„Bricolage statt Perfektion“

Der Mannheimer Architekt Helmut Striffler sprach gerne vom „geflickten Kittel“ – für ihn war eine sichtbare Betonsanierung ehrlicher und damit auch schöner als eine übertünchte Fassade. Tobias Flessenkemper (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz/RVDL) nannte es in seiner Begrüßung zum heutigen zweiten „Forum Nachkriegsarchitektur“ des RVDL (AG Nachkriegsarchitektur im Rheinland) „Bricolage statt Perfektion“. Gemeint ist der denkmalgerechte Umgang mit den Fassaden, speziell mit der äußeren Haut des Mainzer Rathauses. Das von Arne Jacobsen mit Otto Weitling 1973 gestaltete Gesamtkunstwerk sollte für das neue Selbstbewusstsein des wiederaufgebauten Mainz stehen. Heute präsentiert es sich als dringend sanierungsbedürftig – vor allem die Fassadenplatten bereiten den Experten Sorgen. 2018 entschied sich der Stadtrat – nach einer langen und kontroversen öffentlichen Debatte – für die Sanierung. Doch um das „wie“ wird immer noch gerungen – so auch heute virtuell mit zwei Vorträgen und einer Diskussion, moderiert von Alexander Kleinschrodt und Maximilian Kürten.

Mainz, Rathaus (Bild: Kandschwar, CC BY SA 3.0)

Mainz, Rathaus, Ratssaal (Bild: Kandschwar, CC BY SA 3.0)

„Der Rede wert“

Wieviel ist den Mainzer:innen ihr Rathaus wert? In seinem Grußwort lobte Michael Ebling, Oberbürgermeister der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt, das „Gesamtkunstwerk“ Rathaus als „sichtbares Bürgermanifest“, an dem sich die Geister scheiden und scheiden dürfen. Denn, so Ebling, schon zur Eröffnung bemerkte Weitling: „Ein Haus, über das man nicht redet, ist meist nicht der Rede wert“. Der heutige Sanierungsbedarf sei nicht auf Baumängel, sondern auf mangelnde Sorgfalt in Unterhalt und Pflege zurückzuführen. Aktuell stehe die Stadt im Bauantrag und warte auf den Entscheid.

In ihrem folgenden Referat betonte auch Landeskonservatorin Dr. Roswitha Kaiser (Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz) den (Denkmal-)Wert des Rathauses, blickte aber durchaus kritisch auf den aktuellen Umgang damit. Im Laufe ihrer Dienstzeit sei ihr immer bewusster geworden, wie wichtig das Element Prozessteuerung für eine gelingende Denkmalpflege sei. Doch eben dieses regelmäßige Zusammentreffen der am Bau Beteiligten, der wiederkehrende Austausch, sei in Mainz eher „eindimensional“ ausgefallen. Die bereits erfolgte Demontage der so prägenden Sonnenschutzgitter sei noch reversibel, da diese inventarisiert und eingelagert wurden. Auch bilde die Nutzungskontinuität ein großes Geschenk, das man nicht durch den nachträglichen Einbau eines „Bürgerforums“ vorschnell verspielen solle.

Mainz, Rathaus (Bild: Symposiarc, GFDL oder CC BY-SA 3.0-2.5-2.0-1.0)

Mainz, Rathaus, Ratsweinkeller (Bild: Symposiarc, GFDL oder CC BY-SA 3.0-2.5-2.0-1.0)

Gemeinschaftsgefühle

Darauf antworte die Architektin Dr.-Ing. Elke Nagel (Strebewerk-Architekten), die sich in einem bauhistorischen Gutachten mit dem Mainzer Rathaus beschäftigt hatte: Der Bau umfasse viel Symbolisches und Symbolhaftes. Hier wird etwa im kreisrunden Teppichmotiv die Bürgergemeinschaft versinnbildlicht, das zentrale Licht rückt die Einheit in den Mittelpunkt. So liegt in jedem Detail ein besonderer Wert. Alles sei, so Nagel, durchgeplant „wie ein Designerkleid“. Zugleich erwies sich das Architektenduo als Meister der Schwellenbildung – nichts ist selbstverständlich. Und dieses Rundumkonzept sei zwar nicht mehr vollständig, aber – teils eher durch Zufall als durch Absicht – noch gut erhalten und nachvollziehbar. Man könne dem Bauwerk mit Liebe zum Detail seine Identität zurückgeben.

Die mit-veranstaltenden „Betonisten“ – vertreten durch Maximilian Kürten – machen sich in Mainz dauerhaft stark für den Erhalt der städtischen Nachkriegsmoderne, darunter prominent das Rathaus. Zeitnah will die Initiative den Bauzaun mit Fotografien und Texten bespielen, um weiterhin auf den Wert dieses besonderen Gesamtkunstwerks hinzuweisen. Entsprechend äußerten sich die beiden Referentinnen in der Diskussion: Dokumentiert sei der Wert des Rathauses inzwischen bestens, eine Universallösung gebe es bei einem solchen Unikat nicht. Jetzt müsse transparent informiert und behutsam restauriert werden. Selbst die umstrittenen Sonnenschutzgitter würden fehlen, ließe man sie dauerhaft und vollflächig weg. Oder, um es mit Frau Kaiser zu sagen, das Rathaus wäre dann „nackig“. (kb, 22.2.21)

Titelmotiv: Mainz, Rathaus, Mitte der 1970er Jahre (Bild: Gerd Eichmann, CC BY SA 4.0)

Jacobsen & Weitling – ein Gesamtkunstwerk in Serie

Noch (noch!) bis Sonntag können Berliner in diese Präsentation hereinschnuppern: Gestern eröffnete die Wanderausstellung „Gesamtkunstwerke“ im Felleshus, Nordische Botschaften, Berlin, wo sie – mit coronabedingter Unterbrechung im November – voraussichtlich bis zum 10. Januar 2021 zu sehen sein wird. Das Thema ist ein nachkriegsmodernes und zugleich ein hochaktuelles – die Bauwerke von Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland. Doch während Jacobsen-Designstücke auf Auktionen Höchstpreise erzielen, haben es viele seiner gemeinsam mit Weitling umgesetzten Bauwerke heute schwer. Die lange Diskussion um Abriss oder (möglicherweise entstellende) Sanierung des Mainzer Rathauses hat jüngst bundesweit Wellen geschlagen.

Die Kuratoren Hendrik Bohle und Jan Dimog wollen hier mit einer Wanderausstellung und einer Publikation Abhilfe schaffen. Im deutsch-dänischen kulturellen Freundschaftsjahr, 50 Jahre nach dem Tod von Jacobsen, werden nun in Berlin erstmals sieben der acht Jacobsen-Weitling-Bauten gemeinsam vorgestellt. Folgestationen sind bis 2022 geplant im Haus des Gastes, Burgtiefe, Fehmarn, im Zentrum Baukultur Rheinland-Pfalz, Mainz, im Arne-Jacobsen-Foyer, Herrenhäuser Gärten, Hannover, im Ratssaal Foyer Castrop-Rauxel und im Jenisch Haus, Hamburg. (kb, 31.10.20)

Mainz, Rathaus (Bild: © Hendrik Bohle)

Mainz, Rathaus (Bild: © Hendrik Bohle)

Fehmarn, Burgtiefe (Bild: © Hendrik-Bohle)

Fehmarn, Burgtiefe (Bild: © Jan Dimog)

Castrop-Rauxel, Forum und Rathaus (Bild: © Jan Dimog)

Castrop-Rauxel, Forum und Rathaus (Bild: © Jan Dimog)

Hamburg, Christianeum (Bild: © Jan Dimog)

Hamburg, Christianeum (Bild: © Jan Dimog)

Hannover, Arne-Jacobsen-Foyer (Bild: © Hendrik Bohle)

Hannover, Arne-Jacobsen-Foyer (Bild: © Hendrik Bohle)

Berlin, Atriumhaus (Bild: © Hendrik Bohle)

Berlin, Atriumhaus (Bild: © Hendrik Bohle)

Titelmotiv Hamburg, HEW-Zentrale (Bild: © Hendrik Bohle)

Bin ich schön?

„Wo steht das schönste Rathaus in Nordrhein-Westfalen?“, fragt das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen im Herbst. Rund 70 Vorschläge von Bürgern wurden seit vergangenem Herbst eigereicht. Darunter ist auch das Castrop-Rauxeler Rathaus, Teil des 1966-76 errichteten Forum Castrop Rauxel nach Plänen von Arne Jacobsen und Otto Weitling (der das Projekt nach Jacobsens Tod 1971 vollendete). Der Vorschlag für das denkmalgeschützte Ensemble kam von Malte Fercke, Vorsitzender des Ausschusses für Bürgerbeteiligung und Stadtteilentwicklung in Castrop.

Ab Ende Februar können die NRW-Bürger nun das „schönste Rathaus“ wählen. Der Gewinner wird am 28. März auf dem Heimat-Kongress des Landes NRW ausgezeichnet.„Rathäuser sind die Heimat der Demokratie vor Ort. Sie sind die wichtigsten Zentren der Demokratie in unseren Städten und Gemeinden. Mit unserer Aktion wollen wir sie in den Mittelpunkt rücken“, erklärte Ina Scharrenbach, die zuständige Ministerin, am Internationalen Tag der Demokratie am 15. September 2019 die Aktion. Ziel sei es, die ehrenamtliche Arbeit in der Kommunalpolitik, die demokratischen Institutionen auf lokaler Ebene sowie das historisch-kulturelle Erbe des Landes, das sich auch in der Architektur der Rathäuser zeige, in den Fokus zu rücken und zu stärken. Sicher, Schönheit ist kein denkmalpflegerisches Kriterium, aber dennoch raten wir: NRW-Modernisten, stimmt eifrig ab! (db, 11.1.20)

Castrop-Rauxel, Rathaus (Bild: Arnoldius, CC BY-SA 3.0)