Schlusspfiff im Ludwigspark

In Saarbrücken geht es dem Ludwigsparkstadion an den Kragen. Die 1953 eröffnete Sportarena wird bis 2018 umfassend „saniert“  –  tatsächlich bedeutet dies einen weitgehenden Abriss. Lediglich die Gegengerade und die historische Stadionuhr sollen in den geplanten Neubau integriert werden. Für einzelne historisch interessante Versatzstücke – die Bänke stammen etwa teils noch aus den 1950ern –  ist zu einem späteren Zeitpunkt zudem eine Versteigerung geplant. Für den Ludwigspark bedeutet die Maßnahme eine Schlankheitskur: er wird zu einem reinen Fußballstadion mit deutlich reduzierter Zuschauerkapazität (16.000 statt 35.000 Zuschauer) umfunktioniert.

Tatsächlich hat das Stadion seine großen Tage hinter sich. Zu den Spielen der Heimmannschaft, des momentan viertklassigen 1. FC Saarbrücken, kommen selten mehr als 5000 Zuschauer, auf den unüberdachten Stehplätze wuchert das Unkraut. Doch das war nicht immer so: 1954 war das Stadion Austragungsort eines WM-Qualifikationsspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen das damals unabhängige Saarland. 53 000 Zuschauer drängten in das überfüllte Stadion, um eine 1:3-Niederlage gegen den späteren Weltmeister zu sehen. (jr, 15.2.16)

Das Ludwigsparkstadion mit seinen charakteristischen unüberdachten Stehplätzen (Bild: Sascha Brück, CC-BY-SA 3.0)

Frankfurts Fünfziger

2014 begann man mit dem Abriss des historischen Gebäudes der Oberfinanzdirektion in Frankfurt am Main. Es stand sinnbildlich für die Frankfurter Nachkriegsarchitektur und das Selbstverständnis der Stadt in der jungen Bundesrepublik. Seit Anfang dieses Jahres ist es verschwunden. Der jüngst erschienene Architekturführer „Frankfurt 1950-1959“ garantiert ihm jedoch ein Nachleben – genau wie neun weiteren Frankfurter Ikonen der Nachkriegsarchitektur.

Das von Wilhelm Opatz und dem Deutschen Werkbund Hessen herausgegebene Buch porträtiert stellvertretend für jedes der Jahre 1950 bis 1959 ein herausragendes Frankfurter Bauwerk in Text und Bild. Dabei widmet es sich neben der Oberfinanzdirektion unter anderem der Kleinmarkthalle, dem Junior-Haus, der Herz-Marien-Kirche oder auch einem markanten Wohnhaus im Oeder Weg, das durch seine mit gelbem Klinker verkleideten Balkone vom Sehen her wohl jedem Frankfurter bekannt ist. Die Porträts werden von Aufsätzen von Astrid Hansen, Dieter Bartetzko, Stefan Timpe, Lore Kramer u. a. begleitet. Der Band bildet den Auftakt einer Reihe, die auch die folgenden Frankfurter Jahrzehnte und ihre Architektur in den Blick nehmen möchte. (jr, 7.2.15)

Deutscher Werkbund Hessen/Wilhelm Opatz (Hg.), Frankfurt 1950-1959. Architekturführer. Niggli Verlag, Zürich 2014, ca. 160 Seiten, 60 Abbildungen ISBN 978-3-7212-0906-8.

Der Architekturführer porträtiert 10 Jahre Frankfurter Baugeschichte (Bild: Niggli-Verlag)

Graue Architektur

Wiederaufbau fand nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur auf den amtlich dafür vorgesehenen Wegen statt. Jenseits von Genehmigungsprozessen und Geschmacksurteilen wurde vielerorts ganz einfach gebaut – „graue Architektur“, wie sie Benedikt Boucsein in seinem gleichnamigen Buch nennt. Der Schweizer Architekt spürt den Entwurfsprinzipien hinter diesen scheinbar wild gewachsenen Bauten nach. Am Beispiel der Essener Innenstadt zeichnet er zugleich eine Geschichte des „Wiederaufbaus von unten“.

Boucsein würdigt damit eine Leistung, die nach dem Krieg unter großem Zeit- und Finanzierungsdruck entstand. In ganz eigener Weise verbanden diese Bauten traditionelle und moderne Formen. Ihre Besonderheiten zeigt die Publikation sowohl mit historischen Materialien als auch mit rund 50 aktuellen Architekturfotografien aus Essen, Düsseldorf und Köln. Der Leser gewinnt so nicht allein neues baugeschichtliches Wissen. Darüber hinaus gibt Boucsein auch Architekten und Denkmalpflegern eine Entscheidunghilfe für eine Baugattung, die uns in den kommenden Jahren zunehmend beschäftigen wird. (kb, 9.7.14)

Benedikt Boucsein, Graue Architektur. Bauen im Westdeutschland der Nachkriegszeit, Verlag der Buchhandlung Walther König, 2012, 172 Seiten, 25 x 20 cm, ISBN 978-3865607614.

Graue Architektur (Bild: Walther König)