Petticoat und Nierentisch in Gera

Die Stadt Gera ist dem Freund klassisch-moderner Kunst in erster Linie wegen ihres berühmten Sohnes Otto Dix bekannt. Doch auch für Fans der Nachkriegsmoderne lohnt sich derzeit ein Ausflug nach Thüringen: Das Museum für Angewandte Kunst Gera widmet dem Alltagsdesign der 50er unter dem Namen „Tütenlampe, Petticoat und Nierentisch“ eine eigene Sonderausstellung.

Zu sehen sind Möbel, Kleidung und Alltagsgegenstände der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte. Dabei stoßen Produkte der westdeutschen Wirtschaftswunderjahren auf die Formgestaltung der DDR, die bis zur berüchtigten Formalismusdebatte gerne an die Tradition von Werkbund und Bauhaus ansknüpfte. In beiden Staaten avancierte Design bald zum Massenprodukt, die Gestalter blieben hinter der Bekanntheit ihrer Entwürfe zurück. Die Ausstellung versammelt unter anderem Arbeiten von so prominenten Designern wie Mart Stam, Horst Michel, Tea Ernst, Erna Hitzberger und Raymond Loewy. Sie ist bis zum 3. Juni zu sehen. (jr, 1.5.18)

Bild: Stadtverwaltung/Steffen Weiß

Begreifbare Baukunst

Begreifbare Baukunst

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Bei einigen Exponaten musste das Grassimuseum nicht lange suchen: Türklinke im Museumsbau von Hans Kollhoff (Bild: Grassimuseum Leipzig)

Im Leipziger Grassimuseum geben sich in den kommenden Monaten Karl Friedrich Schinkel, Walter Gropius, Jasper Morrison und andere bedeutende Baumeister die Klinke in der Hand. Gewürdigt werden sie jedoch nicht in Einzelausstellungen, vielmehr ein verbindendes Detail ihrer Arbeit vergleichend nebeneinander gestellt: der Türdrücker. Als haptischer Berührungspunkt zwischen Mensch und Bauwerk sahen und sehen sich Türdrücker und -griffe stets in der Verantwortung, Architektur im Kleinen zu repräsentieren.

Die Ausstellung „Begreifbare Baukunst. Die Bedeutung von Türgriffen in der Architektur“ versammelt 30 Stelen mit historischen und zeitgenössischen Türgriffen, die in Form, Material und Konzeption deutlich divergieren. Ihre Entstehungszeit reicht vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Die Schau fordert ihre Besucher ausdrücklich zum „Begreifen“ aus. So können sie etwa im Selbstversuch ergründen, ob die Handschmeichler den „Vier Gebote des Greifens“ folgen, welche der Designer Otl Aicher in den 1980ern in Form obligatorischer Must-Haves für Klinken aufstellte: Daumenbremse, Zeigenfingerkuhle, Ballenstütze und Greifvolumen. Die Ausstellung ist noch bis zum 14. Mai 2017 zu sehen. (jr, 26.11.16)

Es folgt: Die Werbung

Es folgt: Die Werbung

Continental-werbung (Bild Railweh 10, cc-by-sa-3.0)
Das ideale Accessoire zur autogerechten Stadt (Bild: Railweh 10, cc-by-sa-3.0)

Nur echt mit 52 Zähnen – diesen Slogan eines Hannoveraner Plätzchenbäckers kennt wohl jeder. Und dies ist nicht die einzige Werbung aus der niedersächsischen Hauptstadt, die im Kopf der Vor- und Nachkriegsgenerationen geblieben ist. Auch Firmen wie Continental, Pelikan oder Sprengel machten mit breit angelegten Kampagnen auf ihre Produkte aufmerksam.

Die Ausstellung „Reklamekunst aus Hannover“ lässt Klassiker der Werbung aus den Jahren 1900 bis 1970 Revue passieren, die Produkte aus der Stadt an der Leine anpriesen. Anfang des 20. Jahrhunderts eröffnete sich in Deutschland mit der Werbung ein neues Berufsfeld für Gafiker und Designer. Dabei war keineswegs ausgemacht, dass Reklame nur eine Banalität des Alltags sei. Viele sahen in ihr vielmehr eine potentiell anspruchsvolle Form der angewandten Kunst. Die Ausstellung versammelt Werbung nach Entwürfen von Künstlern aus Hannover, aber auch von renommierten Ge­brauchsgrafikern aus ganz Deutschland, unter anderem Änne Koken, Ferdy Horrmeyer und Paul Rademacher und Martel Schwichtenberg. Sie ist bis zum 29. Januar 2017 im Museum August Kestner zu sehen. (jr, 3.10.16)