Alltagsarchitektur

Kiosk K67 (Bild: Museum of Architecture and Design Ljubljana)

In Zürich zum Kiosk gehen

Der 1966 entstandene Kiosk K67 ist mittlerweile eine popmoderne Ikone. Das Mehrzweck-Modul, das vor allem als Kiosk, aber auch als Marktstand, Infotresen, Kassenhäuschen und was auch immer verwendet werden kann, ist ein Entwurf des Architekten, Professors und Produktgestalters Saša J. Mächtig (*1941). Seit den 1960ern prägt es die Straßenlandschaften vieler osteuropäischer Städte. Später fanden sich auch Liebhaber in weslichen Metropolen, in der Sammlung „Design des 20. Jahrhunderts“ des New Yorker Museum of Modern Art steht ebenso eine der Kunststoffboxen. Auch die ETH Zürich erwarb ein K67 der zweiten Generation (ab 1972) und macht dies nun öffentlich zugänglich.

Die Ausstellung „Kiosk K67. Metamorphoses of a System“ (basierend auf der von Špela Šubic und Maja Vardjan kuratierten Mächtig-Retrospektive am Museum für Architektur und Design MAO in Ljubljana) zeigt nicht nur das restaurierte K67, sondern beschäftigt sich insbesondere mit dem interdisziplinären Werk Mächtigs. Der ehedem an der Akademie für bildende Kunst und Design in Ljubljana Lehrende verknüpft unterschiedliche Ansätze vom Industriedesign über Städtebau bis zur Gestaltung öffentlicher Räume. Sein Schaffensprozess von der Grundidee über die Forschung im öffentlichen Raum bis zur Vermarktung wird veranschaulicht. Zu sehen ist die Schau bis zum 5. April an der ETH Zürich am Hönggerberg (Wolfgang-Pauli-Strasse, 8049 Zürich). (db, 7.3.19)

Kiosk K67 (Bild: Museum MAO Ljubljana)

STAEDELxTRINKHALLE (Bild: Städel, Frankfurt am Main)

#STAEDELxTRINKHALLE

Die Schönheit des Alltäglichen

Was macht eine Stadt aus? Eine neue Publikation bietet eine vielseitige Antwort, zumindest für eine deutsche Großstadt. Unter dem Titel „Berlin – die Schönheit des Alltäglichen“ ist aktuell im Jovis-Verlag ein Stadtführer der anderen Art: Er führt nicht zu den bekannten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt, sondern lenkt den Blick auf die Alltagsästhetik der Stadtlandschaft.

Der Herausgeber Frank Peter Jäger beschreibt gemeinsam mit Co-Autoren wie Verena Pfeiffer-Kloss oder Carsten Horn (um nur einige wenige zu nennen) die Details der von Zeit und Geschichte geprägten Bauten und Materialien: die Gestaltungsphasen der U-Bahn-Interieurs, die strenge Klarheit der Berliner Straßen und das Mietshaus als kleinste Einheit des Urbanen, dessen scheinbar uniformer Typus sich aus der Nähe als erstaunlich vielseitig erweist. Die Beiträge des Buches widmen sich diesen Alltagsarchitekturen, die letztlich die Identität und das Gesicht der Stadt prägen und die es zu bewahren gilt. Zahlreiche Fotografien entführen in die Bilderwelt Berlins und ermuntern dazu, das Phänomen des städtischen Raums und seiner Zeitschichten auf eigene Faust zu erkunden. (kb, 19.3.17)

Jäger, Frank Peter (Hg.). Berlin – Die Schönheit des Alltäglichen. Urbane Textur einer Großstadt, Jovis-Verlag, Berlin 2017, Hardcover, 17 x 24 cm, 192 Seiten, ISBN 978-3-86859-380-8.

Uglybelgianhouses

uglybelgianhouses (Bild: https://www.instagram.com/uglybelgianhouses/?hl=de)
Belgische Schönheiten (Bild: www.instagram.com/uglybelgianhouses)

Bislang war Belgien bei uns abgespeichert für gutes Bier und noch bessere Comics. Nun kommen schöne Häuser hinzu. Ähnlich wie Turit Fröbe seit einigen Jahren erfolgreich deutsche „Bausünden“ aufs digitale Korn nimmt, widmet sich der 33-jährige belgischer Blogger und Freizeitfotograf Hannes Coudenys seit 2011 den architektonischen Absurditäten seines Heimatlands.

Selbst in seinem eigenen, vielfach umgebauten Haus aus den 1960ern entdeckt Coudenys jene kleinen ästhetischen Inkonsequenzen, die für ihn Alltagsarchitektur erst spannend machen. Nach einem fulminanten Start stellten sich für seinen Blog juristische Probleme ein, weil sich einzelne Haubesitzer angeprangert fühlten. Coudenys zog zunächst entnervt den Stecker, hatte aber inzwischen so viel mediale Aufmerksamkeit erregt, dass er sein Projekt wieder aufnahm. Heute können Eigentümer das Foto Ihres Hauses auf Wunsch durch ein rotes Kreuz ersetzen lassen – wovon rund 10 % der „Betroffenen“ Gebrauch machen. Sein Motiv habe sich, so Coudenys, von anfänglichem Schaudern über ästhetische Wut mit Sendungsbewusstsein hin zu seinem von Ironie geprägten Umgang weiterentwickelt. Unter „uglybelgianhouses“ sind seine Fundstücke aktuell in mehreren Formaten zu besichtigen: via Facebook, auf instagram oder tumblr. Und wer es analog mag, kann die belgischen Schönheiten auch als Buch oder Sonderdruck erwerben. (kb, 22.3.16)

Trümmerbahnenminigolf

Ina Weber Trümmerbahnen-Minigolf 2010 Beton, Eternit, Metall, diverse Materialien © Ina Weber, Courtesy Galerie Hammelehle und Ahrens, Köln und Georg Kargl Fine Arts, Wien
Ina Weber, Trümmerbahnen-Minigolf,, 2010 (Copyright: Ina Weber, Courtesy Galerie Hammelehle und Ahrens, Köln und Georg Kargl Fine Arts, Wien, Foto: Marc Brandenburgh/Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH, 2015)

Sie sollten der Bonner Bundeskunsthalle unbedingt aufs Dach steigen: Eben dort ist noch bis zum 25. Oktober 2015 die Ausstellung „Ärger im Paradies“ zu bewundern. 14 zeitgenössische Künstler setzen sich im Dachgarten, auf dem Museumsplatz und im Foyer mit den Themen „Garten“ und „Natur“ auseinander. Das Ausstellungsprojekt lässt eine vielschichtige Landschaft mit eigens von Künstlern gestalteten (Garten-)Räumen, aber auch bereits existierenden Kunstwerken entstehen. Mit von der Partie sind Namen wie Michael Beutler, Tobias Rehberger – und Ina Weber.

Webers „Trümmerbahnen-Minigolf“ auf dem Dach der Bundeskunsthalle ist nicht mit Eternit-Konstruktionen, sondern mit Relikten einer „modernistischen Architektur“ bestückt. Die Installation weckt Kindheitserinnerungen und irritiert zugleich: „Der Ball soll durch eine historische Fassade jongliert, durch einen Plattenbau geführt, an einem alten Lido-Kino vorbeigespielt oder unter einem mit Graffiti besprühten Pavillon eingelocht werden?“ Spielerisch wird die umgebende – in ihrer modernen Geste schon nostalgisch gefärbte – Architektur in einzelnen Funktionsbauten herausgehoben und damit neu in den Blick gerückt. (kb, 7.5.15)

Southern Modernisms

Porto, moderne Fassade (Bild: J. Moutinho)
Porto: Gesucht werden die „Ausreißer“ im gleichförmigen Bild der Internationalen Moderne (Bild: J. Moutinho)

Bereits seit Jahrzehnten wird der Moderne-Begriff kritisch diskutiert – auch für die Architektur und die bildenden Künste. Hier will die internationale Konferenz „Southern Modernisms: Critical stances through regional appropriations“ vom 19. bis zum 21. Februar 2015 in Porto/Portugal anknüpfen. Gesucht wird ein moderner Regionalismus jenseits des „kolonialen“ Internationalen Stils. Der Tagungstitel „Southern Modernisms“ meint dabei moderne Strömungen in der Populärkultur der südlichen Länder: von der Volkskunst bis zur Alltagsarchitektur.

Für die Tagung sind noch Vorschläge willkommen: 1. zur Eingrenzung von Begriffen wie Modernismus und Regionalismus, Volkskunst und Alltagsarchitektur; 2. zu Forschungen zu Gegensatzpaaren wie Zentrum und Peripherie, „hoher“ und Volkskunst, Ost und West, Nord und Süd; 3. zur Diskussion, ob moderne Kunst zwingend abstrakt und/oder rationalistisch sein muss; 4. zum Aufzeigen der politischen Seiten der modernen Kunstdiskussion (für den faschistischen Populismus in Südeuropa, die Widerstandskraft des Regionalismus, die kritische Rolle der Fotografie u. v. m.). Bis zum 19. Oktober 2014 können Vorschläge für eine 20-minütige Präsentation in Englisch (mit Titel, Daten zum Vortragenden, einem Abstract (max. 300 Worte), einem kurzen Lebenslauf) eingereicht werden unter: southernmodernisms@gmail.com. (kb, 22.9.14)