Moderne – gezeichnet

Wer bauen will, muss zuerst zum Bleistift greifen. Genauer gesagt, er musste, denn inzwischen haben Computer und Co. die Architekturzeichnung in weiten Teilen abgelöst. Ein guter Zeitpunkt, um auf die Eigenheiten dieser jahrhundertealten Technik zu schauen. Neben zweidimensionale Darstellungen – Grundriss, Aufriss und Schnitt – tritt häufig das perspektivische Zeichnen. Hier gewinnt die Idee des Architekten seine plastische Form. Da werden große Vorstellungen verkleinert zu Papier gebracht, um sie den Bauherren und Handwerkern besser vermitteln zu können. Und mit jeder Übertragung nimmt die Technik auch Einfluss auf die spätere Bauform.

In seinem neuen Buch wagt Klaus Jan Philipp – Leiter des Instituts für Architekturgeschichte, Architektur, Stadtplanung an der Universität Stuttgart – nicht weniger als eine Entwicklungsgeschichte der Architekturzeichnung, vom Mittelalter bis heute. In der reich bebilderten Publikation stehen technische Umsetzungen neben Bildern von hoher malerischer Qualität. Und hier entfalten gerade die Architekturzeichnungen des 20. Jahrhunderts, an der Schwelle zur Technisierung und Digitalisierung dieses Mediums, ihre hohe Kraft: als Plädoyer für die Chancen einer alten Tradition für das Bauschaffen des 21. Jahrhunderts. (kb, 25.9.20)

Philipp, Klaus Jan, Architektur – gezeichnet. vom Mittelalter bis heute, Birkhäuser-Verlag, Basel 2020, 33 x 24 cm, 352 Seiten, ISBN: 978-3-03821-563-9.

Titelmotiv: Buchmotiv aus: Klaus Jan Philipp, Architektur gezeichnet (Bild: via Birkhäuser-Verlag)

Würzburg 1920-2020

Hundert Jahre auf elf Tischen: Im „Spitäle“ Würzburg (Zeller Straße 1/an der Alten Mainbrücke, 97082 Würzburg) zeigt die Vereinigung Kunstschaffender Unterfrankens (VKU) noch bis 15. März die Ausstellung „Architektur.Zeichnung – Pläne und Entwürfe Würzburger Häuser von 1920-2020“. Zu sehen sind Baupläne und Entwurfszeichnungen etlicher bekannter Bauten der Stadt. Unter ihnen sind Notkirchen von Otto Bartning, der Wiederaufbau der Kirche St. Johannis von Reinhard Riemerschmid, der Hoffnungskirche von Gerhard Grellmann aus den 1960er-Jahren und auch neohistorische Projekte Alexander von Brancas mit dem Hertie-Kaufhaus aus den 1970ern und der 2001 vollendeten Gethsemanekirche. Ebenso zu sehen: Die Planungen zu Zaha Hadids fürs Fraunhofer Institut für Silikatforschung (2013) bis hin zu Beispielen der City-Nachverdichtung aus jüngster Zeit.

Diese gebauten Projekte werden ergänzt von zwei studentischen Arbeiten aus den 1970er und 2020er-Jahren. Die Schau möchte die Pläne für sich sprechen lassen, ein Beiheft bietet parallel die für die historische Einordnung notwendigen Daten. Die Trennung soll eine Fokussierung auf Machart, Material und Haptik ermöglichen. Dokumentiert der Zeitraum von 100 Jahren doch nicht nur Änderungen der Baustile, der Bauaufgaben und architektonischer Leitbilder, sondern auch den Übergang von Handzeichnung zu Computeranimation. Und so wird die Schau auch zum Beleg der fortschreitenden Digitalisierung des Architekturberufs. (db, 8.3.20) 

Würzburg, Gethsemanekirche (Bild: Martin Schall)

Deutsche Filmarchitektur

Zu Zeiten der Weimarer Republik avancierte das neue Medium Film rasch zum Massenmedium, denn es entsprach dem damaligen Bedürfnis nach Ablenkung von allerlei Krisen und Nöten. Von 1918 bis 1930 wuchs die Zahl der deutschen Lichtspielhäuser auf 5.000. Neben Regiestars wie Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau und Ernst Lubitsch waren es Filmarchitekten wie Otto Hunte, Erich Kettelhut, Hermann Warm und Robert Herlth, die das Kino jener Jahre entscheidend prägten. Nach ihren Entwürfen wurden filmische Räume geschaffen, teils für einzelne Spezialeffekte aufwendige Modelle gefertigt. Nicht selten bot gerade das Kino den Baukünstlern die lang ersehnte Freiheit, kühne Ideen zu entwickeln.

Vor diesem Hintergrund zeigt das Berliner Museum für Architekturzeichnung aktuell Arbeiten von Emil Hasler bis Hans Poelzig. Sie bezeugen verschiedenste Möglichkeiten der filmischen Raumveränderung: Vorhänge, Licht und Schatten, aber auch Treppen und Brücken, schiefe, gebrochene oder im Zickzack verlaufende Linien spielten gekonnt mit der Perspektive des Betrachters. Die Ausstellung „Deutsche Filmarchitektur 1918–1933“, zu der begleitend ein Katalog erscheint, ist noch bis zum 29. Setember 2019 zu sehen in der Berliner Tchoban Foundation/Museum für Architekturzeichnung (Christinenstrasse 18a, 10119 Berlin). (kb, 31.7.19)

Erich Kettelhut, Metropolis, Stadt von oben mit Turm Babel (Bild: Mischtechnik auf Papier, weiß gehöht, 45,4 x 52,5 cm, © Deutsche Kinemathek – Erich Kettelhut Archiv)