Berlin, Tierversuchsanstalt der FU/sog. Mäusebunker (Bild: Rodib6950, CC BY SA 4.0, 2015)

Rückerobern oder bewahren?

Die Rückeroberung der Stadt wurde nicht nur im Untertitel der sehr feinen Ausstellung „Fahr Rad“ 2018 im Deutschen Architekturmuseum (DAM) propagiert. Es ist auch der Trend der Architekturdebatte angesichts immer dichter werdenden Städten, die oft kurz vorm Verkehrkollaps stehen. Der droht freilich kaum mehr in den längst heruntergebremsten Cities, sondern an deren Rändern. Dort, wo ein immer größer werdender Pendlerstrom an Pförtnerampeln, Einfallstraßen und S-Bahnhöfen kumuliert. Doch wir kommen vom eigentlichen Thema ab. Es geht ja um die Rückeroberung der Straßen und Plätze in der Stadt. Die auch von denen gefordert wird, die sich vehement – und richtigerweise – fürs bedrohte Erbe der urbanen Nachkriegsarchitektur einsetzen. Doch was ist nach 1945 in den repräsentativen Lagen entstanden? In der Regel großformatige, zukunfts- und technikorientierte Büro-Riesen. Sie stehen in ihrer zeitgenössischen Kunstfertigkeit für jene fortschrittsgläubige Ära, in der die Grenzen des Wachstums noch nicht ausgelotet waren. Und doch werden sie heute von vielen, die lautstark den Platzbedarf parkender Automobile kritisieren, verteidigt und geliebt.

Das Hamburger Allianz-Hochhaus (Bernhard Hermkes, 1971-2017) beanspruchte im Gegensatz zum Automobil aber nicht nur den Platz auf der Straße, sondern gleich die Straße selbst – genauer die damals zur Sackgasse verkommene Bohnenstraße. Auch der nahe gelegene City-Hof (Rudolf Klophaus, 1955-58), der nun unter üblem Umständen abgerissen wird, stand mit Tiefgarage und einst integrierter Tankstelle für eine autogerechte, bürokratische Stadt. In Frankfurt am Main ist man erleichtert, dass die Zentrale der Bundesbank (ABB, 1972), ein Tempel des Geldes, behutsam saniert wird. In Berlin sorgt man sich hingegen um den „Mäusebunker“ (Gerd Hänska, 1969-72) – ein Gebäude, das für Tierversuche errichtet wurde. Und in London ging ein Aufheulen nicht nur durch die Brutalisten-Szene, als jüngst die Abrissbagger das Parkhaus in der Welbeck Street (Eric Perry Architects, 1969-71) zerkleinerten. Kein Wohnhaus, sondern ein Bau für Autos. Mit Verbrennungsmotoren. Damals noch ohne Kat. Roar!

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Diese Bauwerke gilt es zu verteidigen und einen angemessenen, respektvollen Umgang mit ihnen einzufordern. Es mutet nur kurios an, dass mancher, der die mittlerweile als politisch unkorrekt eingestuften Stadt-, Kommerz- und Industriekonzepte der Elterngeneration vehement kritisiert, sich für ihre architektonischen Symbole begeistert. Selbst wenn sie, wie ein Parkhaus, kaum neuen Nutzungen zuzuführen sind. Wer sich dieses Widerspruchs bewusst wird, wird vielleicht auch wieder verständnisvoller auf Pendlerstaus blicken. Die Leute sitzen da nicht drin, weil sie Umwelthasser sind. Sie können es sich nur (noch) nicht leisten, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Denn sie können sich es nicht (mehr) leisten, in der Stadt zu wohnen. Aber erst, wenn jeder die Alternative hat, per Pedale oder öffentlichem Nahverkehr angemessen unterwegs zu sein, sind die Städte wirklich rückerobert. (6.5.19)

Daniel Bartetzko

Titelmotiv: Berlin, Tierversuchsanstalt der FU/sog. Mäusebunker (Bild: Rodib6950, CC BY SA 4.0, 2015)