Aufzug

Das bleibt vom AfE-Turm

Die Aufzugkabine steht an exponierter Stelle auf dem neuen Unicampus (Bild: Julius Reinsberg)
Die Aufzugkabine steht auf dem neuen Unicampus (Bild: Julius Reinsberg)

Er ist wieder da: Ein halbes Jahr nach seiner Sprengung kehrt der Frankfurter AfE-Turm zurück – zumindest teilweise. Auf dem neuen Campus der Universität erinnert seit Anfang September 2014 eine einzelne Fahrstuhlkabine an das Bauwerk. Ihr Inneres ist übersät mit Graffitis – teils intellektuell, teils unverblümt derb. Der Besucher kann hier ebenso in Nostalgie schwelgen wie die Sprüchesammlung um eine eigene Weisheit erweitern. Der Fahrstuhl auf der grünen Wiese regt auch zur Diskussion über das neue bauliche Antlitz der Goethe-Universität an.

Der AfE-Turm wurde 1970 bis 1972 für die Frankfurter Goethe-Universität errichtet. Das brutalistische Unihochhaus beherbergte Generationen von angehenden Gesellschaftswissenschaftlern. Ästhetisch war der massive Stahlbetonbau stets umstritten, in Studentenkreisen jedoch Kult und Symbol für studentischen Protest – der Turm wurde mehr als einmal besetzt. Die Universität gab das Gebäude im Zuge ihres Umzugs 2013 auf, im Februar 2014 erregte seine Sprengung bundesweite Aufmerksamkeit. Die Aufzüge des Hochhauses waren wegen ihrer Pannenanfälligkeit berühmt-berüchtigt und schon damals Anregung zum Austausch: Wartezeiten von bis zu 15 Minuten boten Zeit für manche Diskussion. (jr, 24.9.14)

Call for Papers: „Rauf und runter“

Seligenstadt, St. Marien (Bild: D. Bartetzko)
Eine geschwungene Treppe erschließt in Seligenstadt die St. Marien-Kirche (Bild: D. Bartetzko)

Ohne sie geht gar nichts, zumindest nicht über das Erdgeschoss hinaus. Auch in der modernen Architektur ist die Treppe ein unverzichtbares, mehr als nur funktionales Bauteil. Die repräsentative Freitreppe der klassischen Moderne verkörpert ebenso wie das elegante Treppenhaus der Nachkriegszeit sprechend den Geist ihrer Bauzeit. Im 20. Jahrhundert eröffneten Gusseisen und (Stahl-)Beton für die Treppengestaltung neue Freiheiten. Und erst die Aufzugstechnik – vom Paternoster bis zum Fahrstuhl – machte den modernen Wolkenkratzer möglich.

Zum Thema „Rauf und Runter – Treppe, Fahrstuhl, Paternoster“ sucht moderneREGIONAL nach guten Fachbeiträgen. Das neue Online-Magazin veröffentlicht im Jahr vier Hefte zu verschiedenen Aspekten der Nachkriegsmoderne: von der Architektur über den Städte- und Gartenbau bis zu Design und Kunst am Bau. Über die Nachkriegsjahrzehnte hinaus schauen wir auch auf das gesamte 20. Jahrhundert. Für das kommende Themenheft sind AutorInnen aus den Fachbereichen Kunst- und Kulturgeschichte, Denkmalpflege, Architektur und Design zur Mitarbeit eingeladen.

Die Fachbeiträge werden max. 12.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) umfassen, Fußnoten werden nicht möglich sein, jedoch ausgewählte Literaturhinweise. Die Abbildungen sind zur Veröffentlichung durch die AutorInnen rechtegeklärt zur Verfügung zu stellen. Senden Sie Ihr Abstract (max. 1.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) für einen möglichen Beitrag und eine kurze Vita bis zum 31. Juli 2014 an: herausgeberInnen@moderne-regional.de.

Visionen im Schacht: Lift und Literatur

von Harald Kimpel (Heft 14/3)

Zunächst ist es nur ein mulmiges Gefühl: In den Eingangsszenen zu Rolf Dobellis Manager-Roman „Und was machen Sie beruflich?“ (2004) dient ein „ungewöhnliches Schütteln“ des Aufzugs – „Wie wenn man mit einer Gondel in die Bergstation einfährt“ – als Ankündigung kommender sozialer Erschütterungen. „Als er aus dem Aufzug getreten war, auf der achtzehnten Etage, hat er es in seinen Beinen nochmals gespürt – das Rütteln.“ Diese fundamentale Irritation, ausgelöst durch die bedrohliche Oszillation eines Gefährts, das doch auf den glatten Schienen einer gut geölten Mechanik dahingleiten sollte, kann zunächst noch mit Selbstbeschwichtigungsargumenten im Zaum gehalten werden: „Wenn es im Aufzug rüttelt, muß das nichts bedeuten. Das kann am Aufzug liegen.“ (S. 5)

 

Der Lift – ein Literaturthema

Doch ist die Verunsicherung durch den schwankenden Boden eines bodenlosen Transportmittels ein Standardtopos, wenn dem Lift in der Literatur eine Rolle zugeschrieben wird. Seit ihrer Erfindung ist nämlich die senkrechte Personenverfrachtung immer auch als mythische Heterotypie begriffen worden: als ein hermetischer Parallelort, an dem, wenn sich die Türen geschlossen haben, alles möglich ist und die außerhalb gültigen Maßstäbe versagen. Die Belletristik des 20. Jahrhunderts – von Franz Kafka, Thomas Mann, Werner Bergengruen und Hans Erich Nossack über Heinrich Böll und Martin Walser bis Haruki Murakami, Stephen King und Dean Koontz – spiegelt in gesellschaftskritischem Realismus wie in Horror und Science Fiction das Repertoire jener Ängste und Mutmaßungen, die sich mit der allseitigen Bedrängnis der geschlossenen Käfighaltung verbinden.


Nimm die Treppe“, beschwört der Trailer zum – sagen wir einmal unfreiwillig charmanten – Horror-Streifen „The Lift“, in dem ein Aufzug ein grausiges Eigenleben führt

Beschrieben wird eine Sphäre der Klaustrophobie und des Katastrophischen, die zwischen Steckenbleiben und Absturz, Sarg und Rakete ein komplexes Schreckensszenario bereithält: ein hysterisches Milieu, in dem den Transportierten, im aussichtslosen Kerker am Draht hängend, im Bewusstsein des Abgrunds unter dünnem Blech dem Funktionieren der elektrifizierten Technik ausgeliefert (deren potentielles Versagen durch den gut sichtbaren Notfallknopf ins Auge springt), nichts anderes übrig bleibt, als tatenlos den Lämpchenwechsel zu verfolgen.

In einer Fülle von Episoden in Romanen und Erzählungen gerät die Fahrt in der vertikalen Eisenbahn zu einer vielgestaltigen Metapher existentieller Verunklärung. Der verschriftlichte Lift verwandelt sich in einen mobilen Ort seltsamer Vorfälle und Erfahrungen, der seine blinden Passagiere aus der Realität entschweben lässt und in erstaunliche Dimensionen, Traumgefilde und Schreckensvisionen jenseits der Vernunft hievt: ein Einfallstor für den Einbruch des Unerhörten in den Alltag. Autoren unterschiedlichen Prominentheitsgrads verfassen Reiseführer und Erlebnisberichte zu den Kurzstrecken zwischen den Stockwerken und entwerfen ein Vehikel, das als Fähre zwischen den Welten seine programmierten Bahnen technischer Determiniertheit verlässt, um mit der Entwirklichung des Vertrauten phantastische Möglichkeiten zu erschließen.

 

Der Fahrstuhl – eine Umkleidekabine

Zu den eher harmlosen Begebenheiten gehört es, wenn der Aufzug als Ort der vorübergehenden charakterlichen Verwandlung, des Identitätswechsels, des Zerfalls und der Neuerfindung der Persönlichkeit fungiert. In Heinrich Bölls Erzählung „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ (1955) beispielsweise zelebriert der WDR-bedienstete Titelheld diese tiefgreifende Verunsicherung als ein regelmäßig eingenommenes „Angstfrühstück“.

„Jeden Morgen, wenn er das Funkhaus betreten hatte, unterzog sich Murke einer existentiellen Turnübung: er sprang in den Paternosteraufzug, stieg aber nicht im zweiten Stockwerk, wo sein Büro lag, aus, sondern ließ sich höher tragen, (…), und jedes Mal befiel ihn Angst, wenn die Plattform der Aufzugskabine sich knirschend in den Leerraum schob, wo geölte Ketten, mit Fett beschmierte Stangen, ächzendes Eisenwerk die Kabine aus der Aufwärts- in die Abwärtsrichtung schoben, und Murke starrte voller Angst auf diese einzige unverputzte Stelle des Funkhauses, atmete auf, wenn die Kabine sich zurechtgerückt, die Schleuse passiert und sich wieder eingereiht hatte und langsam nach unten sank (…);


Dr. Murkes Paternoster gibt es wirklich: Seit 1952/53 tut er im WDR-Funkhaus am Kölner Wallrafplatz, so weit wir wissen, klaglos einen Dienst (Nutzung nur für Mitarbeiter)

Murke wußte, daß seine Angst unbegründet war: selbstverständlich würde nie etwas passieren, und wenn etwas passierte, würde er im schlimmsten Falle gerade oben sein, wenn der Aufzug zum Stillstand kam, und würde eine Stunde, höchstens zwei dort oben eingesperrt sein. Er hatte immer ein Buch in der Tasche, immer Zigaretten mit; doch seit das Funkhaus stand, seit drei Jahren, hatte der Aufzug noch nicht einmal versagt. Es kamen Tage, an denen er nachgesehen wurde, Tage, an denen Murke auf diese viereinhalb Sekunden Angst verzichten mußte, und er war an diesen Tagen gereizt und unzufrieden, wie Leute, die kein Frühstück gehabt haben.“ (S. 87/88)

Mental aufgefrischt kommt auch einer der Protagonisten Graham Greenes aus der Gefahrenzone in die Wirklichkeit zurück: „Zu Fuß wäre es schneller gegangen, aber in den paar Sekunden, die der altmodische Eisenkasten brauchte, um ruckend zur nächsten Etage abzusinken, fühlte er sich wie ein Industriemagnat, der eben seine Direktionskanzlei im Gebäude der ‚Imperial Chemicals‘ verließ. Er trat aus dem Fahrstuhl und war mit einem Schlag wieder der erfolgreiche Journalist, der häusliche Familienvater, der eine treuergebene Gattin und sechs Kinder zu ernähren hatte, der Steuerzahler, das Rückgrat der Nation.“ (S. 29)

 

Der Fahrstuhl – ein Gleichnis

Mit schwindender Bodenhaftung gewinnt der Topos der Reise, der Bewegung durch Raum und Zeit in der Black Box des Lebens, deren Woher und Wohin sich dem Begreifen entzieht, an Bedeutung. Die prosaische Erfindung zur Erleichterung des täglichen Lebens wird zur Metapher für das Leben selbst: das ständige Auf und Ab als Gleichnis für das Hängen zwischen oben und unten, zwischen den Möglichkeiten des Sturzes in den Abgrund und dem Aufstieg zu einem unbekannten Empor auf einer nach oben offenen Werteskala. „‘Fahren wir hinunter?‘, fragte Adrian etwas erstaunt einen Herren. ‚Allerdings. Wollten Sie hinauf?‘ ‚Ach, seufzte Adrian und zuckte Achseln, ’schwer zu sagen. Wer würde es schon wagen, die Frage, ob er emporstrebe, zu verneinen?'“ (Eliade, S. 275)

Speziell der Paternoster-Umlauf dient als Gleichnis für das Konzept der unendlichen Wiederkehr des Gleichen, für die Unausweichlichkeit eines schicksalhaft vorprogrammierten Lebenslaufs: für das große Rad des Lebens, dessen Rotation das Aussteigen schwer, wenn nicht unmöglich macht. „Und so kreist man über den Dachboden, an dem großen Rad vorbei, das von Schmierfett trieft. (…) Und dann geht es von Neuem aufwärts, die alte Tour.“ (Nossack)


Der Lift als Ort und Bild für fatale Liebe, finstere Verbrechen – und irgendwie auch alles andere: Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“

 

Der Aufzug – eine Katastrophe

In letzter Konsequent droht den Gelifteten der freie Fall. Der Absturz schwebt als latentes Gefahrenmoment und dauerhafter Nervenkitzel mit: „Sie betraten die Liftkabine, die Türen schlossen sich, Eric kämpfte gegen seine Panik an. Was, wenn das Seil riss? So etwas war schon passiert, es würde wieder passieren, irgendwann und irgendwo, also warum nicht hier?“ (Kehlmann, S. 20) Diese Omnipräsenz der Katastrophe macht den finalen Abgang zu einem variantenreich durchgespielten Lieblingsmotiv der Lift-Autoren.

Doch kennt das Konzept des phantastischen Aufzugs noch komplexere Schrecken als den schlichten Riss der Aufhängung: unter anderem eine Kabine, die vorhanden und zugleich nicht vorhanden ist: „In der achtzehnten Etage drückte Javelin den Perlmutterknopf eines Fahrstuhles“, heißt es 1955 in einer Horrorstory Frank Grubers. „Die Tür öffnete sich und das vertraute, sommersprossige Gesicht des Fahrstuhlführers grinste ihn an. ‚Abwärts, Sir?‘ Javelin trat in den Aufzug. Die Tür schloß sich … und Javelin stürzte achtzehn Etagen tief zu Tode.“ (S. 68)

So muss, wer sich den imaginären Reisen im literarisierten Lift anvertraut, damit rechnen, dass auch ein Fahrstuhl sich verfahren kann …

 

Zitierte Literatur

Kehlmann, Daniel, F., Reinbek 2013

Dobelli, Rolf, Und was machen Sie beruflich? Zürich 2004

Eliade, Mircea, Im Hof bei Dionis, in: ders., Magische Geschichten, Frankfurt/Main/Leipzig 1997, S. 257-315

Nossack, Hans Erich, Paternoster, in: ders., Um es kurz zu machen. Miniaturen, Frankfurt/Main 1997, S. 98-99

Böll, Heinrich, Doktor Murkes gesammeltes Schweigen, in: ders., Nicht nur zur Weihnachtszeit. Erzählungen II, München 1966, S. 87-112

Gruber, Frank, Die dreizehnte Etage, in: Luther’s Grusel-Magazin. Bd. 3, Baden-Baden o. J., S. 51-69 [The Thirteenth Floor, 1955]

Greene, Graham, Das Schlachtfeld des Lebens Hamburg/Wien o. J. [It’s a Battlefield, 1934]

(Kein) Lift uns Utopische? Ungebautes!

von Michael Wiederspahn (Heft 14/3)

Nicholas Grimshaw, Ludwig-Erhard-Haus in Berlin (1994–98) (© Nicholas Grimshaw/Otis GmbH & Co. OHG)
N. Grimshaw, Ludwig-Erhard-Haus, Berlin (1994– 98) (© N. Grimshaw/Otis GmbH & Co. OHG)

Im starren Korsett rigider Sicherheitsbestimmungen, über-(DIN-)normierter Regelwerke und technischer Richtlinien bleibt naturgemäß kaum Platz für Utopien. Der Spielraum ist begrenzt, der Zweck klar definiert: Ein Aufzug dient dem Vertikaltransport. Und so wird er meist wie ein (baulich) notwendiger Erfüllungsgehilfe behandelt und in den aussteifenden Kern des (Hoch-)Hauses verbannt, was ebenso einfach wie langweilig ist.

Dennoch gab und gibt es durchaus Versuche, dieses offenbar ungeliebte Verkehrsmittel auch als architektonische Herausforderung zu begreifen. Bis auf wenige (realisierte) Ausnahmen entzünden sich solche Ideen aber vor allem an visionären Großprojekten, weil deren Verwirklichung ja primär von der Entwicklung oder eben Erfindung eines geeigneten Erschließungssystems abhängt.

 

„Schlangen aus Eisen und Glas“

Antonio Sant'Elia, "Città Nouva" (1914) (© aus: Lampugnani, V. M., Antonio Sant`Elia. Gezeichnete Architektur, München 1992)
Antonio Sant’Elia, „Città Nouva“ (1914) (© aus: Lampugnani, V. M., Antonio Sant’Elia. Gezeichnete Architektur, München 1992)

Dank Eisenbeton und Stahlskelett, der Entdeckung des elektrodynamischen Prinzips und der Funktionsweise von Treibscheibe wie automatischer Fallbremse klettern die Gebäude seit Ende des 19. Jahrhunderts in schwindelerregende Höhen. Und so werden aus den frühen „Turmhäusern“ zunächst „Elevator-Buildings“, um später als „Skyscrapers“ die Wolken zu durchstoßen. Phantasien wie die „Vertikale Stadt“ (1908) von Charles Lamb oder Wenzel Habliks „Luftkolonie“ (1908) sind zwei der damaligen Ausprägungen jener uralten Sehnsucht des Menschen nach Eroberung himmlischer Räume.

Den Fahrstuhl aus seinem dunklen Schacht zu befreien, gelingt allerdings erst Antonio Sant’Elia. In seiner nie verwirklichten „Citta Nouva“ (1914) – einer zergliederten Megapolis aus terrassierten Hochhäusern – winden sich Aufzüge an den Fassaden „wie Schlangen aus Eisen und Glas“ empor. In Kombination mit Laufbändern sowie Schienenfahrzeugen in den Straßen sorgen sie für Rhythmus und Mobilität der (futuristischen) Stadtbewohner

 

Metaphern des Fortschritts

El Lissitzky "Wolkenbügel" (1923–25) (aus ©:  El Lissitzky, Russland. Die Rekonstruktion der Architektur in der Sowjetunion (Neues Bauen in der Welt). Bd. 1, Wien 1930
El Lissitzky „Wolkenbügel“ (1923–25) (© aus: El Lissitzky, Russland. Die Rekonstruktion der Architektur in der Sowjetunion (Neues Bauen in der Welt 1), Wien 1930)

Einen nicht weniger spektakulären Akzent setzen El Lissitzky und Mart Stam mit dem berühmten „Wolkenbügel“ (1923–25) dessen auskragende Stahlkonstruktion auf drei riesigen Stützen von geringer Grundfläche ruht. Als Vertikalkorridore ausgebildet, beherbergen diese Tragelemente 24 offene Paternoster- und Fahrstuhlschächte. Genau wie die an drei oder vier Seiten verglasten Kabinen bieten sie ein Maximum an Lichtdurchlässigkeit, weshalb Mechanik und Seile erstmals weitgehend sichtbar bleiben.

Wie überhaupt der Konstruktivismus sowjetischer Herkunft viele Anregungen, eine Fülle neuer Impulse liefert. Das zeigt sich unter anderem an zwei Wettbewerbsprojekten von Alexander und Viktor Wesnin, dem „Verlagsgebäude für die Leningrader Prawda“ (1924) und dem „Volkskommissariat für die Schwerindustrie“ (Moskau, 1934). Der Aufzug gerät hier zur Metapher des Fortschritts: Vermeintlich schwerelos gleitet er entlang der Senkrechten, wobei ihm Umwehrungen aus filigranen Metallgerippen oder imposante Glasröhren die Richtung weisen.

 

Bewegende Perspektiven

Ähnlich visionär sind die später entwickelten Utopien der englischen Gruppe Archigram oder der japanischen Metabolisten. Der Sputnik- oder High-Tech-Ästhetik verpflichtet, mutieren jetzt ganze Städte zu Maschinen aus Raumkapseln, mobilen Gebäuden, Hebekränen und Robotern, die sich selbst bewegen. Neben und nach Wilhelm Holzbauers „Hubschrauberbürohochhaus“ (1961) verheißen solche Megastrukturen wie die „Walking City“ (1964) und die „Plug-in City“ (1964–66) von Archigram, die „Floating City“-Projekte (1960–76) von Kiyonori Kikutake, die „Helix City“ (1961) von Kisho Kurokawa oder Arata Isozakis „City in the Air“ (1962) nur schrankenloses Wachstum. Mit innovativen Aufzugsideen können sie freilich nicht aufwarten.

Fritz Haller "A-Bahn" (1968) (© aus: Krieger, P., Fritz Halle, in: Thesis 3/4, 1997)
Fritz Haller, „A-Bahn“ (1968) (© aus: Krieger, P., Fritz Halle, in: Thesis 3/4, 1997)

Das zentrale Problem der Beförderung gewaltiger Menschenmassen löst Fritz Haller hingegen ebenso geschickt wie mehrdimensional. Seine „Totale Stadt“ (1968) für 120 Millionen Bewohner durchströmen nämlich Trägerautomaten-(Leitschienen-)Bahnen als skurrile Mischung aus Sessellift, ICE und Transrapid.

Manche Gipfel wollen jedoch nicht erklommen werden, wie die bergigen (Hoch-)Hauslandschaften der „Metropolis of Tomorrow“ (1929) von Hugh Ferris, oder scheitern am Zweifel an der vorgeschlagenen Stahlskelettbauweise: Mit 400 m Höhe, 110 Geschossen und 59 Fahrstuhlschächten hätte der „Larkin Tower“ 1926 (fast) alle Rekorde gebrochen. Wiederum andere Entwürfe der Avantgarde bieten dem Aufzug schlicht keine neue Perspektive. In den genialen „Hänge-“ (1927) oder „Spindelhäusern“ (1956) von Bodo und Heinz Rasch dienen zum Beispiel separate Türme oder der massive Schaft als Verkehrsachse.

 

Atomarer Höhenrausch

Einen Höhepunkt aller Aufzugsutopien markiert zweifelsohne „The Mile-High Illinois“ (1956) von Frank Lloyd Wright – und damit ein Gebäude von einer Meile oder mehr 1.600 m Höhe. Gedacht für 130.000 Bewohner auf 528 Geschossen, verfügt dieser Wolkenkrater auf jeder Seite über genau 24 Aufzugsschächte. Geplant war zudem, sie mit insgesamt 56 fünfstöckigen Gondeln und eine unbekannten Anzahl privater Lifte zu bestücken, um jeweils 100 Insassen binnen einer Minute bis zur „Sky-Lobby“ befördern zu können.

Umgerechnet ergibt das eine Transportleistung von 2 x 130.000 Personen oder eine Fahrgeschwindigkeit der einzelnen Kabinen von mehr als 100 km/h. Die senkrechten Rennbahnen würden von den atomar (!) betriebenen Aufzügen also quasi im Sekundentakt frequentiert. Die Körbe sollten im Übrigen über Zahnradspuren laufen, da ein Stahlseil in der geforderten Länge wegen seines extremen Eigengewichts unweigerlich reißen müsste.

 

Visionen für Europa

Hans Hollein, Gebäude mit Schrägaufzug (1994) (© aus: Meyhöfer, D. (Hg.), Architectural Visions for Europe. Braunschweig, Wiesbaden 1994)
Hans Hollein, Gebäude mit Schrägaufzug (1994) (© aus: Meyhöfer, D. (Hg.), Architectural Visions for Europe. Braunschweig, Wiesbaden 1994)

Das System Lift scheint nun technisch vollendet zu sein: Plakativ verkitschte Abkömmlinge der von John Portmann in den 1970er Jahren entwickelten Panorama-Aufzüge ver(un)zieren Hotelhallen, die Fassadenreinigung mittels verschwenkbarer Lifte gehört zum Standard und mobile Feuerwehr-Aufzüge erstürmen notgedrungen so manches Haus.

Initiativen wie die „Architectural Visions for Europe“ (1994) gelten daher schon als spannender Fluchtweg: Entwürfe von fiktiven Gebäuden als Gestaltungsansatz. Dominique Perrault skizziert hier eine Art Riesenrad, das Autos in die Parkgarage schaufelt. Hans Hollein schlägt stattdessen einen Schrägaufzug vor, der in jedem Geschoss andere Grundrisskonfigurationen erlaubt. Doch erst Romuald Loegler rückt den Lift an die Grenze des Absurden, indem er ihn als frei schwebende Kugelhaube konzipiert.

 

Und morgen?

Zwar geistert die undatierte Idee eines Horizontalaufzugs durch die Archive, wofür wäre er jedoch geeignet? Axel Schmids „Regenwaldbaumkronenforschungsluftschiff“ wird sich in den Straßenschluchten urbaner Hochhausgebirge wohl (ebenfalls) kaum nutzen lassen. Und Hexenbesen wie Raketentornister oder der „Dessauer Gleitbalkon“, letztlich eine Idee von Walter Gropius und Mies van der Rohe, sind leider nicht greifbar.

Muss man also künftig (weiter) in öden Kisten fahren, in einen Integralhelm schlüpfen, wie er sich im Berliner Ludwig-Erhard-Haus (1994–98, Nicholas Grimshaw) und dem Stuttgarter Mercedes-Benz Museum findet, oder in vertikal verkehrenden Cable Cars sitzen, die ein Student für „Sydney 2000“ vorgeschlagen hat?

 

„Beam me up …“

Raumschiff Enterprise: “Beam me up, Scottie!” (© www.scifiction.com)
Raumschiff Enterprise: „Beam me up, Scotty!“ (© www.scifiction.com)

Aber vielleicht ist das keine angemessene Frage (mehr). Immerhin wird seit den 1970er Jahren an einem Satelliten-Lift gebastelt und trösten einen bisweilen Dachlandschaften mit „Infinity Pool“, wie bei Mosche Safdies „Marina Bay Sands“ in Singapur (2011), oder der Panoramablick in Jean Nouvels Doha-Tower-Spitze (2012).

Zur Stunde dürfte ohnehin weniger das Aufsteigen denn das Fallen zu reizen. In Zeiten des kontrollierten Absturzes beim „Bungee Jumping“ oder verschärfter „Free Fall Tower“-Vergnügungen gewinnen ja vermeintlich virtuelle Angebote an Gewicht. Solange der Aufstieg mühselig über die Treppe oder in konventionellen Konstruktionen zu erfolgen hat, bleibt dementsprechend nur die Erinnerung an bessere Visionen – oder eben der Wunsch nach prompter De- und Rematerialisierung, das Fern-Sehen, um in heimeliger Atmosphäre Captain Kirk und Mister Spock zu treffen: „Beam me up, Scotty!“

 

Rundgang

Folgen Sie Michael Wiederspahn in die Welt der wunderbaren vertikalen Fahrzeuge.

 

Literatur

Ruprecht, U. u. a., Aufzug. Rauf und runter, Dortmund 1999

Lampugnani, V. M./Hartwig, L. (Hg.), Vertikal. Aufzug, Fahrtreppe, Paternoster. Eine Kulturgeschichte vom Vertikaltransport, Berlin 1994

Meyhöfer, D. (Hg.), Architectural Visions for Europe, Braunschweig, Wiesbaden 1994

Simmen, J., Drepper, U., Der Fahrstuhl. Die Geschichte der vertikalen Eroberung, München 1984

Strakosch, G., Vertical Transportations. Elevators and Escalators, New York 1967