Eine zweite Chance für Fritz Kühns „Sternenhimmel”?

von Paul Zalewski

Fritz Kühn (1910-1967) zählt zu den ostdeutschen Künstler:innen, deren Werk schon früh international anerkannt wurde. Seine Werke begleiteten den Wiederaufbau von Berlin und bildeten besondere Akzente an mehreren modernistischen Objekten in beiden Teilen Deutschlands. Für einen zentralen Ort vis-à-vis des Rathauses von Frankfurt/Oder gestaltete er 1965 den „Sternenhimmel“. Es handelte sich um eine mehrere Meter hohe Kupferblech-Plastik an der leeren Giebelwand eines viergeschossigen Wohnblocks, des sog. Experimentalbaus. Im Maßstab und in der Eindruckskraft übertraf diese Arbeit alle anderen Werke, die im öffentlichen Raum der Oderstadt zu sehen waren: Das lag einerseits an der exponierten Situation am Markt, wo am alten Rathaus offizielle Anlässe zu größeren Menschenversammlungen führten. Andererseits ging es darum, ein besonderes Motiv für den räumlichen Übergang zwischen Markt- und Brunnenplatz zu finden.

Radikal modern

Die Nordseite des Brunnenplatzes war durch den über 100 Meter langen Experimentalbau definiert, der mit seiner straffen Geometrie und mit seiner kontrastreichen Reihung von Loggien auch einen neuen ästhetischen Standard in der ehemaligen Altstadt definierte. Fritz Kühns Sterne lockerten die disziplinierte Gliederung des Wohnbaus auf. Ihr nahezu organisch anmutendes Relief individualisierte den großen Plattenbau in besonderer Weise. Die plastische Ausformung der Sterne machte es möglich, sie aus unterschiedlichen Winkeln (z. B. bei einem südöstlichen Blick auf die Platzfassade) zu sehen. Somit unterstützte die monumentale Plastik das Programm einer „radikalen Modernität“ in der teilweise traditionalistisch wiederaufgebauten Innenstadt. Anders als bei den zeitgleichen, ebenso großflächigen Wandgestaltungen von Womacka oder Renau geschah das jedoch auf eine abstrakte Art. Obwohl die Sterne zu jenem Zeitpunkt mit der sowjetischen Weltalleroberung assoziiert werden konnten (so war möglicherweise der Auftrag gemeint), ist ihre Form, ihre Verdichtungen und Überlagerungen durchaus vieldeutig, wenn nicht sogar selbstreferentiell. Wäre da nicht der suggestive Titel „Sternenhimmel“, so könnte man es genauso gut für einen Vogelschwarm halten – ein Naturspektakel, das alle Frankfurter im Herbst über der Innenstadt bestaunen können.

Im Kunstdepot

Wie auch immer die Form gedeutet werden mag, eines wollte der Künstler ganz bestimmt vermeiden: die Form eines klassischen fünfstrahligen, womöglich noch roten Sterns, der allzu leicht an den Höhenflug von Sputnik erinnern würde. Die zu einer Gruppe zusammengeschobenen, dunklen Dornformen bauten vor dem hellen Hintergrund eine – nicht zwingend angenehme – Spannung auf, bei der man an den Expressionismus denken muss. Die offene Form erinnert an die zeitgenössische Stilistik des modular, frei erweiterbaren Designs, die man beispielsweise von den Lampensystemen des Palastes der Republik kennt. Nach Informationen der Familienangehörigen Helgard Kühn arbeitete Fritz Kühn von 1964 bis 1966 gleichzeitig an 50, teils hochprominenten Kunstobjekten u. a. für Berlin, Dortmund, Duisburg, Essen, Hannover, Leipzig, Magdeburg, Rostock, Saarbrücken. Alles Aufträge, die ihm u. a. von den prominentesten westdeutschen Architekten zugespielt wurden, um nur die Namen von Eiermann, Oesterlen oder Schwippert zu nennen. Bezeichnenderweise finden sich unter diesen Arbeiten Kristall- und Dornformen. Sie wurden zu einem wichtigen Gestaltungselement, an dem der fieberhaft arbeitende Kühn kurz vor seinem Tod experimentierte. In diesem Kontext muss man den „Sternenhimmel“ von Frankfurt/Oder sehen. Nun sucht die Oderstadt nach einer finanziellen Unterstützung, das nach der Wende abgenommene und im Kunstdepot eingelagerte Werk zu restaurieren, um es an einer geeigneten Stelle in der Innenstadt anzubringen. (23.11.21)

Fritz Kühn, Sternenhimmel (Bild: Kulturbüro, Frankfurt an der Oder)

Fritz Kühn, “Sternenhimmel” am Experimentalbau in Frankfurt/Oder vor der Abanhme und Einlagerung des Kunstwerks (Bild: Kulturbüro, Frankfurt an der Oder)

Vom Umzug der Robotron-Wandbilder

Als das Leipziger Robotron Bildungs- und Beratungszentrum in der Gerberstraße 2013 niedergelegt wurde, hatte man zuvor vier ostmoderne Wandbilder (samt der zugehörigen Wände) geborgen und später restauriert. Entstanden war die Serie – halb gemalt, halb reliefiert – um 1969 durch die jungen Künstler Arno Rink, Rolf Kuhrt, Frank Ruddigkeit und Klaus Schwabe. Unter dem Titel “Leben im Sozialismus – Datenverarbeitung” hatten sie die großen Themen Technik und Kosmos monumental in mal gegenständlicher, mal abstrakt-ornamentaler Weise aufbereitet: Mann und Frau friedlich und fortschrittsorientiert eingewoben in die freundlichen Zeichen von Atomkraft, Datenverarbeitung und Weltraum. Damit hatte der DDR-Computerfabrikant VEB Kombinat Robotron seinem Gewerbe einen symbolträchtigen Rahmen verliehen.

Nach Auflösung von Robotron im Jahr 1990 gab es für den Leipziger Bau bis 2012 eine Nachnutzung durch verschiedene kleinere Unternehmen und Dienstleister. Nun haben die geretteten Reliefs eine neue Heimat gefunden, zumindest drei der vier: Am ehemaligen Standort des Robotron-Zentrums eröffnete man Mitte Juli feierlich den Neubau der Sächsische Aufbaubank (SAB), errichtet nach Entwürfen des Londoner Architekturbüros ACME. Aus Platzgründen sollen nur drei der vier Kunstwerke in dessen Foyer einziehen. Noch laufen die letzten Arbeiten an den Wandbildern. Doch ab September 2021 werden die ostmodernen Kunstwerke, so der Zeitplan hier, hier zu sehen und vor allem öffentlich zugänglich sein. Für das vierte noch heimatlose Wandbild will man seitens der SAB in Leipzig einen anderen guten Platz finden, so die Zusicherung der Bank. (kb, 4.8.21)

Leipzig, Robotron Bildungs- und Beratungszentrum in der Gerberstraße , bis 2013 Ort der Wandbilder (Bild: Joeb07, CC BY SA 3.0 oder GFDL, 2009)

Ostwerte

Auch wenn das Thema schon oft diskutiert wurde, von medial bis fachlich: Die baukünstlerischen Zeugnisse der DDR-Zeit werden munter weiter abgerissen. Vor diesem Hintergrund plant der Bund Heimat und Umwelt e. V. (BHU) gemeinsam mit dem Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e. V. eine zweitägige Veranstaltung zu dieser bedrohten Architekturepoche. Die Tagung “Ostmoderne” soll (unter Wahrung aller coronabedingten Hygieneerfordernisse) vom 25. bis zum 26. September 2020 an zwei Orten stattfinden: zunächst in der Aula der Berufsschule Sangerhausen (Friedrich-Engels-Straße 22, 06526 Sangerhausen), anschließend im Hotel TRYP by Wyndham Halle (Neustädter Passage 5, 06122 Halle an der Saale).

Auf dem Programm stehen Schwerpunkte wie Großsiedlungen im Nordosten von Berlin, Anspruch und Realität der sozialistischen Stadt, Halle-Neustadt als Prototyp und Sonderfall, das Schauspielhaus Chemnitz oder der prägende Architekt Josef Kaiser. Mit von der Partie sind u. a. Mark Escherich (Erfurt) sowie Martin Neubacher und Marco Dziallas vom Netzwerk ostmodern Dresden. Neben Exkursionen und übergreifenden Vorträgen werden Einzelbeispiele vorgestellt und die Ergebnisse abschließend in einer Podiumsdiskussion gebündelt. (kb, 25.6.20)

Leider schon weg: das damals leerstehende und hochwassergeschädigte Planetarium auf der Peißnitzinsel in Halle an der Saale im Jahr 2014 (Bild: Knut Mueller)