Frisch saniert abgerissen

Erst wird saniert, dann abgerisen – es klingt nach einem Schildbürgerstreich, was sich gerade in Nordrhein-Westfalen abspielt. Die Fleher Brücke, eine Rheinquerung der Autobahn A 46 zwischen Düsseldorf und Neuss, soll trotz einer zurzeit laufenden Sanierung abgerissen werden, wie die NRZ berichtet. Zwar werde schon seit über einem Jahr an der Konstruktion der filigranen Schrägseilbrücke gearbeitet, doch es zeichne sich ab, dass eine dauerhafte Erhaltung nicht möglich sei. Deshalb habe die landeseigene Bauverwaltung Straßen.NRW mit der Planung für einen Neubau begonnen.

Zwischen 1976 und 1979 entstand die Brücke mit ihrem charakteristischen Pylon. Entworfen wurde sie von dem Architekten Gerd Lohmer und dem Bauingenieur Fritz Leonhardt. Die Fleher Brücke war nicht ihre erste gemeinsame Arbeit gewesen. Beide waren bereits in den 1930er Jahren für Brückenbauten der Reichsautobahn verantwortlich gewesen und kannten sich aus dieser Zeit. Nach 1945 zeichneten sie für viele weitere Brücken verantwortlich, darunter etwa die Deutzer Brücke und die Severinsbrücke in Köln. Leonhardt schuf 1956 mit dem Stuttgarter Fernsehturm ein bekanntes Wahrzeichen der Stadt und zugleich den ersten Stahlbeton-Fernsehturm der Welt. Doch auch die Prominenz ihrer Erbauer dürften die Fleher Brücke nicht retten können. (mk, 24.11.20)

Neuss, Fleher Brücke (Bild: Mindax25, CC BY-SA 4.0)

Mannheim: Ein Mutschler weniger

Nun ist es offiziell: Der Gemeinderat der Stadt Mannheim hat in seiner Sitzung vom 3. November beschlossen, dass es der Geschwister-Scholl-Schule auf der Vogelstang an den Kragen geht. Ein Neubau soll die Gesamtschule ersetzen, die aus einer Werkrealschule, einer Realschule und einem Gymnasium besteht und auch die Stadtteilbibliothek beheimatet. Zuvor hatte ein Gutachter bestätigt, dass die Schule „nicht sanierbar“ sei, wie der Mannheimer Morgen berichtet. Dank des Gutachtens könnten für den Neubau Fördermittel des Landes beantragt werden, heißt es auf einer Website der Stadt Mannheim.

Architekt der Geschwister-Scholl-Schule war der Mannheimer Architekt und Egon-Eiermann-Schüler Carlfried Mutschler. Errichtet wurde sie in zwei Bauabschnitten zwischen 1967 und 1975. Während die von Mutschler gemeinsam mit Frei Otto entworfene Multihalle kürzlich gerettet werden konnte, hat der Schulbau offenbar keine Fürsprecher. Auch ein Artikel der Süddeutschen Zeitung kam zum Schluss, dass Mutschlers Schulbauten nicht mehr in die Zeit passten. Dabei verfolgte der Architekt ein ambitioniertes Gestaltungskonzept. Mit Sichtbeton und rotem Sichtmauerwerk tritt die Schule in Beziehung zum nahe gelegenen Evangelischen Gemeindezentrum Vogelstang, das Mutschler 1968 mit den gleichen Materialien schuf. Man darf auf den Neubau gespannt sein – ob auch er die subtile städtebauliche Beziehung fortführen wird? (mk, 18.11.20)

Titelmotiv: Eingangsbereich der Geschwister-Scholl-Schule in Mannheim-Vogelstang von Carlfried Mutschler, (Bild: Maximilian Kraemer 2020)

Orange

Wenn die 1950er Jahre pastellfarben waren, dann scheinen uns die 1970er im Rückblick orange. Vielleicht noch apfelgrün – nicht das verzärtelte Bioapfelgrün der 1980er, sondern die Knallfarbe der Zahnpastawerbung. Je künstlicher, desto besser. Im Stadtmuseum Bietigheim-Bissingen widmet man sich in der kommenden Wechselausstellung ganz dieser Epochenfarbe. Orange stehe für „Frieden, Freizeit, Feminismus“, für „Technik, Mode und Konsum“, kurz: für das Lebensgefühl der 1970er Jahre (und die 1960er Jahre werden großzügig mit hineingenommen).

„Vom Eierlocher bis zum Familienauto“, so die poetische Ankündigung, werden allerlei Alltagsgegenstände dieser Zeitepoche präsentiert. Es handelt sich überwiegend um private Leihgaben aus der Region, aber auch um knallfarbene Vergleichsobjekte aus der DDR. Mit neuen Siedlungen übersprang die Große Kreisstadt die Marke von 200.000 Einwohnern. 1975 wurden Bietigheim und Bissingen zusammengeschlossen, 1977 der Verkehrs- und Tarifverbund VVS gegründet. Die ersten S-Bahnzüge mit orangefarbener Pop-Lackierung fuhren ab 1981 nach Bietigheim-Bissingen. Lokale Geschäfte wie das Kleiderhaus „Nägele Moden“ oder die Baumarktkette „Obi“ tragen das Orange bis heute mit Stolz. Die Ausstellung ist im Stadtmuseum Bietigheim-Bissingen zu sehen vom 25. Oktober 2020 bis zum 18. April 2020. (kb, 24.9.20)

Orange (Bild: ptrabattoni, gemeinfrei, via pixabay.com)