Staatsaffäre Bauhaus

Bis heute kämpfen Länder und Interessensgruppen um den Platz an der Sonne des blitzblanken Bauhaus-Images. Schon die Begründer der reformfreudigen Kunstschule hatten eifrig mitgestrickt an einer derartigen Markenbildung. Da verwundert es nicht, dass dieses ideeelle Erbe nach dem Zweiten Weltkrieg rasch zum Politikum wurde. Nicht nur die Bundesrepublik stellte sich gerne in die Tradition des Bauhauses, das mit Demokratie, Freiheit und Moderne gleichgesetzt wurde.

Diesem Thema widmet sich nun der Beitragsband „Staatsaffäre Bauhaus“, frisch erschienen bei Gebr. Mann. Aus einer internationalen Perspektive fragt das Buch, wie der Reformstil in Belgien, in der DDR, in Israel, in den Niederlanden, in Polen, in der Türkei und in den USA wahrgenommen wurde. Die von Thomas Schleper herausgegebene Publikation vereint Beiträge von Gerda Breuer, Andreas Butter, Fredie Flore, Frederike Huygen, Milena Karabaic, Bernd Nicolai, Thomas Schleper und Beate Stortkuh. (kb, 28.11.20)

Thomas Schleper (Hg.), Staatsaffäre Bauhaus. Beiträge zur internationalen Bauhaus-Rezeption, Hardcover, 224 Seiten, Gebr. Mann-Verlag, Berlin 2020, ISBN: 978-3-7861-2845-8.

Dessau, Kornhaus, sonnenschutz (Bild: gemeinfrei, via pixabay.com)

Bauhaus in Tel Aviv

In den 1980ern sind die Bauten der Klassischen Moderne in Tel Aviv wieder in die Aufmerksamkeit gerückt. Die „Weiße Stadt“ wurde dem Bauhaus zugeordnet – als Terminus einer Einordnung. Doch nicht nur ein Baustil wird hier definiert, sondern auch die enge Beziehung zwischen Deutschland und Tel Aviv verdeutlicht. Dies geschah und geschieht, ohne dass es einen architekturgeschichtlich tragbaren Bezug zu der 1919 in Weimar gegründeten und 1925 nach Dessau verlegten Ausbildungsstätte Bauhaus gibt.

Alexandra Klei geht in einem Buch nun der Frage nach, welche Bedeutung eine derartige Zuschreibung innerhalb deutscher Diskurse hat. Dabei wird ein Narrativ offengelegt, bei dem der deutschen Geschichte – hier der Ausgrenzung und Vertreibung der deutschen Jüdinnen und Juden – positive Aspekte abgerungen werden können und zugleich die europäische Dimension der Architekturmoderne ebenso wie die zionistischen Ambitionen, vor allem von Architekt*innen osteuropäischer Herkunft, ausgeklammert werden. Die Analyse dieser Leerstellen stellt einen Beitrag zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Rezeption des Bauhauses dar. (kb, 25.11.20)

Klei, Alexandra, Wie das Bauhaus nach Tel Aviv kam. Re-Konstruktion einer Idee in Text, Bild und Architektur, 2019, Softcover, 16,5 x 22,5 cm, 160 Seiten, 40 Farb- und 10 Schwarz-Weiß-Abbildungen, ISBN: 978-3-95808-244-1.

Tel Aviv, HaYakon-Straße (Bild: Martin Furtschegger, CC BY SA 3.0, 2013)

Rings und Mendelsohn in Celle

Auch wenn nur einer von ihnen berühmt ist, zählen sie doch beide zu den wichtigen Architekten der Moderne in Deutschland und später in Palästina. Die Rede ist von Josef Rings (1878–1957) und Erich Mendelsohn (1887–1953). Gemeinsam war ihnen, dass sie als Architekten den Zenit ihres Erfolges in der Bauhaus-Ära erreicht hatten und durch den Machtantritt der Nationalsozialisten ins Exil gezwungen wurden. Beiden gelang es, sich in Palästina erneut zu etablieren, obwohl sie ihr Exilland bald wieder verließen: Mendelsohn emigrierte 1941 in die USA, Rings zog 1948 zurück nach Deutschland, übernahm in Mainz eine Professur.

Beide Baumeister sahen sich der Moderne verpflichtet, repräsentierten aber inhaltlich wie formal unterschiedliche Strömungen. Der Sozialist Rings widmete sein Werk dem Wohl der Arbeiterklasse, entwarf Pläne zur Verbesserung der Lebensqualität der Massen und Arbeitersiedlungen. Der bürgerliche Mendelsohn realisierte Kaufhäuser, Villen, Universitäten und Banken. In der Synagoge Celle ist nun ab 4. September die Ausstellung „Josef Rings und Erich Mendelsohn: Neues Bauen in Deutschland und Erez Israel“ zu sehen, eine Leihgabe der Alten Synagoge Essen. Vernissage ist am 3. September 2020 um 19 Uhr; aufgrund Corona ist es erforderlich, sich hierfür unter Tel. 05141/124719 anzumelden. (db, 1.9.20)

Berlin, Schaubühne von Erich Mendelsohn (Bild: Manfred Brueckels, CC BY SA 3.0)

Titelbild: Gelsenkirchen, Siedlung Spinnstuhl von Josef Rings (Bild: W.Strickling, CC BY-SA 4.0)