Berlin

Berlin, Am Tegeler Hafen (Bild: Th. Voekler, CC BY SA 3.0, 2013)

Die 1980er kommen: IBA-Bauten unter Schutz

Heute Mittag gibt die Stadt Berlin via Pressemeldung bekannt: „Das Landesdenkmalamt Berlin (LDA) hat weitere Bereiche der Internationalen Bauausstellung 1987 (IBA ’87) unter Schutz gestellt“. Mit der IBA hatte man sich vor 32 der Aufgabe gestellt, Teile der Westberliner Innenstadt als Wohnraum zurückzugewinnen. Schlagworte der großangelegten Maßnahme waren „kritische Rekonstruktion“ und „behutsame Stadterneuerung“. Unter den beteiligten Architekten finden sich klangvolle Namen der (Post-)Moderne wie Josef Paul Kleihues, Gottfried Böhm, Mario Botta, Karl und Max Dudler oder Hans Hollein.

Bereits im Jahr 2010 war eine von der Stadt beauftragte Studie erschienen, um die erhaltenswerten Elemente der IBA-Flächen auszumachen und Perspektiven für den künftigen Umgang damit aufzuzeigen. Einige der Ergebnisse der stilprägenden Bauausstellung sind zwischenzeitlich verloren gegangen, darunter 2013 die markante Wohnanlage am Lützowplatz von Oswald Mathias Ungers. Die neue Auszeichnung umfasst sowohl Baudenkmale als auch Gartenbaudenkmale in Tegel, Tiergarten und Wilmersdorf. Im Detail werden aufgeführt die Anlagen am Tegeler Hafen, im südlichen Tiergarten und am Prager Platz (Wilmersdorf). (kb, 8.5.19)

Nachtrag: Laut der Pressemeldung der Stadt Berlin vom 13. Mai 2019 gehören zu den Neuausweisungen: 1) das Demonstrationsgebiet Tegel mit der Bebauung am ehemaligen Hafen und der nahegelegenen Phosphateliminationsanlage (kurz PEA), 2) die 1980-88 entstandene Wohnsiedlung „Am Tegeler Hafen“ mit der Humboldt-Bibliothek zu den großen städtebaulichen Projekten der IBA (städtebaulicher Entwurf von den US-amerikanischen Architekten Charles Moore, John Ruble und Buzz Yudell), 3) das Demonstrationsgebiet im Südlichen Tiergartenviertel mit Wohn- und Geschäftshäusern, Stadtvillen, Townhouses und Energiesparhäusern sowie am Nordufer des Landwehrkanals mit dem Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) der britischen Architekten James Stirling und Michael Wilford und nicht zuletzt das Umspannwerk Lützowplatz von Max Dudler, 4) die neue Einfassung des Prager Platzes (Masterplan von Gottfried Böhm gemeinsam mit Carlo Aymonino aus Rom  und Rob Krier aus Wien). Die Pressemeldung erklärt weiter: „Bereits 2015 hatte das Landesdenkmalamt Berlin eine erste Auswahl von IBA-Bauten aus den drei Demonstrationsgebieten in Kreuzberg (Luisenstadt, SO 36 und Südliche Friedrichstadt) in die Berliner Denkmalliste aufgenommen. Nun stehen bedeutende Beispiele aus allen sechs Demonstrationsgebieten der IBA unter Denkmalschutz.“ (kb, 13.5.19)

Berlin, Am Tegeler Hafen (Bild: Th. Voekler, CC BY SA 3.0, 2013)

Berlin, Ernst-Thälmann-Park (Bild: Jörg Blobelt, CC BY SA 4.0, 1986)

Ein Makeover für Ernst Thälmann?

Der von Wohn- und Gemeinschaftsbauten durchzogene Ernst-Thälmann-Park im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist seit einigen Monaten wieder im Gespräch: Für 2020 steht die Sanierung des dortigen Ernst-Thälmann-Denkmals an, das 1986 nach Entwürfen des sowjetischen Bildhauers Lew Kerbel entstand. Nach der Wende hatte man über die Zukunft des Denkmals diskutiert: Eine Historiker-Kommission empfahl den Abriss, die „Jungen Liberalen“ organisierten eine „symbolische Sprengung“. Einige Schrifttafeln wurden eingelagert, das Denkmal selbst blieb an Ort und Stelle. Via Wettbewerb und Kolloquium wurde (und wird) eine künstlerische Kommentierung der Installation vorbereitet. Inzwischen ist die 50 Tonnen schwere Bronzeplastik auf einem Granitsockel – im Inneren durch Stahlträger zusammengehalten – in die Jahre gekommen: Die Restaurierungskosten werden nach einer Voruntersuchung auf 150.000 Euro beziffert.

Ebenso ist wiederholt eine Nachverdichtung auf dem Gelände im Gespräch, das als modellhaftes Siedlungsprojekt der späten DDR-Zeit 2014 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Auf einer Teilfläche des Parks plant der Investor Christian Gérôme Wohn-Hochhäuser, was zuletzt in diesem Frühjahr durch einen neuen Bebauungsplan abgewiesen wurde. Zum 75. Jahrestag der Ermordung Thälmanns, im Rahmen der „Denkmaltour 2019“, ist am 29. Juni 2019 um 14 Uhr eine Veranstaltung zum Thema geplant – mit York Rieffel (Landesdenkmalamt), Thomas Flierl (Publizist) und Bärbel Schindler-Saefkow (Historikerin). Treffpunkt ist das Thälmanndenkmal (Greifswalder Straße 52, 10405 Berlin). (kb, 24.4.19)

Berlin, Ernst-Thälmann-Park (Bild: Jörg Blobelt, CC BY SA 4.0, 1986)

Berlin-Tegel, Flughafen-Hauptgebäude (Bild: Standardizer, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2008)

Flughafen Tegel unter Denkmalschutz

Da wir davon ausgehen, dass die Stadt Berlin freiwillig keine Scherze über Flughäfen macht, dürfte diese offizielle Pressemeldung vom 1. April ernst zu nehmen sein: Der Flughafen Berlin-Tegel wurde unter Denkmalschutz gestellt. Der neue Status, erteilt aus verkehrsgeschichtlichen, architekturgeschichtlichen und sozialgeschichtlichen Gründen, betrifft zwei Bereiche: Tegel Süd „Otto Lilienthal“, von 1965 bis 1979 gestaltet von den Architekten Meinhard von Gerkan, Volkwin Marg und Klaus Nickels (gmp), sowie Tegel Nord „Französisch-amerikanischer Militärflughafen“.

Besonders hervorgehoben wird von den Dekmalschützern das Terminal A mit einem sechseckigen Flugsteigring, der eine „Drive-In“-Erschließung der Gates gewährleiste. Audrücklich betont wird, dass „die Unterschutzstellung kein Hindernis für die vorgesehene Ansiedelung der Beuth-Hochschule im Terminal A sein werde“. Man habe diesen Schritt mit allen Beteiligten frühzeitig abgestimmt. Auch sei aus dem jetzigen Denkmalstatus für Tegel kein Rückschluss darauf möglich, wann der Flugverkehr hier eingestellt (und damit an anderer Stelle eröffnet) würde. Wir sagten ja, keine Flughafen-Scherze heute! (kb, 1.4.19)

Berlin-Tegel, Flughafen-Hauptgebäude (Bild: Standardizer, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2008)

Darf ick dir eine kleben?

Sie gehört zum Berliner Stadtbild wie Currywurst, Latte-Machiatto-Mütter und die BVG: gemeint ist die Litfaßsäule. 1854 erlaubte der Berliner Polizeipräsident, nach jahrelangen Verhandlungen mit dem Druckereibesitzer Ernst Litfaß, überall in der Stadt „Annoncier-Säulen“ aufstellen zu lassen. Die um sich greifende Wildplakatierung sollte so in Schach gehalten werden. Von da an herrschte auch in der preußischen Reklamewelt Zucht und Ordnung. Der sensationshungrige Berliner wusste nun, wo er sein tägliches Fressen finden konnte. Die bunte Camouflage der Stelen sorgte bald dafür, dass sie selbst zu einer Ikone wurden. Durch die Präsenz in Film und Literatur, zum Beispiel auf dem berühmten Cover Kästners „Emil und die Detektive“, hat sich der Werbeträger in unser kollektives Gedächtnis als Künder der Weltmetropole eingebrannt.

Der aufmerksame Beobachter wird leider in diesem Jahr feststellen, dass der Säulenwald etwas lichter wird. Das für die Pflege zuständige Unternehmen hat in diesem Jahr eine Ausschreibung vom Senat verloren. Das Ergebnis: 2500 Exemplare müssen fallen. Dass die Berliner auch in Zeiten der Digitalisierung ihr „Klebemedium“ nicht aus den Augen verloren haben, beweist die Künstlerin Tina Zimmermann. Sie sorgt mit Ihren Aktionen dafür, dass die Litfaßsäule auch heute nichts von Ihrem anziehenden Potential einbüßen und sich Menschen ohne Facebookveranstaltung begegnen. (jm, 27.3.19)

Hamburg, Litfaßsäule, 1975 (Bild: Norbrit, CC BY SA 3.0)

Auch die BVG diskutierte mit (Bild: Tagung "Underground Architecture Revisited" in der Berlinischen Galerie, Februar 2019, Foto: Daniel Bartetzko)

Handlungsentlastet

Der Saal war voll, volle drei Tage der Konferenz „Underground Architecture Revisited“. Das Landesdenkmalamt Berlin, ICOMOS Deutschland, Sharing Heritage, die Berlinische Galerie und die Initiative Kerberos versammelten vom 20. bis 23. Februar 2019 U-Bahnfreunde aus ganz Deutschland – und darüber hinaus. Experten und Interessierte aus dem Gebiet der ehemaligen UdSSR, aus Griechenland, München, Stuttgart, Bonn und natürlich Berlin sprachen vor- und miteinander über die Zukunft des Untergrunds. Der Zeitpunkt war gut gewählt, denn Bedrohung und Wertschätzung treffen gerade intensiv aufeinander, nicht nur in der U-Bahn: Während das Kulturerbe der 1950er, 1960er, 1970er und 1980er Jahre fortlaufend an die neuen Erfordernisse von Brandschutz und Nutzungserwartung „angepasst“ wird, hat die pastellfarbene bis poppige Ästhetik aus seiner Entstehungszeit neue Konjunktur.

Mit einem der Berliner Eröffnungsvorträge legte der Wuppertaler Theaterwissenschaftler Christoph Rodatz den unerwarteten Ariadne-Faden durch das unterirdische Labyrinth: Der U-Bahn-Passagier sei „handlungsentlastet“. Er kann sich zurücklehnen, ein Buch blättern oder die Mitreisenden durch die Spiegelung in den Scheiben beobachten. Für die Bewegung sorgt ja schon der Zug. Damit wird der Untergrund, so wir uns auf ihn einlassen, zum kreativen Freiraum, zur stilvollen Zeitreise, zur unbezahlbaren Ruhezone. Und zum Sinnbild für den Über-Pflaster-Raum, für Straßen, Plätze und Infrastrukturen der modernen Stadt. Mit dem Blick für diesen besonderen Wert entfällt auch der Druck, alles sofort verändern zu müssen. Umso wichtiger wird dann die Kunst des guten Wartens, des bewegten Verweilens, des aktiven Vorbeigleiten-Lassens.

In diesem Sinne diskutierten in Berlin zum Abschluss Vertreter von Stadt und Denkmalpflege, Architektenschaft und BVG über die Zukunft der nachkriegsmodernen U-Bahnhöfe und -strecken. Grundsätzlich sei man ja schon im guten Gespräch, der Rest kläre sich unterwegs. Als offene Baustellen verblieben, neben vielen praktischen Fragen bei anstehenden Sanierungen, die noch nicht vollzogene Unterschutzstellung der Berliner DDR-U-Bahnhöfe und die ebenfalls noch schwebende Denkmalfrage für die Bonner U-Bahnstationen – eine Petition wird vorbereitet. Auch in weiteren Städten dürfte das Berliner Beispiel Schule machen. Und in der Berlinischen Galerie können sich U-Bahnfreunde die Wartezeit noch bis zum 20. Mai mit der Ausstellung „Underground Architecture“ verkürzen. (24.2.19)

Karin Berkemann und Daniel Bartetzko

Titelmotiv: Impression vom Abschlusspodium der Berliner-U-Bahntagung (Bild: D. Bartetzko)

Chris M Forsyth, Berlin, U-Bahnhof "Richard-Wagner-Platz" 2016 (Bild: Berlinische Galerie, © Chris M Forsyth)

Neues Buch: Der Himmel unter West-Berlin

Es gibt bekanntlich keine Zufälle. Zumindest dürfen wir es als traurig-schöne Fügung werten, dass wenige Tage nach dem Tod des Schauspielers Bruno Ganz auch eine druckfrische Publikation an den legendären Wim-Wenders-Film erinnert: Das Buch „Der Himmel unter West-Berlin“ verspricht überirdisch gute Architektur im Untergrund der einstmals geteilten Hauptstadt. Verena Pfeiffer Kloss hat sich nicht weniger als 58 U-Bahnhöfe zum Thema ihrer Dissertation genommen: die Untergrundstationen des Architekten und Baubeamten Rainer G. Rümmler, die Berlin bis heute prägen.

Am Anfang, zwischen 1960 und 1967, stehen bei Rümmler klare Linien und scharfe Kanten, die er schnell zu skulpturalen Betonformen weiterentwickelt – in der Folge bestimmt Pop-Architektur seine U-Bahnhöfe. Ab dem Ende der 1970er findet Rümmler zur Postmoderne, mit der er im Untergrund Geschichte(n) erzählt. In der Publikation werden die U-Bahnhöfe erstmals auch mit Rümmlers Hochbauten verglichen: von Raststätten über Polizeistationen bis hin zu Bildungsbauten. Neben aktuellen und historischen Fotografien zeigt Pfeiffer-Kloss bislang auch unveröffentlichte Zeichnungen Rümmlers. (kb, 20.2.19)

Pfeiffer-Kloss, Verena, Der Himmel unter West-Berlin. Die post-sachlichen U-Bahnhöfe des Baudirektors Rainer G. Rümmler, urbanophil Verlag, Berlin, 2019, 384 Seiten, ISBN: 978-3982-0586-0-3.

Chris M Forsyth, Berlin, U-Bahnhof „Richard-Wagner-Platz“ 2016 (Bild: Berlinische Galerie, © Chris M Forsyth)