von Karin Berkemann (25/2)

Die seriöse Forschung ringt hörbar nach Worten, wenn sie den „Zackenstil“ der Zwischenkriegszeit auf einen Begriff zu bringen sucht: Expressionismus vielleicht, sobald der ganze Baukörper in plastische Bewegung gerät. Oder Art déco, wo es mehr um die ornamentale Verzierung geht. Oft mischen sich noch Spuren von Historismus, Heimatstil und früher Moderne mit hinein. Beim Adventhaus in Chemnitz ist zudem etwas Antike im Spiel, wenn sich die Fassade wie ein griechischer Tempel zur Straße wendet. Als das Gemeindezentrum der Siebenten-Tags-Adventist:innen 1922/23 in wirtschaftlich schwierigen Jahren entstand, musste der Architekt Willy Schönefeld aus wenig mehr machen. Mit Ziegelsteinen, viel Putz und Resten einer ehemaligen Reithalle schuf er einen frühen Bau des Zackenstils, für den Chemnitz bis heute berühmt ist.

Chemnitz, Adventhaus (Bild: Karin Berkemann, 2025)

Chemnitz, Adventhaus, Fassade zur Straße (Bild: Karin Berkemann, 2025)

Turmhäuser

Für 1899 verzeichnet Chemnitz die erste Erwachsenentaufe der Siebenten-Tags-Adventist:innen, einer evangelischen Freikirche. Nach wechselnden Provisorien – von der privaten Wohnung bis zum angemieteten Saal – verwirklichte die Gemeinde in den frühen 1920er Jahren ein eigener Standort. Für das Lutherviertel, in der Hans-Sachs-Straße südöstlich des Stadtzentrums, erlangte die Mitteldeutsche Grundstücksgesellschaft Charlottenburg 1922 eine Baugenehmigung und schon im Folgejahr konnte das neue Adventhaus bezogen werden. Die Projektleitung hatte man dem Architekten Willy (Wilhelm) Schönefeld (1885–1963) übertragen, der ab 1909 in Chemnitz tätig war. Zu seinem Frühwerken zählt hier das 1911 fertiggestellte Kunstgewerbehaus, doch den Durchbruch markiert das Büro- und Fabrikhaus Cammann & Co von 1926. Zwischen diesen beiden Projekten, einem neoklassizistischen Repräsentationsbau und einem expressionistischen Turmhaus, markiert das Gemeindezentrum der Siebenten-Tags-Adventist:innen 1923 einen deutlichen Stilwechsel.

Chemnitz, links: Cammann-Haus; rechts: Kunstgewerbehaus (Bilder: links: Andreas Praefcke, CC BY 3.0, 2010; rechts: DGuendel, CC BY SA 4.0, 2019)

Chemnitz, links: Cammann-Haus, Willy Schönefeld, 1926; rechts: Kunstgewerbehaus, Willy Schönefeld, 1911 (Bilder: links: Andreas Praefcke, CC BY 3.0, 2010; rechts: Dguendel, CC BY SA 4.0, 2019)

Dreieck im Quadrat

Das Adventhaus, entlang der Hans-Sachs-Straße auf einem winkelförmigen Grundriss errichtet, entfaltet bei einem pragmatischen Ansatz große städtebauliche Wirkung. Für den verputzten Ziegelbau verwendet man 1923, so heißt es, auch Stützen und Binder einer ehemaligen Reithalle aus Salzwedel, um das das spitz zulaufende Tonnengewölbe des Kirchsaals im Hauptgebäude möglich zu machen. Nach außen wird der Gottesdienstraum von einem Satteldach überfangen, dessen Seiten zuletzt abknicken und flach auslaufen. Diese markante V-Form präsentiert sich zur Straße als Dreiecksgiebel, der auf einem Architrav zwischen zwei vorspringenden Gesimsen ruht. Darunter wird die zweigeschossige Fassade vertikal gegliedert: Eckrisalite rahmen drei schlanke wandhohe Fensternischen, die wieder in stark profilierte V-Formen auslaufen. Rechts und links des Adventhauses docken zur Straße hin Bogenläufe an und umfangen nach Norden einen Vorplatz. Hier erhalten sowohl das Hauptgebäude als auch der Seitenflügel mit Satteldach jeweils einen eigenen Eingang.

Chemnitz, Adventhaus (Bild: historische Postkarte)

Chemnitz, Adventhaus, das Ensemble kurz nach seiner Fertigstellung (Bild: historische Postkarte, 1928)

Ein offenes Haus

Im Gemeindezentrum wurde 1927 ein „Vorführraum“ ergänzt. Als das Adventhaus den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden hatte, wurde es im Juli 1945 zur „Behelfsspielstätte“. Hier fanden vorübergehend Theater- und Musikaufführungen statt – von Verdis „Rigoletto“ über Klabunds „Kreidekreis“ bis zu Lessings „Nathan der Weise“. Im Anschluss konnte die Gemeinde ihre Bauten in den 1950er Jahren renovieren und neu gestalten. So erhielt der Kirchsaal 1954 seine neue Jehmlich-Orgel an der Stirnwand der dreifach gestuften, liturgischen Bühne. Noch 1996, als die Denkmalbeschreibung des Ensembles entstand, zeigte er zahlreiche Details der 1920er Jahre: vom spitz zulaufenden Tonnengewölbe zwischen Pfeilern bis zu den farblich leicht getönten, aber nicht figürlich geschmückten Bleiverglasungen. Die expressionistische Kanzel war bereits verschwunden, doch nach innen wie nach außen zeugten originale Fenster- und Türen vom zackenfreudigen, aber grafisch reduzierten Dekor der Bauzeit.

Chemnitz, Adventhaus (Bild: Karin Berkemann, 2025)

Chemnitz, Adventhaus, Kirchsaal (Bild: Karin Berkemann, 2025)

Die Rückkehr des Zackenstils

Das Chemnitzer Gemeindezentrum der Siebenten-Tags-Adventist:innen gilt als eines der ältesten seiner Art. Nach der Wende, wohl um 2000, erfuhr es eine weitere Veränderung. Vom heute hell gefassten Hauptgebäude blieb ein schmaler Kopfbau stehen, während der dahinterliegende, hellblau gefasste Teil sich nun neu präsentiert. Das Satteldach ist in seiner Spitze kupiert, im Kirchsaal eine flache Decke eingezogen und der Seitenflügel trägt ein Flachdach. Zum Vorhof markiert das Nebengebäude seinen Eingang durch einen modernistisch verglasten Vorbau. Der Gottesdienstraum hingegen ersetzt die seitlichen, spitz zulaufenden Fensternischen durch gläserne Erker. Damit vereint sich Schönefelds Zackenstil der frühen 1920er Jahre mit der postmodernen Dekorfreude der späten Wendejahre zu einem eigenwilligen Ensemble, das sich überraschend gut in die Architekturlandschaft der Kulturhauptstadt einzufügen weiß.

Chemnitz, Adventhaus (Bild: Karin Berkemann, 2025)

Chemnitz, Adventhaus, Vorhof (Bild: Karin Berkemann, 2025)

Literatur und Quellen

Menting, Annette, Schauspielhaus Chemnitz. Zwischen Zeiten und Räumen. Theater der Zeit (Arbeitshefte Architektur und Raum für die Aufführungskünste 5), Berlin 2025.

Kassner, Jens, Chemnitz. Architektur. Stadt der Moderne, Leipzig 2009.

Chemnitz, Adventhaus (Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten), Denkmaldokument, in: Kulturdenkmale im Freistaat Sachsen, 1996 (Stand: 15. Juni 2025).

Chemnitz, Adventhaus (Bild: Karin Berkemann, 2025)

Chemnitz, Adventhaus, Vorhof (Bild: Karin Berkemann, 2025)


Download

Mitglied werden

Keine Werbung (Bild: Dennis Skley, CC BY ND 2.0, 2015, via flickr.com)

Inhalt

LEITARTIKEL: Kulturhauptstadt mit Ausdauer

LEITARTIKEL: Kulturhauptstadt mit Ausdauer

Verena Pfeiffer-Kloss über eine Kulturhauptstadt, die lange abwartet, um sich dann zu überschlagen.

FACHBEITRAG: Kaufhäuser in Chemnitz

FACHBEITRAG: Kaufhäuser in Chemnitz

Fabian Schmerbeck über den Wettstreit der Warenhäuser.

BEGEGNUNGEN: Chemnitz blau-gelb

BEGEGNUNGEN: Chemnitz blau-gelb

Mit Martin Maleschka auf Streifzug durch die Farbwelten der Chemnitzer Ostmoderne.

FACHBEITRAG: Chemnitz und die Automobilindustrie

FACHBEITRAG: Chemnitz und die Automobilindustrie

Daniel Bartetzko über die Wiege der Massenmotorisierung in Sachsen.

PORTRÄT: Das Adventhaus in Chemnitz

PORTRÄT: Das Adventhaus in Chemnitz

Karin Berkemann über ein Paradebeispiel des Zackenstils.

INTERVIEW: "Jugendliche mit einem Kofferradio"

INTERVIEW: „Jugendliche mit einem Kofferradio“

Nancy Mickel über ihr Azubi-Projekt: ein wiki zu Skulpturen und Plastiken in der Chemnitzer Innenstadt.

FOTOSTRECKE: Nova Gorica

FOTOSTRECKE: Nova Gorica

Beate Düber war mit der Kamera in der anderen Kulturhauptstadt 2025.

Anmelden

Registrieren

Passwort zurücksetzen

Bitte gib deinen Benutzernamen oder deine E-Mail-Adresse an. Du erhältst anschließend einen Link zur Erstellung eines neuen Passworts per E-Mail.