Bauhaus

HfG-Grundlehre, Walther Peterhans, 1953 (Foto: Eva-Maria Koch, Hans G. Conrad. HfG-Archiv/Museum Ulm)

Ulm und Bauhaus und so

Dessau? Weimar? Nein, Ulm! Es ist Bauhausjahr und Ulm feiert mit. Gilt doch die Hochschule für Gestaltung (HfG) als Nachfolger und Wiedergeburt der Idee. Maßgeblich waren die pädagogischen Ideen, die für den Vorkurs des Bauhauses entwickelt worden waren, die in Ulm ab 1953 erneut Anwendung fanden. Auch ehemalige Bauhäusler wie Walter Peterhans, Josef Albers Helene Nonné-Schmidt und Johannes  Itten hatten ihren Weg an die Donau gefunden. Gerufen wurden sie vor allem von Max Bill, Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher. Doch schon bald zeichnete sich ab, dass die jüngeren Dozenten, unter ihnen der kürzlich verstorbene Tomás Maldonado, die bauhäuslerische Grundlehre ablehnten.

Die Ausstellung „Bauhaus Ulm“ im dortigen HfG-Archiv widmet sich nun der Frage, wie viel Bauhaus in der HfG steckte – anhand einer umfassenden Objekt-, Dokumenten- und Fotografiensammlung. Schon in der Bezeichnung „Hochschule für Gestaltung“ findet sich ein Teil Bauhaus wieder. Denn genau so lautete auch der Beiname der Dessauer Institution, zu deren Weiterverwendung in Ulm Walter Gropius selbst sein Einverständnis gab. Eigentlich sollte der Titel sogar „Bauhaus Ulm“ werden. Dieser Fall ist nun eingetreten, allerdings „nur“ als Titel der aktuellen Sonderschau, die vom 28. Juni bis zum 13. Oktober zu sehen sein wird. (pl, 23.6.19)

HfG-Grundlehre, Walther Peterhans, 1953 (Foto: Eva-Maria Koch, Hans G. Conrad. HfG-Archiv/Museum Ulm)

Hamburg, Großmarkt (Bild: LoboStudio Hamburg, CC0 1.0, PD, 2016)

Das hanseatische Bauhaus

In diesem Jahr sind selbstverständlich die großen Wirkungsstätten des Bauhauses, Weimar, Dessau und Berlin im Fokus. Dass der Einfluss der Bauhauslehre sich früh in Hamburg ausbreitete, wissen hingegen die wenigsten. Dieses Kapitel Stadtgeschichte wird nun von Rüdiger Joppien und Hans Bunge in ihrem Werk „Bauhaus in Hamburg Künstler Werke Spuren“, aufgearbeitet. Am 27. Juni 2019 findet in der Freien Akademie der Künste (Klosterwall 23, 20095 Hamburg) eine Buchpräsentation mit anschließender Podiumsdiskussion statt. Das Gesprächsthema zwischen Joppien und dem Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath lautet „DAS Bauhaus gibt es nicht“. Die aktuell im Dölling-und-Galitz-Verlag erschienene Publikation versteht sich als Begleitkatalog zur gleichnamigen Ausstellung, die noch bis zum 30. Juni 2019 in der Freien Akademie zu sehen sein wird.

Schon 1930 wurde in Hamburg in der Landeskunstschule der berühmte Vorkurs übernommen. Nach dem Krieg unterrichteten an der Hochschule für bildende Künste so viele ehemalige Ex-Bauhausschüler wie nirgens sonst in der Bundesrepublik. Nicht wenige bekannte Namen werden im Band behandelt: Gerhard Marcks, Gustav Hassenpflug, Max Bill, Kurt Kranz, Else Möglin, Walter Peterhans und Wolfgang Tümpel. Letzterer entwarf 1961 die berühmte Frischhaltedose der Firma Tchibo. So zeigt diese erste Gesamtdarstellung der Hamburger Bauhäusler eben auch, wie von dort aus die Reformgedanken weiter in unseren Alltag wanderte. (jm, 21.6.19,)

Hamburg, Großmarkt (Bild: LoboStudio Hamburg, CC0 1.0, PD, 2016)

Wagenfeld-Leuchte (Bild: cairo.de)

Wagenfeld leuchtet

Entgegen anderslautender Gerüchte kann man Stil kaufen – und sogar auf den Schreibtisch stellen: 1924 entwickelte der Designer Wilhelm Wagenfeld gemeinsam mit Carl Jacob Jucker eine Leuchte, die zum Klassiker avanciern sollte. Die Anregungen für sein umfangreiches Werk bezog Wagenfeld u. a. aus der Staatlichen Bremer Kunstgwerbeschule, der Künstlerkolonie Worpswede, den Wiener Werkstätten und dem Bauhaus Weimar. Für den ikonischen Lampenentwurf mit der Zugschnur, der später nach ihm benannt werden sollte, verband er hochwertige Materialien vom Klarglas über vernickelte Metallelemente bis zu mungeblasenem Opalglas. Bis heute wird die Tischleuchte in Bremen produziert und zugleich vielfach auf der Welt kopiert.

Vom 24. Mai bis zum 27. Oktober 2019 widmet sich die Ausstellung „Wilhelm Wagenfeld: Leuchten“ im Wilhelm-Wagenfeld-Haus (Am Wall 209) in Bremen dem Thema, die Eröffnung findet am 23. Mai 2019 um 19 Uhr statt. Die Ausstellung folgt dem Weg der Bauhaus-Idee im Werk Wagenfelds bis in die 1970er Jahre. Zeitgenössische Leuchtentwürfe sollen den Einfluss des Designers auf die heutige Formensprache unterstreichen. (kb, 21.5.19)

Wagenfeld-Leuchte (Bild: cairo.de)

Die Schauspielerin Louise Brooks 1929 mit Bubikopf (Bild: gemeinfrei, via wikimedia commons)

Die frisierte Moderne

Mit den Feierlichkeiten von 2019 ist die Moderne auf den Köpfen angekommen: In ausgewählten Magdeburger Salons gibt es bis zum 21. September das „Frisieren eines Bubikopfes zum Aktionspreis von 30,- € (Waschen, Schneiden, Föhnen)“. Anlass ist – natürlich – das Bauhausjubeljahr, das in der Landeshauptstadt unter dem Motto „100 Jahre Magdeburger Moderne“ begangen wird. In der Sonderausstellung des dortigen Friseurmuseums dreht sich alles um den Bubikopf. Titelgesicht der Kampagne ist zielgruppengerecht Li Krayl, Gattin des modern gesinnten Architekten Carl Krayl, deren Foto 1927 den Ausweis zur Deutschen Theaterausstellung schmückte. Obendrein liegt der Museumsbau samt einer original ausgestatteten Frisierstube von 1929 inmitten der Beimssiedlung, einem Flächendenkmal im Stil des Neuen Bauens. Ein Marketingtraum für Kulturbourgeoisie und Haar-Verband.

Damit ist das Neue Bauen jetzt (auch) Mode. Doch in Magdeburg wird die Kurzhaarfrisur nicht ganz zu Unrecht zum Symbol des Aufbruchs stilisiert: Zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Machtergreifung der Nationalsozialisten stand die maskuline Haartracht für die Neue Frau. 2019 ist diese Form der Emanzipation wieder schick, so stapeln sich aktuell die Publikationen rund um Modernistinnen wie Gunta Stölzl, Ise Gropius (Ilse Frank), Dörte Helm, Marianne Brandt, Florence Henri oder Lou Scherper in bildungsbürgerlich gesinnten Buchläden. Die Bandbreite der Kulturproduktionen reicht von der gutgemeinten Rosamunde-Pilcher-Variante in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten bis zum Feuilleton-Bericht in der streitbaren „Emma“. Eine dringend notwendige Ehrenrettung, machten die Frauen doch 1919 noch die Mehrheit unter den Bauhaus-Studierenden aus – bis sie von den Herren auf die Gestaltung von Küchen, Webmustern und Kinderspielzeug festgeschrieben wurden. Da half auch der maskuline Kurzhaarschnitt nicht.

Selbst das modische Leitbild der Bubikopfträgerinnen, die amerikansiche Schauspielerin Louise Brooks konnte ihren Ruhm nur wenige Jahre auskosten. Nach ihrem filmischen Durchbruch als „Lulu“ in Berlin kehrte sie 1930 in die USA zurück, wo sie nach gewagten Rollen und Honorarforderungen rasch ins Karriereaus geriet. Bis ihr Frauentypus Jahrzente später wiederentdeckt und in den Mittelpunkt von Dokumentationen gerückt wurde. Einige dieser späten Film-Interviews gab die ergraute Brooks souverän im Nachthemd und mit geöffneten Haaren. Wahrer Stil kommt eben von innen. Angesichts von Muttidutt, Teilzeitfalle und Rentenlücke – wenn Emanzipation bedeutet, die Schere im Kopf selbst anlegen zu dürfen – lohnt heute der Blick zurück auf die Neuen Frauen. Nicht umsonst heißt einer der Salons der Magdeburger Frisurenkampagne „Kopfarbeit“. (20.5.19)

Karin Berkemann

Die Schauspielerin Louise Brooks 1929 mit Bubikopf (Bild: gemeinfrei, via wikimedia commons)

Probstzella, Haus des Volkes (Bild: Bauhaushotel – Haus des Volkes Propstzella)

Alfred Arndt: Provinz, aber oho!

Mitten im Thüringer Schiefergebirge wartet die Form der Moderne, die 2019 unter dem Bauhaus-Label endlich die verdiente Aufmerksamkeit erhält. Die Kultur- und Sportstiftung der Gemeinde Probstzella veranstaltet am 23. und 24. Mai 2019 gemeinsam mit dem Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie eine Tagung im größten Bauhaus-Ensemble des Freistaats: dem 1927 nach Entwürfen von Alfred Arndt fertiggestellten „Haus des Volkes“ in Probstzella.

Der sozial engagierte Unternehmer Franz Itting konnte den Architekten Arndt für ein ehrgeiziges Bauprojekt gewinnen, das zu seinem Hauptwerk werden sollte. Nun steht eben jenes „Haus des Volkes“ erstmals im Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Tagung. Damit sollen neue Forschungsergebnisse vorgestellt und diskutiert werden. Neben dem Wirken Alfred Arndts im Kontext der Zeit berücksicht das Programm auch Arndts regionales und überregionales Schaffen. Und wem der Termin nicht reinpasst, der kann auch ganz privat zum Eigenstudium im „Bauhaushotel“ übernachten. (kb, 8.5.19)

Probstzella, Haus des Volkes (Bild: Bauhaushotel – Haus des Volkes Propstzella)

Kirchbrak, Amco-Gebäude (Bild: Axel Hindemith, CC BY SA 3.0)

Gropius gefunden

Waren Sie schon mal in Kirchbrak? Zugegeben, moderneREGIONAL auch nicht. Der Ort mit 994 Einwohnern gehört zur Samtgemeinde Bodenwerder-Polle im Landkreis Holzminden und könnte bald zur Architektur-Tourismusattraktion werden. Denn hier steht ein vermeintlich vergessener echter Gropius – ein Fabrikgebäude der Holzbearbeitungs-Firma August Müller und Co. (AMCO), das 1925 errichtet und 2017 stillgelegt wurde. Doch der großen Namen nicht genug: Die Bauunterlagen sind allesamt von Ernst Neufert unterzeichnet, der damals bei Walter Gropius angestellt war, ehe er 1926 als Professor für Planung an die neue Bauhochschule Weimar wechselte. Doch egal, ob nun mehr Gropius oder mehr Neufert in dem großzügig verglasten Stahlskelettbau stecken, ist es ein Kuriosum, dass er im Bauhaus-Feierjahr als Wiederentdeckung gilt und tatsächlich nicht unter Denkmalschutz steht.

Der ortsansässige Ingenieur Günter Staeffler hat das Denkmalamt schon vor Jahren erfolglos auf den Bauhaus-Bau hingewiesen. Ein Beitrag von Wilhelm Klauser in der Bauwelt 16.2018 hat wohl endlich Bewegung in die Sache gebracht, und schließlich berichtete der NDR Ende März 2019 über das erste Gebäude, das das Atelier Gropius nach dem erzwungenen Wegzug aus Weimar realisierte. Nun wird der vergessene Bau unter Schutz gestellt, auch die Eigentümerin signalisierte Gesprächsbereitschaft für eine neue, denkmalgerechte Nutzung. Unser Urlaubstipp 2019: Besuchen Sie doch mal Kirchbrak! (db, 19.4.18)

Kirchbrak, Amco-Gebäude 2019 (Bild: Axel Hindemith, CC BY SA 3.0)