Max Bächer und Albert Speer

Die Debatte um “Rechte Räume” in der Architektur ist durch das Forschungsprojekt von Stephan Trüby und Phillip Krüpe seit 2019 wieder in Gange. Doch die Auseinandersetzung mit ideologisierter Architektur ist natürlich nicht neu – auch wenn sie einige Jahre vernachlässigt wurde. Der Architekt, Hochschullehrer, Juror und Kritiker Max Bächer hielt vor rund 50 Jahren mehrere Vorträge zur Architektur der NS-Zeit, in denen er auch vor den Gefahren gegenwärtiger faschistischer Tendenzen warnte. Der erste Vortrag fand im November 1971 in Karlsruhe statt. Die Schlagzeile in der lokalen Presse lautete „Architekten besonders anfällig gegenüber Ideologien jeglicher Art“. Das Archiv des 2011 verstorbenen Max Bächer befindet sich im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM). Seit 2017 wird es vom Center for Critical Studies in Architecture CCSA aufgearbeitet, das Studierende der Kunstgeschichte und Architektur zu interdisziplinären Seminaren und Projekten zusammenführt, getragen von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, der TU Darmstadt und dem DAM. Die angeschlossene Buchreihe CCSA Topics startete 2019 mit dem Band “Max Bächer – 50 Meter Archiv.” Band 2, “Faschismus und Architektur”, ist 2021 erschienen und widmet sich Bächers Auseinandersetzung mit Albert Speer.

Die Autorin Fredrike Lausch wird am 29. März um 19 Uhr im Architekturschaufenster Karlsruhe (Waldstraße 8, 76133 Karlsruhe) einen Vortrag zum Thema halten. Anhand Bächers Beschäftigung mit Faschismus und Architektur werden die Debatten der 1970er und 1980er Jahre nachgezeichnet und gefragt, welche Nachwirkungen die NS-Zeit auf die Bewertung damals aktueller Architekturen hatte (die Veranstaltung ist mit 2,0 Punkten als Fortbildung bei der AKBW anerkannt). Und langsam kann man sich wieder daran gewöhnen, dass Vorträge eigentlich Präsenzveranstaltungen sind: Es gibt keinen Zoom-Link. Wer teilnehmen möchte, melde sich bitte über info@architekturschaufenster.de an. (db, 22.3.22)

Nürnberg, Zeppelintribüne (Bild: Ralf Roltschek, GFDL 1.2)

Speer und wir

Die 2017 erstmals gezeigte Ausstellung „Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit“ des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände Nürnberg eröffnet in wenigen Tagen an einem nicht minder geschichtsträchtigem Ort: Ab 9. Juni 2020 ist sie im Historisch-Technischen Museum Peenemünde (HTM) in der Turbinenhalle des ehemaligen Kraftwerkes zu sehen – einem Ort, an dem mit Wernher von Braun ein anderer vermeintlich “guter Nazi” mitverantwortlich für die kriegerische Waffenforschung zeichnete. Albert Speers Selbstrechtfertigung und Entschuldung begann schon bei seiner Verteidigung im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess, in der sich der Architekt und Rüstungsminister als verführt von der Aura Hitlers und der modernen Gestaltungsdynamik des Nationalsozialismus darstellte. Vom systematischen Mord an den europäischen Juden habe er – wie die überwiegende Mehrheit der Deutschen – keine Kenntnis gehabt.

Diese Darstellung war seinen Landsleuten ein willkommenes Argument, um mit der eigenen Vergangenheit zurechtzukommen. Nach seiner Haftentlassung 1966 gerierte sich Speer zum Kronzeugen der Geschichte und zum regelrechten Medienstar. Lange folgten selbst Historiker seiner geschönten Darstellung, die archetypisch fürs langjährige westdeutsche Geschichtsverständnis steht. Die Ausstellung ist ein Einblick in die Medienwelt der 1960er bis 1980er Jahre, stellt aber der (Selbst)Inszenierung historische Fakten und Stellungnahmen heutiger Historiker gegenüber. Die Ausstellung wird in Peenemünde bis zum 30. August gezeigt. (db, 30.5.20)

Peenemünde, Turbinenhalle (Bild: Ziemowit Cabanek, CC BY-NC 2.0)

Speer und wir

Als Albert Speer am 1. Oktober 1966 nach zwanzig Jahren Haft aus dem Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau entlassen wurde, waren dutzende Mikrophone und Kameras aus aller Welt auf ihn gerichtet. Dies war der Beginn seiner zweiten Karriere als scheinbar geläuterter Zeitzeuge des Nationalsozialismus. Der 1905 in Mannheim geborene Speer zählte zu Hitlers engsten Vertrauten. Als erster Architekt des Staats war er verantwortlich für Großprojekte wie das Nürnberger Reichsparteitagsgelände und die Umgestaltung Berlins. Ab 1942 organisierte er als Rüstungsminister die Kriegswirtschaft, für die Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge aus ganz Europa eingesetzt wurden. Wieder in Freiheit, verbreitete er in Interviews und Publikationen seine Legende, er hätte von NS-Verbrechen nichts gewusst und sei, verführt von der Aura Hitlers, in Krieg und Judenmord unbeteiligt hineingeraten.

Die vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg erarbeitete Wanderausstellung “Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit” lässt nun ab 13. Februar im Marchivum Mannheim die Speer-Legende und damit auch den Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte sichtbar werden. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum Speer in der BRD so lange auf unkritische Resonanz stieß. Bereitwillig folgten Historiker, Publizisten, aber auch die Öffentlichkeit der Erinnerungsmanipulation des „guten Nazis“ – wohl nicht zuletzt, weil er eine Entlastung für jene bot, die sich selbst im Nationalsozialismus engagiert hatten. Die Vernissage ist am 12.2. um 18 Uhr; es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm. (db, 6.2.20)

Nürnberg, Zeppelinfeld-Panorama (Bild: GuidoR, CC BY-SA 3.0)