Punk in der DDR, 1990 (Bild: Merit Schambach, CC BY SA 3.0)

PORTRÄT: Ein Musikclub in der Niederlausitz

von Johannes Medebach (21/1)

Lugau, knapp 400 Einwohner, Kreis Finsterwalde, Bezirk Cottbus, DDR: Zwischen schier endlosen, genossenschaftlich bewirtschafteten Ackerflächen und volkseigenen Kohlengruben schützte der „antifaschistische“ Schutzwall die Provinz vor der westlichen Kultur. Doch ein rebellischer junger Bürger des Arbeiter-und-Bauern-Staats ließ sich nicht davon abhalten, die große weite Welt in das kleine Dorf zu holen. Alexander Kühne und seine Mitstreiter gründeten hier in den 1980er Jahren einen besonderen Musikclub. In der „Partyrepublik Lugau“ traten am Ende sogar westdeutsche und internationale Bands auf. Für kurze Zeit konnte dieser hedonistische Staat im Staate die Sehnsüchte einer wilden Jugend stillen.

Mit Boney M unter Palmen

Nach einer relativ gradlinigen DDR-Kindheit, als Sohn einer Schuldirektorin und eines Ingenieurs, offenbarte der Staat für Kühne langsam sein wahres Gesicht. Die Verbote und das allgegenwärtige Kollektiv machten vielen jungen Menschen damals das Leben schwer. Der einzige Weg, sich aus diesem drögen Alltag zu befreien, war die Musik. Trotz aller staatlichen Auflagen wurden vor allem Westplatten gespielt. Wenn man nur die Augen schloss, konnte man mit David Bowie durchs pulsierende London schreiten oder mit Boney M unter karibischen Palmen tanzen. Und so beschloss Alexander Kühne: Wenn ich nicht hinaus in die Welt darf, dann muss ich sie eben zu mir holen.

Kraftwerk Boxberg (Foto: Rainer Weisflog, Bild: Bundesarchiv BIld 183-1990-0629-013, CC BY SA 3.0)

Bergbaulandschaft in der Lausitz, 1990 (Kraftwerk Boxberg, Foto: Rainer Weisflog, Bild: Bundesarchiv BIld 183-1990-0629-013, CC BY SA 3.0)

Popper statt Hippies

Gemeinsam mit Freunden wurde ein Partykonzept ausgeheckt. In der DDR war ein alternativer Lebensstil meist von den Hippies beeinflusst. Doch in Lugau wollte man nicht in den 1960ern steckenbleiben, es herrschte sowieso Stillstand allenthalben. Die coole, düster aristokratische Eleganz der New Romantic Bewegung sollte einziehen: Glitzer und Glamour statt Wildwuchs. Zuerst wurde der Wirt der „Konsum Gaststätte Lugau“ überzeugt, seinen Landgasthof temporär in eine kosmopolitische Partyhöhle verwandeln zu lassen. Dann musste man gegen eine viel größere Instanz angehen: den auf Regularien versessenen Staatsapparat. Offiziell war es Privatleuten nicht gestattet, größere Veranstaltungen abzuhalten. Es sei denn, es handelte sich um Familienfeiern. Offiziell galt das Event daher als Polterabend der imaginären Schwester Kühnes, Teilnehmeranzahl 40 Personen. Letztlich kamen 500 – und die Volkspolizei. Für die „dekadent geschminkten Bürger“, so der Polizeibericht, war die Ausgelassenheit damit erst einmal vorbei.

Unter blauen Hemden

Die Staatsmacht hatte den Ausreißer nun auf dem Kieker, so erledigte sich jede (ohnehin nicht geplante) sozialistische Karriere. Stattdessen wurde Kühne wochentags auf den Kohlenplatz verbannt. Das fütterte wiederum sein Verlangen, an den Wochenenden eine Gegenrealität aufzuziehen. Getreu dem Motto „If you can’t beat them join them“ wurde Lugau ein zweites Mal zum Partyhotspot: Mit dem engen Freund und Organisationstalent Henri Manigk wurde die FDJ dafür gewonnen, gemeinsam einen Jugendclub aufzubauen. Bei den Behörden machte man mit den Blauhemden einen passablen Eindruck. So konnte der Jugendclub „Extrem“ unter dem Dach der FDJ ganz offiziell durchstarten. Um die Beschwerden der ordnungsliebenden Bürger kümmerte sich derweil hingebungsvoll Kühnes Mutter. Insgesamt blieb man unpolitisch. Es ging schließlich um Spaß, nicht um Revolution. Und an Henri prallte jeder Annäherungsversuch der Stasi ab. 

The Waltons (Bilder: Plattencover der 1980er Jahre)

West-Berliner Punkmusik, 1980er Jahre (Bilder: The Waltons, Plattencover der 1980er Jahre)

Lugau City Lights

Ende der 1980er Jahre wurde der winzige Ort zu einem zentralen Treffpunkt von Underground, Punk und New Wave. Hier gab es den einzigen Nachtclub der DDR, der ein regelmäßiges Programm anbot. Nun zog es die angesagten Leute aus Berlin oder Leipzig nach Lugau (auch wenn sich die ein oder andere Band auf dem Weg in die Provinz verirrte und nie ankam). Im „Extrem“ konnte man sich und den grauen DDR-Alltag vergessen. Den größten und wohl auch gefährlichsten Coup landeten die Veranstalter kurz vor dem Mauerfall, als sie die West-Berliner Band „Die Waltons“ einluden. Offiziell meldete man eine DDR-Kombo an. Niemand glaubte so recht daran, dass die Wessis tatsächlich kommen wollten. Diese waren jedoch so wild entschlossen, dass sie ihren „geheimen“ Auftritt im Radiosender SFB ausplauderten. Kühne sah sich schon hinter Schloss und Riegel. Am Ende konnte die Band dann doch noch unter falscher Identität auftreten.

Das Ende zweier Republiken

Die Jahre 1989/90 veränderten alles. Während sie für viele DDR-Institutionen das Aus bedeuteten, konnten das „Extrem“ und Alexander Kühne nun durchstarten. Bald wurden Acts aus L. A. oder London in den umliegenden Gasthöfen untergebracht. Jetzt zeigte sich auch die Bevölkerung offener, denn mit der langersehnte Freiheit waren die wirtschaftlichen Probleme eingezogen. Langsam blutete die Region aus, kaum ein Betrieb blieb von Schließung verschont. Damit sank auch der Stern der „Partyrepublik Lugau“, daran konnten selbst Techno und die „Rallye Monte Lugau“ nichts ändern. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen besonderen Musikclub in der Niederlausitz.

Der Beitrag beruht auf einem Treffen mit dem Berliner Journalisten Alexander Kühne. Seine Erlebnisse wurden im Dokumentarfilm „Lugau City Lights“ (Evers, 2019) sowie in seinen Romanen „Düsterbusch City Lights“ und „Kummer im Westen verarbeitet.

Titelmotiv: Punk in der DDR, 1990 (junger Mann in besetztem Haus in Berlin, Bild: Merit Schambach, CC BY SA 3.0)

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