Schöne bunte Nachkriegszeit

In zwei neu erschienenen Bildbänden präsentiert der Privatsammler Michael Sobotta Farbdias von Ost- und West-Berlin aus seinen Beständen. Auf jeweils über 150 Abbildungen werden die 1950er bis 1970er Jahre im geteilten Berlin wieder lebendig. Der Autor verfolgt dabei keinen wissenschaftlichen Anspruch. Vielmehr liegt der Fokus darauf, anhand von ebenso ästhetischen wie zeitgeistigen Dias das tägliche Leben zu porträtieren. Dabei findet sich so manches inzwischen abgerissene Haus oder die längst verschwundene Leuchtreklame wieder. Kurz gesagt: ein nostalgischer Blick auf die schöne bunte Nachkriegszeit in Berlin. Das macht die Bände nicht nur für Berliner und Architekturbegeisterte interessant. Das nächste Weihnachtsfest kommt bestimmt. (mk, 14.10.19)

Sobotta, Michael, Ost-Berlin. Farbdias aus den 50ern bis 70ern, GeraNova Bruckmann Verlagshaus, München 2019, 168 Seiten, ca. 160 Abbildungen, 22,7 x 27,4 cm, Hardcover, ISBN-13: 978-3-96303-066-6.

Sobotta, Michael, West-Berlin. Farbdias aus den 50ern bis 70ern, GeraNova Bruckmann Verlagshaus, München 2019, 168 Seiten, ca. 160 Abbildungen, 22,7 x 27,4 cm, Hardcover, ISBN: 978-3-96303-067-3.

Titelmotiv: Details der beiden Buchover „Ost-Berlin/West-Berlin. Farbdias aus den 50ern bis 70ern“ (Bilder: GeraNova Bruckmann Verlagshaus)

Heidelberg wird entmodernisiert

Nicht überall geht Heidelberg so behutsam mit seinem architektonischen Erbe um wie in der Altstadt. Viele bauliche Spuren der Nachkriegszeit sollen offenbar getilgt werden, so jedenfalls an der Kurfürstenanlage. Nachdem man den Hauptbahnhof 1955 an den damaligen Stadtrand verlegt hatte, waren große Flächen frei geworden. Darauf entstand die mehrspurige Verkehrsachse Kurfürstenanlage, an der über die Jahre eine aufgelockerte Zeilenbebauung gebaut und ein Park angelegt wurde. Nachdem bereits das Finanzamt und die Justizbauten weichen mussten, soll nun der östliche Teil der Kurfürstenanlage neu bebaut werden. Dabei könnte auch der nach seinem Architekten Jakob Wilhelm Mengler benannte Menglerbau – ein 1961 errichtetes Wohnhochhaus – fallen. Aus Sicht des Eigentümers sprächen, so die Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ), in erster Linie ästhetische Gründe dafür.

Doch der Menglerbau ist nicht das einzige Bauwerk der Moderne, das Investoren und Stadtverwaltung ersetzen wollen. So wird mit Heidelbergs erster Bauhaus-Filiale aus dem Jahr 1965 zugleich die erste Hochgarage der Stadt dem Erdboden gleich gemacht werden. Bereits zum 16. November schließt der Baumarkt, wie die RNZ berichtet. Ein erster Entwurf des Investors Diringer & Scheidel sieht eine nahezu vollständige Überbauung des Grundstücks unter Einbezug der bisherigen Freiflächen des Busbahnhofs vor. (mk, 7.10.19)

oben: Heidelberg, Menglerbau (Bild: Radosław Drożdżewski, CC BY SA 3.0, 2013); unten: Heidelbeg, Bauhaus-Filiale (Bild: bauhaus.info)

Moderne Verwaltung?

Nach 1945 musste das kriegszerstörte Deutschland nicht nur wiederaufgebaut, sondern dieser Wiederaufbau auch verwaltet werden. Das Problem: Gerade die als typisch deutsch geltende hocheffektive Verwaltung hatte sich kurz zuvor auch unter den Nationalsozialisten als verdächtig anpassungsfähig erwiesen. Zugleich ließen sich nicht alle Funktionen ad hoc mit neuen „unverdächtigen“ Fachleuten besetzen. So ist es kein Geheimnis, dass die Verwaltung – west- wie ostdeutsch – lange noch braun durchzogen war. Die Verwaltungsbauten der ersten Nachkriegszeit sollten nach außen sowohl vertrauenswürdige Kontinuität als auch eine transparente demokratische Grundhaltung ausstrahlen.

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die Historikerin Dorothea Steffen in ihre Publikation „Tradierte Institutionen, moderne Gebäude“ mit der Verwaltung und der dazugehörigen Architektur. Entsprechend beleuchtet sie den Neu-Aufbau von Strukturen, (Selbst-)Bildern, Institutionen und Gebäuden der Verwaltung in der jungen Bundesrepublik in den frühen 1950er Jahren. Die fächerübergreifende Studie untersucht erstmals, ob und wie Institution und Neubau als Teil des Gemeinwesens öffentlich thematisiert und aufeinander bezogen wurden. (kb, 11.9.19)

Steffen, Dorothea, Tradierte Institutionen, moderne Gebäude. Verwaltung und Verwaltungsbauten der Bundesrepublik in den frühen 1950er Jahren, transcript-Verlag, Bielefeld 2019, 266 Seiten, ISBN: 978-3-8376-4613-9.

Titelmotiv: „Tradierte Institutionen, moderne Gebäude“ (Bild: Buchcover, transcript-Verlag, Detail)