von Verena Pfeiffer-Kloss (26/1)

Brautpaare dürfen im Parkhaus Landau Stadtmitte kostenfrei ihren Wagen abstellen, während sie im benachbarten Rathaus ihre Trauung feiern. Das Rathaus ist zweifellos attraktiv für die Zeremonie, ist es doch im regionaltypischen Barockstil von 1759 gehalten, der im Wiederaufbau 1949/50 recht originalgetreu kopiert wurde. Romantische Bilder vor der dortigen Tür sind also inklusive. Doch auch das Parkhaus, in dem das Hochzeitsauto wartet, macht fürs Fotoalbum einiges her. Wie viele frisch Vermählte sich dort seit 1986, womöglich im damaligen Jahresneuwagen BMW 325i Cabrio, haben fotografieren lassen, sollte dringend durch einen lokalen Partizipationsaufruf erforscht werden. Denn das Parkhaus Stadtmitte – oder auch weniger feierlich Parkhaus Waffenstraße 14 – in Landau ist kein gewöhnlicher Parkhausbau.

Landau, Parkhaus Stadtmitte (Bild: Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Landesdenkmalpflege Mainz, Fotoarchiv)

Pritzker-Pomo-Parken

In ländlichen und kleinstädtischen Regionen wie in Rheinland-Pfalz gehört das Parken zu den bedeutenden städtebaulichen Fragen und Aufgaben. Wo das Auto Statussymbol ist, darf das Parkhaus gestalterisch nicht hintanstehen. Ja, es darf und muss ebenso Fotomotiv, Schmuckstück, vielleicht sogar ein Denkmal sein. Ob die Stadtverwaltung so gedacht hat, als sie in den 1980er Jahren entschied, den Stararchitekten Gottfried Böhm (1920–2021) mit dem Bau eines Parkhauses in der historischen Stadtmitte zu beauftragen, ist Spekulation. Aber sie haben sich für keinen geringeren entschieden und vom Pritzker-Preisträger einen Bau bekommen, der technisch passgenau, gestalterisch auffällig individuell und selbstbewusst ist – und seit 2020 unter Denkmalschutz steht.

Gottfried Böhm entwarf und realisierte mit seinem „viergeschossigen Stahlbetonskelettbau mit flachem Walmdach und vorgehängten, rötlich eingefärbten Betonfertigteilen“ ein „Parkhaus mit gestalterischem Anspruch“, wie die Denkmalliste des Bundeslandes knapp und entschieden urteilt. Mit dem für ein Parkhaus ungewöhnlichen Walmdach fügt sich der Funktionsbau in die nähere Umgebung ein: den Inneren Ring aus ziviler Bürgerstadt und dem Hauptwall der Festung, der die Landauer Altstadt umschließt. Architektonisch ist er durch Jugendstil, Klassizismus und eine Prise Expressionismus geprägt. Mit Böhms Parkhaus kommt ein postmoderner Historismus hinzu, dessen loggienartige Brüstungsstruktur ein wenig an die Kolonialarchitekturen im Süden der USA und Südamerika denken lässt, der einen Hauch von Frank Lloyd Wright in Landau aufwehen lässt – vielleicht eine Reminiszenz an das Auto als US-amerikanisches Freiheitssymbol oder an die Art und Weise, wie das Auto die Städte der Welt seit den 1950er Jahren eroberte.

Landau, VR-Parkhaus vor der Betonsanierung, 2023/24 (Bild: Züblin AG)

267 Plätze im Parkpalazzo

Nach seiner Eröffnung 1986 sprach die Presse von einem „Parkpalazzo“ und empfand den Bau wohl auch als ungewöhnlich prachtvoll, vielleicht auch ein wenig über das Ziel Parken hinausgeschossen. Heute stehen in dem Parkhaus, nach einer aufwändigen Sanierung durch die Betreiberin im Jahr 2024, wieder 267 Parkplätze zur Verfügung. Immer noch sehr wichtig für die Kreisstadt, wie der Oberbürgermeister bei der Wiedereröffnung sagte. Möglich ist dieses Fassungsvermögen durch den Aufbau aus zwei halbgeschossig gegeneinander versetzten, viergeschossigen Bauteilen und die stützenfreien Parkebenen, die im sogenannten D’Humy-System (international bekannter als „Split Level“) über Halbrampen erschlossen werden.

Teilweise ist der rechteckige Baukörper mittlerweile mit farblich und formal kontrastierenden Kletterpflanzen begrünt, was eine unwirkliche, beinahe destruktiv-futuristische Anmutung erzeugt. Den interessantesten Kontrast zur technisch soliden Baukonstruktion schaffen aber die bereits erwähnten Brüstungselemente. Das Stuttgarter Bauunternehmen Ed. Züblin AG hat diese als Fertigteile aus Beton hergestellt und rot gefärbt, in Anlehnung an den in der Region beheimateten roten Sandstein, und damit die postmoderne Regionalbindung mit industrieller Fertigungstechnik verbunden. Auch an die High-Tech-Moderne knüpfte Böhm an, in dem er außenliegende, lang laufende Zugangstreppen setzte, die die Denkmalpflegerin Leonie Köhren in ihrem Gutachten an die Rolltreppenröhren des Centre George Pompidou erinnern. Ihre Assoziation an einen Campanile beim Betrachten des vorgelagerten Fahrstuhlturms aus Stahl und Glas wird der postmodernen Entwurfshaltung Böhms ebenso gerecht, wie der andere mögliche Gedanke an einen umgenutzten Förderturm aus dem Bergbau, der theoretisch ebenso zeittypisch und plausibel sein könnte. Denn die Industriekonversion fand nicht weit entfernt, im Ruhrgebiet, damals gerade statt und ist dem Kölner Architekten Gottfried Böhm sicherlich vertraut gewesen.

Landau, Treppenaufgang: Ein Zitat des Centre Pompidou? (Bild: Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Landesdenkmalpflege Mainz, Fotoarchiv)

Ein singulärer Entwurf in der Parkhauswelt

Seinem bekannten Urheber hat das Parkhaus gewiss mitunter seinen Denkmalstatus zu verdanken, denn es ist Zeugnis für die späte Schaffensphase des Architekten und ein ungewöhnliches Beispiel aus seinem Werk, denn Böhm hatte sich seinen Ruf überwiegend mit Kirchengebäuden erarbeitet. Das Parkhaus in der Stadtmitte von Landau nun als eine Kathedrale für Autos zu bezeichnen, wäre etwas hoch gegriffen. Doch die exemplarische Anwendung postmoderner Prinzipien zwischen regionaler Tradition und moderner Konstruktion, die überraschende Einbindung eines funktionalen Verkehrsbaus in die historische Altstadt und insbesondere die Singularität dieses Baus in der Kategorie der Parkhäuser begründen unvermeidlich architekturhistorischen Wert. Und nicht zuletzt wäre es eben doch interessant, die Hochzeitsalben zu sehen, in denen neben dem obligatorischen Foto vor dem Rathaus das Brautpaar von den rosa Balustraden des Parkhauses winkt. Oder mit einem Neuwagen (mittlerweile ein Oldtimer) von 1986 die Rampen hinunterfährt. Ein Cabrio, versteht sich.

Das passende Hochzeitsauto für Landau: ein 1986er BMW 325i Cabrio (Bild: BMW AG/hist. Prospektfoto)

Landau, VR-Bank Parkhaus Stadtmitte (Bild: VR-Bank Landau)

Landau, VR-Bank, Parkhaus Stadtmitte (Bild: VR-Bank Landau)


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Keine Werbung (Bild: Dennis Skley, CC BY ND 2.0, 2015, via flickr.com)

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