mit studentischen Entwürfen von Juliane Eichinger, Janina Häußermann, Ralitsa Kalinova, Selina Pretzer, Selma Stahl, Luis Strobel, Claudio Tasaki, Lea Tiedemann, Natsuki Ueda und Fabienne Vater (26/2)
„Cumulus Caementitium“ ist ein Projekt überschrieben, mit dem sich das Institut für Architekturgeschichte (ifa) der Uni Stuttgart im Wintersemester 2025/26 einer wirklichen Ikone gewidmet hat. So vorsichtig mit solchen Etiketten umzugehen ist, bei Bauten des Schweizer Büros Atelier 5 kann man sie meist ohne Bedenken vergeben. Entsprechend hat sich der Masterentwurfskurs in Kooperation mit dem KIT (Karlsruher Institut für Technologie) und der baden-württembergischen Landesdenkmalpflege mit den Studierendenwohnheimen Pfaffenhof I in Stuttgart (1974) auseinandergesetzt. Ziel war nicht allein eine Bestandsaufnahme, sondern auch ein Zukunftskonzept für das brutalistische Ensemble. Bei einem materiell wie energetisch durchaus komplexen Bestand sollte der Hauptwert, eine räumlich gefügte Gemeinschaft, erhalten und neu belebt werden. Damit aus dem Betonhaufen – nichts anderes verbirgt sich hinter dem schicken lateinischen Motto „Cumulus Caementitium“ – kein Abrisskandidat wird.

Stuttgart, Pfaffenhof I: Die 1974 nach Entwürfen von Atelier 5 fertiggestellten Studierendenwohnheime gelten als Ikone des gemeinschaftlichen Lebens (Bild: Ralf Kaufmann, via google-Maps, 2024)
Denkmalwert Gemeinschaft
Von 1972 bis 1974 entstanden die Studierendenwohnheime Pfaffenhof I auf dem Campus Stuttgart-Vaihingen. Die Pläne von Atelier 5 reichen bis in das Jahr 1965 zurück. Für die Anlage im Geist des Strukturalismus entwarf das Berner Büro ein modulares Wohnsystem mit Innenhöfen, Terrassen und halböffentlichen Zwischenräumen. Ganz im Geist der Gemeinschaft errichtet, werden Höfe, Wege, Zwischenebenen und gestaffelte Gemeinschaftsbereiche eingefügt. Das Büro versteht das Gebäude ausdrücklich als offenes System, das Veränderungen zulässt.
2020 stellte man die Anlage unter Schutz – und schon 2021 machten sich Expert:innen auf Initiative des baden-württembergischen Landesdenkmalamts kluge Gedanken um die Zukunft des Pfaffenhofs I. Gerade die Sparsamkeit im Materialeinsatz erweist sich heute wieder als zeitgemäß. Mit dem Studierendenwohnheim schuf Atelier 5 einen Vorreiter des Zusammenlebens. Was vor 50 Jahren ein Privileg des studentischen Lebens darstellte, kann künftig gar nicht gut genug geschützt und weitergetragen werden.

Stuttgart, Pfaffenhof I: Mit einer Bestandsaufnahme legten das ifa, das KIT und das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg die Grundlage für die gestalterische Annäherung der Studierenden (Modell: Studierende des ifa, Uni Stuttgart)
Die Bestandsaufnahme
Um den Bestand besser zu verstehen, arbeiteten Studierende des ifa unter Betreuung von Prof. Christiane Weber und René Heusler zusammen mit dem KIT (Dr. Anette Busse) und dem baden-württembergischen Landesdenkmalamt. Recherchiert wurde zur Baugeschichte und zum Entstehungskontext anhand der Denkmalbegründung, der Sekundärliteratur, eines Interviews mit Atelier 5 sowie der Unterlagen von Archiven und Behörden. Vier studentische Gruppen arbeiteten parallel bei unterschiedlichen Institutionen, wobei sich das gta-Archiv der ETH Zürich als besonders ergiebig herauskristallisierte: zwölf Ordner mit Originalunterlagen wie Lagepläne, Grundrisse, Schnitte, Perspektiven und Konstruktionsdetails. Ergänzt wurde diese Recherche um eine digitale Bauaufnahme durch Ronja Miehling (Ingenieurgeodäsie), KIT und Studierende anhand von terrestrischen 3D-Laserscans, Punktwolke, CloudCompare, Segmentierung, Clustering, 3D-Meshes, nachgezeichneten Schnitten und Grundrissen sowie einem digitalen Gebäudemodell.
Mit der Bestandsaufnahme traten die Problemzonen der denkmalgeschützten Anlage deutlich zu Tage. Die sparsam ausgeführte Gebäudehülle entspricht nicht den heutigen Ansprüchen an Wärme- und Schalldämmung. Hinzu kommen die alte Haustechnik sowie der Sanierungsbedarf bei Dach, Beton und Fassaden. Auch in Sachen Wohnqualität ist heute viel Luft nach oben. Denn die Gemeinschaftsflächen werden nicht mehr wie gedacht angenommen und die Bewohner:innen identifizieren sich nicht mehr wirklich mit dem Pfaffenhof I. Zudem fehlen Sanitäranlagen ebenso wie barrierefreie Zugänge. Als Stärken wurden von den Studierenden herausgearbeitet: Die im Modulprinzip errichtete Anlage bietet vielfältige Hof- und Freiflächen, um die unterschiedlichen Schattierungen von öffentlich, halböffentlich und privat auszuleben.

Stuttgart, Pfaffenhof I, studentischer Entwurf 1 „Wege der Begegnung“: Die Zwischen- und Übergangsräume sollen neu zur Geltung kommen (Modell: Juliane Eichinger und Janina Häußermann)
Entwurf 1: Wege der Begegnung
In diesem Entwurf wollen die Studentinnen Juliane Eichinger und Janina Häußermann unter dem Titel „Wege der Begegnung“ gerade die Zwischen- und Übergangsräume neu zur Geltung bringen. Direkt im Eingangsbereich sollen funktionale Zonen vom Fahrradraum bis zum Wasch- und Trocknerraum zum Miteinander beitragen. Im Treppenhaus wird die Zwischenwand entfernt und ein Lichtband eingefügt.
Das künftige Herzstück der Gemeinschaft sehen Eichinger und Häußermann in den Küchen und Essbereichen. Mit dem Entfernen einer raumtrennenden Wand, mit einem neuen Tresen und vergrößerten Fenstern trägt die Gestaltung zu diesem Lebensgefühl bei. Um den Bau auch energetisch ins 21. Jahrhundert zu führen, sehen die beiden Studentinnen – nach einer vorab nötigen technischen Detailuntersuchung – viele Möglichkeiten: von der Dachsanierung mit Photovoltaik über die Weiterentwicklung der Fassadenmodule bis zur Instandsetzung der Betonfassade.

Stuttgart, Pfaffenhof I, studentischer Entwurf 2 „Gemeinschaft im Zentrum“: In diesem Ansatz sollen Charakter- und Inklusionshäuser einander ergänzen (Modell: Ralitsa Kalinova und Lea Tiedemann)
Entwurf 2: Gemeinschaft im Zentrum
Für diesen Ansatz „Gemeinschaft im Zentrum“ wollen Ralitsa Kalinova und Lea Tiedemann verstreute Gemeinschaftsflächen zum neuen Mittelpunkt bündeln. Dafür bilden sie vier thematische Blöcke: Naturfreunde, Sportsfreunde, Partygänger und Musiker. Je Block soll ein Charakterhaus mit Gemeinschaftsräumen im Erdgeschoss punkten – offen für Bewohner:innen und Externe. Mit Durchbrüchen und neuen Treppen werden Gemeinschaftsnutzungen stärker verknüpft und in den Alltag eingebunden. Als Gegenüber stehen Inklusionshäuser mit barrierefreien Erdgeschoss-Wohngemeinschaften für Teilhabe und Nähe.
Mit einem modularen Gerüstsystem soll die Gitterstruktur des Bestands aufgegriffen werden, um Innenhöfe und andere Freiflächen zu beleben. Hier können unterschiedliche Angebote von Grünpflanze bis Sitzgelegenheit eingetaktet werden. Für eine bessere Energie-Effizienz sorgen ein Aerogel-Dämmputz und schlanke Aluminiumfensterrahmen, die Photovoltaik vertikal vor die bestehenden Fassadenmodule setzen.

Stuttgart, Pfaffenhof I, studentischer Entwurf 3 „Begegnung. Identität. Nachbarschaft.“: Hölzerne Anbauten sollen die Innenhöfe beleben (Modell: Selina Pretzer und Luis Strobel)
Entwurf 3: Begegnung. Identität. Nachbarschaft.
Unter dem Dreifachmotto „Begegnung. Identität. Nachbarschaft.“ setzen die Student:innen Selina Pretzer und Luis Strobel ganz auf Holz, um die Nachbarschaft neu zur Geltung zu bringen. Mit hölzernen Anbauten zu den Höfen hin werden die Erdgeschosszonen belebt, womit die zurückspringenden Obergeschosse zu Terrassen werden. Für eine bessere Energiebilanz soll eine mineralische Innendämmung an den Außenwänden und eine Flankendämmung im Bereich der neuen Fenster sorgen. Ergänzend wird das Dach gedämmt und mit einer Photovoltaikanlage versehen. Zudem schaffen mehr Pflanzen eine bessere Abkühlung und eine naturnahe Atmosphäre.
Für die Zwischengeschosse sollen die Gemeinschaftsflächen und Küchen zusammengefasst werden zu Apartments für Paare als neue Zielgruppe. Als großen Mangel im Bestand benennen Pretzer und Strobel: zu wenig und zu kleine Sanitäranlagen. Daher wollen die beiden Studierenden die Grundrisse umstrukturieren, damit jedes Zimmer seine eigene Sanitärkabine innerhalb der Gemeinschaftsbäder erhält. Nicht zuletzt sollen neue Fenster – in den Proportionen des Bestands – für besseren Durchblick und mehr Verbindung zwischen innen und außen sorgen. Ein Plus: der in das Fenstermodul integrierte Schreibtisch.

Stuttgart, Pfaffenhof I, studentischer Entwurf 4 „Crossing Common“: ein breiterer Flur, ein offenes Treppenhaus und ein überdachter Innenhof sollen das Gemeinschaftsgefühl im Block D stärken (Modell: Claudio Tasaki und Natsuki Ueda)
Entwurf 4: Crossing Common
Der Entwurf „Crossing Common“ von Claudio Tasaki und Natsuki Ueda will beim Block D der Anlage Blockaden überwinden. An die Stelle einer Zugangsbeschränkung vom Osten soll als neue Querachse nun eine Verbindung zum bewaldeten Westen geschaffen werden. Dazu planen Tasaki und Ueda drei große vernetzte Eingriffe für mehr Gemeinschaftsgefühl: den Long Common, den Big Common und das Staircase.
Mit dem Long Common werden im Untergeschoss vier Bauten verknüpft, indem ein verbreiterter Flur kleinere Extra-Freiflächen ermöglicht – quasi als Erweiterung der Zimmer. Für den Big Common soll der Hof auf Untergeschossniveau mit einem neuen Glasdach versehen werden, um eine wettergeschützte Zone und zusätzliches Tageslicht zu ermöglichen. An die Stelle der alten geschlossenen Treppen soll mit dem Staircase eine neue offene Metallstruktur treten und so die Kommunikation im Block stärken.

Stuttgart, Pfaffenhof I, studentischer Entwurf 5 „Zuordnung statt Anonymität“: Die oberste Terrasse wird mit Holständerbau-Fertigteilen aufgestockt (Modell: Selma Stahl und Fabienne Vater)
Entwurf 5: Zuordnung statt Anonymität
Für die beiden Studentinnen Selma Stahl und Fabienne Vater leidet der Bestandsbau vor allem an Orientierungslosigkeit. Daher wollen sie in ihrem Entwurf „Zuordnung statt Anonymität“ u. a. die Nachbarschaften klarer ausbilden, die Wohnbereiche eindeutig zuzuordnen und die Identifikation zu stärken. Die sichtbarste Veränderung ist die Aufstockung der obersten Terrasse mit Holzständerbau-Fertigteilen. Zum einen macht das neue Material den Zusatz klar ablesbar, zum anderen sollen das Fassadenraster und die Kubatur des Bestands fortgeführt und damit harmonisch eingebunden werden. Neue PV-Anlagen auf den Dächern und ein Aerogel-Dämmputz auf den Außenwänden sorgen für eine bessere Energiebilanz.
Nach innen sollen die Grundrisse neu geschnitten werden. Im Erdgeschoss legen Stahl und Vater kleinere Wohnungen zu größeren Apartments zusammen. Die darüberliegenden Regelgeschosse erhalten je direkt zugeordnete Badezimmer, indem je ein Zimmer dafür aufgeteilt wird. Neben einer Aufwertung und Neuordnung der Gemeinschaftsbereiche sollen die Studierendenzimmer durch eine integrierte Schrankwand und einen Ausklapptisch mehr Nutzungsvarianz und Lebensqualität erhalten.

Stuttgart, Pfaffenhof I: Mit ihren Entwürfen wollen die Studierenden die Anlage neu zum Leuchten bringen (Modell: Studierende des ifa, Uni Stuttgart)
Was denn jetzt?
So unterschiedlich die fünf studentischen Entwürfe ausgefallen sind, so sehr teilen sie das Anliegen des gesamten Projekts: Nicht die einzelne Oberfläche macht den Denkmalwert, sondern die räumlich gefügte Gemeinschaft. Daher soll der Bestand, ganz im Sinne des modularen Systems von Atelier 5, weiterentwickelt werden. In den Blick kommen dabei vielfältigere Wohnformen, barrierefreie Wege und neu geordnete Gemeinschaftsbereiche. Für die Energiebilanz reichen die Vorschläge vom Dämmputz bis zur Photovoltaikanlage. Alle gestalterischen Ansätze profitieren von der sorgfältigen Bestandsaufnahme und einer gemeinsamen Matrix für alle Folgeentscheidungen. In diesem Sinne steht einem Neuanfang am Pfaffenhof I eigentlich nichts mehr im Wege.

Stuttgart, Pfaffenhof I, studentischer Entwurf 5 „Zuordnung statt Anonymität“: Als multifunktionales Plus lässt sich ein Schreibtisch aus der Schrankwand ausklappen (Modell: Selma Stahl und Fabienne Vater)
Den Text erstellte Karin Berkemann.
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Inhalt

LEITARTIKEL: Es wird einsam
Daniel Bartetzko über den Balanceakt zwischen Vereinzelung und Vereinnahmung.

FACHBEITRAG: Badeschluss
Johann Gallis und Lukas Malli über Bäder der österreichischen Nachkriegsmoderne als bedrohte Orte des gemeinsamen Erlebens.

FACHBEITRAG: Gebetsgemeinschaften
Karin Berkemann über das Zusammenleben der Religionen im Frankfurt der Nachkriegsmoderne.

FACHBEITRAG: Der Betonhaufen
Studierende haben sich in Stuttgart gleich mehrere Studierendenwohnheime von Atelier 5 vorgenommen.

PORTRÄT: Ein Wafer in Nöten
Das Denkmalnetz Bayern sorgt sich um eine Platzanlage in Erlangen, die drei Stilphasen der Architekturmoderne mit einem Bodenmosaik zusammenbindet.

INTERVIEW: „… dass man in der DDR alleine Architekt ist“
Dieter Bankert im Gespräch über kollektives und gemeinschaftsorientiertes Bauen vor und nach der Wende.

FOTOSTRECKE: Ein Busbahnhof bei Nacht
Bilder von Gemeinschaft auf Zeit, zwischen Ankommen und Abfahren, am Münchner Busbahnhof Aidenbachstraße.

