Stuttgart: Zurück auf Bauhaus?

Vor knapp einer Woche, am 9. Juli hat sich in Stuttgart ein Verein gegründet, der für die Brenzkirche die Zeit zurückdrehen will. Zurück auf das Jahr 1933, als der Gottesdienstraum nach Entwürfen des Architekten Alfred Daiber nahe der Weißenhofsiedlung im Stil des Neuen Bauens eingeweiht worden war. Aus einem Quader mit Rundungen und Dachreiter machte Rudolf Lempp 1938 – im Sinne der nationalsozialistischen Bauvorschriften – einen gradlinigen Anblick mit „deutschem“ Satteldach auf Schiff und Turm. Der Wiederaufbau nach Kriegszerstörungen, ebenfalls unter Lempp, fügte 1947 weitere Veränderungen vor allem im Innenraum hinzu. 1983 kam die Brenzkirche unter Denkmalschutz.

Seit einigen Jahren wird über eine Rückführung auf die Gestaltung von 1933 diskutiert, verbunden mit einer zeitgenössischen und nutzungsfreundlichen Neuinterpretation des Innenraums. Eine Debatte, die durch das Bauhausjubiläum und die Internationale Bauausstellung, die 2027 in Stuttgart stattfinden soll, aktuell weiter befeuert wird: Genießt die Fassung von 1938/47 Bestands- und Denkmalschutz gegenüber der Ursprungsidee von 1933? Würde ein Rückbau gar die Veränderungen der NS-Zeit geschichtsklitternd unsichtbar machen? Karl-Eugen Fischer, Pfarrer der Brenzkirche, hingegen erklärt gegenüber den „Stuttgarter Nachrichten“: Lempp habe aus dem Bau „eine hässliche Dorfkirche“ gemacht. Dem wolle die Gemeinde – inhaltlich wie baulich – in den kommenden Jahren ein modernes, an den demokratischen Grundsätzen der Bauhaus-Zeit orientiertes Kirchenbild entgegensetzen. (kb, 13.7.19)

Titelmotiv: Stuttgart, Brenzkirche, um 1933 (Bild: historische Postkarte)

In Arnstadt ist die Moderne weiß

In Arnstadt gehört die Moderne zum Alltag: Der Milchhof wurde hier 1928 fertiggestellt – in der Formensprache des Neuen Bauens. In diesem Jahr ist das liebevoll wiedererweckte Kulturdenkmal u. a. Teil der „Grand Tour der Moderne“, Partner des Bauhaus100-Programms des Bauhaus-Verbundes der Länder und der Stiftungen. Mitten in der Wiederherstellung des Gebäudes präsentiert sich der Milchhof im Sommer diesen Jahres mit einer eigenen Ausstellung zum Thema. Im Mittelpunkt des vom Architekten Martin Schwarz [sic!] entworfenen Gebäudes steht aktuell die Farbe Weiß. Sie versinnbildlicht für die Ausstellungsmacher den Aufbruch, Neuanfang, aber auch das rücksichtslose tabula-rasa-Denken, wie es dem Selbstverständnis der Moderne entsprach.

Thematisiert wird die Geschichte des Bauwerks im Dialog mit Malerei, Skulpturen, Fotografie, Installationen und Videos zeitgenössischer Künstler. Mit von der Partie sind Hartmut Bechmann, Angela Brandt, Philippe Derlin, Angela Dwyer, Paolo Giudici, Fotograf, Jan Kobel, Markus Krug, Sarah Kunze, Martin Maleschka, Eberhard Schrammen und Pomona Zipser. Die Ausstellung „weiß. nullpunkt der moderne.“ ist noch bis zum 31. August 2019 vor Ort zu sehen, zudem wird ein umfangreiches Begleitprogramm geboten. (kb, 25.6.19)

Rückseite des Modells von Haus Josephine Baker von Adolf Loos, 1928 (Foto: Armin Linke im Rahmen des Re-enactment-Projekts von Ines Weizman für Ordos 100, 2008)

Ulm und Bauhaus und so

Dessau? Weimar? Nein, Ulm! Es ist Bauhausjahr und Ulm feiert mit. Gilt doch die Hochschule für Gestaltung (HfG) als Nachfolger und Wiedergeburt der Idee. Maßgeblich waren die pädagogischen Ideen, die für den Vorkurs des Bauhauses entwickelt worden waren, die in Ulm ab 1953 erneut Anwendung fanden. Auch ehemalige Bauhäusler wie Walter Peterhans, Josef Albers Helene Nonné-Schmidt und Johannes  Itten hatten ihren Weg an die Donau gefunden. Gerufen wurden sie vor allem von Max Bill, Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher. Doch schon bald zeichnete sich ab, dass die jüngeren Dozenten, unter ihnen der kürzlich verstorbene Tomás Maldonado, die bauhäuslerische Grundlehre ablehnten.

Die Ausstellung „Bauhaus Ulm“ im dortigen HfG-Archiv widmet sich nun der Frage, wie viel Bauhaus in der HfG steckte – anhand einer umfassenden Objekt-, Dokumenten- und Fotografiensammlung. Schon in der Bezeichnung „Hochschule für Gestaltung“ findet sich ein Teil Bauhaus wieder. Denn genau so lautete auch der Beiname der Dessauer Institution, zu deren Weiterverwendung in Ulm Walter Gropius selbst sein Einverständnis gab. Eigentlich sollte der Titel sogar „Bauhaus Ulm“ werden. Dieser Fall ist nun eingetreten, allerdings „nur“ als Titel der aktuellen Sonderschau, die vom 28. Juni bis zum 13. Oktober zu sehen sein wird. (pl, 23.6.19)

HfG-Grundlehre, Walther Peterhans, 1953 (Foto: Eva-Maria Koch, Hans G. Conrad. HfG-Archiv/Museum Ulm)