Eternit-Hallen Leimen: Neufert-Bau in Gefahr?

Dass der Architekt Ernst Neufert (1900-1986) mehr war als der Verfasser der generationsprägenden Bauentwurfslehre (erschienen ab 1936), hat sich inzwischen herumgesprochen. Doch nicht jedes seiner gebauten Werke genießt bereits die Wertschätzung, die es verdient. Seine erste Karriere hatte Neufert vor 1945 gestartet, zunächst am Bauhaus für und später mit Walter Gropius, schließlich für Albert Speer und im Vorsitz der Leitstelle Bau im „Deutschen Normenausschuß“. Fast nahtlos gelang es ihm, nach Kriegsende einen zweiten Anlauf zu nehmen als Dozent an der TH Darmstadt – und immer wieder auch als Entwurfsverfasser einzelner Bauten. Darunter finden sich verschiedene Industrieprojekte wie für die Dyckerhoff-Zementwerke sowie in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre und in den frühen 1960er Jahren für die Eternit AG.

In Leimen gestaltete Neufert ab 1954 verschiedene Bauten des dortigen Eternit-Werksgeländes, darunter zwischen 1954 und 1957 die Werkshallen mit Bürotrakt und Kantine. Für die sog. Eternit-Hallen fand er die Großform eines elegant gereihten Sheddachs, sodass sich im Profil die namensgebende Sägeform ergibt. Doch Neufert ging noch einen Schritt weiter und machte die Funktion, den Inhalt, zur Außenhaut: Er verkleidete Stahlkonstruktion mit Welleternitplatten (Faserzementplatten). Die Hallen stehen seit 2017 leer und seit 2021 unter Schutz – als Teil eines Ensembles mit Werkstatt- und Sozialgebäude, Pförtnerhaus und Fahrzeugunterständen. Trotz des damit zertifizierten baukulturellen Wertes der Sachgesamtheit wurde im Sommer ein Abbruchantrag gestellt, zuvor hatten bereits Modernist:innen von Beräumungen auf dem Gelände berichtet. Die Städte Leimen und Heidelberg wollen das Areal zum Gewerbegebiets umwandeln. Fachwelt und Denkmalpflege kämpfen aktuell für den Erhalt dieses Industriedenkmals – denn ein simpler Abriss statt einer intelligenten Weiternutzung würde weder dem baukulturellen Wert des Ensembles noch dem planerischen Niveau eines Ernst Neufert gerecht. (kb, 26.8.21)

Leimen, Eternit-Hallen (Bild: Eternit AG, CC BY SA 3.0 oder GFDL, 1954, via wikimedia commons)

„Eine Herkulesaufgabe“

Landeskonservator Martin Hahn im Gespräch über „Zwölf Kirchen“

Zwölf aus 150 aus 1000 – in Baden-Württemberg hat sich das Landesamt für Denkmalpflege der „Herkulesaufgabe“ unterzogen, die modernen Kirchenbauten eines ganzen Bundeslands in eine Ausstellung zu packen. Für das Projekt wurde ein erlesenes Dutzend aus den Kirchen der Jahre 1960 bis 1979 ausgewählt, von denen aktuell rund 150 unter Denkmalschutz stehen. Vor Ort werden die Bauwerke jeweils einzeln für einen Monat in Szene gesetzt. Aktuell ist die Ausstellung durch Corona unterbrochen, aber dennoch virtuell höchst lebendig. moderneREGIONAL sprach mit Landeskonservator Dr. Martin Hahn über den Frust der Zwangspause und die neue Freude am Vermitteln.

Banner der Ausstellung (Bild: zwoelf-kirchen.de)

die Johanneskirche in Bad Dürrheim, St. Verena in Meckenbeuren-Kehlen, St. Johannes Baptista in Karlsruhe-Durlach (Aue) und St. Konrad in Villingen-Schwenningen (Villingen) (Bild: zwoelf-kirchen.de)

moderneREGIONAL: Herr Dr. Hahn, im Sommer 2019 startete Ihre Ausstellung „Zwölf Kirchen“. Warum gerade jetzt dieses Thema?

Martin Hahn: Wie in ganz Deutschland sind wir in Baden-Württemberg gerade dabei, eine jüngere Denkmalschicht zu entdecken. Neben Siedlungen und Verwaltungsbauten haben wir uns in den vergangenen Jahren eben auch die Kirchen der Nachkriegszeit angeschaut. Mit der Ausstellung wollen wir unsere Arbeit in der Inventarisation unters Volk bringen, damit jeder davon profitieren kann.

mR: Ihr Projekt kommt – das ist ausdrücklich als Kompliment gemeint – sehr viel schicker daher, als man es von Kirche und Denkmalpflege erwartet. Warum war Ihnen ein frisches Ausstellungsdesign so wichtig?

MH: Architekturausstellungen sind immer ein bisschen schwierig – sehr viel „Flachware“. Deshalb haben wir die Kirchen von einer Drohne befliegen lassen, 3-D-Drucke und Panoramen angefertigt sowie Virtual-Reality-Brillen eingesetzt. Aber die Kernidee war: An jeder der zwölf Ausstellungsstationen ist ein Bauwerk selbst das Exponat – man muss in einer Kirche drinstehen, um sie zu begreifen. Die anderen elf Beispiele werden dann jeweils in Modellen, Texten und Bildern aufbereitet. So kann der Besucher miterleben, wie der Architekt die Kirche entworfen hat: Auf Eiermann-Schreibtischen liegen alte Skizzen und Fotos …

Stuttgart-Sonnenberg, Ev. Gemeindezentrum (Bild: Iris Geiger-Messner)

Stuttgart-Sonnenberg, Ev. Gemeindezentrum (Bild: Iris Geiger-Messner)

mR: Wer steckt hinter dem Projekt „Zwölf Kirchen“?

MH: Das Landesamt für Denkmalpflege – sechs Kollegen in Tübingen, Freiburg, Esslingen, Stuttgart und Karlsruhe – hat die Kirchen erfasst und die Ausstellung konzipiert. Von Anfang an war klar, dass wir eng mit den Landeskirchen und Bistümern zusammenarbeiten: von der Projektbesprechung über die Rundreise zu Denkmalkandidaten bis hin zur Finanzierung. Die Wüstenrot Stiftung gab uns Geld dazu, um eine ansprechende Ausstellung gestalten zu können. Vor Ort haben die Kirchengemeinden jeweils selbst das Begleitprogramm gestemmt. „Zwölf Kirchen“ ist ein Gemeinschaftsprojekt.

mR: Baden-Württemberg hat mehr als zwölf gute moderne Kirchenbauten. Wie haben Sie die Auswahl getroffen?

MH: Von den rund 1000 baden-württembergischen Kirchen der Nachkriegsjahrzehnte haben wir 150 als Denkmale auswiesen. Nach den gesetzlich festgelegten Kriterien braucht es dafür eine wissenschaftliche, künstlerische und/oder heimatgeschichtliche Bedeutung. Um mit der Ausstellung möglichst viele Menschen zu erreichen, konzentrierten wir uns auf zwölf Objekte. Diese Zahl hat eine lange theologische Tradition und lässt sich außerdem gut teilen – durch vier Regierungsbezirke, in sechs evangelische und sechs katholische Kirchen. Aber das war eine Herkulesaufgabe, denn es sollten ländliche und städtische Räume, verschiedene Stile und Architekten annähernd gleichmäßig vertreten sein. Die Endauswahl trafen wir dann tatsächlich im großen Team, gemeinsam mit den Kirchenvertretern.

"Zwölf Kirchen"-Adventskalender (Bild: Projekt "Zwölf Kirchen")

#zwoelf_kirchen – die Ausstellung wird via Instagram zum Adventskalender (Bild: Projekt „Zwölf Kirchen“)

mR: Doch dann kam Corona …

MH: … und wir mussten die Ausstellung im Frühjahr – nach neun von zwölf Stationen – erst einmal einlagern. Wir wollten es den Gemeinden nicht zumuten, eine Öffnung unter den aktuell hohen Auflagen zu garantieren. Im kommenden Jahr sollen aber die letzten drei Kirchen folgen. Um die Wartezeit zu überbrücken, veröffentlichen wir im Dezember über Instagram (#zwoelf_kirchen) einen virtuellen Adventskalender. Schon in der Ausstellungsvorbereitung konnten Beschränkungen durchaus hilfreich sein: Aus finanziellen Gründen ließen wir nur von sechs Bauten 3-D-Drucke anfertigen. Für die übrigen erstellten wir stattdessen Panoramen der Innenräume. So ist die Ausstellung am Ende viel abwechslungsreicher geworden, als ursprünglich geplant.

mR: Wird Denkmalpflege unter Druck kreativer?

MH: Vielleicht war Denkmalpflege eine Zeit lang sehr wissenschaftlich, etwas behördenmäßig unterwegs. In der Zukunft werden für uns neue Formate und Themen immer wichtiger. Bei der Inventarisation berücksichtigen wir in Baden-Württemberg jetzt schon die 1980er und 1990er Jahre. Und in unseren Ausstellungen verzichten wir heute auf lange Texte oder langweilige Bilder und binden inzwischen auch Social Media mit ein. Es macht einfach Spaß und Freude, wieder stärker werbend auf die Bevölkerung zuzugehen.

Dr. Martin Hahn (Bild: privat)

Dr. Martin Hahn studierte Geographie, Kunstgeschichte und Denkmalpflege in Marburg und Bamberg. An der TU Berlin promovierte er zu historischen Umnutzungen in Bayern. Als Landeskonservator im Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart leitet Hahn heute das Referat Inventarisation, das sich in Baden-Württemberg um die Erfassung von Denkmalen kümmert.

Banner der Ausstellung (Bild: zwoelf-kirchen.de)

die Versöhnungskirche in Leonberg-Ramtel, die Pfingstbergkirche in Mannheim-Rheinau, St. Albert in Freiburg-Betzenhausen und St. Josef in Stuttgart-Heslach (Bild: zwoelf-kirchen.de)

Nach neun Stationen 2019/20 pausiert die Ausstellung „Zwölf Kirchen“ aktuell, um voraussichtlich 2021 mit den letzten drei Orten zu beschließen. Das begleitende Arbeitsheft „Gotteszelt und Großskulptur“, das sich zugleich als Katalog versteht, bietet einen Rundumblick über die Kirchenlandschaft zwischen 1945 und 1980.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (18.11.20).

Banner der Ausstellung (Bild: zwoelf-kirchen.de)

das Ev. Gemeindezentrum in Stuttgart-Sonnenberg, die Klosterkirche St. Vinzenz in Untermarchtal, die Kapelle auf der Blumenau in Mannheim und die Versöhnungskirche in Ulm-Wiblingen (Bild: zwoelf-kirchen.de)

Titelmotiv: Stuttgart-Sonnenberg, Ev. Gemeindezentrum (Bild: Iris Geiger-Messner)

Frisch unter Schutz: Das Schullandheim Mönchhof

„Es freut uns noch heute, dass wir uns über die Klischees der damaligen Auffassungen hinweggesetzt haben“, so blickten Kammerer + Belz 1986 auf eines ihrer unbekannteren Werke zurück. 22 Jahre zuvor hatte das Stuttgarter Architekturbüro den Wettbewerb für das Schullandheim in Kaisersbach-Mönchhof gewonnen. Das damals noch junge Team (später Kammerer + Belz(, Kucher) und Partner) machte sich in der Folge einen Namen – u. a. mit dem Geno-Hochhaus (1972), der Calwer Passage (1978) oder dem Technischen Zentrum der Dresdener Bank (1993), alle in Stuttgart. In Kaiserbach-Mönchhof gestalteten sie das Schullandheim von 1966 bis 1967 gemeinsam mit dem Stuttgarter Landschaftsarchitekten Hans Luz. Unter tief heruntergezogenen Dächern verbinden die Häuser bis heute Ziegel, Beton und Holz. Moderne Architektur fügt sich harmonisch in eine gewachsene Kulturlandschaft.

Kaisersbach-Mönchhof, Schullandheim (Bild: Landesamt für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart)

Das Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart hat das Landschulheim Mönchhof nun unter Schutz gestellt. Und nicht nur Moderne-Fans klatschen Beifall. Auch der Landkreis, dem das Schullandheim bis heute gehört, zeigt sich in der Presseerklärung des Denkmalamts stolz auf sein bauliches Erbe. Erst 2016 habe man behutsam eine energetische Sanierung durchgeführt. Mit der Gründung einer Stiftung für Bildung und Gesundheit und einer Bewerbung beim Landesförderprogramm Freiräume habe man nun erste Weichen für die kommenden Jahre gestellt. Im Herbst diesen Jahres wird der Kreistag über konkrete Zukunftsideen beraten. (kb, 15.9.20)

Kaisersbach-Mönchhof, Schullandheim (Bild: Landesamt für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart)
Kaisersbach-Mönchhof, Schullandheim (Bild: Landesamt für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart)
Kaisersbach-Mönchhof, Schullandheim (Bild: Landesamt für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart)
Kaisersbach-Mönchhof, Schullandheim (Bild: Landesamt für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart)
Kaisersbach-Mönchhof, Schullandheim (Bild: Landesamt für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart)
Kaisersbach-Mönchhof, Schullandheim (Bild: Landesamt für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart)

Alle Abbildungen: Kaisersbach-Mönchhof, Schullandheim (Bild: Landesamt für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart)