Bahnhof verstehen

Bahnhof verstehen

Wien, Südbahnhof, vor 2010 (Bild: Jason Wu, P1040199, CC BY 2.0)
Bis 2009 ein vertrautes Bild: Kommen und Gehen am Wiener Südbahnhof (1961) (Bild: Jason Wu, P1040199, CC BY 2.0)

2009 stellte man den Betrieb des Wiener Südbahnhofs ein, demolierte im Anschluss die Gebäude und eröffnete den neuen Hauptbahnhof im Oktober 2014. Dieser Neubau veränderte nicht nur die Gleisführungen von, nach und in Wien, sondern ebenso die Rolle des Bahnhofs als Ort. Der abgerissene Südbahnhof (als übrigens drittes Bahnhofsgebäude an dieser Stelle) entstand nach Plänen von Heinrich Hrdlička zwischen 1955 und 1961 – in Zeiten, als das Auto noch nicht das Haupt-Nah- und Fernverkehrsmittel war. Architektonisch zeigte sich das z. B. in der großen Eingangshalle, wo der lange Moment des Ankommens zelebriert werden konnte.

Heute, da wir grundsätzlich um den öffentlichen Raum streiten, muss sich der neue Hauptbahnhof zudem mit der Konkurrenz des Individualverkehrs und des Flugzeugs befassen. Und schließlich ist der Bahnhof zu einem politisch und emotional aufgeladenen Ort geworden, als er im vergangenen Jahr zum Ort der Ankunft tausender aus ihrer Heimat Vertriebenen wurde. Die Seminartagung „Bahnhof verstehen“ will sich daher vom 17. bis zum 18. Juni 2016 in Wien (Erste Bank Event Center, Petersplatz 7, 1010 Wien) mit dem Phänomen Bahnhof beschäftigen – u. a. durch Vorträge zur Verkehrsgeschichte Wiens und zur Bahnhofsarchitektur im Allgemeinen. (kb, 9.6.16)

Gleis 13

Gleis 13

Bütersloh, Bahnhof (Bild: Daniel Brockpähler, CC BY SA 3.0)
Gütersloh: die Bahnsteige neu gemacht, der Güterbahnhof (Bilder davon gibts auf rottenplaces.de) überplant (Bild: Daniel Brockpähler, CC BY SA 3.0)

„Gleis 13“ nennt die Unternehmensgruppe Hagedorn ihre Pläne für den Gütersloher Güterbahnhof. Lange wurde über das Areal diskutiert, das man 1932 in Betrieb genommen hatte. Seit 1997 diente die Anlage nur noch der Bahn zum Abstellen von Güterwaggons und dem Busverkehr Ostwestfalen GmbH (BVO) als Außengelände. Zwischenzeitlich hatte man schon das Stellwerk und einen Güterschuppen niedergelegt. 2015 verkaufte man die verbliebene Anlage mit einer Fläche von 11.000 Quadratmetern an die Hagedorn Gruppe. Seitdem hat ein Feuer bereits die Dachkonstruktion zerstört.

Alternative Ideen – „Großmarkt, Musicalstandort, Parkhaus, Künstlerateliers, Supermarkt und was nicht alles so in den Köpfen der Mitbürger spukte“ – hatten sich nicht durchsetzen können. Hagedorn plant ein U-förmiges Ensemble: „Eine Plaza, umgeben von Restaurants, Bistros, Eventlokalen, soll Besucher und Bewohner des Quartiers nach draußen locken“ berichtet die „Zeitung für Gütersloh“. Entlang der Schienen sind Neubauten mit den Nutzungsschwerpunkten Büro, Gastronomie sowie Gesundheit und Fitness vorgesehen. Hagedorn will im März mit den Abbrucharbeiten beginnen, mit dem Bezug der Neubauten sei für 2017 zu rechnen. (kb, 20.3.16)

Margarine-Bahnhof Goch

Als die Moderne langsam am Horizont aufzog, florierte die Wirtschaft im niederrheinischen Goch. Da war die Ölmühle van den Bosch – und das Margarinewerk Jurgens & Prinzen, eben jene Fabrik, die auch das Markenprodukt „Rama“ aus der Taufe hob. So war es fast zwingend, dass vor Ort schon ab 1863 ein Bahnhof und ab 1884 ein Güterbahnhof zur Verfügung standen. 1957 schließlich trat ein schnittiger Neubau an die Stelle des kriegszerstörten Empfangsgebäudes – und besagte Kultmargarine hatte sich, wenn auch unter neuem Firmennamen, längst tief ins kollektive Werbegedächtnis eingebrannt.

 

Wie wird man zur Marke?

In Goch klemmte der lokale Architekt Toni Hermanns einen Glaskeil mit Flugdach zwischen zwei dynamische aufstrebende Wandscheiben und rahmte ihn mit zwei niedrigeren Pavillonbauten. Im rechten Flügel wurde zudem eine Gaststätte untergebracht. Damit glückte ein „eckiger Nierentisch“, eine überzeugende Mischung aus bundesdeutscher Bodenhaftung und wirtschafswunderlicher Zukunftsfreude. Ein ähnlicher Kunstgriff gelang in diesen Jahren auch dem Rama-Werbemädchen, das mit Strohhut und sittsamer Zopffrisur ein gerüttelt Maß traditioneller Werte an den modernen Frühstückstisch brachte.

 

Modern und lichtdurchflutet

„Moderner Bahnhof mit lichtdurchfluteter Empfangshalle.“ So vielversprechend bewarb die Firma Faller 1966 ihr brandneues Modell „Bahnhof Neustadt“, das sich an Goch orientierte. Der Bausatz wurde 2016 als „Klassiker“ neu aufgelegt. Auch sein Vorbild hat es längst in die Reihe der zeitlosen Schönheiten geschafft: Der Bahnhof Goch steht unter Denkmalschutz. Doch mehr wollen wir jetzt gar nicht verraten – der kleine und der große Bahnhof werden im kommenden Sommer Teil unserer Ausstellung „märklinMODERNE“ im Deutschen Architekturmuseum (DAM) Frankfurt und in der Stuttgarter Weißenhofgalerie. Wer selbst Teil des Projekts sein will, ist herzlich eingeladen, sich an unserem Crowdfunding zu beteiligen: www.startnext.com/maerklinmoderne. (kb/db, 27.9.17)

Titelmotiv: Bahnhof Goch (Bild: historische Postkarte)