von Karin Berkemann (26/2)

Wer nicht weiß, was ein Wafer ist, der kann es sich im fränkischen Erlangen erlaufen: An der Werner-von-Siemens-Straße umfangen markante Bürobauten den sog. Roten Platz. Dessen namensgebendes Ziegelsteinpflaster ist durchsetzt mit weißen und dunkelgrauen Elementen, die sich erst aus der Vogelperspektive, aus einer der oberen Büroetagen, zu einem kreisrunden Raster fügen. Es ist einer mikrochiptragenden Siliziumscheibe nachempfunden, die nach ihrem waffelförmigen Muster kurz als Wafer bekannt wurde. Als eine der Pionierinnen eben jener Halbleitertechnologie ließ Siemens AG den Wafer von 1981 bis 1983 künstlerisch auf dem Roten Platz verewigen, und band so seine umliegenden Verwaltungsbauten zu einer Einheit zusammen. Doch die Zukunft des Areals wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Geht es nach der Stadt, dann wird aus dem Roten bald ein grüner Platz, unter Verlust prägender Elemente der Nachkriegs- und Spätmoderne. Nicht umsonst stuft das Denkmalnetz Bayern das Erlanger Ensemble als gefährdet ein.

Erlangen, sog. Himbeerpalast (Bilder: links: Janericloebe, CC BY SA 3.0, 2012; rechts: Granada, CC BY SA 4.0, 2018)

Erlangen, sog. Himbeerpalast mit einem Prometheus-Relief (links) des Künstlers Joseph Wackerle (Bilder: links: Janericloebe, CC BY SA 3.0, 2012; rechts: Granada, CC BY SA 4.0, 2018)

Zwei Paläste

Am Roten Platz schlagen drei Bauten einen Bogen von einer noch klassisch orientierten Nachkriegsmoderne über den glamourösen Internationalen Stil bis zur selbstironischen Postmoderne. Westlich der Werner-von-Siemens-Straße machte der sog. Himbeerpalast den Anfang, als er zwischen 1948 und 1953 errichtet wurde. Für die Pläne zeichnete Hans Hertlein gemeinsam mit der Siemens-Bauabteilung verantwortlich, die Bauleitung lag bei Werner Bathe. Den Spitznamen verdankt der vielgliedrige Verwaltungsstandort seiner hellroten Fassadenfarbe.

Schon neun Jahre später zog etwas amerikanisches Lebensgefühl am Roten Platz ein. Mit dem sog. Glaspalast staffelte der Architekt Hans Maurer (1926–2001), wieder gemeinsam mit der Siemens-Bauabteilung, von 1959 bis 1962 klare Quader. Hinter seiner vorgehängten Aluminium-Glas-Fassade verbergen sich Büros der Verwaltung und, als fast eigenständiger Baukörper, eine Kantine. Der 17-geschossige Stahlbetonskelettbau ist ebenso denkmalgeschützt wie der ältere Himbeerpalast.

Erlangen, sog. Glaspalast (Bilder: links: Janericloebe, CC BY SA 3.0, 2012; rechts: Granada, CC BY SA 4.0 2018)

Erlangen, sog. Glaspalast (Bilder: links: Janericloebe, CC BY SA 3.0, 2012; rechts: Granada, CC BY SA 4.0, 2018)

Der Elefant im öffentlichen Raum

Im Süden des Roten Platzes setzte wieder Hans Maurer einen nunmehr postmodernen Akzent. Von 1979 bis 1983 wurde die sog. Elefantentreppe errichtet, die sich auf ihre Vorgängerbauten bezieht: Die rottonige Fassade verweist auf den Himbeerpalast, die gerasterten Fensterflächen greifen die Materialien des Glaspalastes auf. In Abstimmung mit Maurer ließ Siemens parallel den Freiraum zwischen seinen Verwaltungsbauten künstlerisch gestalten. Der Bildhauer Blasius Gerg (1927–2007) konnte dafür gewonnen werden, die halböffentliche Freifläche durch sein abstrahiertes Bodenrelief zum öffentlichen Raum zu machen.

Mit den Materialien – weißer Travertin, dunkelgrauer Stahl und roter Ziegel – bezog sich Gerg auf die umliegenden Architekturen. Er bildete nicht nur den Wafer als Muster nach, dessen runde Form sollte auch die Weltkugel andeuten. Mehr noch, im Beschreiten des Legebilds sollten unterschiedliche Klänge entstehen. Gerahmt wird die Platzanlage an drei Seiten durch eine Ahornallee. Sie schirmt den öffentlichen Raum gegen den Straßenlärm ab, bietet Schatten und erweist dem Firmensitz am Münchner Wittelsbacherplatz eine gestalterische Reverenz. So dient der Platz als Kitt, als vielschichtiges Bindeglied der aus unterschiedlichen Phasen der Nachkriegszeit stammenden Siemens-Bauten. Und er bietet den Angestellten und Gästen des Konzerns die Möglichkeit, aus den oberen Etagen neue Entdeckungen zu machen.

Erlangen, Elefantentreppe (Bild: via google-Streetview)

Erlangen, sog. Elefantentreppe (Bild: via google-Streetview)

Große Pläne

Am Roten Platz gilt der Denkmalschutz allein dem Himbeer- und dem Glaspalast. Doch Siemens konzentriert seine Erlanger Standorte inzwischen auf einem neuen Campus und zog sich daher stufenweise vom Roten Platz zurück. So wird in Erlangen bereits seit Jahren über die Zukunft des Ensembles diskutiert. In einem Wettbewerb kristallisierte sich 2022/23 ein konkretes Vorhaben heraus. Entsprechend verzeichnet der Bebauungsplan von 2025/2026 eine Mischnutzung aus Büros und Wohnungen. An die Stelle des im Norden liegenden Bingelhauses (1956–1958, Walter Henn), lange ebenfalls von Siemens genutzt, soll ein Neubau treten.

Die Elefantentreppe wurde als erhaltenswert eingestuft. Für den Himbeerpalast, der aktuell saniert wird, ist eine universitäre Nutzung vorgesehen. Auch der Glaspalast muss nicht um seine Existenz fürchten, aber er könnte durch die vorgesehenen Neubauten seine eleganten Proportionen einbüßen. Am einschneidendsten dürften die Pläne für den Roten Platz ausfallen: Er soll dicht mit Bäumen bestückt werden. Was angesichts des Klimawandels grundsätzlich erstrebenswert ist, sehen Architekturfreund:innen mit Sorge. Neben dem Denkmalnetz Bayern fordert auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz einen Erhalt der stimmigen Platzanlage. Oder, wie es Franz Klingan 1983 in seinem Beitrag über den frisch fertiggestellten Roten Platz bemerkte: „Ein Platz ist nun einmal ein Platz und als Platz seiner ursprünglichen Bedeutung nach ein Ort der Begegnung“.

Erlangen, Bodenmosaik von Blasius Gerg (Bild: Bayerisches Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung, CC BY 4.0)

Erlangen, sog. Roter Platz, links der sog. Himbeerpalast, rechts der sog. Glaspalast, oben das sog. Bingelhaus, unten die sog. Elefantentreppe, dazwischen das Bodenmosaik des Künstlers Blasius Gerg (Bild: Bayerisches Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung, CC BY 4.0)

Literatur

Endres, Hans-Erik/Rottmann, Konrad, Roter Platz in Erlangen, auf: Denkmalnetz Bayern, 13. Juli 2026.

Endres, Hans-Erik, Barockschloss, Himbeerpalast und Halbleiterindustrie. Die bayerischen Ursprünge der Mikrochip-Technologie, in: Schöne Heimat 2024, 2, S. 158–159.

Jakob, Andreas, Treppenhaus. Art., in: Friederich, Christoph (Hg.), Erlanger Stadtlexikon, Nürnberg 2002, S. 706.

Platzgestaltung in Erlangen. Werner-von-Siemens-Straße, in: detail 1984, 6, S. 645–646.

Klingan, Franz, Ein neuer Akzent im Stadtbild. Der Platz an der Werner-von-Siemens-Straße, in: Das neue Erlangen 62, 1983, S. 24–27.

Ein herzlicher Dank für die Unterstützung bei der Recherche geht an Hans Endres und Konrad Rottmann.


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Keine Werbung (Bild: Dennis Skley, CC BY ND 2.0, 2015, via flickr.com)

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