Der letzte Gropius

Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh, der letzte Gropius kommt aus Amberg: Das Amberger Glaswerk – die „Glaskathedrale“ – wurde am 9. Juni 1970 eingeweiht. Walter Gropius, der den Bau gemeinsam mit Alexander Cvijanovic (1923-2019) für die Philip Rosenthal AG plante, starb fast genau ein Jahr zuvor am 5. Juli 1969. Bei der Einweihung war neben Cvijanovic Ilse Gropius als Gast anwesend, die im oberpfälzer Glaswerk ein Vermächtnis ihres Mannes sah. Bis heute ist der Betonbau, der just 50-jähriges Jubiläum feiert, in Betrieb Die aufragende Dachform des Mittelschiffs mit den flankierenden Flachbauten war es auch, die schon kurz nach Baubeginn 1968 die Bezeichnung „Gropius-Zelt“ oder eben Glaskathedrale etablierte.

2019 wurde im Gebäude ein Dokumentationsraum eingerichtet. Nach Voranmeldung im Stadtmuseum Amberg gibt es die Gelegenheit, bei einer multimedialen Führung Entstehungsgeschichte und Architektur der Glaskathedrale zu erkunden. Zahlreiche Aktionen waren anlässlich des Jubiläums geplant. Der Großteil ist auf 2021 verschoben. So die Sonderausstellung „Der Arbeit Paläste bauen: Die erste und die letzte Fabrik von Walter Gropius„, die in Kooperation mit dem Unesco-Welterbe Fagus-Werk entstanden ist, und nun im Juni 2021 eröffnet. Sie beleuchtet in sechs Themenschwerpunkten Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden herausragenden Beispiele deutscher Industriearchitektur. Weiterhin sind 2021 ein Symposium zur Glaskathedrale sowie eine Buchpublikation geplant. (db, 29.6.20)

Amberg, Glaswerk 2010 (Bild: Harald909, CC BY-SA 4.0)

Sieben Säulen in Kornwestheim

1984 veröffentliche der Architekt und Lehrmeister Josef Paul Kleihues (1933-2004) sein Manifest die „Sieben Säulen der Architektur”. In sieben passend illustrierten Texten werden Geometrie, Konstruktion, Harmonie, Vollkommenheit, Funktion, Utopie und Poesie als ebenjene Säulen erläutert. Mithin ist die Architektur als künstlerische Tätigkeit definiert. Und so sollte es sein: Der im Westfälischen Rheine geborene Kleihues war unter anderem ab 1979 Planungsdirektor der IBA Berlin 1987, den Begriff der „Kritischen Rekonstruktion“ prägte er wie kein Zweiter. Auch die 1990 eröffnete Städtische Galerie Kornwestheim ist ein Kleihues-Entwurf – der sich eng an den Gestaltungsparametern des Baumeisters orientiert: Parallelogramm, Dreieck, Rechteck und Kreis als wiederkehrende Formen erzeugen ein aus ihrer Komposition hervorgehendes Spannungsfeld.

Zum 30-jährigen Jubiläum widmet sich hier nun eine Sonderausstellung dem Bau selbst ebenso wie dem Museum für Contemporary Art in Chicago und dem Museum für Zeitgenössische Kunst Hamburger Bahnhof in Berlin. Darüber hinaus sind unterschiedlichste von Josef Paul Kleihues gestaltete Objekte zu sehen, die seinen ganzheitlichen Gestaltungsansatz verdeutlichen. Der Start am 28. März war von Corona ausgebremst, nun ist bis zum 7. März 2021 Gelegenheit, „Josef Paul Kleihues – Geometrie und Poesie“ anlässlich des Jubiläums von 30 Jahren Kunst im Kleihues-Bau zu besuchen; geöffnet ist Freitag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr. (db, 8.6.20)

Kornwestheim, Museum im Kleihues-Bau (Bild: Thomas Ledl, CC BY-SA 4.0)

Die 1960er in Frankfurt

Das Institut für Stadtgeschichte Frankfurt zeigt in seiner aktuellen Ausstellung „Bewegte Zeiten“ die Main-Metropole in den 1960er Jahren. Am Montag, den 17. Februar, startet die begleitende Veranstaltungsreihe mit einem Vortrag von Kurator Markus Häfner über „Frankfurts Stadtbild im Wandel: Bauen für Kultur, Arbeiten und Wohnen“. Heiß diskutierte Fragen waren einst unter anderem: Was entsteht zwischen Dom und Römer? Soll die Alte Oper wieder aufgebaut werden? Was hilft gegen die Wohnungsnot? Wie kann das Verkehrschaos behoben werden? Wie kann Architektur die Bildungs- und Kulturvermittlung unterstützten? Was ist modern, was zweckmäßig, was abrissbedürftig?

Dass sich der Fragenkatalog der 1960er kaum von dem 2020 unterscheidet, ist dabei schon jetzt einer der interessanten Aspekte … Mit der Nordweststadt entstand ein neuer Stadtteil auf der grünen Wiese, 1968 dazu Frankfurts erste U-Bahn. Die Farbwerke Hoechst schenkten ihrer Belegschaft zum Firmenjubiläum 1963 die Jahrhunderthalle. Im gleichen Jahr, in dem auch die nun vom Abriss bedrohten Städtischen Bühnen die Pforten öffneten. Und auch der (jüngst ersetzte) Henninger Turm ist ein Kind der 1960er. Markus Häfner will den Zusammenhang zwischen architektonischer Gestaltung und den gesellschaftlichen Vorstellungen jener Ära veranschaulichen. Beginn ist am 17.2. um 18 Uhr im Dormitorium des Karmeliterklosters, Münzgasse 9. Seien Sie pünktlich: Es besteht nur ein begrenztes Platzangebot, Reservierungen sind nicht möglich. (db, 16.2.20)

Frankfurt, Hauptwache und Zeil um 1965 (Bild: Wikiwand)