Hochstraße liegt danieder

Die deutschen Relikte der autogerechten Stadt verschwinden allmählich. In Ludwigshafen wurde die Hochstraße Süd gerade abgerissen, die Schwalbacher Straße in Wiesbaden und der „Tausendfüßler“ in Düsseldorf sind schon lange Geschichte. Bald geht es nun der Mombacher Hochstraße in Mainz an den Kragen: Am 5. Juli wird sie endgültig für den Verkehr gesperrt, bereits seit 2015 durfte sie der Schwerverkehr nicht mehr befahren. Künftig soll der Verkehr hier wieder ebenerdig fließen, die Straßenführung unter der Brücke wurde bereits umgestaltet. Wann genau der mächtige Stahlbetonbau abgerissen wird, ist aber noch unklar. Laut Stadt wird man sich zunächst Rat bei anderen Kommunen holen, die ähnliche Brücken abgerissen haben. Von einer Sanierung hatte man aus Kostengründen schon vor Jahren Abstand genommen, die mögliche Restnutzung war bis 2023 freigegeben, zuletzt aber nach erneuten Schäden auf 2020 begrenzt.

Die 1,4 Kilometer lange Straßenführung am Eingang zum Stadtteil Mombach wurde 1969 errichtet. Sie verbindet die Mombacher Straße mit der Rheinallee in Richtung Mombacher Kreisel und wird täglich noch von 8000 bis 9000 Fahrzeugen genutzt. Zur Zeit ihres Baus war die städtische Verkehrsplanung noch allenthalben aufs Automobil ausgerichtet: Die Mombacher Hochstraße war das erste Teilstück einer geplanten Stadtkerntangente. Diese sollte einmal quer durch die City laufen – beginnend westlich an der Schiersteiner Brücke, am Hauptbahnhof vorbeiführend, die Oberstadt unterirdisch querend, um schließlich im Osten an der Weisenauer Brücke auf die Autobahn 60 zu treffen. Der kühne Plan wurde schon in den 1970er Jahren verworfen, außer dem Teilstück der Mombacher Hochstraße wurde damals nur noch ein kurzer Abschnitt am Hauptbahnhof realisiert. Er wird bald das letzte Relikt der Mainzer Mobilitätsträume der 1960er sein. (db, 2.7.21)

Mainz, Zwerchallee (Bild: Daniel Bartetzko)

Ludwigshafen macht Platz

Da haben auch keine bunten Pflaster mehr geholfen: Nach monatelangen Vorbereitungen ist am 11. Juni in Ludwigshafen der Teilabriss der maroden Hochstraße Süd gestartet. Vor den Augen von Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) und zahlreicher Schaulustiger brach eine 70 Tonnen schwere Baumaschine am Donnerstag das erste Stück der wuchtigen Betonkonstruktion ab. Der Stadt zufolge ist zunächst die Demontage einer etwa 120 bis 130 Meter langen Trasse geplant. Insgesamt sollen bis Oktober 2020 rund 580 Meter abgebrochen werden. Der Abriss des auf den markanten, pilzförmig auskragenden Pfeilern ruhenden Teilstücks ist wohl unvermeidbar, weil es statischen Untersuchungen zufolge einsturzgefährdet war. Die 61 Jahre alte Süd-Trasse gilt mit der ebenfalls maroden Hochstraße Nord als zentrale Verkehrsachse der Region.

Errichtet wurde das nun fallende älteste Teilstück des Ludwigshafener Hochstraßennetzes 1959 als Teil des Projekts „Visitenkarte„, das der BASF-Stadt zu mehr Attraktivität verhelfen sollte – und in seiner autogerechten, betonsatten Auslegung exemplarisch für die Stadtplanung der späten 1950er Jahre war. Auch der 1969 eingeweihte Hauptbahnhof zählt zum Gesamtkonzept; auf den freigewordenen Flächen des alten Bahnhofs wurde 1970-81 die mittlerweile gleichfalls zum Abriss vorgesehene Hochstraße Nord gebaut. Sie soll in den kommenden Jahren durch eine ebenerdige Verkehrsführung ersetzt werden, das Teilstück der Hochstraße Süd wird hingegen neu errichtet. (db, 13.6.20)

Ludwigshafen, Hochstraße Süd, Detail 2019 (Bild: Koffeinist, CC BY-SA 4.0)

Ludwigshafen: Hochstraßen am Tiefpunkt

Ende der 1950er Jahre begann in Ludwigshafen ein städtebaulicher Aufwertungsprozess, der aus der Chemie-Stadt eine attraktive Metropole zaubern sollte. Zu den realisierten Maßnahmen zählen das Rathauscenter, die Hochstraße Nord und die Hochstraße Süd. Diese Stadtautobahnen sind Symbole einer inzwischen historischen, verkehrsgerechten Planung und rahmen das Zentrum. Wer von Mannheim mit dem Auto oder dem Zug nach Ludwigshafen fährt, über die filigranen Rampen der Konrad-Adenauer-Brücke, vorbei am postmodernen Bahnhof „Mitte“ und am sogenannten Mosch-Hochhaus, kommt dem urbanen Eindruck, der den Planern vorschwebte wohl am Nächsten. Doch die Hochstraßen sind nicht nur stadtbildprägend und ökonomisch elementar, sondern auch akut sanierungsbedürftig.

Wie die SZ berichtet, ist die Hochstraße Süd (eingeweiht 1968) seit dem 22. November wegen statischer Mängel für den Verkehr gesperrt. Aufgrund der komplexen Konstruktionsweise des betroffenen Abschnitts, ist die „Pilzhochstraße“ in aller Munde. Teilweise ursächlich ist die Verkehrsbelastung: Dort wo zur Zeit der Eröffnung noch Käfer und Kadett rollten, reihen sich inzwischen SUVs und LKW. Ein Abriss wurde bereits vom Stadtrat beschlossen, der Rheinpfalz zufolge ist aber noch unklar, wie das Bauwerk ersetzt werden könnte. Jüngst mussten begonnene Baumfällarbeiten wieder eingestellt werden. So dürfte das Artefakt einstiger ingenieurstechnischer Innovation den heutigen Planern noch länger Kopfzerbrechen bereiten. (mk, 19.12.19)

Ludwigshafen, Hochstraße (Bild : Immanuel Giel, PD)