Darmstadt: Unterwegs in die Moderne

Wenn zwei Künstler aufeinander treffen, kann eigentlich nur Gutes entstehen. In diesem Fall handelt es sich um den 12. Darmstädter Stadtfotografen, Vitus Saloshanka, und den Darmstädter Reformarchitekten und Stadtplaner, Friedrich Pützer. Letzterer ist 1871 geboren und prägte das Darmstädter Stadtbild mit seiner Architektur nachhaltig, die sehr früh den Bogen vom Historismus zu einem sehr modern aufgefassten Jugendstil schlug. Der Hauptbahnhof, die Villen auf der Matthildenhöhe, die Bauten für die Technische Hochschule, der Pützerturm als Wahrzeichen der Firma Merck, die Kirchenneu- und umbauten, der Bebauungsplan für das Paulusviertel – all diese Bauten mögen den Einwohner:innen so vertraut sein, dass er sie glatt übersieht. 

Hier kommt Vitus Saloshanka ins Spiel: Mit dem kürzlich erschienenen Bildband “Unterwegs in die Moderne. Friedrich Pützers Bauten, Straßen, Plätze in Darmstadt” bringt der in Minsk geborene Fotograf Pützers Werke zurück ins Bewusstsein der Darmstädter. Dabei handelt es sich um keine reine Fotodokumentation. Vielmehr setzt sich Saloshanka künstlerisch mit Pützers Bauten auseinander, die, eingebettet in Stadträume, Nachbarschaften, Landschaft und Natur, in neues Licht gerückt werden. Beschreibende Texte sachkundiger Autor:innen wie Regina Stephan, Werner Durth, Wolfgang Lück, Nikolaus Heiss und Gerlinde Gehrig ergänzen die Publikation. Passend zur Veröffentlichung kann noch bis zum 31. Oktober 2021 im Designhaus Darmstadt eine Ausstellung besucht werden. (re, 20.10.21)

Lück, Wolfgang/Stephan, Regina, Unterwegs in die Moderne. Friedrich Pützers Bauten, Straßen, Plätze in Darmstadt, mit Fotografien von Vitus Saloshanka, hg. von der Werkbundakademie Darmstadt e. V., Jovis-Verlag, Berlin 2021, Hardcover, 21,5 × 26 cm, 192 Seiten, Deutsch, ISBN 978-3-86859-654-0.

Arne Jacobsen in Deutschland

Gemeinsam mit seinem Landsmann Otto Weitling hat der dänische Architekt und Designer Arne Jacobsen in Deutschland ein bedeutendes Spätwerk geschaffen. Neben dem vieldiskutierten Rathaus Mainz zählt dazu unter anderem das zwischen 1966 und 1976 gebaute Forum Castrop Rauxel, beide nach Jacobsens Tod im März 1971 von Otto Weitling vollendet. Der umfangreiche Forums-Komplex in Castrop mit Rathaus, Ratssaal, Stadthalle und Europahalle sollte ein schwungvolles bauliches Zeichen sein für die aufstrebende Stadt und das wirtschaftliche Potenzial des Ruhrgebietes. Schon ab den 1950er Jahren beteiligte sich Jacobsen an einigen Rathaus-Wettbewerben in Deutschland, darunter Marl, in Köln und mit Otto Weitling 1962 in Essen. Während diese Beiträge trotz positiver Jurybewertungen durchfielen, bekamen Jacobsen und Weitling in Castrop-Rauxel schließlich die Chance, ihre Idee des Rathausforums zu realisieren.

Ort und Gebäude sind von 6. September bis 4. November 2021 Schauplatz der Wanderausstellung „Gesamtkunstwerke – Architektur von Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland“. Das Museum der Baukultur Nordrhein-Westfalen zeigt die von den beiden Berliner Kuratoren, Hendrik Bohle und Jan Dimog anlässlich des deutsch-dänischen Freundschaftsjahres 2020 konzipierte Ausstellung in Kooperation mit der Stadt Castrop-Rauxel. Die Schau wirft ein Licht auf das Werk und die engen Bande der Architekten in Deutschland. Hier haben sie Projekte in verschiedenen Maßstäben umgesetzt: vom lichten Glasfoyer in Hannover über die Atriumhäuser im Berliner Hansaviertel, dem Rathaus in Mainz bis zum Hamburger Christianeum oder dem HEW-Hochhaus in der City Nord bis zu städtebaulichen Anlagen wie dem Forum Castrop-Rauxel oder der Ferienanlage Burgtiefe auf Fehmarn. (db, 30.7.21)

Castrop-Rauxel, Europahalle (Bild: Smial, CC BY-SA 2.0)

Sitzen in Ulm

Wo man geht und steht, stößt man in Ulm auf den Ulmer Hocker, entstanden nach Entwürfen von Max Bill in Zusammenarbeit mit Hans Gugelot und Paul Hildinger. Das schlichte Sitzmöbel debütierte 1954 für die Ausstattung der Hochschule für Gestaltung auf dem Kuhberg. Bald fand der Ulmer Hocker überall dort Verwendung, wo eine Sitzgelegenheit oder ein Sockel, ein Nachttisch oder ein Leiterersatz, ein Tisch oder ein Schneidebrett gebraucht wurde. Ab dem 8. Oktober wird nun die Ausstellung „Der Ulmer Hocker: Idee – Ikone – Idol“ im HfG-Archiv Ulm zu sehen sein. Die Schau stellt das kleine Multimöbel ins Zentrum einer analytischen Darstellung. Mittels eines umfassenden Blicks auf die unterschiedlichen Bedingungen, die den Ulmer Hocker ermöglicht haben, wird nicht nur ein Designklassiker verstehbar, sondern darüber hinaus auch ein originelles Modell von Geschichtsschreibung vorgestellt, das seinerseits Schule machen könnte.

In Vorbereitung auf die Ausstellung wollen die Kurator*innen nun wissen, ob Sie, liebe mR-Freunde, womöglich selbst einen Ulmer Hocker besitzen und wie Sie ihn nutzen. Als Regal, Tisch, Ablage oder tatsächlich als Hocker? Schreiben Sie dem Team ein paar Zeilen und werden Sie Teil der Ausstellung im HfG-Archiv: Ihr Beitrag wird gemeinsam mit den anderen Einreichungen an einer großen Wand in der Ausstellung präsentiert. Den Link zu diesm Open Call gibt es hier: https://www.nextmuseum.io/exhibitions/der-ulmer-hocker (db, 29.7.21)

Ulmer Hocker (Bild: Christos Vittoratos, CC BY-SA 3.0)