Und weg damit …

Die Frankfurter Initiative Stadtteilbüro Bockenheim trifft sich demnächst zu einer Protestaktion vorm Haus Leipziger Straße 68, das abgerissen werden soll. Eigentümer ist die Erbengemeinschaft eines stadtbekannten Immobilienspekulanten. Obgleich im Jahr 1828 gebaut und somit eines der ältesten Gebäude der Straße, steht es nicht unter Denkmalschutz. Vor einiger Zeit war diese Liegenschaft schon wegen Überbelegung in die Schlagzeilen geraten, als hier nicht weniger als 45 Menschen in Hinterhaus und Anbauten einquartiert waren. Das dreistöckige Wohn- und Geschäftshaus in der Blumentorstraße 4 in Karlsruhe-Durlach, im Kern von etwa 1860, ist gerade zugunsten eines Mehrfamilienhauses plattgemacht worden. Mit abgeräumt wurde auch ein Hinterhaus, an dem die Initialen im Türsturz auf das Baujahr 1835 hinwiesen. Und wer den reich verzierten, gelb geklinkerten Jahrhundertwendebau in der Chemnitzer Reinhardtstraße Ecke Palmstraße sucht, findet schon lange nur noch eine Brache. Nein, wir befinden uns nicht im Jahr 1972. Es ist der 26. August 2019.

Das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 ist Lichtjahre von der Gegenwart entfernt. Rund 20 Jahre verschaffte es einst Fachwerk, Barock, Jugendstil oder Gründerzeit zumindest in den Städten relative Sicherheit. Selbst was nicht unter Schutz stand, wurde wieder mit Respekt behandelt: Innen mögen Portas-Türen, Kassettendecken aus Plastik und Röhrende Hirsche den Wohnraum dominiert haben. Doch auch bürgerliche Gemüter spendierten ihren 100-jährigen Häuschen gerne wieder Sprossenfenster, Schmiedegitter und halbwegs originalgetreue Farbgebungen. Die abgewendet gehoffte Bedrohung ist aber längst zurückgekehrt: Während sich heute auf der einen Seite Liebhaber gegen das Verschwinden der Spätmoderne-Architektur der 1970er engagieren (derweil Reko-Fans die Nachkriegsmoderne abräumen möchten) befinden sich auch wieder die Bauten des 18. und 19. Jahrhunderts auf der Abschussliste. Was nicht unter Denkmalschutz steht, ist verloren. Und zwar alles, was betriebswirtschaftlich abgeschrieben ist. Man könnte also grob vom Baujahr 1200 bis 2005 sprechen, je nach dem einstigen Investitionsvolumen.

Die Bodenpreise sind explodiert, Investoren kaufen in Ballungsräumen alles, was nicht niet- und nagelfest ist zum x-fachen Marktwert auf und ersetzen es durch Wohnanlagen, die jeden Quadratmillimeter der Grundstücke füllen. Die Gesetzeslage gibt es her. Inwieweit Verbote dieses Problem lösen können, sei dahingestellt. Die Zerstörung der Klein- und Vorstädte sowie der unscheinbaren Bauten in den Cities ist wohl immer noch am besten durch bürgerliches Engagement zu verhindern. Wir propagieren ja nicht die Rückkehr des Häuserkampfs der 1970/80er in Westberlin oder dem Frankfurter Westend. Aber dennoch haben auch diese Proteste in letzter Konsequenz bewirkt, dass zahlreiche Gebäude erhalten wurden. Auch insofern, dass Investoren aufgrund schlechter Publicity die Bagger lieber nicht anrücken ließen. Das Bewusstsein für den eigenen Lebensraum war in weiten Teilen der Bevölkerung geschärft. Sie fänden gut, wenn wir wieder dorthin kämen? Na dann schauen Sie doch mal vorbei auf der Leipziger Straße in Frankfurt – Treffpunkt ist am 4. September um 18 Uhr. Ist Ihnen zu weit? Dann sehen Sie sich in Ihrer Nachbarschaft um: Es gibt quasi vor jeder Haustür ortsbildprägende Bauten, die akut bedroht sind. Und hier ist es gleich, ob sie 1980 oder 1890 errichtet wurden … (25.8.19)

Daniel Bartetzko

Bilder: Titelmotiv: Chemnitz, Abriss Reinhardtstraße (Bild: Sandro Schmalfuß, CC BY-SA 3.0), Mitte: Frankfurt, Leipziger Straße 68 (Bild: Deutsches Architektur-Forum, Schmittchen); unten: Karlsruhe-Durlach, Hengstplatz, Abriss (Bild: Copyright Arbeitsgemeinschaft Karlsruher Stadtbild).

Stadthalle Grafing vorm Abriss?

Erst 33 Jahre alt ist die postmodern beeinflusste Stadthalle von Grafing nahe München. Und bereits seit 10 Jahren laufen Umbau- und Instandsetzungsarbeiten an der Haustechnik des gut ausgelasteten Gebäudes. Hauptgrund sind weniger Baumängel als die sich stetig weiter verschärfenden Bestimmungen zu Lüftung, Brandschutz und Barrierefreiheit. Auch liegt die Nutzbarkeit des Gesamtbaus bei nur etwa 40 Prozent statt bei 60 bis 70 Prozent wie in vergleichbaren Hallen. Zuletzt hat auch noch das zuständige Landratsamt Ebersberg erklärt, dass bis zum 31. Dezember 2019 Mängel an der Lüftungsanlage beseitigt werden müssen, da ansonsten die Betriebserlaubnis der Halle erlischt. Angesichts dieses hohen (finanziellen) Drucks hat nun der Grafinger Stadtrat nach einer Baubestandsaufnahme durch das Büro Klaus Beslmüller auch den Abriss der 1986 eingeweihten Halle ins Gespräch gebracht.

Geplant wurde der Bau seinerzeit vom Grafinger Architekten Roland Tauchmann. Sein zitatenreicher Mix aus Bayern-Barock, Spät- und sanfter Postmoderne samt Zwiebelhelm prägt bis heute das Erscheinungsbild des Orts. Übrigens wurde die Stadthalle selbst auch als Ersatz für einen Vorgängerbau errichtet wurde, dessen Sanierung sich (sogar nach Baubeginn) als zu teuer herausstellte. Und schon 1986 vervielfachten sich die Baukosten der neuen Halle auf insgesamt 9,5 Millionen Euro. Vielleicht bedenken die Entscheidungsträger ja die stets drohenden Kostenexplosionen eines Neubaus bei ihren Überlegungen … (db, 13.8.19)

Grafing, Stadthalle (Bild: Stadt Grafing)

Streitthema Offenbacher Trauerhalle

Rund 50 Jahre alt sind die Hauptgebäude des Neuen Friedhofs Offenbach/Main, und in den vergangenen Jahren wurde in ihre Instandhaltung kaum mehr investiert. Auf derartige Vernachlässigung folgt üblicherweise irgendwann der Wunsch nach Abriss – da eine Sanierung unwirtschaftlich sei. Dies ist auch in Offenbach so: Die städtische Betreibergesellschaft ESO (altdeutsch: Stadtwerke) möchte die 1968 eingeweihte Trauerhalle abreißen und durch einen Neubau ersetzen. Die Kosten lägen wie bei der Sanierung bei 3 Millionen Euro. Als Argumente gegen den weiß überstrichenen Brutalismus-Altbau werden mangelnde Barrierefreiheit, Schimmelprobleme und die sich bei Temperaturschwankungen gefährlich wölbenden Bleiglasfenster genannt.

Hier tritt nun der Künstler Bernd Rosenheim auf den Plan, der ebenjene Fenster seinerzeit entwarf. Der 87-Jährige droht unter Berufung auf sein Urheberrecht mit Klage, sollte der Magistrat den Abriss beschließen. Zudem sei dieser „bei der bekannten Finanzlage der Stadt (…) ein Schlag ins Gesicht des Steuerzahlers.“ Es handele sich bei der Trauerhalle um eine nichtalltägliche Architektur eines Sakralbaus, der allein schon erhaltenswert sei. „Damit verbunden ist ein von mir plastisch gestaltetes Portal im Zusammenhang mit einem Fries farbiger Glasfenster. Es ist eines meiner Hauptwerke auf dem Gebiet der Glasmalerei“, schrieb Bernd Rosenheim in einem Brief an die Stadt. Dem ist wenig hinzuzufügen. (db, 1.8.19)

Offenbach, Trauerhalle Neuer Friedhof (Bild: Daniel Bartetzko)