Sanierung zumutbar

Überall in Europa entstanden in den 1960er Jahren Großsiedlungen, und auch vor der Schweiz machte diese Entwicklung nicht Halt: Von 1958-65 wurde in Bern das Tscharnergut errichtet, geplant von den Architekten Hans und Gret Reinhard, Eduard Helfer, Ernst Indermühle und Werner Kormann. Die erste Großsiedlung der Schweiz besteht aus fünf Punkthochhäusern, mehreren großen Scheibenhäusern sowie diversen Reihen- und Mehrfamilienhäusern. Das Bauinventar (Denkmalverzeichnis) der Stadt Bern listet die Hoch- und die Scheibenhäuser des „Tscharni“ als „schützenswerte Objekte kantonaler Bedeutung.“ Im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (Isos) ist die Siedlung in der Kategorie A mit Erhaltungsziel A augeführt.

Und so wurde nun die Genossenschaft Fambau von der Bau- und Verkehrsdirektion (BVD) des Kantons Bern zurückgepfiffen: Sie wollte das Scheibenhaus an der Fellerstrasse 30 abbrechen und durch einen ähnlichen Neubau ersetzen. Im Juli 2020 hatte das Regierungsstatthalteramt Bern-Mittelland hierfür die Genehmigung erteilt. Hiergegen hatten sowohl die Stadt Bern als auch der „Schweizer Heimatschutz“ Beschwerde eingelegt. Ihnen hat die Bau- und Verkehrsdirektion (BVD) des Kantons Bern rechtgegeben und die Abbruchgenehmigung aufgehoben. Die Begründung liest sich beispielhaft: „Sowohl der Gesamtüberbauung Tscharnergut als auch dem betroffenen Scheibenhaus als Einzelbaute kommt ein ausserordentlich hoher denkmalpflegerischer Wert zu. Eine umfassende Sanierung des Gebäudes ist nach Auffassung der BVD für die Bauherrschaft wirtschaftlich tragbar und damit zumutbar. Das öffentliche Interesse am Erhalt des schützenswerten Baudenkmals überwiegt die entgegenstehenden Interessen der Bauherrschaft. Ein Abbruch ist daher nicht zulässig.“ Gegen den Entscheid kann noch Einspruch eingelegt werden, dennoch mag man sich eine derartige politische Stringenz in Deutschland wünschen … (db, 6.5.21)

Bern, Tscharnergut (Bild: Elvamine, CC BY-SA 4.0)

Rebstockbad: Abriss ante portas

Die Verbindung von Sport und Freizeitspaß war in den 1970er/80er Jahren wegweisend. Dies war auch die große Zeit der „Erlebnisbäder“. In Frankfurt entstand von 1979-82 eines der ersten seiner Art: das postmodern angehauchte Rebstockbad, mit 600.000 Besuchern jährlich bis heute eines der größten seiner Art. Nach 39 Jahren ist nun das Aus gekommen. Am 30. April hat der sanierungsbedürftige Bau mit einer coronabedingt kleinen Feier die Tore geschlossen und wird nun, einem Beschluss der Stadt von 2018 folgend, abgerissen. Gast der Schlussveranstaltung war Schwimm-Olympiasieger Michael Groß, der bereits der Eröffnung im November 1982 beiwohnte und hier 1991 auch seinen letzten Wettkampf bestritt. Nicht nur die geschätzten Sanierungskosten von 80 Millionen Euro waren ein Abrissargument – auch die Leistungsgesellschaft fordert ihren Tribut: Im geplanten Neubau sind Planschbecken und Hochleistungssport durch eine Glasfront wieder strenger getrennt.

Entworfen hat das ikonische Rebstockbad (Spitzname „Schwimmoper“) der Frankfurter Architekt Dieter Glaser, der in den späten 1970ern auch Teil einer Planungsgruppe war, die zur Dom-Römer-Neugestaltung Vorschläge lieferte. Das wellenförmige Dach des Bads, das sowohl an die Münchener Olympiabauten als auch an fernöstliche Vorbilder erinnert, ist der markanteste Teil der 1980er-Jahre-Oase. Drei Sprungtürme, Wellen- und Außenbecken, eine schneckenförmige Wasser-Rutsche und ein großer Wellness-Bereich zählten ebenso zum opulenten Unterhaltungsprogramm – das entgegen der hohen Sanierungskosten eigentlich noch erstaunlich intakt wirkte… Nun wird die Schwimmoper ausgeräumt, und ab September rücken die Bagger an. Bis 2025 soll anschließend an gleicher Stelle der Neubau nach Plänen des Hamburger Büros Geising + Böker Architekten entstehen. (db, 5.5.21)

Frankfurt, Rebstockbad (Bild: Carsten Ratzke, CC BY-SA 3.0)

Kraftwerk Schmargendorf kommt weg

Das Berliner Kraftwerk Wilmersdorf liegt eigentlich im Stadtteil Schmargendorf. 1911 wurde auf dem Areal nach Entwürfen des Architekten Hans Liepe (1876–1969) zuerst das Elektrizitätswerk Südwest in Betrieb genommen. Bauherr war die „Elektricitätswerk Südwest-AG“ , die 1938 im städtischen Versorgungsunternehmen Bewag (damals: Berliner Kraft und Licht AG) aufging. 1945 demontierte die Rote Armee große Teile der Anlage, bis das Gelände dem Britischen Sektor zufiel. In reduziertem Umfang blieb das Elektrizitätswerk danach noch bis 1964 in Betrieb, die erhaltenen historischen Bauteile nebst Verwaltungsgebäude (Beamtenhaus und Schalthaus) stehen als Gesamtanlage unter Denkmalschutz. Der Bau des neuen Heizkraftwerks Wilmersdorf begann 1973, Bauherr war wiederum die Bewag. 1977 nahm es den Betrieb auf. Gebaut wurde der preisgekrönte Entwurf vom Bauunternehmen H. Klammt AG, das in Berlin unter anderem auch das Europacenter und das ICC errichtete.

Das alles ist mittlerweile Geschichte: Die Klammt AG wurde 2000 von Wayss und Freytag geschluckt, 2002 ging die Bewag im schwedischen Energiekonzern Vattenfall auf. Und das Heizkraftwerk Wilmersdorf hat am 1. April 2021 den Betrieb eingestellt, nachdem es zuvor schon längere Zeit nur noch als sogenannte Spitzenlastanlage bei besonders hohem Energiebedarf zugeschaltet wurde. Das heißt auch, dass Vattenfall die drei gewaltigen, jeweils 102 Meter hohen Schornsteine an der Autobahn A 100 nun abreißen wird. Schon in der zweiten Juni-Hälfte soll es damit losgehen. Der Betreiber nennt den Abschied vom Kraftwerk „einen Meilenstein auf dem Weg zu Berlins Klimaneutralität“. Dem ist technologisch nicht zu widersprechen – Berlins Ziel ist, bis 2050 Klimaneutral zu werden und die Emission von Treibhausgasen im Vergleich zu 1990 um 95 Prozent zu reduzieren. Ob dazu (auch unter dem Stichwort Graue Energie) der Abriss eines Technikmonuments unabwendbar nötig ist, bleibt eine andere Frage. Berlins Südwesten büßt jedenfalls einen Teil seiner Silhouette ein. (db, 7.4.21)

Berlin, Kraftwerk Schmargendorf (Bild: Dirk Ingo Franke, CC BY-SA 3.0)