Die „Stunde Null“

Es geht um ein Datum, das es eigentlich gibt (und vielleicht auch nie gegeben hat): die „Stunde Null“. Diese Bezeichnung schien für das neue, hoffentlich „gute“ Nachkriegsdeutschland“ verheißungsvoll. Sie stand für einen radikalen, unbelasteten Neuanfang. Nun nimmt sich ein französischer Workshop für den 2. Oktober 2015 (Maison des Sciences de l’Homme, Clermont-Ferrand, USR 3550) vor, diesen Begriff genauer abzuklopfen. Werden doch verschiedene Jahre für diese „Schickssalsstunde“ der deutschen Geschichte diskutiert: 1945, 1949, 1968, 1969, 1989. Darüber hinaus soll die historische, kulturelle und soziale Bedeutung der „Stunde Null“ berücksichtigt werden.

Für diesen Workshop werden bis zum 17. Juli Vorschläge gesucht – zu insgesamt drei Themenblöcke: biographische Brüche und Mentalitätswandel durch eine oder mehrere „Stunde(n) Null“, Diskurse und Gegendiskurse zu ebendiesem „Leitwort“ sowie (geschichts)wissenschaftliche Perspektiven zu diesem nicht unproblematische, zumindest aber umstrittenen Konzept. Die gemeinsame Diskussion soll dazu beitragen, für die „Stunde Null“ fortan besser zwischen Mythos und Realität unterscheiden zu können. Die Ausschreibung richtet sich an Forscher, Postdoktoranden und Doktoranden in Germanistik, Geschichte, Geographie, Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und anderen Geistes- und Sozialwissenschaften sowie an Kunsthistoriker, Literatur-, Medien- und Kommunikationswissenschaftler unter der folgenden Adresse: Dana Martin, 34, avenue Carnot, F-63000 Clermont-Ferrand, dana.martin@univ-bpclermont.fr. (kb, 2.7.15)

Wenn man es als Datum schon zur eigenen Bushaltestelle gebracht hat … (Bild: Benoît Prieur (Agamitsudo))

8. Mai 1945: Ortloser Erinnerungsort?

Als am 8. und 9. Mai 1945 die Wehrmacht kapitulierte, fand der Zweite Weltkrieg sein Ende. 70 Jahre später setzt sich das Deutsche Historische Institut vom 8. bis zum 10. Mai 2015 beim Workshop „Der 8. Mai: Ein ortloser Erinnerungsort? Internationale und interdisziplinäre Perspektiven“ mit diesem epochemachenden Datum auseinander. Ausgangsthese ist, dass der 8. Mai als „lieu de mémoire“ (Pierre Nora) – zumindest im (west)europäische Umfeld – keinem konkreten Ort, Datum, Symbol, Identitätsangebot oder Ritual eindeutig zugeordnet ist.

Der Erinnerungsort umfasst nach Pierre Nora nicht nur räumlich bestimmbare Orte, sondern ebenso Daten, Dokumente, Kunstwerke, Symbole oder zeichenhafte Handlungen. In Deutschland etwa spielt der Ort der Kapitulationserklärung – Reims bzw. Berlin-Karlshorst wiederholt – in der öffentlichen Diskussion nahezu keine Rolle. Doch wo und wie „sollen“ wir die „Befreiung“ feiern? Am Rande des Workshops wird dies bei der Exkursion konkret, wenn eine Führung durch das vormalige Warschauer Getto angeboten wird. Die Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch. Mit dem Workshop wird zugleich die Ausstellung „Niemands Orte“ mit Bildern des Berliner Fotografen Christian Herrnbeck eröffnet. Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, wird um Anmeldung (mit einem kurzen Motivationsschreiben, einem akademischen CV) bis zum 12. April 2015 gebeten unter: annika.wienert@tum.de. (kb, 4.4.15)

Ortlos? Wir haben den 8. Mai 1945 gefunden!(Bild: Benoît Prieur (Agamitsudo))