Die Tanke ist museumsreif

Sie ist ein, wenn nicht der Ort der Nachkriegsmoderne: die Tankstelle. Unter elegant geschwungenen, weit auskragenden Dächern versprach sie mit ein bis zwei Zapfsäulen neue Energie für die meist ebenso eleganten Gefährte der Wirtschaftswunderjahre. Dank deren sprunghafter Vermehrung schossen in den 1950ern auch die Tankstellen wie Pilze aus dem Boden. Heute sind sie jedoch fast ausnahmslos durch Großbauten mit mehreren Reihen von Zapfsäulen und integriertem Supermarkt verdrängt worden, die in der Erinnerung des Kunden schon bei der Ausfahrt keinen Platz mehr beanspruchen.

Doch gerade weil die klassische Tankstelle nahezu ausgestorben ist, hat das Thema derzeit Konjunktur. Bereits 2015 dokumentierte eine Ausstellung umgenutzte Autostopps der 1950er Jahre. Nun widmet sich das Horex-Museum im Bad Homburg dem Thema. Eine Sonderausstellung zeigt Arbeiten des Fotografen Tim Hölscher, der entsprechende Bauten nicht nur mittels Bildbearbeitung in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Städtischer Kontext, später angebrachte Werbetafeln und moderne Einrichtung müssen weichen, so dass die ursprüngliche Architektur wieder zum Vorschein kommt.  Jüngst erschien mit „Schöner Tanken! Tankstellen und ihre Geschichten“ außerdem ein umfassend bebilderter Band auf dem Büchermarkt, der sich der Großelterngeneration der Autooase widmet. Goldene Zeiten also für Fans der klassischen Tankstelle – sogar für die nicht motorisierten. (jr, 9.5.18)

Hannover, Tankstelle Caltex, Typ 3 (Bild: PD)

Petticoat und Nierentisch in Gera

Die Stadt Gera ist dem Freund klassisch-moderner Kunst in erster Linie wegen ihres berühmten Sohnes Otto Dix bekannt. Doch auch für Fans der Nachkriegsmoderne lohnt sich derzeit ein Ausflug nach Thüringen: Das Museum für Angewandte Kunst Gera widmet dem Alltagsdesign der 50er unter dem Namen „Tütenlampe, Petticoat und Nierentisch“ eine eigene Sonderausstellung.

Zu sehen sind Möbel, Kleidung und Alltagsgegenstände der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte. Dabei stoßen Produkte der westdeutschen Wirtschaftswunderjahren auf die Formgestaltung der DDR, die bis zur berüchtigten Formalismusdebatte gerne an die Tradition von Werkbund und Bauhaus ansknüpfte. In beiden Staaten avancierte Design bald zum Massenprodukt, die Gestalter blieben hinter der Bekanntheit ihrer Entwürfe zurück. Die Ausstellung versammelt unter anderem Arbeiten von so prominenten Designern wie Mart Stam, Horst Michel, Tea Ernst, Erna Hitzberger und Raymond Loewy. Sie ist bis zum 3. Juni zu sehen. (jr, 1.5.18)

Bild: Stadtverwaltung/Steffen Weiß

Gießen genießen!

Zugegeben, der Kalauer hat einen Bart. Seit Jahrzehnten dient er Studenten, die es in die mittelhessische Universitätsstadt verschlagen hat, als selbstironische Durchhalteparole angesichts der scheinbar ästhetisch reizlosen städtischen Umgebung. Tatsächlich sucht man hier Fachwerkgiebel und Barockkirche vergebens. Dass auch die Gießener Nachkriegsmoderne mit anspruchsvoller Architektur und zu ihrer Zeit hochmoderner Planung verbunden war, verdeutlicht am 13. Mai um 18 Uhr ein Vortrag des Architekten Paul-Martin Lied im ZIBB (Hannah- Arendt-Straße 8-10, 35394 Gießen).

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Gießener Innenstadt zu 90 % zerstört. Dies war die Grundlage einer städtebaulichen Anlage, die den letzten Erkenntnissen des Städtebaus entsprach und Gießen durch weiträumige Fußgängerzone, autogerechtes Verkehrssystem und Behördenhochhaus zur archetypischen 50er-Stadt transferierte. Teile dieser Bebauung wurden inzwischen wieder abgerissen, andere, wie die elegante und denkmalgeschützte Universitätsbibliothek von 1959, harren der Sanierung. Der Vortrag lädt Neu-Gießener und Alteingesessene zu einem differenzierten Blick auf die jüngste Baugeschichte der Stadt ein. Das Sahnehäubchen: Der Gießen-Genuss hat auch eine kulinarische Dimension, es gibt zeittypische 50er-Snacks! (jr, 9.5.17)

Gießen, Alte UB (Bild: Landesamt für Denkmalpflege Hessen, via Deutsche Digitale Bibliothek, © Rechte vorbehalten – freier Zugang)