Altstadt

Nordwestzentrum (Bild: Archäologisches Museum Frankfurt, CC by SA 3.0)

Altes Frankfurt – Neues Frankfurt

In Frankfurt dreht sich derzeit alles um die „neue“ Altstadt. Am letzten Septemberwoche steigt die große Eröffnungsfeier, aktuell widmet sich eine Ausstellung im DAM dem Thema. Das Filmkollektiv Frankfurt nimmt die Eröffnung zum Anlass für eine filmische Spurensuche von 1896 bis in die Gegenwart. Dabei finden sowohl Dokumentationen als auch Amateuraufnahmen und experimentelle Werke Berücksichtigung. Die Veranstaltungsreihe läuft einen Monat lang und gastiert im Kino des Deutschen Filmmuseums, der Evangelischen Akademie Frankfurt, dem Filmforum Höchst, dem Nordwestzentrum und dem Studierendenhaus auf dem Campus Bockenheim.

Neben historischen Aufnahmen der ursprünglichen Frankfurter Altstadt vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg stehen unter anderem die Architektur des Neuen Frankfurt, der Wiederaufbau der 1950er Jahre und die Planung der Nordweststadt auf dem Programm. Letztgenanntem Thema ist sogar eine brandneue Dokumentation gewidmet, die im Rahmen der Reihe Premiere feiert. Die Auftaktveranstaltung am 26. September widmet sich im Kino des Filmmuseums selten gezeigten Altstadt-Filmen der 1930er bis 1980er. Los geht es um 20.30 Uhr. (kb, 23.9.18)

Frankfurt, Nordweststadt, um 1970 (Bild: Archäologisches Museum Frankfurt, CC BY SA 3.0)

Frankfurt, neuer Hühnermarkt (Bild: Uwe Dettmar/DAM)

Frankfurt und „Die immer neue Altstadt“

Eines der meistdiskutierten Neubauprojekte Deutschlands wird ab 22. September 2018 im  Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM) gewürdigt. Seine Ursprünge liegen in der Katastrophe des Kriegs: 1000 Menschen starben bei den Luftangriffen auf Frankfurt am 18. und 22. März 1944, innerhalb Stunden fielen hunderte Jahre Stadtgeschichte dem Feuersturm zum Opfer. Die Altstadt zwischen Dom und Römer wurde zerstört. Zurück blieben eine (planerische) Dauerbaustelle und ein Sehnsuchtsort – nach Historie, Gemütlichkeit, Identität. Doch schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses Areal immer wieder diskutiert, umgebaut, neu interpretiert. Von Straßendurchbrüchen und ersten großflächigen Abrissen Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum „Altstadtgesundungs“-Programm der Nationalsozialisten.

Bald nach 1945 entbrannten um die Altstadt die ersten emotionalen Rekonstruktions-Debatten. Doch zunächst entstanden gemäßigt moderne Bauten, ehe man beim Technischen Rathaus 1972 die große Geste wählte. Die 1980er brachten mit der Ostzeile die erste Rekonstruktion, zudem hielt die Postmoderne mit der Schirn und den Saalgassen-Wohnhäusern Einzug. Wie nach dem Abrissbeschluss fürs Technische Rathaus die historisierende Neubau-Diskussion erneut einsetzte, und wie daraus die neue Altstadt hervorging, wird eine zentrale Frage der DAM-Ausstellung sein. Im Katalog kommen neben Kurator Philipp Sturm und Direktor Peter Cachola Schmal u. a. Martin Mosebach, Andreas Meier und Stephan Trüby zu Wort. Die Chancen für eine fruchtbare Kontroverse stehen gut! (db, 17.9.18)

Sturm, Philipp/Cachola Schmal, Peter, Die immer neue Altstadt. Bauen zwischen Dom und Römer seit 1900, Jovis Verlag, Berlin 2018, Hardcover, 19,5 x 27 cm, 368 Seiten, rund 250 Farb- und Schwarz-Weiß-Abbildungen, Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-86859-501-7.

Frankfurt, neuer Hühnermarkt (Bild: Uwe Dettmar/DAM)

Virtuelle Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt im Bestand des Jahres 1944 (Bild: Jörg Ott, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Braucht es einen Rekonstruktions-Watch?

Vor vier Wochen schrieb Dr. Stephan Trüby in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die „Urszene“ der „Neuen Frankfurter Altstadt“. Nach seinen Ausführungen waren es der rechtsradikal gesinnte Autor Dr. Claus Wolfschlag und sein politischer Weggefährte Wolfgang Hübner, die 2005 den Antrag der „Freien Wähler BFF (Bürgerbündnis für Frankfurt)“ formulierten, der in heute 15 rekonstruierte Häuser zwischen Dom und Römer mündete. Trübys Artikel löste einen Shitstorm aus – im Blog „Politically Incorrect“ etwa schrieb Hübner: „Trüby, Luxusantifaschist des Jahrgangs 1970, bekennt sich mit solch wutschnaubender Polemik als überzeugter Anhänger einer aus dem verbreiteten ‚Schuldkult‘ resultierenden ‚Sühnearchitektur‘, die viele deutsche Städten mit Betonbrutalismus und Traditionsverachtung verschandelt.“

Via Online-Petition fordern die ARCH+-Mitherausgeber Dr. Nikolaus Kuhnert und Anh-Linh Ngo daher einen Rekonstruktions-Watch: „Urbane Gesellschaften […] sollten sich künftig genauer darüber informieren, mit wem sie gemeinsame (Stadtbild-)Politik betreiben.“ Denn hinter einer umfassenden Moderneschelte verberge „sich oft genug die Geschichtspolitik von Rechtspopulisten und Rechtsradikalen“. Der Aufruf trägt die Signatur von über 50 namhaften Erstunterzeichnern von Prof. Arno Brandlhuber und Prof. em. Dr. Werner Durth über Oliver Elser und Christian Holl bis hin zu Prof. Dr. Hans-Rudolf Meier und Prof. em. Dr. Karin Wilhelm. (kb, 4.5.18)

Virtuelle Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt im Bestand des Jahres 1944 (Bild: Jörg Ott, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Hamburg, Cityhof, 1958 (Bild: Herbert Wedemeyer)

Die neue Stadt

Das „Forum Stadt – Netzwerk historischer Städte e. V.“ hat zum sechsten Mal den Otto-Borst-Preis für Stadterneuerung ausgelobt. Mit der Preisverleihung prämiert der Verein „herausragende Maßnahmen aus Erhaltung, Sanierung, Umnutzung und Weiterbau“. Diese sollen die prägende Stadtsubstanz weiterentwickeln, der zeitgemäßen Nutzung dienen und den Stadtcharakter wahren. Der Wettbewerb ist offen für öffentliche wie private Bauherren und Planer, für städtische Einzelobjekte oder Ergebnisse städtebaulicher Planungen. Ausgenommen sind architektonische Leistungen ohne städtebaulichen Kontext sowie ausschließlich restauratorische Sanierungsmaßnahmen. Wesentliche Inhalte der Planung sollen bereits sichtbar sein, abgeschlossene Maßnahmen nicht länger als drei Jahre zurückliegen.

Einzureichen sind bis zum 15. Dezember 2017 (Poststempel) ein Anschreiben und bis zu zwei Pläne (DIN A0). Zusätzlich kann erläuternder Text (maximal 2 DIN A 4-Seiten) beigefügt werden. Die vollständigen Unterlagen müssen sowohl als Print- als auch als Dateiversion auf CD (kein USB-Stick) eingereicht werden an: Forum Stadt – Netzwerk historischer Städte e. V. Stichwort Otto-Borst-Preis 2018, Ritterstrasse 17, 73728 Esslingen am Neckar. Auskunft erteilt: Dipl.-Ing. Julius Mihm, Baudezernat, Rathaus, Haus Rettenmayr, Marktplatz 1, 73525 Schwäbisch Gmünd, baudezernat@schwaebisch-gmuend.de. Auf seiner nächsten öffentlichen Internationalen Städtetagung in Rostock 2018 verleiht Forum Stadt e. V. den Otto-Borst-Preis 2018 mit Urkunde und einer Porzellanplakette. (kb, 16.10.17)

Hamburg, Cityhof, 1958 (Bild: Herbert Wedemeyer)

Produkt Altstadt

produkt_altstadt_transcript-verlagWeltweit entstehen neue Altstädte – die Unterscheidbarkeit zwischen historischen Stadtzentren und deren Imitationen wird dabei zunehmend unerheblich. Mit ihrem neuen Band „Produktion Altstadt“ skizzieren die beiden Herausgeber Carmen M. Enss und Gerhard Vinken diese Entwicklung seit ihren Anfängen im frühen 20. Jahrhundert und ordnen sie in die Stadtbaugeschichte der Moderne ein. Enss (Dr.-Ing.) studierte Architektur an der TU München und forscht zur Geschichte von Städtebau und Denkmalpflege an der Universität Bamberg. Vinken (Prof. Dr. phil.) ist Kunsthistoriker und Professor für Denkmalpflege/Heritage Sciences an der Universität Bamberg.

Die Herangehensweisen der Beitragsautoren des Tagungsbands reichen hierbei vom Heimatschutz über den Wiederaufbau bis zur Postmoderne und aktuellen Rekonstruktionsprojekten, wobei hygienische, ästhetische und denkmalpflegerische Fragen ebenso beleuchtet werden wie wechselnde Nutzungen und Akteurskonstellationen. Der Band bietet ein aktuelles interdisziplinäres Kompendium zum Thema Altstadt, das über die Fachkreise hinaus von Interesse ist. (kb, 7.10.16)

Enss, Carmen M./Vinken, Gerhard (Hg.), Produkt Altstadt. Historische Stadtzentren in Städtebau und Denkmalpflege, Transcript-Verlag, Bielefeld 2016, 280 Seiten, broschiert, ISBN 978-3-8376-3537-9.

Produkt Altstadt

Wuppertal-Elberfeld, Fußgängerzone, 1976, (Bild: Bundesarchiv B 145 Bild F049396-0010, CC BY SA 3.0.de, Foto: Detlef Gräfingholt)
Wuppertal-Elberfeld, Fußgängerzone, 1976, (Bild: Bundesarchiv B 145 Bild F049396-0010, CC BY SA 3.0.de, Foto: Detlef Gräfingholt)

Altstädte sind eine neue Schöpfung – sie wurden von modernen Strömungen, von der Heimatschutzbewegung bis zur Postmoderne, „gemacht“. Und heute ist die europäische Stadt wieder ein Erfolgsmodell. Weltweit entstehen Viertel mit „altstädtischem“ Charakter. Die Unterscheidbarkeit zwischen historischen Stadtzentren und deren Nachahmern scheint unerheblich zu werden. Aus welchen Quellen speist sich diese Bewegung? Vom 7. bis zum 9. Mai 2015 widmet sich die Universität Bamberg (Lehrstuhl für Denkmalpflege/Heritage Sciences, Institut für Archäologie, Denkmalkunde und Kunstgeschichte) dieser Frage mit der Tagung „Produkt Altstadt – The Making of the Old Town. Eine Bestandsaufnahme“.

Einige Fachvorträge beleuchten internationale Vergleichsbeispiele, so den Denkmalbestand in Japan, die Entwicklung in Seoul, die Altstadtsanierung in Straßburg, die moderne Städtebautheorie in Italien, die Veränderungsprozesse in Belgrad und Sarajevo oder die Erfassung des Denkmalbestands in Zürich. Vor diesem Hintergrund werden bundesdeutsche Fragestellungen beleuchtet: vom Altstadtbegriff eines Theodor Fischer über die Bedeutung der Heimatschutzarchitektur in Soest oder das bürgerschaftliche Engagement zwischen Denkmalpflege und Rekonstruktion bis hin zur Altstadtsanierung in Hannover zwischen 1934 und 1939. Veranstaltungsort ist die Otto-Friedrich-Universität Bamberg (An der Universität 7, Raum U7/01.05, 96047 Bamberg). Die Vorträge sind öffentlich, eine Tagungsgebühr wird nicht erhoben, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. (kb, 19.4.15)