von Karin Berkemann (25/4)
Einen expressionistischen Raum besucht man nicht einfach, man wird Teil von etwas Größerem – so zumindest der Anspruch, der hinter den Kino- und Kirchenbauten jener Stilepoche steckt. Denn die Umbrüche da draußen, in der ungeschützten Wirklichkeit, waren nicht zu übersehen. Das Versprechen von Ablenkung, von Gemeinschaft auf Zeit, wurde fulminant inszeniert. Dabei hätten die Entwerfer:innen und die Auftraggeber:innen von Kirche und Lichtspielhaus damals kaum unterschiedlicher sein können. Hans Poelzig etwa, der große Film- und Kinoarchitekt jener Jahre, schuf nur eine Kirche – und die lag irgendwo zwischen Historismus und Jugendstil. Doch wie er die Gäste seiner Filmtheater, am Kassenhäuschen vorbei, die geschwungenen Treppen empor, bis zu den Emporen führt, um ihren Blick wiederum zur Leinwand zu lenken, hat viele Parallelen zur Infrastruktur der zeitgleichen Kirchenräume seiner Berufskolleg:innen.

Breslau/Wrocław, Deli-Lichtspiele, Hans Poelzig, 1926/27, Längsschnitt (Bild: Architekturmuseum der TU Berlin, CC0 1.0)
Ganz eintauchen
Schaut man auf den Schnitt, den Hans Poelzig 1926/27 für seine – später leider zerstörten – Deli-Lichtspiele in Breslau zeichnete, erinnert er an eine überdimensionale, begehbare Laterna Magica. Diese Zauberlaterne, die Bilder an die Wand zu werfen vermochte, tauchte 1671 zum ersten Mal in der Literatur auf. Damals hoffte der Jesuit Athanasius Kirchner, mit der neuen Technik die religiöse Bildung anschaulicher und damit wirkmächtiger gestalten zu können. Doch rasch fand der Vorläufer des Diaprojektors sein Publikum mehr auf den Jahrmärkten als in den Kirchen.
Rund 250 Jahre später wollten Lichtspielhäuser mehr: Die Zuschauer:innen sollten durch den Raum möglichst in den Film einbezogen werden – heute würde man dieses Konzept immersiv nennen. Wo in der Kirche die reich geschmückte oder programmatisch weiß belassene Altarwand die Schwelle zur göttlichen Gegenwart markierte, öffnete sich mit dem Kinovorhang der cineastische Übergang in eine andere Welt. Fast gleichberechtigt trat die Musik hinzu, denn zu Zeiten des Stummfilms gehörte die Kino-Orgel, ausgestattet mit speziellen Soundeffekten von Gewitter bis Pistolenschuss, zum Gesamtpaket. In Poelzigs Entwürfen (1927–1929) für das Berliner Babylon-Kino am Bülowplatz etwa stand das Instrument prominent direkt unter der Leinwand, die von den Gitteröffnungen für die musikalischen Klänge wie ein Flügelaltar gerahmt wurde. Bei den Kirchen jener Jahre sorgte die Orgel zur Seite oder im Rücken der Gottesdienstbesucher:innen eher für die Stimmung oder den Gemeindegesang.

Berlin, Babylon, Hans Poelzig, 1927–1929, Entwürfe, Lichtreklame (links) und Orgelgitter links und rechts der Leinwand (Bilder: Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin, CC0 1.0)
Den Sternen so nah
Wo ein Kirchenraum des Expressionismus in der Regel mit dem Tageslicht spielen konnte (und es mit farbigen Gläsern auch gerne tat), funktionierte ein Kinosaal als Blackbox. Für jeden Effekt und Spot musste künstliches Licht erzeugt und verteilt werden. In Poelzigs Breslauer Deli-Kino wurden die eigens entworfenen Leuchten an der Decke des Zuschauersaals wie ein Sternenhimmel aufgereiht. In dessen Mitte prangte die Hauptleuchte wie der Mond – und hinter der kaschierten Öffnung wurde die Ventilation eingebunden. Für die äußere Sichtbarkeit bei Nacht, der Zeit des Schwärmens und sich Vergnügens, war die Lichtreklame zuständig. Beim Berliner Babylon stapelte Poelzig 1928 den Kinonamen in großen Lettern in die Vertikale, um diese – wieder – mit einem strahlenden Stern zu krönen.
Während die Kirchen im Expressionismus meist noch – für das einfache Volk – an den Bänken festhielten, gönnte man den zahlenden Kinogästen schon Einzelsitze. In beiden Baugattungen war die Hierarchie mit eingepreist: Sonderplätze für Priester, Ministranten und Chorsänger im Gottesdienstraum, und in den Lichtspielhäusern die Loge für besser zahlende Zuschauer:innen. Ob Film oder Liturgie, man brachte viele Menschen möglichst so auf engem Raum unter, dass sich ihnen dennoch ein Gefühl von Weite und Großzügigkeit vermittelte.

Breslau/Wrocław, Deli-Lichtspiele, Hans Poelzig, 1926/27, Grundriss der Beleuchtung im Zuschauerraum (Bild: Architekturmuseum der TU Berlin, CC0 1.0)
Brüder im Geiste
Die Wurzeln der frühen Kinos lagen klar beim Theater und Varieté. Doch mit dem Expressionismus schien sich die neue Baugattung freigeschwommen zu haben, wagte und experimentierte sich vorwärts zu ihrer eigenen Form. Bei den Kirchenbauten schleppten Gemeinde und Architekt:innen oft noch mehr Tradition mit sich, wechselten vom gotischen Spitzbogen eher zögerlich zur Parabel, um nur in ausgewählten Fällen bei der geraden Bauhauskante anzukommen. Die Parallelen liegen mehr in der Funktion und in der Verheißung, Menschen auf Zeit zu einer Gemeinschaft zu verschwören und ihnen die Vorahnung einer anderen Welt zu eröffnen. Entstanden sind bleibend kostbare Räume, denn die Wirklichkeit da draußen kann sehr beunruhigend sein.

Berlin, Babylon, Hans Poelzig, 1929, Innenansicht, um 1929 (Bild: Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin, C0 1.0)
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Inhalt

LEITARTKEL: Lichtspiele
Klaus-Martin Bresgott über Kirche und Kino im Expressionismus.

FACHBEITRAG: Filmwürdig
Konstantin Manthey über Berliner Kirchen, wie sie die Ufa nicht schöner hätte bauen können.

FACHBEITRAG: Mehr als „ein viereckiges Stück Leinwand“
Manuela Klauser über Dominikus Böhm, den Stummfilm und eine Kirche in Neu-Ulm.

FACHBEITRAG: Kulissenräume
Markus Dauß über Lichtspiele und Raumkulissen im Film und Kinobau des Expressionismus.

PORTRÄT: Der begehbare Projektor
Karin Berkemann über die Infrastruktur der Lichtspielhäuser, die sich von den Kirchen gar nicht so sehr unterscheidet.

INTERVIEW: „Mit diesen schiefen Winkeln“
Dietmar Adler über Kino auf Zeit in Kirchen für die Ewigkeit.

BILDERSTRECKE: Im Sprühnebel
Felix Matschke im Stil und zu Motiven der expressionistischen Lichtarchitekturen.

