsfeld.

INTERVIEW: Gefühltes Denkmal "Haus am Dom"

INTERVIEW: Gefühltes Denkmal „Haus am Dom“

Zur Sanierung des Hauses am Dom, Frankfurt.

FOTOSTRECKE: Der Einsteinturm in Potsdam

FOTOSTRECKE: Der Einsteinturm in Potsdam

Helge Pitz blättert sich durch die Baugeschichte.

FACHBEITRAG: Das Maschinenlaboratorium der ETH Zürich

nach einem Vortrag von Theresia Gürtler-Berger (20/1)

Sachliche Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Salvisbergs Baukomplex „Maschinenlaboratorium und Fernheizkraftwerk der ETH Zürich“ aus den 1930er Jahren prägen die Wahrnehmung der Experten bis heute. Die Anlage des Architekten Otto Rudolf Salvisberg gilt als Inkunabel des Neuen Bauens in der Schweiz. Dennoch finden sich aktuell vor diesem inzwischen denkmalgeschützten Komplex Baucontainer und Schutthalden unter der Ankündigung der ETH Zürich: „Hier geht es voran, morgen wird gebaut.“

Zürich, Maschinenlaboratorium, Straßenfassade des Lehrgebäudes zur Sonneggstraße, um 1934 (Bild: ETH Bibliothek, Zürich, PD)

Immer weiterbauen

Das komplexe Ensemble des Maschinenlaboratoriums am Zürcher Hochschulplateau umfasst das Lehrgebäude mit seiner geschwungenen Straßenfassade, die grossräumige Maschinenhalle und das Fernheizkraftwerk, neben diversen Laboratorien sowie aerodynamischen Versuchsanlagen. 1972 wurde es mit einem großvolumigen Querbau verdichtet. Der Komplex kann auf eine lange Baugeschichte zurückblicken: 1929 begann Otto Rudolf Salvisberg, neuer ETH Architekturprofessor mit den ersten Entwürfen. Als der Ursprungsbau 1941 fertiggestellt wurde, war Salvisberg gerade verstorben. Ab 1945 stockte Alfred Roth bereits das Lehrgebäude auf. Insgesamt lassen sich bis zur ersten denkmalgerechten Sanierung von 1994 bis 2001 neun Bauetappen ablesen.

Ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Bau- und Verformungsgeschichte des Maschinenlaboratoriums sind jedoch die fortlaufenden Unterhaltsarbeiten: Generationen von Hausmeistern reparieren, tauschen aus und ersetzen. Sie verändern wohl schleichend, aber massgeblich das ursprüngliche Erscheinungsbild. Als im Rahmen solcher Unterhaltsarbeiten die originalen Metallfenster am Lehrgebäude ausgewechselt werden sollten, opponierten die Architekturprofessoren der ETH: Erst jetzt erstellte man ein Sanierungskonzept, gestützt auf der Baugeschichte und Befunde vor Ort. Am Ende wurden die Fenster originalgetreu nachgebaut, und selbstverständlich blieb ein originales Referenzfenster erhalten. Aktuell soll der Komplex erneut ausgebaut werden, denn die ETH Zürich will neben ihrem Außencampus den Campus in der Innenstadt verdichten. Bereits seit 2000 denkt man über neue Nutzungsmöglichkeiten für das brachgefallende Fernheizkraftwerk nach.

Oberflächen oder Ortbeton

Mit dem Hochkamin des Fernheizkraftwerks hatten die Stadtzürcher ein Problem, denn Salvisberg verwendete dafür – mitten in einem der repräsentativsten Viertel und bei bester Fernwirkung – ausgerechnet Ortbeton. Als der Beton des Hochkamins bereits in den 1950er Jahren bröckelte, wurde er mit Freude verputzt. Dagegen musste die feingliedrige Betonfensterfront des Fernheizkraftwerks erst kurz vor 2000 saniert werden: Die Bewehrungseisen wurden freigelegt, entrostet, mit einem Schutzanstrich versehen, die zu geringe Überdeckung des Ortbetons mittels einer Schalung vergrößert. Mit Sackleinen wurden die erforderlichen Abdichtungsanstriche abgetupft, um rauhe Betonoberflächen nachzuahmen, verstärkt durch unregelmäßige Abdrücke von Schalungsbrettern.

Zürich, Maschinen-Laboratirum (Bild: Roland zh, CC BY SA 4.0, 2011)

Zürich, Maschinenlaboratorium, Textillabor und Fernheizkraftwerk mit Hochkamin an der Clausiusstraße (Bild: Roland zh, CC BY SA 4.0, 2011)

Auf den zeitgenössischen Fotografien scheint der asymmetrisch gesetzte Eingang in der Lehrgebäude-Fassade zu leuchten. Dabei gibt es hier nur kleine Wandleuchten, die dafür eigentlich nicht ausreichen dürften. Bis die Befunde zeigten, dass nicht nur die Wände mit großformatigen Kacheln vollständig belegt sind, sondern auch die Decke lackiert war, um das Licht optimal zu reflektieren. Leider liefern die historischen Schwarz-Weiß- Aufnahmen keine Informationen über die originalen Farbfassungen. Restauratoren untersuchten die Wandoberflächen: Ihre Befunde zeigte, dass nicht nur jede Etage eine eigene Farbe hatte, sondern auch die Räume unterschiedlich farblich abgestimmt waren. Die Raumgestaltungen im Lehrgebäude konnten – allerdings angepasst an das heutige Farbempfinden – größtenteils wiederhergestellt werden. Teile der originalen Möblierung wurden gefunden und inventarisiert. Damit konnten Musterzimmer komplettiert werden. Ein Professor integrierte sie in seine farblich rückgeführten Räume.

Spurengeschichte

Aktuell erfolgt gerade die zweite umfassende Sanierung des Maschinenlaboratoriums. Schwerpunkt ist die Umnutzung des Fernheizkraftwerks zu einem „Studenthouse“ mit Arbeitsplätzen für Studenten. Dafür wurde jüngst das schon länger brachliegende Fernheizkraftwerk endgültig leergeräumt. Die Architekten (Itten und Brechbühl aus Bern), aber auch die Bauherrschaft nahmen die Hinweise der Denkmalpflege sowie der zugezogenen Experten auf, doch dem industriellen Charakter des Fernheizkraftwerks trotz der bereits vorausgegangenen hohen Verluste an technischer Ausstattung wie Heizkessel, Kohlentrichtern und Gitterrosttreppen bei der Umnutzung in der architektonischen Sprache und in der Behandlung der Substanz verstärkt Rechnung zu tragen. Die rohen Betonwände blieben, die Verletzungen durch die Brache und die Neunutzung lassen sich als Spuren ablesen. Die erforderlichen klimatischen Anpassungen erfolgen jetzt additiv durch aufgesetzte neue Fensterelemente.

Die Anregung der Denkmalpflege ein (digitales) Raumbuch zu erstellen, führte dazu, dass der Architekten- und Bauherrschaft sich intensiv mit dem Bestand auseinandersetzen. Gleichzeitig konnten Baualterspläne, sowie informative Kartierungen des Gebäudes nach Bauteilen, Materialien und Erhaltungszustand erfolgen. Immer wieder gilt es im Dialog die Frage zu beantworten: Wie umgehen mit dem Flickwerk, das sich in der Abfolge von Eingriffen gebildet hat? Wie die Brillanz dem Gebäudekomplex zurückgeben, ohne seine Verformungsgeschichte zu verleugnen.

Erinnerungsbilder

Das Fernheizkraftwerk als begehbare, engbestückte Heizmaschinerie ist Vergangenheit, nur mehr Erinnerungsbilder vorwiegend in Schwarz-Weiß blieben. 300 Studenten sollen den neuen Zugang nutzen. Das verändert das äußere Erscheinungsbild und die städtebauliche Einbindung ebenso die erforderlichen Aufstockungen. Das Kernproblem liegt an einer anderen Stelle: Schon vor Jahren wurde das Fernheizkraftwerk Stück für Stück abgebaut. Früher war man stolz auf dieses Wunderwerk der Technik. Koks wurde von der Bahn über einen Tunnel in 45 Meter Tiefe angeliefert, angesaugt und mit einem Becherwerk über 75 Höhenmeter in die Kohlentrichter transportiert. In 20 Sekunden brachte der Lift – schneller als sein berühmtes Gegenstück, der Birkenstock-Lift am Vierwaldstätter See – die Monteure in den Tunnel. Die Die Serie von Öltanks wurde aus Lastwagen betankt. Mit dem Ende des Fernheizwerks in der Innenstadt wurde diese Infrastruktur obsolet, der Abbau begann. Der Bau eines Atomreaktors zu Forschungszwecken unterblieb. Die Anlage fiel langsam leer, wurde Stück für Stück abgebaut, entkernt.

Ausnahmen

Für die zentrale große Maschinenhalle hatte Salvisberg 1930 diverse Ausnahmebewilligungen erwirkt. Die Halle wurde als Industriehalle eingestuft, sodass die Stahlbinder für den Brandfall nicht verschalt werden mussten. Heute erfordern Erdbebensicherheit und Brandfall aufwendige Simulationen und praxisorientierte Berechnungen, um die Binder so belassen zu können. Belichtet wurde die große Maschinenhalle ursprünglich über eine Glasprismendecke. Im Verlauf der Untersuchungen stellte man fest, dass diese Prismen tatsächlich noch in der Decke stecken. Sie wurden zugedeckt und das Dach begrünt. Die Hoffnung der Denkmalpflege und der Architekten ist es, die Decke der Maschinenhalle wieder zu öffnen, um der zentralen Halle das Licht zurückzugeben. Offen sind die Fragen der technischen Machbarkeit, der Beschattung, der Dichtigkeit und Lichtsteuerung.

Zürich, Maschinenlaboratorium der ETH, um 1934 (Bild: ETH Bibliothek, Zürich, PD)

Zürich, Maschinenlaboratorium der ETH, um 1934 (Bild: ETH Bibliothek, Zürich, PD)

Fragen an die nächste Generation

Das Maschinenlaboratorium ist nach wie vor ein lebendiger Organismus, und damit baugeschichtlich und denkmalpflegerisch „ein bunter Hund“. Auch wenn Studenten hier immer noch u. a. Maschinenbau studieren, hat sich die Art der Nutzungen doch verändert und das Gebäude ebenso. Damit stellen sich Fragen: Worin genau liegt bei einer derart langen, verwickelten und anhaltenden Baugeschichte wirklich der Denkmalwert eines Objektes? Wieviel Patina ertragen wir? Wie schön, wie ansprechend müssen Oberflächen und Räume nach Sanierungen sein? Wie stehen wir zur Alterung von Materialien? Jede Generation handelt neu aus, welche Denkmalobjekte sie haben und wie sie diese verformen will. Genau das geschieht gerade auch beim Maschinenlaboratorium, einer Inkunabel der Moderne nach wie vor. Wir und die nächste Generation benötigen dazu aber möglichst viel an originaler Substanz, um auf ihren dann aktuellen Wissensstand neu entscheiden zu können. Deshalb bleibt als einzige Prämisse an uns heute, weniger zu machen, um mehr Authentisches tradieren zu können.

Titelmotiv: Zürich, Maschinenlaboratorium der ETH, um 1934 (Bild: ETH Bibliothek, Zürich, PD)

Winter 2020: Moderne lernen

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

Thomas Danzl und Andreas Putz über Behutsamkeit.

FACHBEITRAG: Das Maschinenlaboratorium der ETH Zürich

FACHBEITRAG: Das Maschinenlaboratorium der ETH Zürich

Theresia Gürtler-Berger über einen innerstädtischen Koloss.

FACHBEITRAG: Das Bauhaus-Gebäude in Dessau

FACHBEITRAG: Das Bauhaus-Gebäude in Dessau

Monika Markgraf über eine Serie von Restaurierungen.

FACHBEITRAG: Das Arbeitsamt in Dessau

FACHBEITRAG: Das Arbeitsamt in Dessau

Berthold Burkhardt über ein Ufo der Bauhaus-Ära.

FACHBEITRAG: Die Meisterhäuser von Dessau

FACHBEITRAG: Die Meisterhäuser von Dessau

Winfried Brenne über Diskussionen um die Inkunabeln.

PORTRÄT: Haus Schminke in Löbau

PORTRÄT: Haus Schminke in Löbau

Felix Wellnitz über ein Behaglichkeitsfeld.

INTERVIEW: Gefühltes Denkmal "Haus am Dom"

INTERVIEW: Gefühltes Denkmal „Haus am Dom“

Zur Sanierung des Hauses am Dom, Frankfurt.

FOTOSTRECKE: Der Einsteinturm in Potsdam

FOTOSTRECKE: Der Einsteinturm in Potsdam

Helge Pitz blättert sich durch die Baugeschichte.