Alles so schön bunt hier

Die 1970er Jahre waren – durchaus als Folge von 1968 – geprägt vom gesellschaftlichen Toleranzschüben und politischem Aufbruch: Der Kampf gegen Paragraph 218, die Ostverträge, die erstarkende Umweltbewegung mit Slogans wie “Atomkraft? Nein Danke” oder “Jute statt Plastik” gehörten ebenso in dieses Jahrzehnt wie Schlaghosen, Prilblumen, Cindy & Bert oder Dalli Dalli: Ein solch farbenfroher Optimismus wurde seither nie wieder propagiert.

Das Kasseler Tapetenmuseum in Schloss Wilhelmshöhe, Teil der Museumslandschaft Hessen Kassel, zeigt nun bis 25. September die knallbunten 1970er für die Wände: Wilde Muster, schräge Kataloge und bizarre Werbesprüche wechseln sich ab mit Blicken in private Wohnlandschaften von Hessinnen und Hessen. Tauchen Sie ein in typische Raumstimmungen der Zeit und genießen Sie Kunstwände von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely. Und bringen am besten eine Sonnenbrille mit… (db, 17.4.22)

Bordstein und Skyline

von Maximilian Kraemer mit Fotografien von Olaf Mahlstedt

Beginnen wir mit dem Ende: In der niedersächsischen Landeshauptstadt soll eines der zahlreichen Hochhäuser abgerissen werden, die in der Nachkriegszeit wie Pilze aus dem Boden schossen. Dieses Schicksal teilt das Postscheckamt, um das es in diesem Fall geht, mit dutzenden weiteren Artgenossen. Gebaut wurde es von 1972 bis 1973 unter Leitung der Oberpostdirektion mit dem Büro Hentrich, Petschnigg und Partner – auch, wenn es in deren Werkverzeichnis in der Regel unerwähnt bleibt. Abhängig von persönlichen ästhetischen Vorlieben wird ein Hochhaus-Abriss in der Bevölkerung als größerer oder kleinerer Verlust, meist jedoch als Gewinn für das Stadtbild empfunden.

Hannover, Postbank, Fassadendetail (Bild: Olaf Mahlstedt)

Symbol des Aufstiegs

Es ist ja auch nicht zu verleugnen, dass so ein Bauwerk polarisiert. Liegt es am Typus des Hochhauses, der in Deutschland immer ein wenig verrufen war und es teilweise bis heute geblieben ist? Als Symbole des Aufstiegs, der technischen Perfektion, als Inbegriff der Modernität, der Funktionalität, nicht zuletzt auch als Monumente für ökonomische Macht und Potenz galten viele Hochhäuser in den Tagen ihrer Einweihung. Sie betonen also das, was viele Großstädte ausmacht. Aus diesem Grund wurden sie bevorzugt im urbanen Kontext errichtet, wo sie als Dominanten einzeln oder wie in Frankfurt am Main als Gruppe auftreten und eine eigene Skyline bilden.

In den 1970er Jahren, als Spätmoderne und Brutalismus dominierten, waren schlanke Türme nach dem Vorbild Ludwig Mies van der Rohes längst nicht mehr der letzte Schrei. Komplexe, verschachtelte Baukörper sollten im Sinne des verdichteten Städtebaus neues Leben in die Innenstädte bringen. Gegliedert werden die Bauteile des Postscheckamts durch die umlaufenden Balkone, die einen starken horizontalen Kontrast setzen. Gestaffelte, ineinander geschobene Kuben verschiedener Höhe bilden ein eigenes System – einen Mikrokosmos innerhalb des Stadtgefüges. Das Ensemble umschließt einen Innenhof mit Springbrunnen, aus dessen Bassin sich eine abstrakte Metallplastik erhebt, die wie das Hochhaus dahinter in den tiefblauen Himmel zu streben scheint. Eingerahmt von vorgehängten Verkleidungen mit Waschbetonvorsatz und verspiegelten Glasscheiben in goldbraun-eloxierten Metallrahmen, könnte man hier noch heute einen Film drehen, der in der Zeit zwischen Studentenrevolte und Ölkrise spielt. Gemütlich, überschaubar, sympathisch – das sind diese Gebäude gerade nicht.

Hannover, Postbank, Treppenaufgang (Bild: Olaf Mahlstedt)

Geschmacksverschiebungen

Nicht nur in Hannover haben sich Zeitgeschmack und Architektonische Anforderungen in den vergangenen 50 Jahren gewandelt. Es steht überall schlecht um die architektonischen Riesen. Kommen dann noch sehr zeittypische Materialien wie beim Postscheckamt hinzu, schwindet die Akzeptanz in ungeahnter Geschwindigkeit. Was danach kommt, das ist im Norden nicht anders als im Süden: Die Bürger:innen beklagen, der Stadtrat tagt, irgendwann investieren dann Investmentgesellschaften. Ungeachtet aller Ausgangsvoraussetzungen scheint die letzte Konsequenz stets der Abriss zu sein. Wann haben Sie zuletzt von einer gelungenen Sanierung eines Hochhauses der 1970er Jahre gelesen, die nicht zu einem vollkommen anderen Erscheinungsbild geführt hat? Weg mit dem ungeliebten alten Klotz, der bei genauerer Betrachtung im Grunde gar kein Klotz ist, den man aufgrund der heutigen Klötzchenkultur im Bauwesen aber in seiner Andersartigkeit gar nicht mehr erfassen möchte oder vielleicht manchmal auch gar nicht mehr erfassen kann?

Ironischerweise besteht darin eine der Parallelen zwischen damals und heute: neu ist und war immer besser. Ein so voluminöses Gebäude wie das Postscheckamt zu erhalten, würde für sich genommen schon einen großen Beitrag zu den Themen Energieeinsparung, Ressourcenschonung und somit zum Klimaschutz beitragen. Nicht auszudenken, was es für unseren Planeten bedeuten könnte, wenn künftig generell auf Abrisse solcher Großstrukturen verzichtet würde (und Waschbeton ist doch sexy!). Doch zurück an die Leine. Anstelle des Postscheckamts wünscht man sich eine neue Mischnutzung. Ein paar Büros, ein paar Geschäfte und, ach ja, Wohnungen werden bekanntlich auch wieder gebraucht. Was erhofft man sich von diesem Projekt? Wie die beiden Lokalzeitungen Hannoversche Allgemeine und Neue Presse übereinstimmend berichten, soll die Umgebung aufgewertet werden.

Hannover, Postbank, Brunnen im Innenhof (Bild: Olaf Mahlstedt)

Hannover, Postbank, Brunnen im Innenhof (Bild: Olaf Mahlstedt)

Vertikal-horizontal

Das Postscheckamt steht in Bahnhofsnähe. Westlich des Hauptbahnhofs begrüßt und verabschiedet es (noch) gut sichtbar jene Besucher:innen, die per Bahn in die Stadt kommen oder auf der Durchreise sind. Den Presseberichten zufolge spielt der angrenzende Straßenstrich eine entscheidende Rolle in den Überlegungen zum Abriss. Bereits vor über einem Jahr wurden im Gemeinderat stimmen laut, die dem Straßenstrich mit gesetzlichen Mitteln einen Riegel vorschieben wollten. Doch warum muss das Postscheckamt dazu abgerissen werden? Übt Waschbeton große Anziehungskraft auf Sexarbeiter:innen und Freier aus? Oder liegt es an der phallischen Form, die Hochhäusern immanent ist, dass Postscheckamt und Straßenstrich zusammengehören zu scheinen? Es ist anders schwierig zu erklären, weshalb man in Hannover annimmt, dass sich das horizontale Gewerbe bei einem Abriss einen anderen Standort suchen wird. (15.3.21)

Hannover, Postbank, Eingang 2020 (Bild: Olaf Mahlstedt)

Hannover, Postbank, Eingang (Bild: Olaf Mahlstedt)

Hannover, Postbank 2020 (Bild: Olaf Mahlstedt)

Hannover, Postbank, Außenansicht (Bild: Olaf Mahlstedt)

Titelbild: Hannover, Postbank (Bild: Olaf Mahlstedt)

Ludwigshafen: Wilhelm-Hack-Museum wird saniert

An diesem Wochenende wird es vorerst zum letzten Mal die Möglichkeit geben, das Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum zu besuchen. Ab Montag, den 14. September wird das Ausstellungshaus für moderne und zeitgenössische Kunst in Sachen Brandschutz ertüchtigt. Bei der für ein Museum ungewöhnlich offenen Gestaltung des Innenraums ist der Brandschutz ein heikles Thema. Vor Beginn der Arbeiten darf man sich noch auf ein kleines Abschiedsprogramm freuen. Unter dem passenden Motto “Cool bleiben” findet die Veranstaltung am Samstag, den 12. September statt. Los geht es um 18 Uhr mit einer Performance des Künstlers Martin Creed, ab 19 Uhr bietet man mit der sogenannten Art-Lounge einen entspannten Museumsrundgang bei Getränken und DJ-Sound an. Aufgrund der Corona-Pandemie ist eine vorherige Anmeldung verpflichtend (Tel. 0621 504 3411).

Schon im vergangenem Frühjahr waren die Baumaßnahmen, die voraussichtlich 2,1 Millionen Euro kosten sollen, vom Stadtrat beschlossen worden, wie die Rheinpfalz berichtete. Das Museum war zwischen 1975 und 1979 von der Stadt Ludwigshafen errichtet worden. Ein solcher Neubau war die Bedingung Wilhelm Hacks, dessen Kunstsammlung die Grundlage für das Ausstellungshaus bildete. Mit der bunten Keramikwand im Außenbereich, die von Joan Miró und Joan Gardy-Artigas gestaltet wurde, setzt das Gebäude bis heute einen farbigen Akzent im Stadtbild. (mk, 10.9.20)

Ludwigshafen, Wilhelm-Hack-Museun (Bild: Immanuel Giel, PD, 2006)