FOTOSTRECKE: Urlaubsgrüße aus Noordwijk aan Zee

von Lothar Hammer

Diese Bilder waren nie dazu gedacht, veröffentlicht zu werden. Sie entstanden während eines Kurzurlaubs im Sommer 2020 in Noordwijk aan Zee in den Niederlanden. Rückblickend vermitteln sie jedoch – legt man sie neben Postkarten aus den ersten Nachkriegsjahrzehnten – einen guten Eindruck von der architektonischen Entwicklung eines typischen Tourismuszentrums an der holländischen Küste. Wer sich in Noordwijk in Richtung Strand bewegt (wo will man auch sonst hin), kommt an diesem Bild nicht vorbei: Apartmenthausblocks der 1960er und 1970er Jahre beherrschen die Stadt. Vor lauter Großbauten übersieht man fast das eigentliche Zentrum, einen 1962 angelegten Platz (Vuurtorenplein), eingefasst von eingeschossigen Ladenzeilen. Auf einer Postkarte aus der Bauzeit steht in der Mitte die Brunnenfigur „Janus“ des Künstlers Joop van Kralingen von 1964, wie sie bis heute vor Ort zu finden ist.

Zwischen dem Leuchtturmplatz und dem alten Zentrum wird der Parallel-Boulevard gesäumt von mehrgeschossigen Bauten der 1970er bis 1990er Jahre. Eine Häuserzeile weiter verläuft der Koningin-Wilhelmina-Boulevard. In dieser Strandpromenade mischen sich Überbleibsel der Vorkriegszeit mit Zeugen der Nachkriegsmoderne und Neo-Historismen. Schon in den späten 1970er Jahren regte sich vor Ort – vergebens – Kritik an den Betonburgen, die inzwischen selbst wieder unter großen Veränderungsdruck geraten. Am Strand thront bis heute auf der höchsten Düne das 1885 begründete „Huis ter Duin“, das im Laufe der Jahrzehnte immer wieder erweitert wurde und damit die prägenden Stile der Tourismusarchitektur von Noordwijk in einem Ensemble zusammenfasst. Wer die teils plattenbauartige Struktur mit „billig“ gleichsetzt, der irrt: Die Anlage umfasst ein Fünf-Sterne-Hotel mit Luxus-Apartments – eine 130-Quadratmeter-Ferienwohnung wird dort für rund 2,5 Millionen Euro angeboten. (24.3.21)

Noordwijk aan Zee, Apartmentbauten nahe dem Vuurtorenplein, 1963 (Bilder: links: historische Postkarte, wohl 1960er Jahre; rechts: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, Apartmentbauten nahe dem Vuurtorenplein, 1963 (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, Hotel- und Apartmentanlage „Huis ter Duin“, 1885 begründet und immer wieder erweitert (Bilder: links: historische Postkarte; rechts: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, Hotel- und Apartmentanlage „Huis ter Duin“ (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, links: Apartmentanlagen am Koningin-Wilhelmina-Boulevard (Bilder: links: historische Postkarte, um 1980; links: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, vergleichbare Apartmentanlage am Parallel-Boulevard (benachbart zum Koningin-Wilhelmina-Boulevard), 1978 (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee (Bild: historische Postkarte)

Noordwijk aan Zee, Tourismusarchitektur („Blaue Gans“) (Bild: historische Postkarte)

Noordwijk aan Zee (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, Apartmentbauten nahe dem Vuurtorenplein, 1963 (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee (Bild: historische Postkarte)

Noordwijk aan Zee, Tourismusarchitektur (Bild: historische Postkarte)

Noordwijk aan Zee (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, Apartmentbauten nahe dem Vuurtorenplein, 1963 (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, Leuchtturm, 1921, und Tourismusbauten am Vuurtorenplein, 1962/63 (Bilder: links: historische Postkarte; rechts: Lothar Hammer, 2020)

Titelmotiv: Noordwijk aan Zee, Vuurtorenplein (Bild: historische Postkarte, 1960er Jahre)

Zum Tode von Klaus Kinold

Der Architekturfotograf Klaus Kinold ist im Alter von 81 Jahren verstorben. Seine zeitlosen Fotografien werden in Erinnerung bleiben. Noch im vergangenen Jahr war ein kleiner Ausschnitt seines Schaffens in einer Ausstellung im Museum DKM in Duisburg zu sehen. Präsentiert wurden Fotografien, die eine Grabanlage des italienischen Architekten Carlo Scarpa zeigen. Hinzu kamen Motive, die Kinold auf Reisen nach Italien entdeckte, wo er in Venetien die Möglichkeiten der Panoramafotografie auskostete. Ebenso nahm er Bauten von Ludwig Mies van der Rohe oder Le Corbusier vor die Linse. Doch nicht nur die Meisterwerke der klassischen Moderne begeisterten ihn: Hans Döllgast, Karljosef Schattner oder Josef Wiedemann, als Vertreter einer bayerisch-gemäßigten Moderne waren für Kinold nicht weniger bildwürdig. Gerne lichtete er ihe Bauten in schwarz-weiß ab, sein Credo: „Ich will Architektur zeigen, wie sie ist“.

Bekannt wurde Kinold Ende der 1960er Jahre und durchaus mit Mut zur Farbe, als er nach seinem Architekturdiplom, das er an der TH Karlsruhe unter Egon Eiermann erwarb, für die Zeitschrift „KS Neues“ verantwortlich war. Dieses anspruchsvolle Fachblatt rückte Gebäude mit dem Material Kalksandstein in den Fokus. Überhaupt hatte es in der Nachkriegszeit für so manchen Baustoff ein prätentiöses Magazin gegeben, von „ac – Die internationale Asbestzementrevue“ bis hin zu „Glasforum“. In diesem Potpourri elaborierter Druckerzeugnisse waren es Kinolds Gestaltung und seine Fotografien, die aus KS Neues etwas ganz Besonderes mach(t)en. (mk, 22.3.21)

Titel: Klaus Kinold bei einer Vernissage in Bielefeld 1993 (Copyright Wilfried Dechau)

Wanted: Mainz retro

Wer mit Mainz nur „Weck, Worscht un Woi“ verbindet, der ist den „Betonisten“ noch nicht begegnet. Der junge Kreis – unter ihnen Studierende, Dozent:innen und Doktorand:innen – hat sich der Ehrenrettung der rheinland-pfälzischen Architekturmoderne verschrieben. Im März 2019 erhielt die Initiative dafür den Deubner-Preis des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker. Ausgangspunkt des Engagements war die Diskussion um das von Arne Jacobsen und Otto Weitling 1973 gestaltete Rathaus, für dessen Werte die „Freunde des Rathauses“ in der Presse und einer interessierten Öffentlichkeit warben. Doch rasch kamen weitere Bauten in Mainz in den Blick – vom Allianz-Haus über die Pavillons auf der Ludwigsstraße bis zur Gutenberg-Akademie.

In den vergangenen Tagen wiesen die Betonisten mit dem zweiten Forum Nachkriegsarchitektur erneut auf die Werte des Mainzer Rathauses hin. Hier wurde angekündigt, den dortigen Bauzaun mit Motiven der Nachkriegsjahrzehnte zu bespielen. Daher gehen die Betonisten nun unter die virtuellen Fotosammler – aktuell suchen sie „nach schönen nostalgischen Fotos von Mainzer Gebäuden aus den 50er, 60er und 70er Jahren“. Fündig werde man etwa in der Familie oder in privaten Alben. Möglich sind Motive wie die Ludwigstraße, das Gutenberg-Museum, das Taubertsbergbad, das Rathaus, das Stadthaus, der Campus, abgerissene Gebäude, Kommunionsfeiern in Nachkriegskirchen, Industriecharme u. v. m. Für Schönheiten wie das Allianzhaus (1965, L. Goerz), das ab März leergezogen sein wird und damit erneut akut abrissbedroht ist, könnten solche Fotografien bald die letzte Erinnerung darstellen. (kb, 28.2.21)

Mainz, die Ludwigsstraße in den Nachkriegsjahrzehnten (Bild: Die Betonisten)