FACHBEITRAG: Paradiese aus Glas?

von Laura Rehme (20/3)

Anfang des 20. Jahrhunderts formulierte der deutsche Schriftsteller und Phantast Paul Scheerbart im Essay „Glasarchitektur“ seine Vision einer utopischen Architektur der Zukunft: Die Menschen leben in Häusern aus Glas, welche die Erde wie funkelnder Kristallschmuck überziehen. Licht, Luft und Sonne sind überall. „Die Herrlichkeit“, schrieb er, „ist gar nicht auszudenken. Wir hätten dann auf der Erde überall Köstlicheres als die Gärten aus tausend und einer Nacht. Wir hätten dann ein Paradies auf der Erde und brauchten nicht sehnsüchtig nach dem Paradies im Himmel auszuschauen.“ Die Transparenz des Baumaterials löse die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum auf. Damit besserten sich nicht nur die Lebensumstände der Menschen, davon ist der Autor überzeugt, sondern auch die Menschen selbst.

Straßenzug in der Siedlung Italienischer Garten (Otto Haesler), Celle, Filmstill (Bild: Bauhaus-Archiv Berlin)

Straßenzug in der Siedlung Italienischer Garten (Otto Haesler), Celle, Filmstill (Bild: Bauhaus-Archiv Berlin)

Gründerzeit und Neues Bauen

Mit seiner Vision einer Gesellschaft von morgen inspirierte Scheerbart Künstler, Literaten und Architekten. Nach dem Ersten Weltkrieg suchten sie angesichts von Wohnungsnot und katastrophalen hygienischen Zuständen nach Möglichkeiten, neuen und zeitgemäßen Wohnraum für die Bevölkerung zu schaffen. Architekten wie Bruno Taut, Hans Scharoun und Walter Gropius waren sich einig: Nur durch eine neue Bauweise und neue Materialien wie Stahl, Beton und Glas lasse sich der Lebensraum der Menschen optimieren und die Gesellschaft grundlegend verändern. Angepasst an das moderne Leben, sollte die neue Architektur frei von überflüssigen Formen, funktional und transparent sein, um eine Verbindung mit der sie umgebenden Natur herzustellen. Die Gründerzeitbauten mit ihren ornamentierten Fassaden und dunklen Hinterhöfen hingegen wurden zunehmend mit der mangelnden Hygiene und den sozialen Missständen assoziiert. Sie avancierten schließlich selbst zum Ausdruck gesellschaftlicher Degeneration, wie der österreichische Architekt Adolf Loos es bereits 1908 in seinem berühmten Aufsatz „Ornament und Verbrechen“ postuliert hatte.

Außenansicht Meisterhaus, Bauhaus Dessau, Filmstill (Bild: Bauhaus-Archiv Berlin)

Außenansicht eines der Meisterhäuser, Bauhaus Dessau, Filmstill (Bild: Bauhaus-Archiv Berlin)

Die Bauhaus-Filmreihe

Zeitgleich etablierte sich der Film international als Unterhaltungs- und Dokumentationsmedium. Es entstanden aufwändige Produktionen wie Fritz Langs „Metropolis“, Robert Siodmaks und Billy Wilders „Menschen am Sonntag“ oder Walter Ruttmanns „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“. Auf sehr unterschiedliche Weise fingen sie das urbanisierte Leben und die Architektur der Großstadt ein. Bald erkannten auch die Architekten das Potenzial des neuen Mediums. Insbesondere im Vergleich mit der Fotografie, die seit ihrer Erfindung im 19. Jahrhundert vorrangig zur Architekturvermittlung eingesetzt wurde, waren die Vorteile unverkennbar: Statt eines statischen Abbilds gewährte der Film einen Raumeindruck. Die suggerierte Bewegung kam der natürlichen Seherfahrung am nächsten. Begeistert erklärte etwa der Architekt Bruno Taut: „die bewegliche kinematographische Aufnahme ersetzt beinahe die Führung um und durch einen Bau“.

Einer der ersten Architekten, der den Film für seine Zwecke nutzte, war Walter Gropius, damals Direktor des Staatlichen Bauhauses in Weimar. Bei einem Vortrag im März 1926 begegnete er Hermann Beck, dem Direktor der Humboldt Film GmbH. Begeistert von Gropius‘ Ausführungen zum Neuen Bauen, schlug dieser vor, einen Film über das Bauhaus Dessau zu produzieren. 1926 bis 1928 entstand daraufhin – unter der Aufnahmeleitung von Gropius – die Reihe „Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich?“. Die praktische Ausführung übernahm Richard Paulick, der bereits als Cutter für Klassiker wie Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ Erfahrung mit dem neuen Medium gesammelt hatte.

Trostlose Hausfassade eines Berliner Hinterhofs, Filmstill (Bild: Bauhaus-Archiv Berlin)

Trostlose Fassaden eines Berliner Hinterhofs, Filmstill (Bild: Bauhaus-Archiv Berlin)

Soziale Missstände anprangern

Ursprünglich bestand die Bauhaus-Filmreihe aus vier Teilen, von denen der zweite jedoch heute verschollen ist. Die drei überlieferten Akte – „Wohnungsnot“, „Das neue Haus“ und „Neues Wohnen: Haus Gropius“ – bauen inhaltlich aufeinander auf und folgen einer in sich geschlossenen Argumentation: Die sozialen Missstände in den Großstädten werden dem komfortablen Wohnen in den Siedlungen des Neuen Bauens gegenübergestellt.

Dabei kontrastiert der Film alte und neue Bausubstanz. Immer wieder gleitet die Kamera im ersten Akt mit einem vertikalen Schwenk an der kahlen Hauswand eines lichtlosen Hinterhofs hinab. Der Blick durch eines der Fenster geht hinaus auf diese Wand, von welcher der Putz abbröckelt. Kurze Spielfilmszenen, eingeschnitten aus dem Film „Die Verrufenen“ (1925) von Gerhard Lamprecht, verdeutlichen die katastrophale Lebenssituation in den Mietskasernen: Eine Katze frisst vom Tisch und Kinder spielen im Dreck mit einer toten Ratte, während sich die Erwachsenen in der Wirtsstube nebenan betrinken. Diese Darstellung moralischen Verfalls gipfelt in einer Mordszene, die in der Dunkelheit der Hinterhöfe geschieht.

Außenansicht Siedlung Georgsgarten, Filmstill (Bild: Bauhaus-Archiv Berlin)

Außenansicht der Siedlung Georgsgarten, Filmstill (Bild: Bauhaus-Archiv Berlin)

Licht und Luft

Im Kontrast dazu inszenieren die beiden folgenden Akte der Filmreihe – „Das neue Haus“ und „Neues Wohnen: Haus Gropius“ – das komfortable Leben in den neuen Siedlungen. Mit horizontalen Fahrten gleitet die Kamera an den weitläufigen Gebäudekomplexen entlang. Die einzelnen Bauten sind durch großzügige Grünflächen voneinander getrennt; die weißen Fassaden erstrahlen im Sonnenschein – hier gibt es Licht und Luft für alle Bewohner. Der Blick geht nicht mehr hinaus auf eine graue Hauswand, sondern ins Grüne. Und auch die Kinder spielen nicht länger im Dreck, sondern in gepflegten Wohnanlagen mit Gärten.

Noch deutlicher werden diese Vorzüge – so betont ein Zwischentitel im Film – beim Ideal des modernen Wohnens: im Eigenheim. Exemplarisch wird dies am Haus des Bauhausdirektors in Dessau vorgeführt. Bereits die erste Einstellung ist idyllisch: Inmitten eines Kiefernwäldchens liegt das Direktorenhaus. Die kubischen Formen des weiß verputzten Gebäudes leuchten zwischen schwarzen Baumstämmen hervor – ein ästhetischer Kontrast, den auch die Fotografin Lucia Moholy für ihre ikonischen Aufnahmen der Meisterhäuser nutzte.

Die Veranda des Direktorenhauses, Bauhaus Dessau, Filmstill (Bild: Bauhaus-Archiv Berlin)

Veranda des Direktorenhauses, Bauhaus Dessau, Filmstill (Bild: Bauhaus-Archiv Berlin)

Komfortabel leben

Die Annehmlichkeiten des zeitgemäßen Wohnens werden im Film zum Teil einer kleinen Narration: Ise Gropius, Ehefrau des Bauhausdirektors, präsentiert ihren Gästen das Haus und seine Einrichtung. Die Frauen haben dabei sichtlich Spaß – dank der modernen Hausgeräte und der funktionalen Möbel bleibt viel Zeit für Entspannung (das Übrige übernimmt ein Hausmädchen). Einzelne Bauelemente integrieren die Natur optisch in den Innenraum: von der dreiseitig verglasten Veranda bis zu den großzügigen Fenstern in Wohn- und Arbeitszimmer. Die Glasflächen garantieren also nicht nur Licht und Luft, sondern verwischen – wie bereits Scheerbart proklamierte – visuell die Grenze zwischen Innen- und Außenraum.

Die Botschaft des Films ist eindeutig: Durch den Zugang zur Natur, die Öffnung zum Außenraum und die ökonomische Einrichtung werden hygienische Lebensbedingungen geschaffen. Dieser integrale Bestandteil der visionären Theorien zum Neuen Bauen wird im Film aufgegriffen. Dennoch liegt der Fokus der Bauhaus-Reihe, wie bereits der Titel andeutet, auf der ideologischen Propagierung von Funktionalität und Kostenersparnis dieser architektonischen Ideen.

Außenansicht und Innenansicht der Villa Savoye in Poissy mit Pilotis und Langfenstern, Filmstill (Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Außenansicht und Innenansicht der Villa Savoye, Filmstill (Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Le Corbusier und der Film

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der schweizerisch-französische Architekt Le Corbusier durch „Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich?“ zu einem eigenen Film inspiriert wurde. Denn das Grundmuster der Bauhaus-Reihe findet sich ebenfalls im 1930 entstandenen Film „Architectures d’aujourd’hui“. Produziert für die gleichnamige Zeitschrift in Zusammenarbeit mit dem Kameramann Pierre Chenal, wird hier die französische Architektur des Neuen Bauens vorgestellt. Le Corbusier nutzte seinen Film vor allem, um auf Vorträgen und Kongressen für eigene architektonische Theorien zu werben. So erstaunt es nicht, dass „Architectures d’aujourd’hui“ mit dem berühmten Postulat von der „Wohnmaschine“ beginnt. Anhand ausgewählter Villenbauten wird dann im Mittelteil beispielhaft Le Corbusiers Architekturprogrammatik präsentiert.

Zentral für diese Theorie sind die ‚Fünf Punkte moderner Architektur‘, die Le Corbusier erstmals 1923 in einem Essay für die französische Zeitschrift „L’Esprit Nouveau“ formuliert. Demnach beruhen moderne Gebäude auf fünf wesentlichen Elementen: Stützen, freie Grundriss- und Fassadengestaltung, Fensterbänder und Dachgärten. Während erstere vor allem die bauliche Ausgestaltung formen, beeinflussen Langfenster und Dachgärten unmittelbar die Lebensqualität. Sie erweitern den Wohnraum nach außen, sorgen für Helligkeit und erzielen über Blickachsen und Ausblicke einen Bezug zur Natur.

Fassadendetail mit Langfenster sowie architektonische Rahmung der Landschaft in der Villa Stein-de Monzie, Filmstill (Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Fassadendetail mit Langfenster sowie architektonische Rahmung der Landschaft in der Villa Stein-de Monzie, Filmstill (Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Inszenierung des Sehens

Im Film werden Le Corbusiers fünf Prinzipien in einen Parcours durch das gesamte Gebäude eingebunden. Dieser beginnt vor der jeweiligen Villa mit einer Kamerafahrt entlang ihrer Fassade, die ihre architektonischen Besonderheiten einfängt – etwa die Langfenster, in denen sich die umstehenden Bäume spiegeln. Dann geht es über Rampen und Terrassen durch die Innenräume, wo die Fensterbänder weitläufig den Blick auf die Landschaft freigeben. Der Rundgang endet auf dem Dachgarten, der als grüne Oase Schatten und Ruhe spendet. Eine solche filmische „promenade architecturale“ ermöglicht immer neue, abwechslungsreiche und ästhetische Perspektiven auf das gezeigte Gebäude. Die fließende Bewegung der Kamera lässt Innen- und Außenraum miteinander verschmelzen.

Diese Inszenierung des Sehens findet ihren Höhepunkt in den Villen Savoye und Stein-de Monzie. Hier endet die letzte Etappe der „promenade architecturale“ in einer langen Sequenz auf dem Dachgarten schließlich mit dem Blick auf eine rechteckige Aussparung in der Mauer. Die umgebende Landschaft wird gerahmt wie ein Bild. Le Corbusier war überzeugt: Nur durch das bewusste Kontrollieren der Natur entfalte diese ihre volle Wirkung. Anspruchsvolle Kameraeinstellungen wie das Verkippen, die extreme Untersicht oder die Fahrt mit wechselnden Geschwindigkeiten durch den Baukörper betonen – anders als in den eher schlichten Einstellungen des Bauhaus-Films – die architektonischen Besonderheiten. Gleichzeitig werden auch hier die makellosen Gebäude als weiße, lichtdurchflutete Tempel inszeniert, in denen sich die Menschen den Freuden ihres müßigen Lebens widmen.

Le Corbusier rauchend auf der Terrasse sowie Morgensport auf der Dachterrasse der Villa Church, Ville d’Avray, Filmstill (Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Draußen leben

In „Architectures d’aujourd’hui“ sehen wir, wie sich Villenbewohner auf einer Terrasse unterhalten, während Kinder zwischen ihnen spielen. Ein andermal führt uns eine Frau über die Rampe hinaus auf den Dachgarten, wo sie in der Sonne entspannt. Weitere Aufnahmen zeigen junge Paare beim Morgensport und einen Mann (es ist Le Corbusier selbst), der genüsslich eine Zigarette auf einer Terrassenbrüstung raucht. Immer wieder versinken die Personen in der Betrachtung der Landschaft. Sie nutzen die baulichen Gegebenheiten als Orte der Entgrenzung, als Ruheoasen mitten im Grünen.

Inwiefern das in beiden Filmen suggerierte Auflösen der Grenzen zwischen Innen und Außen tatsächlich ein paradiesisches Leben ermöglicht, lässt sich angesichts der kritischen Reaktionen der realen Bewohner dieser Bauten jedoch hinterfragen. Die Villenbesitzerin Madame Savoye klagte etwa wiederholt, dass Regenwasser durch die Decke zum Dachgarten eindringe. Andere Bewohner bemängelten, dass allzu freizügige Glasflächen ungewollt private Einblicke gewährten. So scheint sich die Utopie aus Glas zuletzt doch – wie es einige literarische Dystopien der 1920er Jahre (z. B. Jewgenij Samjatins „Wir“) nahelegten – makellos vor allem als Vision im Kopf der Architekten oder im Dokumentarfilm umsetzen zu lassen. In der Realität hat das Paradies seine Tücken.

Blick aus dem Direktorenhaus in den Kiefernwald, Bauhaus Dessau, Filmstill (Bild: Bauhaus-Archiv Berlin)

Blick aus dem Direktorenhaus in den Kiefernwald, Bauhaus Dessau, Filmstill (Bild: Bauhaus-Archiv Berlin)

Literatur

Kreimeier, Klaus/Ehmann, Antje/Goergen, Jeanpaul (Hg.), Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1918–1945. Bd. 2: Weimarer Republik 1918–1933, Stuttgart 2005.

Loos, Adolf, „Ornament und Verbrechen“, in: Opel, Adolf (Hg.), Adolf Loos. Gesammelte Schriften, Wien 2010, S. 363–373 (Erstausgabe 1908).

Scheerbart, Paul, „Glasarchitektur“, Berlin 1914.

Tode, Thomas (Hg.), bauhaus & film (Maske und Kothurn 1–2), Wien/Köln/Weimar 2012.

Weihsmann, Helmut, Cinetecture. Film, Architektur, Moderne, Wien 1995.

Außensicht und Spiegelung der umstehenden Bäume in den Langfenstern der Villa Stein-de Monzie, Filmstill (Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Filme

Architectures d’aujourd’hui (F, 1930, stumm, s/w, 10:15 min., R.: Pierre Chenal, Le Corbusier).

Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich? (D, 1926–28, stumm, s/w, 38 min., R.: Rolf von Botescu, Richard Paulick).

Blick ins Grüne durch das Langfenster der Villa Church und die begrünte Dachgarten, Filmstill (Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Blick ins Grüne durch das Langfenster und der begrünte Dachgarten der Villa Church, Filmstill (Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Titelmotiv: Ausblick durch ein Fenster ins Grüne, Siedlung Georgsgarten (Otto Haesler), Celle, Filmstill (Bild: Bauhaus-Archiv Berlin)

Sommer 2020: Draußen wohnen

LEITARTIKEL: Die Befreiung des Wohnens

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Alexandra Apfelbaum über die Öffnung der Architektur zur Natur.

FACHBEITRAG: "Wie wohnen?" 1901–27

FACHBEITRAG: „Wie wohnen?“ 1901–27

Alexandra Vinzenz über die großen Wohnbau-Ausstellungen der 1920er Jahre.

FACHBEITRAG: Paradiese aus Glas?

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Laura Rehme über Bilder des Wohnens im dokumentarischen Film.

FACHBEITRAG: Waldparksiedlung Boxberg

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Maximilian Kraemer über Heidelbergs eigentliche Sehenswürdigkeit.

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Oliver Sukrow über die visionären Großwohneinheiten von Josef Kaiser.

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Alexander Kleinschrodt über das Hügelhaus in Erftstadt-Liblar.

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Karin Derichs-Kunstmann im Gespräch mit Daniel Bartetzko über die Wohnhügel von Marl.

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Steffen Fuchs porträtiert die luftige Seite Heidelbergs.

„Dem Abriss geweiht“

Joachim Gies über sein Fotoprojekt „Abgetankt“ (19/1)

„Tankstellen-Fotograf“, so wird Joachim Gies immer wieder vorgestellt. Er freut sich darüber, denn diese ungewöhnliche Berufsbezeichnung trifft seine Leidenschaft ganz gut: Gies fotografiert seit einigen Jahren ehemalige Tankstellen. Sie unterliegen mehr als andere Bauten einem stetigen Wandel. Irgendwann stehen sie nicht mehr am richtigen Platz. Zu wenig Verkehr, zu wenig Kunden, zu alt in der Ausstattung. Aber auch wenn Preistafeln und Zapfsäulen längst verschwunden sind, bleibt ihre Architektur sichtbar – man muss nur genau hinsehen. Was Gies an diesem Stück Technik- und Kulturgeschichte so begeistert, erzählt er im Gespräch mit moderneREGIONAL.

moderneREGIONAL: Herr Gies, eigentlich war das Projekt „Abgetankt“ – die fotografische Suche nach aufgegeben Tankstellen – das Projekt für Ihre Bachelor-Arbeit. Warum hat Sie das Thema bis heute nicht losgelassen?

Joachim Gies: In meiner Studienzeit hatte ich einen zeitlich vorgegeben Rahmen in der die Arbeit abgegeben werden musste. Schon damals war mir klar, dass das Fotografieren von alten Tankstellen mit dem Ende des Studiums nicht besiegelt sein würde. Es war sozusagen nur der Startschuss. Es gibt noch jede Menge alter Tankstellen, die nur darauf warten von mir abgelichtet zu werden. Ich verstehe es als meine Aufgabe, diese Bauten in Ihrem jetzigen Zustand zu dokumentieren. Aktuell bin ich auf den Spuren alter Minol-Tankstellen im Osten Deutschlands unterwegs. Seit 2015 arbeite ich an diesem neuen Buchprojekt. Das Spannende dabei ist, dass die Gebäude und die „Umnutzungen“ sich sehr von den westlichen Tankstellen unterscheiden.

mR: Wie finden Sie Ihre Fotomotive?

JG: Ich bin immer auf Achse! (lacht). Diese Frage habe ich mir zu Beginn der Fotoserie „Abgetankt“ auch gestellt. Schließlich verlieren alte Tankstellen an Bedeutung. Nach einer Umnutzung als z. B. Restaurant, Laden oder Wohnung werden sie von vielen Menschen nicht mehr als „alte Tankstelle“ wahrgenommen. Ich bin tatsächlich sehr viel im Auto unterwegs und befrage die Menschen vor Ort.

mR: Die Nutzung als Autowerkstatt liegt ja fast auf der Hand.

JG: Diese Nutzung bietet sich bei vielen alten Gebäuden noch an. Meistens befindet sich neben dem Kassenhaus noch die alte Autowerkstatt. Wobei mich als Fotograf eher die ungewöhnliche, nicht alltägliche Nutzung reizt. Autowerkstätten bzw. Händler gehören natürlich unbedingt dazu, aber Wohnhäuser, Reisebüros oder ein Friseursalon zeigen auch, dass eine untypische Nutzung wunderbar funktioniert.

mR: Der Drive-In scheint auch sehr beliebt zu sein?

JG: Ja, die Idee ist toll! Die gute Verkehrsanbindung einer alten Tanke mit den Zu- und Abfahrten ist in den meisten Fällen noch gut erhalten. Eine Currywurst unter dem Tankstellendach beim Vorbeifahren, wie cool ist das denn. Obwohl ich tatsächlich doch aussteigen müsste, um die Architektur zu begutachten.

mR: Manche Tankstelle wird auch zu einem neuen Zuhause. Da gibt es eines Ihrer Fotos mit einem Graupapagei …

JG: Das ist eine meiner Lieblingstankstellen. Ich konnte es zuerst gar nicht glauben. Die Architektur ist ein Traum. Ein filigranes Dach stützt sich auf einer mit Efeu bewachsenen Säule. Das ehemalige Kassenhäuschen ist rundherum verglast. In dem Gebäude wohnt nun die Tankwartin, die viele Jahre die Kunden persönlich am Auto mit Benzin versorgt hat. Und als ob das alles noch nicht genug ist, bewohnt ein Graupapagei, mit dem Namen Werner, das Kassenhäuschen.

mR: Sind Ihnen viele Tankstellen begegnet, die keine Zukunft haben werden?

JG: Leider wird dieses Schicksal tatsächlich viele Tankstellen treffen. Gerade in Großstädten wird der Platz knapp. So habe ich es schon oft beobachten können. Vier Tankstellen aus dem Buch „Abgetankt“ sind bereits verschwunden. Ich denke, dass in der nahen Zukunft der Bautyp „Tankstelle“ keine Da­seins­be­rech­ti­gung mehr haben wird. Für das Tanken wird nur noch eine kleine Elektrosäule notwendig sein.

mR: Und zum guten Schluss: Wo steht Ihre absolute Lieblingstankstelle?

JG: Hier und da und dort! Viele interessante Gebäude und Nutzungen kann man letztlich nicht miteinander vergleichen. Daher habe ich einige Lieblinge – und es kommen immer neue dazu!

Das Gespräch führte Karin Berkemann (19/1).

Das Buch „Abgetankt“ kann online direkt beim Autor, dem Fotografen Joachim Gies erworben werden.

Joachim Gies, Jahrgang 1985, absolvierte sein Foto-Design-Studium er an der FH Dortmund. Zu seinem Bachelor-Abschluss 2014 erschien sein Bildband „Abgetankt“ mit 61 Bildern von Tankstellen im Ruhrgebiet, dem Rheinland, dem Bergischen Land und dem Sauerland. Neben seiner Arbeit als freier Fotograf mit zwei Arbeitsstandorten – Köln und Bremen – setzt Joachim Gies sein künstlerisches Tankstellen-Projekt nun bundesweit fort.

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Winter 19: Station machen

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INTERVIEW: Joachim Gies und sein Foto-Projekt „Abgetankt“.

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FOTOSTRECKE: Unsere LeserInnen haben zur Kamera gegriffen.

„Ernst gibt es genug“

der Fotograf und Architekt Hendrik Bohle über den Regensburger Milchpilz (18/4)

Der Milchpilz steht nicht im Verdacht, im Geist der Bauhaus-Bewegung entstanden zu sein. Eher denkt man an die Märchenparks der 1950er Jahre. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, war der Berliner Architekt und Fotograf Hendrik Bohle auf einer Stippvisite in Regensburg schockverliebt in den rot-weiß-getupften Kiosk: „Ernste Architektur gibt es genug“, kommentiert er die selbstbewusste Farbgebung. Als Mitherausgeber des E-Magazins „the link“ ist er es gewohnt, Inkunabeln der Architekturmoderne in Szene zu setzen. Nach seiner Einschätzung kann der Regensburger „Schwammerl“, das „Stehcafé“ im Milchpilz, da locker mithalten. moderneREGIONAL sprach mit Bohle, was für ihn das Besondere an dieser etwas anderen Trinkhalle ausmacht.

moderneREGIONAL: Herr Bohle, als Architekt und Fotograf haben Sie viel mit richtig guten, ernsthaften Bauten zu tun. Warum ist ausgerechnet ein pilzförmiger Kiosk so beliebt?

Hendrik Bohle: Beinahe jeder erinnert sich gerne an früher. Das müssen eben nicht die verklärenden „guten, alten Zeiten“ sein. Wieso nicht ein märchenhafter Fliegenpilz aus den Träumen der Kindheit? Einer Zeit in der der Tag mit einem richtig kalten Glas Milch begann. Um den Milchkonsum besonders bei den Kleinen anzukurbeln, wählte die Firma Hermann Waldner KG in den 1950er-Jahren ganz geschickt eine Behausung, in der Wichtel und Elfen wohnen. Da konnte es doch nur Gutes geben. Den Passanten zaubert der knallige Schirmling auch heute noch ein Lächeln ins Gesicht. Wie sympathisch.

mR: Der Namen „Milchpilz“ war sogar gesetzlich geschützt.

HB: Eine frühe Form des Brandings. Milchhäuschen waren bis zum Ersten Weltkrieg besonders in der rheinisch-westfälischen Industrieregion weit verbreitet. In den 1950ern wollte Waldner daran anknüpfen. Sie lieferten den hölzernen Kiosk fertig montiert und vollausgestattet mit Kühlschrank, Sahne- und Eismaschine. Ihre Milchpilze waren äußerst beliebt. Etwa 50 Stück wurden neben Deutschland auch nach Österreich, in die Schweiz, nach Italien und ins entfernte Griechenland geliefert. Überdauert haben leider nur wenige.

mR: Ein Milchpilz kam 1954 nach Regensburg. Seit 2003 steht er unter Denkmalschutz. Heute gibt es hier auch Kaffee zu kaufen. Was bevorzugen Sie?

HB: Einen Espresso. Kurz und heiß gebrüht. Maximal mit Milchschaumhäubchen.

mR: Und das schmeckt besser unter einem Pilz-Dach?

HB: Wichtig ist mir, sich Zeit zu nehmen, inne zu halten und sich hin und wieder eine Pause zu gönnen. Auch wenn es nur ein schneller Espresso ist. Gerne dann auch geschützt unter einem Milchpilz zu einem kurzen Schnack an der Theke. Ich habe nie den Sinn verstanden, kulturlos mit einer Pappe durch die Gegend zu laufen oder mit einem Thermobecher für das gute Gewissen.

mR: Seit 1961 verkauft die Modellfirma Faller den „Pilzkiosk“. Die Grenzen zwischen den Genres scheinen fließend.

HB: Architekturen kehren zurück und Märchenwelten scheinen die Baukunst oder ganze Städte zu inspirieren. Augmented Reality überlagert den öffentlichen Raum. Früher war es Las Vegas, heute ist es Dubai. Die Zeiten des kompromisslosen Funktionalismus, der Nüchternheit und Strenge scheinen vorbei. In der Architektur ist heute beinahe alles möglich dank smarter Technik sowie neuer Planungs- und Produktionsmethoden. Manchmal geht mir das zu theatralisch, selbstverliebt und effekthascherisch zu, aber insgesamt finde ich das bereichernd. Es muss nur darauf geachtet werden, die Balance zwischen Inszeniertem, handwerklicher Qualität und gestalterisch Überzeugendem zu halten.

mR: Doch immer mehr Kioske verschwinden aus den Städten.

HB: Nicht zuletzt weil den Betreibern immer mehr genehmigungsrechtliche Hürden in den Weg gelegt werden. Das finde ich fahrlässig. Die Büdchen sind für viele mehr als nur ein Ort des schnellen Kaffees, des Biers oder der Curry-Wurst. Sie sind ein wichtiger Treffpunkt im Kiez, ein Stück Heimat zum Plaudern und Diskutieren. Die Betreiber sehen sich oftmals als Seelsorger und Vermittler. Da spielt auch sehr viel Emotionalität eine Rolle. Deshalb sollten sie gepflegt werden.

mR: Und was haben die Nicht-Kiosk-Gänger davon?

Kioske beleben den Stadtraum. Der öffentliche Raum ist viel wichtiger als jedes einzelne Gebäude. In Lissabon beispielsweise hat man ihren Wert bereits erkannt. Viele der historischen Kioske wurden in den letzten Jahren restauriert und revitalisiert. Mittlerweile stehen sie in jedem Reiseführer, sind aber eben auch bei den Einheimischen weiterhin sehr beliebt. Im MoMa erlebt gerade der legendäre Kiosk K67 des slowenischen Architekten und Designers Saša J. Mächtig sein Revival. In Berlin-Kreuzberg wurde sogar eine restaurierte Variante als „Kioski“ neu eröffnet. Der öffentliche Raum sollte nicht leergeräumt und mit Werbung zu geräumt werden. Wir brauchen auch zukünftig eine niedrigschwellige Vielfalt für alle, denen eine demokratische Stadt wichtig ist.

Das Gespräch führte Karin Berkemann.

Hendrik Bohle ist Projektarchitekt, Stadtforscher und Autor. Sein Studium führte den gebürtigen Bielefelder nach Hannover, Cottbus, Berlin. Erschienen sind seine Architekturführer Istanbul, Vereinigte und Arabische Emirate erschienen, alle mit dem Journalisten Jan Dimog. Gemeinsam geben Sie die Onlinepublikation „THE LINK“ heraus, die Architektur und Reisen verbindet.

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Herbst 18: „Geht aufs Haus!“

"Buy the World a Coke"

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LEITARTIKEL: Jürgen Tietz über Trinken als Kunst.

Die Trinkhalle

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FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck kurt in Bad Neuenahr.

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FACHBEITRAG: Ralf Giebl aus einem Münchner Sudhaus.

Der Entenflötenkessel

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FACHBEITRAG: Karin Berkemann auf Pomo-Spurensuche.

Opa und die Colafabrik

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PORTRÄT: Reiner Kolodziej erinnert sich an Berlin.

"Ernst gibt es genug"

„Ernst gibt es genug“

INTERVIEW: Hendrik Bohle über den Milchpilz.

Ostbrause

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FOTOSTRECKE: Limonaden- und Cola-Etiketten der DDR.