FACHBEITRAG: Das Arbeitsamt in Dessau

nach einem Vortrag von Berthold Burkhardt (20/1)

Als das Arbeitsamt in Dessau 1929 errichtet wurde, war es ein völlig neuer Gebäudetyp des industriellen Zeitalters. Es wirkte wie ein Ufo in bürgerlicher Umgebung. Denn dieser Bau von Walter Gropius war architektonisch und technologisch etwas ganz Neues. Aber natürlich gab es hinter gründerzeitlichen Fassaden ebenfalls viel moderne Technologie – von Elektrizität bis Zentralheizung. Der Kontrast ist in der Architektursprache eklatant, unter anderen Gesichtspunkten jedoch weniger.

Dessau, Arbeitsamt (Bild: M_H.de, GFDL/CC BY SA 3.0, 2009)

Veränderungen

In der Geschichte des Arbeitsamtes gab es drei massive Veränderungen: Einmal brach man zur NS-Zeit 1936 Fenster in die runde Umfassungsmauer. Vor diesem Hintergrund wurde vor der Sanierung intensiv diskutiert, wie mit den Fensteröffnungen umzugehen sei. Die Holzelemente waren noch im Zustand von 1936 gut erhalten. Letztlich hat das Argument entschieden, dass die dahinterliegenden Zimmer als Arbeitsräume heute auch Fenster benötigen.

Dessau, Arbeitsamt (Bild: Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Nathalie Wächter)

Dessau, Arbeitsamt (Bild: Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Nathalie Wächter)

Die zweite wichtige bauliche Veränderung betrifft die Außenanlagen. Hier wurde eine Umgehungsstraße angelegt und direkt hinter dem Arbeitsamt ein Plattenbau aufgerichtet. DDR-Moderne und klassische Moderne treffen aufeinander – das kann man interessant finden oder als Konflikt wahrnehmen. Drittens wird das Gebäude heute als Straßenverkehrsamt genutzt – immerhin auch eine öffentliche Nutzung mit Publikumsverkehr.

Hinter der Fassade

In den 1920er/1930er Jahren galt Stahlbau als hochmodern. Jedoch wurde das Material damals noch nicht offen gezeigt, sondern durch Mauerwerk und Putz ummantelt bzw. hinter der Fassade verborgen – so auch beim Arbeitsamt. Eine Besonderheit lag in den gebogenen Trägern, die aus der Waggonfabrik in Dessau kamen.

Durch die Fassade des Arbeitsamtes zogen sich vor der Sanierung feine Haarrisse, hinter denen die Stahlprofile verliefen. Diese waren im Laufe der Zeit gerostet, hatten dadurch ihr Volumen vergrößert und ganze Steinschichten nach außen geschoben hat. Hätte man bei der Sanierung jeden schadhaften Stahl freigelegt, hätte man die Wände abreißen und wieder neu aufbauen müssen. Stattdessen wurden die Schadstellen so weit als drängend nötig geöffnet, die verrosteten Stellen im Duplex-Verfahren gestrichen und alles wieder mit einem gelben Ziegel geschlossen. Diese handgefertigten Steine stammen aus einer kleinen regionalen Firma.

Licht und Luft

Eigentlich weist der Rundbau des Arbeitsamtes keine Belichtung auf – außer den Oberlichtern. Diese Entscheidung traf Gropius nicht aus architektonischen, sondern aus pragmatischen Gründen. So sollten die Arbeitssuchenden nicht ständig durch die Fenster hindurch gesehen und abgelenkt werden. Bei den Oberlichtern entschied man sich damals für eine Einfachverglasung, die heute wärmetechnisch Kopfzerbrechen bereitet. Als weitere Quelle für indirektes Tageslicht dienten Sheds auf dem Rundbau aus einfachem Drahtglas.

Bei der Sanierung wurde die horizontale Glasdecke im Rundbau in eine Klima- bzw Isolierebene umgewandelt, indem das zu ersetzende Riffelglas mit einer Scheibe aus Sicherheitsglas ergänzt wurde. Dadurch konnte die heutige Vorschrift nach einer sicheren Überkopfverglasung erfüllt werden. Gleichzeitig konnten die originalen Sheds erhalten werden. Das bauzeitliche beliebte prismatische Luxfer-Riffelglas wirkt sich günstig für eine gleichmäßige Lichtstreuung aus.

Dessau, Arbeitsamt (Bild: Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Thomas Meyer, Ostkreuz)

Dessau, Arbeitsamt (Bild: Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Thomas Meyer, Ostkreuz)

Da Gropius die Wände jeweils über den Türen enden ließ, können sich die Räume gegenseitig Licht spenden. Die gefliesten Wände sind wie die Fußböden mit Terrazzo erhalten. So wollte man eine leicht zu säubernde Oberfläche schaffen, wenn Arbeiter in ihrer Kluft zur Beratung kamen. Die hellen Fliesen waren übrigens dasselbe Modell, das auch bei der Berliner U-Bahn zum Einsatz kam. Nur die Räume der Mitarbeiter wurden verputzt. Die Belüftung der Räume wurde durch ein mechanisches System durch Klappen in der Lichtdecke und in den Sheds gewährleistet. Heute könnte man das Problem ähnlich lösen, würde dann aber auf Motor und Funksteuerung zurückgreifen. Warmluft wurde über eine Heizanlage mit Kohlebetrieb erzeugt, die heute nicht mehr vorhanden ist. In allen radialen Achsen wurden Röhren im Keller oder im Erdreich verbaut, durch die man frische angewärmte Luft in die hohlen Stützen pressen und über das Klappensystem wieder entfernen konnte. Die mechanische historische Lüftungsanlage wurde bei der Sanierung wieder in Betrieb genommen.

Die Belüftung der Räume wurde jeweils durch eine Klappe gewährleistet, die über ein mechanisches System die Verbindung zur Dachebene herstellte. Heute könnte man das Problem ähnlich lösen, würde dann aber auf Motor und Funksteuerung zurückgreifen. Warmluft wurde über eine Heizanlage mit Kohlenbetrieb erzeugt, die heute nicht mehr vorhanden ist. In allen radialen Achsen wurden Röhren im Keller oder im Erdreich verbaut, durch die man frische angewärmte Luft in die hohlen Stützen pressen und über das Klappensystem wieder entfernen konnte. Die historische Lüftungsanlage wurde bei der Sanierung wieder in Betrieb genommen.

Fensterlos bunt

Nach historischen Fotografien konnten die Original-Lampen nachgekauft werden: Bauhaus-Kugelleuchten von Marianne Brandt. Um den heutigen Vorschriften zu entsprechen, wurde eine Zusatzbeleuchtung oberhalb der Lichtdecke angebracht. So lassen sich die Kugelleuchten bei Bedarf – z. B. um die Verhältnisse der 1920er Jahre nachzuempfinden – separat einschalten. Kleine technische Novitäten waren damals die Gropius-Klinken und ein kleines Rechteck in der Fliesenwand, in dem der Sachbearbeiter den Text „bitte warten“ oder „bitte eintreten“ einschalten konnte.

Dessau, Arbeitsamt (Bildquelle: Peter Kühn im Auftrag der Stadt Dessau)

Das Raumprogramm sah verschiedene Funktionsbereiche vor. Unter anderen einen Beratungsraum und einen Raum, in dem Arbeitgeber Stellen anboten. Gleich nach der Eröffnung des Arbeitsamtes gab es seitens der Mitarbeiter Unmut wegen der fehlenden Fenster. Mit verschiedenen Farbanstrichen jedes Mitarbeiterraums versuchte man zunächst die Beschwerden zu mildern. Die Türen waren ursprünglich beschriftet, nach Berufsgruppen – jede von ihnen hatte einen eigenen Eingang.

Sichtbar machen

Bei der Sanierung mussten die Stahlbeton-Vordächer gefestigt werden. Dafür legte man deren Eindeckung frei und brachte eine Textilbewehrung auf. So ließ sich viel Originalsubstanz erhalten. Ähnlich ging man auch bei den Fenstern von 1936 vor: Nach außen sieht man sauber gemauerte Gewände und Gesimse, im Inneren wurde bei den Durchbrüchen viele Fliesen beschädigt.  Diese Anschlussstellen wurden bei der Sanierung sichtbar belassen, um auf die Veränderung während der NS-Zeit hinzuweisen. Die Außenfenster konnten entlang der vorhandenen Stahlprofile ohne weiteres durch dünnes Isolierglas ersetzt werden. Am Verwaltungstrakt hingegen hat man Kastenfenster ausgebildet, um beiden Ansprüchen zu entsprechen: Möglichst viel Originalsubstanz zu erhalten und einen möglichst hohen Nutzungskomfort zu erreichen.

Titelmotiv/Rundgang: Dessau, Arbeitsamt (Bilder: Außenaufnahmen: Berthold Burkhardt, Innenaufnahmen: Peter Kühn im Auftrag der Stadt Dessau, Bildquelle Grundriss: Berthold Burkhard)

Winter 2020: Moderne lernen

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

Thomas Danzl und Andreas Putz über Behutsamkeit.

FACHBEITRAG: Das Maschinenlaboratorium der ETH Zürich

FACHBEITRAG: Das Maschinenlaboratorium der ETH Zürich

Theresia Gürtler-Berger über einen innerstädtischen Koloss.

FACHBEITRAG: Das Bauhaus-Gebäude in Dessau

FACHBEITRAG: Das Bauhaus-Gebäude in Dessau

Monika Markgraf über eine Serie von Restaurierungen.

FACHBEITRAG: Das Arbeitsamt in Dessau

FACHBEITRAG: Das Arbeitsamt in Dessau

Berthold Burkhardt über ein Ufo der Bauhaus-Ära.

FACHBEITRAG: Die Meisterhäuser von Dessau

FACHBEITRAG: Die Meisterhäuser von Dessau

Winfried Brenne über Diskussionen um die Inkunabeln.

PORTRÄT: Haus Schminke in Löbau

PORTRÄT: Haus Schminke in Löbau

Felix Wellnitz über ein Behaglichkeitsfeld.

INTERVIEW: Gefühltes Denkmal "Haus am Dom"

INTERVIEW: Gefühltes Denkmal „Haus am Dom“

Zur Sanierung des Hauses am Dom, Frankfurt.

FOTOSTRECKE: Der Einsteinturm in Potsdam

FOTOSTRECKE: Der Einsteinturm in Potsdam

Helge Pitz blättert sich durch die Baugeschichte.

FACHBEITRAG: Die Meisterhäuser von Dessau

nach einem Vortrag von Winfried Brenne (20/1)

In Dessau standen Architekten, Restauratoren, Konservatoren und Nutzer vor wenigen Jahren vor einer schwierigen Entscheidung: Man konnte die Meisterhäuser entweder in die Bauhaus-Zeit zurückversetzen oder stattdessen ihre „Schändung“ durch die Nationalsozialisten sichtbar machen. Dieses außergewöhnliche Gebäude-Ensemble war 1926 nach Entwürfen von Walter Gropius entstanden – je ein Doppelhaus für Moholy-Nagy-Feininger, Muche-Schlemmer und Kandinsky-Klee sowie ein einzelnes Wohnhaus für Gropius selbst. Nach der Schließung des Bauhauses hatten die Meister die Stadt in den 1930er Jahren verlassen müssen. Im Krieg wurden die Häuser Gropius und Moholy-Nagy zerstört und 2014 durch Neubauten vom Berliner Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez (BFM) ersetzt. Heute gehören die Meisterhäuser zum Weltkulturerbe und werden als Stil-Ikonen verehrt. Bei ihrer Restaurierung galt es daher, diesem großen Bild nicht zu unterliegen.

Dessau, Meisterhaus Muche/Schlemmer vor und nach der Sanierung von 2001 (Bild: Brenne Architekten)

Dessau, Haus Muche-Schlemmer, Nordansicht vor und nach der Sanierung von 2001 (Bild: © Brenne Architekten)

Das Doppelhaus Muche-Schlemmer

Das kubische Wohnhaus der Maler Georg Muche und Oskar Schlemmer wurde 1998 bis 2001 vom Architekturbüro Brenne – beauftragt von der Wüstenrot Stiftung als Treuhänderin – saniert. Dabei ging es im Kern um die Frage, welche der verschiedenen Zeitschichten herausgearbeitet werden sollte. Neben der Baugeschichte war ebenso die Ereignisgeschichte zu beachten, denn nach dem Wegzug der Meister wurden ihre Häuser in der NS-Zeit negiert. Später hat auch die DDR ihre baulichen Spuren hinterlassen. Um solche Details festschreiben zu können, war eine gründliche Bestandsaufnahme unerlässlich. Allein für das Haus Muche-Schlemmer wurde Raum für Raum eine Dokumentation von 20 Ordnern zusammengetragen.

Ebenso mussten bestimmte Baustoffe geprüft werden, um mit ihnen auch ein Stück Authentizität bewahren zu können. Beim Haus Muche-Schlemmer waren beispielsweise noch weite Teile des bauzeitlichen Putzes vorhanden. Der darüber aufgetragene Zement-Spritzputz wurde bei der Restaurierung mit dem Mikromeißel heruntergenommen und der verbliebene Originalbestand ausgebessert. Insgesamt haben die Meisterhäuser die Zeiten erstaunlich gut überdauert, denn ihre Bautechnik war und ist von einer hohen substanziellen Qualität.

Dessau, Meisterhaus Muche/Schlemmer, Nordansicht, Bauphasenplan (Bild: Brenne Architekten)

Dessau, Haus Muche-Schlemmer, Nordansicht, Bauphasenplan (Bild: © Brenne Architekten)

Pappe aus den 1920ern

Bei der bauklimatischen Untersuchung gilt ein besonderes Augenmerk den vorkragenden Elementen, die wie als Kältebrücke wirken und Feuchtigkeit anziehen können. Dieses Problem löste man in den 1920er Jahren in Dessau-Törten mit einer Dämmung aus einer Art Wellpappe. Eine solche brachte man auch im unteren Drittel des Wandsockels in Muches Schlafzimmer auf, um die Strahlung von der Balkonplatte zu vermindern. Da diese Methode funktioniert hat, wurde sie bei der Restaurierung beibehalten. Bei den ungedämmten auskragenden Stellen an der Nordfassade hingegen wurde nun eine Wandheizung im unteren Wandbereich verlegt und im Keller beider Häuser eine Begleitheizung am Wandsockel ergänzt, damit sich keine Feuchtigkeit niederschlagen kann. Solche Maßnahmen wurden möglichst ohne große Eingriffe umgesetzt.

Mit Blick auf die Gebäudetechnik galt es zu verstehen, wie die Ausstattung ursprünglich angelegt war. Denn die damals wohlüberlegt geführten Kanäle ließen sich nun für neue Technik nutzen. Bei der gesamten Untersuchung wurde Raum um Raum verglichen, ob sich Zeitschichten für die Farbfassung ermitteln ließen, um ein Gesamtbild zu entwickeln. Im Haus Muche-Schlemmer konnte man so einzelne Zimmer authentisch wiederherstellen. Wo hingegen zu große Wissenslücken klafften, wurden die Räume in einer neutralen Farbe gestrichen. Dabei beließ man Brüche sichtbar – wie Heizkörper aus DDR-Zeiten.

Dessau, Meisterhaus Muche/Schlemmer, Nordansicht, Putzschäden (Bild: Brenne Architekten)

Dessau, Haus Muche-Schlemmer, Nordansicht, Putzschäden (Bild: © Brenne Architekten)

Entscheidungsprozesse

Nach der Restaurierung blieb in Dessau ein Problem: Niemand kann permanent 20 Dokumentations-Ordner im Kopf haben, die zudem ständig um neue Fakten ergänzt werden. Für das Gebäude lag seit 1998 eine Denkmalpflegerische Zielstellung vor, die 2014 fortgeschrieben wurde und auf den Ergebnissen einer umfassenden Bestandserfassung basiert. Die Fülle an Informationen wurde in Form eines digitalen und interaktiv nutzbaren Raumbuchs gebündelt, mithilfe dessen der Umgang mit dem Bestand hinsichtlich baulicher Eingriffe, Nutzung und Belastbarkeit definiert werden konnte.

Statt sich in Einzelentscheidungen zu verzetteln, sollten alle an der Instandsetzung Beteiligten gemeinsam den großen Bogen im Blick behalten. Am Ende bleibt bei solchen Projekten kein anderer Weg, als immer wieder die gleiche Diskussion neu aufzubrechen und schließlich durch Fakten zu überzeugen. Allein gründliche Recherche und transparente Abstimmung sind zielführend.

Dessau, Meisterhaus Muche/Schlemmer, Westansicht nach der Sanierung (Bild: Brenne Architekten)

Dessau, Haus Muche-Schlemmer, Westansicht nach der Sanierung (Bild: © Brenne Architekten)

Die Baustellenprobe

Oft zeigen sich die Probleme einer Restaurierung ganz konkret auf der Baustelle. Wenn z. B. die Fensterbleche eingeputzt werden und sich im Nachhinein ausdehnen, bricht der Putz ab und es kann Wasser eindringen, was zu Schäden an der Fassade führt. Um solche Fehler vorausschauend zu vermeiden, wurden solche Details bei den Meisterhäusern systematisch erfasst und in das Pflegehandbuch aufgenommen. So ließ sich die Wasserführung (vor allem bei dem immer häufigeren Starkregen) unkompliziert lösen. Durch solche Ansätze konnte man im Umgang mit dem Bau beständig lernen und die neuen Erkenntnisse in das Gesamt-Gestaltungskonzept einbeziehen.

Zu Beginn der Maßnahme hatte die Wüstenrot Stiftung für eine Wiederherstellung des Zustands der 1930er Jahre plädiert, um die „Schändung“ durch die Nationalsozialisten sichtbar zu machen. Die Stadt Dessau hingegen bevorzugte eine Annäherung an die Bauhaus-Zeit. Am Ende konnte die bauzeitliche Architektur des Meisterhauses Muche-Schlemmer durch Freilegung der bauzeitlichen Oberflächen und durch Rekonstruktion verlorengegangener Bauteile wiedergewonnen werden. Im Inneren blieben jedoch – z. B. im bauzeitlichen Linoleumboden – Spuren der gesamten Nutzungsgeschichte ablesbar. Bewahrt wurden z. B. viele Einbauschränke und Lochbleche der Fensterbänke sowie Außentüren und Fenster, die Treppenhaus- und Atelierfenster hingegen mussten wiederhergestellt werden. Seit 2002 finden im Meisterhaus Muche-Schlemmer nun Ausstellungen und Präsentationen vom Design-Zentrum Sachsen-Anhalt statt. Zudem dient der Bau für Studienzwecke und als Gästehaus.

Dessau, Meisterhaus Kandinsky/Klee, Nordansicht nach der Sanierung (Bild: Brenne Architekten)

Dessau, Haus Kandinsky-Klee, Nordansicht nach der Sanierung (Bild: © Brenne Architekten)

Das Haus Kandinsky-Klee

Das Meisterhaus der Maler Wassily Kandinsky und Paul Klee wurde bis in die 1930er Jahre hinein bewohnt. Mit dem Ziel, das Haus seinem ursprünglichen Erscheinungsbild zurückzuführen und gleichzeitig als Ausstellungsort herzurichten, wurde das Haus 1998 bis 2000 im Auftrag der Stadt Dessau und der Hochtief AG durch das Planungsbüro Codema denkmalgerecht saniert. 2017 entschied sich die Stiftung Bauhaus Dessau zu einer erneuten Sanierung, beauftragt von der Wüstenrot Stiftung. Zunächst wurde das Büro Brenne Architekten mit einer Machbarkeitsstudie beauftragt, um das Ziel der Sanierung zu definieren. Der ganzheitliche Sanierungsansatz wurde in einem diskursiven Verfahren mit allen Beteiligten entwickelt. 2018 bis 2019 erfolgte die Sanierung durch das Büro Brenne Architekten. Scheinbar waren nur wenige Schäden zu beheben, doch das eigentliche Problem lag in der Nutzung. Kurz zuvor hatte man das Gebäude zum Museum umgebaut und damit das fragile Meisterhaus bautechnisch bis aufs Äußerste ausgereizt. Allein für die Klimatisierung und den Einsatz der neuen Medien war massiv in die Substanz eingegriffen worden.

Ziel der aktuellen Sanierung war es daher, das Meisterhaus Kandinsky-Klee selbst als Ausstellungsobjekt zu inszenieren. Zu Beginn musste untersucht werden, welche Veränderungen vorlagen und wie der bauzeitliche Zustand wiederherzustellen sei. Im Obergeschoss hatte man beispielsweise Auslässe für die Klimaanlage eingefügt und Nischen in den Wänden geschlossen. In den WCs und Bädern waren die Klimageräte untergebracht, zudem musste eine Vielzahl von Versorgungsleitungen gelegt werden. Diese kleinen, aber intensiven Eingriffe belasteten in der Summe das Gebäude. Zudem verfügten die Nutzer nicht über die finanziellen Mittel, dieses hohe Maß an Klimatisierung auf Dauer aufrechtzuerhalten. Bei der Sanierung von 2019 sollten daher wieder vertiefende Einblicke in die Bau- und Zeitgeschichte möglich werden. Dazu wurde ein Maßnahmenkatalog erarbeitet, um das schrittweise erarbeitete Wissen zum bauzeitlichen Zustand wieder sichtbar zu machen.

Dessau, Meisterhaus Kandinsky/Klee, Aufbringen einer Ausgleichsschicht auf dem Flachdach (Bild: Brenne Architekten)

Dessau, Haus Kandinsky-Klee, Aufbringen einer Ausgleichsschicht auf dem Flachdach (Bild: © Brenne Architekten)

Kandinskys Esszimmer

Kandinsky Esszimmer beispielsweise war ursprünglich eine regelrechte Kunstinstallation. Heute wird (fast) das gesamte originale Mobiliar in Paris im Centre Pompidou verwahrt. Im Meisterhaus selbst stand zur Diskussion, den Schrank wiederherzustellen. Durch den schwarzen Schiebeschrank hatte man das Essen hindurchgereicht, darin Geschirr verwahrt und dahinter alles Mögliche verschwinden lassen. Nach der umfassenden restauratorischen Untersuchung des Esszimmerschranks war klar, dass fast alles – vom Schrank-Corpus bis zu den Führungselementen für die Türen – noch vorhanden war. Selbst die Ebene der Durchreiche ließ sich identifizieren. So schien es sinnhaft, dieses Möbel auch in seiner architektonischen Qualität wiederherzustellen. Als der Tischler stufenweise die Schrankelemente beifügte, musste bis auf die Schiebetüren kaum ein neues Bauteil ergänzt werden.

Ein anderer Diskussionspunkt lag bei den authentischen Wandflächen, die eigentlich unverändert belassen werden sollten. Doch die heutige Eigentümerin und Nutzerin, die Stiftung Bauhaus Dessau, sah die teilweise sehr geschädigten Putzoberflächen durch Ausbesserungen und Unebenheiten sehr kritisch, sodass hier ein Restaurierungskonzept erarbeitet wurde, in dem jede Wand des Raumes einzeln bewertet wurde, um die Bearbeitung der gestörten Oberflächen festzulegen. Für jede Wiederherstellung einer Farbgebung ist der Untergrund entscheidend. Man kann entweder alle Brüche zeigen oder eine Farbschicht wie auf einem neuen Putz aufbringen, möglichst ohne das Darunterliegende zu zerstören.

Dessau, Meisterhaus Kandinsky/Klee, vorgefundene Fensterbänke und nachgestellte Lochbleche (Bild: Brenne Architekten)

Dessau, Haus Kandinsky-Klee, vorgefundene Fensterbänke und nachgestellte Lochbleche (Bild: © Brenne Architekten)

Im Licht der Vergangenheit

Zuletzt sei noch auf einen Faktor hingewiesen, der normalerweise gar nicht in den Blick kommt: das bauzeitliche Licht, das wiederum die Gestaltung der Wandflächen entscheidend beeinflusst. Jeder Raum hat die von den Restauratoren ermittelte Auszugsfassung der Farbgebung von Kandinsky bzw. Klee wiedererhalten. Um die Farbwiedergabe der Oberflächen zu jeder Zeit erlebbar zu machen, wurde das schwache Licht durch ein Leuchtkonzept ergänzt, das durch dimmbare Lichtstärke und -temperatur eine bauzeitliche Lichtatmosphäre ermöglicht. Per App steuerbar, kann das Licht an heute angemessen empfundene Sehgewohnheiten angepasst werden.

Titelmotiv: Dessau, Haus Muche-Schlemmer, Südostansicht vor und nach der Sanierung von 2001 (Bild: © Brenne Architekten)

Winter 2020: Moderne lernen

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

Thomas Danzl und Andreas Putz über Behutsamkeit.

FACHBEITRAG: Das Maschinenlaboratorium der ETH Zürich

FACHBEITRAG: Das Maschinenlaboratorium der ETH Zürich

Theresia Gürtler-Berger über einen innerstädtischen Koloss.

FACHBEITRAG: Das Bauhaus-Gebäude in Dessau

FACHBEITRAG: Das Bauhaus-Gebäude in Dessau

Monika Markgraf über eine Serie von Restaurierungen.

FACHBEITRAG: Das Arbeitsamt in Dessau

FACHBEITRAG: Das Arbeitsamt in Dessau

Berthold Burkhardt über ein Ufo der Bauhaus-Ära.

FACHBEITRAG: Die Meisterhäuser von Dessau

FACHBEITRAG: Die Meisterhäuser von Dessau

Winfried Brenne über Diskussionen um die Inkunabeln.

PORTRÄT: Haus Schminke in Löbau

PORTRÄT: Haus Schminke in Löbau

Felix Wellnitz über ein Behaglichkeitsfeld.

INTERVIEW: Gefühltes Denkmal "Haus am Dom"

INTERVIEW: Gefühltes Denkmal „Haus am Dom“

Zur Sanierung des Hauses am Dom, Frankfurt.

FOTOSTRECKE: Der Einsteinturm in Potsdam

FOTOSTRECKE: Der Einsteinturm in Potsdam

Helge Pitz blättert sich durch die Baugeschichte.

PORTRÄT: Haus Schminke in Löbau

von Felix Wellnitz (20/1)

Für den Nudelfabrikanten Fritz Schminke und dessen Familie gestaltete der Architekt Hans Scharoun von 1930 bis 1933 im ostsächsischen Löbau ein mondänes Wohnhaus. Dieser Schlüsselbau der Moderne wird in einem Atemzug genannt mit Inkunabeln wie Mies van der Rohes Haus Tugendhat, Le Corbusiers Villa Savoye und Frank Lloyd Wrights Fallingwater. Seit 1978 steht Haus Schminke unter Denkmalschutz. Es ist heute nicht nur Museum und Veranstaltungsort, sondern kann auch für Übernachtungen gebucht und damit in seiner ursprünglichen Nutzung erlebt werden. Im Bauhaus-Jubiläumsjahr spielte es eine tragende Rolle – obwohl (oder gerade weil) Scharoun kein Bauhäusler war.

Löbau, Haus Schminke, Wohnzimmer (Bild: Schmid/Wellnitz)

Löbau, Haus Schminke, Wohnzimmer (Bild: Schmid/Wellnitz)

Hans Scharoun und das Klima

In Berlin als Architekt tätig, lehrte Scharoun sieben Jahre an der Staatlichen Kunstakademie in Breslau, nach Kriegsende dann an der TU Berlin. Zudem gehörte er den prominenten Vereinigungen „Gläserne Kette“ und „Der Ring“ an. Mit Haus Schminke lieferte er nicht nur einen innovativen Entwurf, sondern zeigte gleichermaßen Kompetenz für bauklimatische Zusammenhänge: Im Erdgeschoss öffnen sich durch Schiebe-Elemente frei schaltbare Räume nach Süden und zum nordseitig gelegenen Garten. Das südorientierte Bandfenster im Wohnzimmer ruht auf einer durchlaufenden, schwarzen Natursteinfensterbank, die als Wärmespeicher für die einfallende Solarstrahlung wirkt.

Im direkt anschließenden, dreiseitig verglasten Wintergarten findet sich ein „Pflanzenbecken“ – direkt unter der nach Süden geneigten, aufgeglasten Wand. Die Nordfenster wurden im Obergeschoss mit Tauwasserrinnen ausgestattet. Somit wusste Scharoun um diese kältesten und vorrangig tauwassergefährdeten Oberflächen. Ebenfalls noch erhaltene, sichtbare Gussheizkörper und die Fußbodenheizung im Wintergarten sind Teil der Raumgestaltung.

Löbau, Haus Schminke, Behaglichkeitsfeld im Wohnzimmer (Bild: Schmid/Wellnitz)

Löbau, Haus Schminke, Behaglichkeitsfeld im Wohnzimmer (Bild: Schmid/Wellnitz)

Behaglichkeiten

Bei Baudenkmalen steht der Schutz vor Schäden stets im Vordergrund. Dennoch braucht jede Nutzung auch eine gute thermische Behaglichkeit und einen begrenzten Energiebedarf. Neben diesen zentralen, eng zusammenhängenden bauklimatischen Aspekten muss auch im Bestand die Frage erlaubt sein: Wie lassen sich die CO2-Emmissionen senken? Im Neubau, aber auch bei Sanierungsmaßnahmen gelten dabei die Regeln der Energieeinsparverordnung (EnEV) und der zugeordneten Normen. Besonders im Denkmal aber finden sich historische Konstruktionen, die nach aktueller Normung kaum bewertet werden können.

In enger Zusammenarbeit der Stiftung Haus Schminke mit der OTH Regensburg wurden (vor der Ertüchtigung zum Bauhausjahr) ein zweijähriges bauphysikalisches Monitoring und eine thermische Gebäudesimulation durchgeführt: um die Bausubstanz bzw. deren bauklimatische Wirkung zu erforschen und um die Auswirkungen möglicher Sanierungsmaßnahmen auf Raumklima, Energiebedarf und Bausubstanz darzustellen. Im Haus Schminke zeigen die meisten Räume auch unter heutigen Maßstäben durchaus gute Behaglichkeiten. Nur der Wintergarten liefert bei Minusgraden oder Sommerhitze unbehagliche Tiefst- und Höchsttemperaturen – aber das ist in einer Übergangszone zwischen innen und außen kein Mangel.

Löbau, Haus Schminke, links: Fensterdetails (Bild: Schulze/Wellnitz); rechts: Simulationsmodell (Bild: Schmid/Wellnitz)

Neue Schäden

Seit der umfassenden Sanierung von 2000 sind neue Schäden fast ausschließlich an den Dachoberlichtern und am Außenputz wieder oder neu entstanden. Die damals ebenfalls sanierten Fensterkonstruktionen – Stahlprofile mit Einfachverglasung und Glashalteleisten aus Eiche – zeigen keine Kondensatschäden. Nur Wasserflecken an einigen ansonsten völlig intakten Holzleisten weisen darauf hin, dass zeitweise Tauwasser anfällt. Das hat auch damit zu tun, dass Fugen nicht mit Kitt verschlossen sind und immer wieder austrocknen können. Als Schwachpunkt bleibt ein vergleichsweiser hoher Energiebedarf, der vor allem dem hohen Glasanteil geschuldet ist. Es wurden zwar enorme solare Wärmegewinne gemessen, die aber durch die Einfachgläser schnell wieder abfließen und der Energiebilanz kaum gutgeschrieben werden können.

Löbau, Haus Schminke, Wintergarten (Bild: Schmid/Wellnitz)

Löbau, Haus Schminke, Wintergarten (Bild: Schmid/Wellnitz)

Wie dicht ist zu dicht?

Die Forschungen haben ergeben: Eine denkmalpflegerisch unkritische Dichtung der aktuell sehr luftdurchlässigen Fensterfalze hat ein größeres Energieeinsparpotential. Zwar wäre eine sehr schlanke Isolierverglasung noch effektiver, ist aber denkmalpflegerisch keine Option. Die Wärmedämmung des Dachs und der opaken Außenwände hätte nur einen geringen Nutzen, da die Wärmeverluste über die Glasflächen vorherrschen. Allerdings steigt mit der höheren Luftdichtheit auch das Schimmel- und Tauwasserrisiko. Daher sollten die Raumluftfeuchten nach dieser Maßnahme unbedingt messtechnisch überwacht werden. Bei Bedarf müsste man dann entsprechend lüften, um dieses einmalige Baukunstwerk zu schützen.

Löbau, Haus Schminke (Bild: Frank Vincentz, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2012)

Löbau, Haus Schminke (Bild: Frank Vincentz, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2012)

Literatur

Graupner, Lobers, in: Burkhardt, Berthold (Hg.), Haus Schminke. Geschichte einer Instandsetzung, Stuttgart 2002, S. 123.

Titelmotiv: Löbau, Haus Schminke (Bild: Sauer/Wellnitz)

Winter 2020: Moderne lernen

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

Thomas Danzl und Andreas Putz über Behutsamkeit.

FACHBEITRAG: Das Maschinenlaboratorium der ETH Zürich

FACHBEITRAG: Das Maschinenlaboratorium der ETH Zürich

Theresia Gürtler-Berger über einen innerstädtischen Koloss.

FACHBEITRAG: Das Bauhaus-Gebäude in Dessau

FACHBEITRAG: Das Bauhaus-Gebäude in Dessau

Monika Markgraf über eine Serie von Restaurierungen.

FACHBEITRAG: Das Arbeitsamt in Dessau

FACHBEITRAG: Das Arbeitsamt in Dessau

Berthold Burkhardt über ein Ufo der Bauhaus-Ära.

FACHBEITRAG: Die Meisterhäuser von Dessau

FACHBEITRAG: Die Meisterhäuser von Dessau

Winfried Brenne über Diskussionen um die Inkunabeln.

PORTRÄT: Haus Schminke in Löbau

PORTRÄT: Haus Schminke in Löbau

Felix Wellnitz über ein Behaglichkeitsfeld.

INTERVIEW: Gefühltes Denkmal "Haus am Dom"

INTERVIEW: Gefühltes Denkmal „Haus am Dom“

Zur Sanierung des Hauses am Dom, Frankfurt.

FOTOSTRECKE: Der Einsteinturm in Potsdam

FOTOSTRECKE: Der Einsteinturm in Potsdam

Helge Pitz blättert sich durch die Baugeschichte.