Helmut Jahn ist gestorben

Gestern verstarb der deutsch-amerikanische Architekt Helmut Jahn im Alter von 81 Jahren an den Folgen eines Fahrradunfalls. 1940 in Zirndorf bei Nürnberg geboren, absolvierte er sein Studium in München, um direkt danach 1966 nach Chicago zu wechseln. Hier begann er kurz darauf im Büro seines Berufskollegen Charles Murphy, das er ab 1983 leiten sollte – mit einem deutlichen Hang zu großformatigen Projekten. Über die Jahrzehnte erweiterte er seine Wurzeln, den Internationalen Stil à la Mies van der Rohe, durchaus um Rückgriffe auf historische Formen, darunter auch das hochhausaffine Art déco. Dabei entwickelte er Ansätze einer Hightech-Architektur weiter zur Vorherrschaft von Stahl und Glas. In dieser Ambivalenz gilt Jahn als typischer, aber erfrischend unpathetischer Vertreter der Postmoderne.

Jahn wählte den Spagat zwischen Wohnsitzen in den USA und in Deutschland. Die Liste der Werke, mit denen er die heimische Baulandschaft geprägt hat, ist lang und prominent. Zu nennen wären etwa das Berliner Sony Center (2000), der Münchener Flughafen (1999) oder der Frankfurter Messeturm (1991). Doch auch in seiner Wahlheimat hinterließ er u. a. mit dem State of Illinois Center (1985) in Chicago seine künstlerischen Spuren, zuletzt sollten noch Aufträge in ausländischen Boomregionen wie in China und in der Golfregion hinzukommen. Noch im letzten Jahr, zum 80. Geburtstag des Architekten, würdigte der Frankfurter DAM-Kurator Oliver Elser Jahns Auftritte als Gesamtkunstwerk: „Und es ist schön zu sehen, wie er sich auch als Künstler-Architekt, der aber in Klammern gesprochen, ein gnadenloser Kommerzarchitekt ist, dennoch als Künstler zu inszenieren weiß.“ Jahn selbst fasste dieses Wechselspiel, ebenfalls 2020, gegenüber der Zeitschrift „Capital“ in lakonischere Worte: „Architekten sind keine Künstler“. (kb, 9.5.21)

Berlin, Sony Center (Bild: Membeth, CC0 1.0, 2018)

Berlin: Was wäre, wenn man nun stoppte …

Text und Bilder von Nikolaus Bernau 

Einer der härtesten Kämpfe im wahrlich nicht zurückhaltenden Berliner Baugeschehen der vergangenen Jahre war der um die Neugestaltung der Kathedrale St. Hedwig. Immer wieder umgeformt, stand der 1774 erstmals eingeweihte, im Großen am römischen Pantheon orientierte Bau nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch als Mauerrund mit einigen ausgebrannten Säulenpaaren darin. 1952 bis 1963 wurde er nach den Plänen von Hans Schwippert und dem Ingenieur Herbert David neu überwölbt. Eine großartige, 38 Meter messende und nur 5 Zentimeter starke Kuppel entstand aus 84 Segmenten, die auf dem Bebelplatz vorgegossen und dann per Kran auf einem beweglich gelagerten, auf den historischen Mauerring aufgesetzten Zuganker montiert wurden. Ein Verfahren, das vorher schon für den Wiederaufbau von St. Stephan in Karlsruhe erprobt worden war, dort allerdings in weit kleinerem Maßstab. Innen wurde die Schale mit schuppenartig verlegten Akustikplatten verkleidet, die in den 1970ern gegen neuere ausgetauscht wurden, ohne das charakteristische Bild wesentlich zu verändern. 

Berlin, St. Hedwig während der Umbaumaßnahmen (Bild: Nikolaus Bernau, März 2021)

Berlin, St. Hedwig während der Umbaumaßnahmen, Blick in die Kuppel, März 2021 (Bild: Nikolaus Bernau)

Ein deutsch-deutsches Monument

Ähnlich wie die Kuppel war auch die Innenausstattung der Kathedrale von vorneherein als Monument eines deutsch-deutschen Katholizismus geplant: Nicht zufällig wurde der Architekt des Bonner Bundeshauses ausgewählt, auch die künstlerische Ausstattung in die Hände der besten Kirchenkünstler der 1960er und 1970er Jahre gelegt. Es ging darum, einen Bau zu schaffen, der einerseits das Schuldbekenntnis der Kirchen angesichts ihres Versagens vor der nationalsozialistischen Herausforderung, aber auch den Widerstandsgeist sowohl gegen die Nazis als auch in der DDR symbolisieren konnte – und, wesentlich, jene liturgischen Reformideen integrierte, die seit den 1920er Jahren in der Katholischen Kirche debattiert wurden und in Vielem vom Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 übernommen wurden. Schwippert gelang dies, indem er die Grablege der Berliner Bischöfe und des Seligen Bernhard Lichtenberg, der als Märtyrer verehrt wird, im kryptaähnlich ausgebauten Sockelgeschoss mit einer breiten, Schlüssellochartig geformten Öffnung zum Gemeinderaum hin öffnete, den Hochaltar als großen Block formte, der beide Räume miteinander verband, die Bänke so arrangierte, dass sie – obwohl gerade ausgerichtet – doch den Altar als Zentrum umstanden.  

Diese Gestaltung ist nun Geschichte. Die mobile Einrichtung wurde ausgeräumt, die Bodenöffnung, vorläufig noch provisorisch, geschlossen, der monumentale Altar demontiert, ebenso die Orgel – nach den aktuellen Plänen soll sie allerdings zurückkehren, wenn sich der Baustaub gelegt hat. Sonst aber lassen die Pläne, mit denen die Fuldaer Architekten Siechau und Walter und der Wiener Künstler Leo Zogmayer 2013 den Wettbewerb gewannen, nichts so, wie es war. Entstehen soll ein heller, abstrakter Raum mit zentral unter dem Kuppelzenit aufgestelltem Altar, der halbkugelig geformt ist. Die Sitzbänke für die Gemeinde sollen künftig rund um diesen Altar stehen.  

Berlin, St. Hedwig vor den Umbaumaßnahmen (Bilder: Nikolaus Bernau, Oktober 2013)

Berlin, St. Hedwig vor den Umbaumaßnahmen, Blick in die sich in der Raummitte öffnende Unterkirche, Oktober 2013 (Bilder: Nikolaus Bernau)

Was bleibt von Schwippert?

Alle Erinnerung an den Schwippert-Raum wäre ausgelöscht, sollte nach diesen Plänen weiter gebaut werden. Die Proteste gegen diesen Entwurf scharf zu nennen, ist untertrieben. Gemeindemitglieder kritisierten das Erzbistum intern schon vor 2013, seither öffentlich hart: Es kümmere sich nicht um den Wunsch nach Mitsprache, nach Erhalt der im Bau geronnenen Erinnerung an jene katholische Kirche, die sich über mehr als vierzig Jahre gegen die Anmaßungen des Staatssozialismus der DDR wehren musste. Es verschwende Geld für eine scheinkarge Neuausstattung, die an den teuren Ästhetizismus des Skandalbischofs Tebartz van Elst erinnere. Kunst- und Architekturhistoriker, Denkmalpfleger, aber auch Liturgiefachleute hielten der Kirche historische und ökologische Ignoranz vor. Aber auch alle Einsprüche der Erben Schwippers und der beteiligten Künstler haben nicht gefruchtet: Im Juli vergangenen Jahres beschied ihnen das Landgericht, dass die Kirche angesichts des geltenden Urheberrechts durchaus die Möglichkeit habe, als unpassend empfundene Raumschöpfungen zu zerstören; schon im Januar 2019 urteilte das Kammergericht, die Kläger hätten in dieser Angelegenheit gar kein Klagerecht, da es sich um einen öffentlichen Bau handele. 

Das Erzbistum reagierte bisher hartleibig. Es ging allenfalls rhetorisch auf diese Vorwürfe ein, bestand auf den Vorrechten des Bischofs und der Priester, die Kirche nach ihrem Willen und ihren Überzeugungen zu gestalten, rief Prominente wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters oder den einstigen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse zur Werbung für das Umbauprojekt. Je nach Debattenlage wurde die Argumentation geändert: Die Veränderungen seien nötig, um die Kirche an die gottesdienstlichen Forderungen des 2. Vatikanischen Konzils von 1965 anzupassen. Aber Schwippert hatte diese Reformen mit seinem Bau sogar vorweggenommen. Der Raum sei dennoch nicht “zeitgemäss”, benötige Originalität. Aber Zogmeyer hat einen praktisch identischen Altar schon in der Abteikirche Marienstatt aufrichten lassen, auch die Möbelentwürfe sind bekannt, ebenso die Idee, alles im Kreis aufstellen zu lassen. Mal sollte das Kreuz auf der Kuppel bleiben, derzeit soll es doch entfernt werden. Mal wird die demontierte Orgel einfach zurückgebracht, dann soll sie doch im Klang angepasst werden. Und dann der Umweltschutz: Der Bau verschwende zu viel Energie. Ein Argument, das man bei keiner gotischen Kirche je gehört hat. Etc. pp. 

Berlin, St. Hedwig während der Umbaumaßnahmen (Bild: Nikolaus Bernau, März 2021)

Berlin, St. Hedwig während der Umbaumaßnahmen, das Altarmodell auf dem geschlossenen Fußboden, März 2021 (Bild: Nikolaus Bernau)

Überzeugender denn je

Das Erzbistum hat sich durchgesetzt, nicht zuletzt, weil Kultursenator Klaus Lederer, der auch für den Denkmalschutz zuständig ist, sich der Position anschloss, dass die Genehmigung des Umbaus eine Frage der Religionsfreiheit sei. Man kann da durchaus anderer Ansicht sein, aber da die Frage nie vor Gericht kam, wird Lederers Entscheidung bestehen bleiben. Noch aber stehen trotz der ersten Abbrucharbeiten und allen Unkenrufen, dass die Bauarbeiten vandalisch zugeschlagen hätten, die stark abstrahierten Schwippert-Säulen mit ihren goldenen Streifen und den alten, teilweise noch aus dem Ursprungsbau von 1774 stammenden Basen, das Gebälk, der schwarzgraue, zart gemaserte Marmor-Fußboden, die raffiniert gewürfelten, grüngraublauen Putzwände, die mattierten Fenster, die großartige, von Weihrauch und Kerzendampf vergraute, aber zu reinigende Kuppel mit ihren schuppenartigen Akustiktafeln. Nur einige Bauprobem wurden entnommen – offenbar will die Kirche ein Desaster vermeiden, wie es beim Radikalumbau der Staatsoper direkt nebenan geschah. Dort wurde die Bauuntersuchung gestartet, während schon gebaut wurde – was wesentlich zur Verdoppelung der Baukosten auf 420 Millionen Euro beitrug.  

Ein Rundgang Anfang März zeigte: Schwipperts Architekturformen überstanden auch ästhetisch die Schließung der Zentralöffnung, die Demontage des Altars, das Abräumen des Bischofsthrons und der Möblierung. Sie sind sogar – möglicher Weise eben wegen dieser Veränderungen, das sei dem Erzbistum durchaus zugestanden – überzeugender denn je. Aktuell sind in dem hoch ragenden Kuppelraum 1:1 Modelle des von Sichau, Walter und Zogmeyer geplanten Sitzbankarrangements und des Altars, des Ambos und des Bischofsthrons aufgestellt. Unbeschadet der gottesdienstfunktionalen Kritik, dass ein Kreis für einen Gottesdienst schlichtweg unpraktisch ist, weil sich Prozessionswege schlecht organisieren lassen und ein Teil der Zelebrierenden immer mit dem Rücken zu einem Teil der Gemeinde stehen muss: Rein ästhetisch überzeugt das Arrangement durchaus. Es wirkt auch nicht, wie die Modelle und die Zeichnungen, sogar noch der Blick von den Orgelemporen vermuten ließen, zu weiträumig, zu luftig. Wenn man in den Reihen sitzt, ist der Altar sogar fast zu nahe, zu wenig distanziert – zumal die Idee, ein Podium unter ihm einzuziehen, glücklicher Weise verworfen wurde.   

Berlin, St. Hedwig während der Umbaumaßnahmen (Bild: Nikolaus Bernau, März 2021)

Berlin, St. Hedwig während der Umbaumaßnahmen, künftig sollen Bänke den mittigen Altar umfassen, März 2021 (Bild: Nikolaus Bernau)

Warum nicht beides verbinden?

Nichts spricht dagegen, die Schwippertsche Architektur und die Siechau-Walter-Zogmeyersche Einrichtung miteinander zu verbinden. Jedenfalls aus einer auch nur halbwegs rationalen Perspektive. Behindert aber wird die Einsicht in einen solchen Kompromiss durch die harten Fronten innerhalb der Gemeinden und des Erzbistums, die im Lauf des Kampfs um den Schwippert-Bau entstanden. Jedes Abweichen vom Wettbewerbsergebnis von 2013 wurde schon bisher als Sieg der einen und Niederlage der Anderen betrachtet. Außerdem hat sich das Erzbistum verpflichtet, das Wettbewerbsergebnis umzusetzen. Allerdings ist diese Verpflichtung schon erheblich aufgeweicht worden, indem etwa der Neubau des Bernhard-Lichtenberg-Hauses an den Architekten Max Dudler vergeben wurde, die unterirdischen Bauten an der Kathedrale inzwischen gestrichen sind, statt der dort geplanten Sakristei nun an der Chorkapelle Einbauten für die Priester entstehen sollen. Siechau & Walter hätten weiter die Gestaltung der Oberkirche und vor allem die der verbauten und engen Unterkirche zu leisten, für deren Verteidigung sich auch bisher nur wenige Stimmen gefunden haben.  

Vor allem aber steht das vertrackte deutsche Urheberrecht einem Kompromiss entgegen. Es erlaubt zwar die Zerstörung eines Kunstwerks, nicht aber seine Veränderung. Es sei denn, die Erben der Künstler, die einst die Kirche ausstatteten, und die des Architekten Schippert könnten für die Einsicht gewonnen werden, wenigstens die Hauptformen durch Weiterbau in die Zukunft zu retten. Die einzigen aber, die diese Einsicht erreichen könnten, sind eben diejenigen im Erzbistum, die bisher den radikalen Abschied von der eigenen Geschichte erreichen wollten. Sie seien erinnert: Es könnte sicher auch viel Geld gespart werden. Vor allem aber würde die Geschichte des Baus bei einem Kompromiss mit seiner Zukunft versöhnt. So, wie es gut katholischer Brauch ist: 609 wurde das antike Pantheon in Rom, das Vorbild der St.-Hedwig-Kathedrale, als Marienkirche neu geweiht. Die grandiose Architektur aber blieb unangetastet, nur die Einrichtung geändert. Bis sich ein Papst aus dem Geschlecht der Barberini 1636 doch noch an der Architektur vergriff – und von den Römern als Barbar beschimpft wurde. (21.1.21)

Titelmotiv: Berlin, St. Hedwig während der Umbaumaßnahmen (Bild: Nikolaus Bernau, März 2021)

Bald wieder Mies

Fünf Jahre hat es gedauert, doch nun wird Berlins größter Tempel wieder seine Türen öffnen: Am 21. August 2021 macht die Neue Nationalgalerie planungsgemäß wieder auf – dies hat der Leiter Joachim Jäger am Freitag bekanntgegeben. Die Schlüsselübergabe soll am 29. April stattfinden, anschließend wird es Tage der Offenen Tür geben. Als erste Ausstellungen sind angekündigt „Die Kunst der Gesellschaft“ mit Werken aus der Sammlung des Hauses (22. August bis Sommer 2023) sowie „Alexander Calder. Minimal/Maximal“ (22. August bis 12. Februar 2022). Ein Bewunderer des Bildhauers Calder (der 1975 auch das erste „BMW Art Car“ gestaltete) war Ludwig Mies van der Rohe, und hier schließt sich der Kreis: van der Rohe ist der Architekt der 1968 fertiggestellten Berliner Moderne-Ikone.

Die Neue Nationalgalerie wurde gebaut als Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts und ist Teil des Kulturforums im Bezirk Tiergarten. Zum Forum zählen unter anderem auch die Berliner Philharmonie (1960-63, Hans Scharoun), die Staatsbibliothek (1967-78, Hans Scharoun/Edgar Wisniewski) und das Kunstgewerbemuseum (1978-85, Rolf Gutbrod). So richtig glücklich ist bis heute niemand mit der Konzeption und der städtebaulichen Einbindung des Areals, Philharmonie und Neue Nationalgalerie sind allerdings längst als Inkunabeln anerkannt. Die etwa 140 Millionen Euro teure Sanierung des Baus wurde von Chipperfield Architekten durchgeführt. Und nach dem, was bislang zu sehen ist, hat sich das Büro im eigenen Ausdruck sehr zurückgehalten und „Mies pur“ realisiert – ganz im Sinne des Urhebers und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der die Staatlichen Museen Berlin gehören. (db, 20.3.21)

Berlin, Neue Nationalgalerie (Bild: DrKssn, CC BY-SA 3.0)