Baggern in Mainz

Schon seit den frühen 2000er Jahren wurde über die Zukunft des in Nähe zum Dom befindlichen Mainzer Karstadt-Areals und einiger angrenzender Bauten, die dem Bistum Mainz gehören, diskutiert. Mitte März fiel nach 17 Jahren Hin und Her der Startschuss für den Neubau eines Einkaufszentrums an der Ludwigsstraße. Entstehen soll hier der „Boulevard LU“ der offene Shops und große Filialen mit einem Hotel, Kultureinrichtungen und Gastronomie verbinden soll. Der gesamte Neubau wird den Bereich bis zum Gutenbergplatz umfassen, stehen bleibt nur der „China-Pavillon“, in dem sich unter anderem ein Eiscafé und der „Stadtbalkon“ befinden: Hier waren die Besitzer nicht bereit, ihr Gebäude auf Abbruch zu verkaufen. An ihnen biss sich auch der Investor ECE die Zähne aus, der sich 2017 nach langem Tauziehen aus dem Projekt zurückgezogen hatte. Neuer Besitzer wurde die Ingelheimer Bauunternehmung Gemünden. Mittlerweile gibt es eine Boulevard Lu GmbH und Co. KG, deren Zusammensetzung niemand mehr so wirklich durchblickt; den Bau des Komplexes an der Fuststraße, von Gutenberg- bis Bischofsplatz konnte sie nun starten.

Auch der Abriss der Fünfziger-Jahre Bebauung des Bistums ist fast abgeschlossen, hier entstehen Wohnungen und weitere Einkaufsmöglichkeiten. Doch zunächst gibt es sechs Monate Zeit für die Bodendenkmalpflege, auf dem Gelände Grabungen durchzuführen: Das Gelände grenzt an die Johanniskirche, die nach Stand der Forschung der erste Dom von Mainz und damit eine der ältesten christlichen Kirchen Deutschlands ist. Die Archäologen hoffen auf Funde von Mittelalter bis zur Römerzeit, neben dem „Alten Dom“ könnte eine zweite mittelalterliche Kirche gestanden haben. Die spätere Neubebauung soll nach Plänen der Mainzer Bürogemeinschaft Faerber Architekten, Jestaedt + Partner sowie Bierbaum.Aichele Landschaftsarchitekten errichtet werden. Und während gegraben wird, fällt nun auch das 1963 eröffnete und 2020 geschlossene Karstadt-Gebäude mit seinen charakteristischen Pavillon-Vorbauten, die nun fast 60 Jahre das Straßenbild prägten. (db, 4.7.22)

Mainz, Karstadt 2020 (Bild: BankenSusanne, CC BY-SA 4.0)

Gerichtlich genehmigter Abriss

Während moderneREGIONAL weiterhin an einem Überblick zur Baukunst der 1990er Jahre arbeitet, zeigt sich (wieder einmal), wie drängend dieses Vorhaben ist: Das Landgericht Potsdam hat geurteilt, dass das Terrassenhaus der Mitte der 1990er Jahre entworfenen und bis 2002 errichteten Potsdamer Nutheschlange abgerissen werden darf. Das Hauptargument des Gerichts für den Abriss liegt in der Aufgabe der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft: Die Schaffung von Sozialwohnungen, die in einem deutlich dichter ausgeführten Neubau in größerer Zahl vorhanden wären als im sanierungsbedürftigen Bestandsgebäude. Der baukulturelle Wert und damit auch die Ungewöhnlichkeit der Nutheschlange als Gesamtkomposition scheint bei der Urteilsfindung keine größere Rolle gespielt zu haben, das Urheberrecht der Architekt:innen wird nach Ansicht des Gerichts durch die in der Kommunalverfassung festgehaltene Aufgabe des sozialen Wohnungsbaus ausgehebelt. Ein möglicher Denkmalwert wurde erst gar nicht in Betracht gezogen nachdem das zuständige Landesamt 2021 einen solchen nicht vermochte festzustellen.

Der jahrelange Kampf zwischen Wohnungsbaugesellschaft ProPotsdam (pro Abriss) und den Architekten Doris und Hinrich Baller sowie der von Bewohner:innen und Architekturfreund:innen getragenen Initiative Nutheschlange ist aber damit nicht zu Ende. Denn noch steht das Gebäude. Und sowohl die Initiative, die sich seit Jahren für den Erhalt und die Sanierung des Gebäudes einsetzt, als auch die Architekt:innen wollen weiter für den Erhalt des markanten Kopfbaus kämpfen. Auch haben Hinrich und Doris Baller als Streitpartei noch die Möglichkeit, gegen das Urteil in Berufung zu gehen. moderneREGIONAL hat die Nutheschlange vorsichtshalber aber schon einmal porträtiert: Im 2021 erschienenen Buch “Das Ende der Moderne?” geht Christian Kloss intensiv auf die “Balleresken” Architekturen der 1990er Jahre ein. (fs, 19.6.22)

Potsdam, Nutheschlange (Bild: Initiative Nutheschlange)

Das Ende der Ledigenhäuser

Die Zechensiedlung Am Wiesenteich in Hamm-Herringen entstand zwischen 1949 und 1951. Zunächst diente sie als „Bergarbeiterlager“ für ledige Jungbergleute. In acht eineinhalbgeschossigen Häusern wurden jeweils vier Wohnungen untergebracht – in jeder Wohnung lebten acht Jungbergleute. Den Bergmannsheimen zugeordnet wurden zwei Doppelhäuser mit je zwei Steigerwohnungen. Zur Verpflegung der Bergleute wurde in einer Baracke eine Gemeinschaftsküche eingerichtet. Dort befindet sich heute das Knappenheim. Ab den 1970er-Jahren wurden die Wohnungen mit ausländischen Bergleuten belegt, zuletzt lebten dort vor allem Familien. Nun ist die Zeit dieser frühen Nachkriegsbebauung abgelaufen: Die Eigentümerin, die RAG Montan Immobilien plant auf dem Areal der Wohnhäuser ein neues Wohngebiet. Die meisten Gebäude stehen bereits leer, demnächst werden auch das Knappenheim und das Vereinsheim des Spielmannszug Herringen geräumt werden müssen.

In einem ersten Teilabschnitt beginnt die RAG Montan Immobilien dieser Tage mit dem Abriss der leerstehenden Wohnhäuser „Am Wiesenteich“ 13, 15 und 17. Der Zustand der Gebäude und der zu nehmende Vandalismus werden als Gründe genannt, bereits jetzt mit dem Rückbau zu beginnen, obwohl Teile der Siedlung noch genutzt werden. Diese sowie die derzeit noch bis Anfang 2023 genutzten Vereinsheime sollen in einem zweiten Bauabschnitt folgen. Der Start hierfür ist erst geplant, wenn alle Gebäude komplett freigezogen sind, ein konkreter Zeitpunkt steht noch nicht fest. Entstehen soll hier ein modernes Quartier mit 80 Wohnungen, eine genaue Planung gibt es hierfür allerdings noch nicht – ebenso ist noch nicht geklärt, ob die RAG MI selbst bauen wird oder ob sie die Grundstücke vermarkten wird. (db, 14.5.22)

Hamm, Am Wiesenteich (Bild: Bonni, CC BY-SA 3.0)