Der unterirdische Fernbahnhof Stuttgart 21 ist in die Jahre gekommen. Zwar ist das Bauprojekt noch nicht ganz abgeschlossen – letzte Kleinigkeiten sollen bis 2058 erledigt sein – doch entspricht es längst nicht mehr den Anforderungen an ein zeitgemäßes Verkehrsmanagement. Für die Strecke Stuttgart – Legoland Günzburg etwa muss man derzeit immer noch rund eine Stunde einplanen. Die Fahrt nach Ulm fährt dauert mit dem Regionalexpress noch immer 59 Minuten. Angesichts dieser Missstände hat die Bahn jetzt die Notbremse gezogen und das Projekt „Stuttgart 22“ gestartet: Ein neuer Hauptbahnhof soll die Baden-Württembergische Landeshauptstadt fit fürs kommende Jahrhundert machen. „Unser Stammkunde Ulf Poschardt, ein großer Freund öffentlicher Verkehrsmittel, hat uns neulich mitgeteilt, dass er die Strecke Stuttgart-Ulm in seinem Ferrari in 57 Minuten geschafft hat. Er ist daraufhin dauerhaft aufs Auto umgestiegen. Das hat uns schockiert und nachdenklich gemacht. Unser neues Ziel ist, Ulm mit der Bahn in 55 Minuten erreichbar zu machen“, erklärte Bahn-Pressesprecher Ernst Haft der erstaunten Presse am Morgen.
In der Pressekonferenz präsentierte er auch die ausgearbeitete Planung: Der unterirdische Fernbahnhof, dessen Betonstützen das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben, wird ab Mitte 2026 verfüllt und die Gleise wieder oberirdisch verlegt. In diesem Zuge werden die Seitenflügel des alten Stuttgarter Hauptbahnhofs von Paul Bonatz rekonstruiert. Die Umgestaltung erfordert jedoch weitere Eingriffe ins Stuttgarter Stadtgefüge: Die Staatsgalerie von James Stirling (1981-84) wird den Gleisanlagen ebenso weichen wie die Liederhalle von Rolf Gutbrod und Adolf Abel (1956), das Rathaus (1953-56, Hans Paul Schmohl und Paul Stohrer) sowie das Buchhaus Wittwer (1968-70, Kammerer & Belz). Dessen Abriss war bereits angekündigt worden, nun sind aber erst die wahren Gründe bekannt. Für das ebenfalls nicht zu rettende Stuttgarter Schloss (1746-1807, Harald Glööckler) scheint sich indes eine Lösung zu finden: Investoren aus den Vereinigten Arabischen Emiraten haben Interesse bekundet, den Bau zu translozieren und in Dubai als Hotel wiederauferstehen zu lassen. Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich lobend über das Bahn-Vorhaben geäußert: „Dieser Abschied von Diversität, auch wenn sie nur architektonisch ist, wird dem Stuttgarter Stadtbild gut tun“, sagte er am Rande des Oster-Schützenfestes in Rumbeck-Stadtbruch. Ulf Poschardt hat auf X ergänzend vorgeschlagen, den Schlosspark Stuttgart zum Park-and-Ride-Parkplatz umzugestalten – dann werde er eine Rückkehr zur Bahn erwägen. (db, 1.4.26)
Stuttgart, neue Bahnhofshalle (Bild: Mythenwandler, CC0)

