FACHBEITRAG: Der Berliner Spreepark

von Christina Gräwe (Heft 14/1)

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Dinosaurier am Eingang des ehemaligen Freizeitparks (Bild: D. Bartetzko)

„Ehemalige Attraktionen, ehemalige Shows und Ausstellungen, weiteres Ehemalige“ – so lauten bei Wikipedia einige Kategorien zum „Spreepark Plänterwald“. Seit 13 Jahren wartet der Freizeitpark im Berliner Bezirk Treptow auf seine Wiedererweckung. Welche Instrumente dafür nötig oder überhaupt denkbar sind, darüber herrscht(e) bis jetzt Unklarheit. Weder gibt es eine klare Leitlinie für die künftige Nutzung, noch sehen sich die Denkmalschützer in der Pflicht. Aber der ehemalige Freizeitpark hat eine bewegte, 45-jährige Geschichte, und die ist noch nicht zu Ende erzählt.

 

Ein Geschenk der DDR-Regierung

Der 1969 als „VEB Kulturpark Berlin“ gegründete Rummelplatz war ein Geschenk der DDR-Regierung an die Bevölkerung zum 20. Jahrestag der Staatsgründung. Innerhalb von nur sieben Monaten Bauzeit entstanden, sollte sich der Park von den anderen DDR-Rummelplätzen abheben – was mit Hilfe von Fahrgeschäften aus „nichtsozialistischen Warengebieten“ und dadurch, dass sie ganzjährig betrieben wurden, geschah. Die Landmarke des Parks, ein 40 Meter hohes Riesenrad, wurde 1989 noch kurz vor dem Mauerfall durch ein 45 Meter hohes abgelöst – diesmal zum 40. (und letzten) Staatsjubiläum.

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Das 40 Meter hohe Riesenrad zählt zu den beliebtesten Fotomotiven im stillgelegten Freizeitpark (Bild: D. Bartetzko)

In der DDR war der „Kulti“ äußerst beliebt: 1,5 Millionen Besucher jährlich; das Programm wurde stetig um Konzerte, Tanz- und Kinderveranstaltungen erweitert. Für die Schausteller war es lukrativ und komfortabel, denn es gab feste Standplätze mit Wasser-, Strom- und Telefonanschluss. Der Erfolgs-Einbruch kam abrupt: Nach der Wende ging der Besucherandrang schnell um mehr als zwei Drittel zurück. Das zweite Kapitel des ehemaligen „Kulti“ lässt sich mit einer Achterbahnfahrt beschreiben, mit optimistischen Hochs und tief abfallenden Talfahrten, juristischen Loopings und schließlich langem Stillstand des Betriebs.

 

Der Neustart als Spreepark

Zunächst starteten der Berliner Kultursenat und der Bezirk Treptow optimistisch in die neue Zeit: Der DDR-Rummelplatz sollte nach dem westlichen Vorbild eines Freizeitparks weiterleben. Durch eine öffentliche Ausschreibung wurden Bewerber mit schlüssigen Konzepten gesucht. Die Schaustellerfamilie Witte, schon seit 1979 mit dem VEB Kulturpark verbunden und alte Hasen in der Branche, hatte sofort nach der Wende ihr westdeutsches Fahrgeschäft auf den Standort am Spreeufer erweitert und erhielt unter sieben Konkurrenten den Zuschlag. Die „Betreibergesellschaft Spreewaldpark GmbH“ musste zunächst viel Geld in das Unternehmen auf 32 Hektar Fläche stecken: 10 Millionen D-Mark Eigenkapital, 30 Millionen über einen Kredit, abgesichert durch einen Erbpachtvertrag.

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Für den neuen Spreepark hoffte man 1992 auf jährlich 1,8 Millionen Gäste (Bild: D. Bartetzko)

Zu den Verpflichtungen für die Betreiber gehörte, das denkmalgeschützte „Eierhäuschen“, ein Ausflugslokal des 19. Jahrhunderts, in das Parkkonzept zu integrieren und denkmalgerecht zu sanieren. Insgesamt sollte der Rummelplatz zum familienfreundlichen Freizeitpark mit viel Grün und Wasser aufgewertet werden. Diese Pläne blieben nicht unbemerkt; schnell regte sich Skepsis bei Anwohnern und Umweltschützern. Das Ergebnis: Die Spreewald GmbH trat eine kleine Teilfläche ab und eröffnete 1992 den Spreepark im Plänterwald mit dem Ziel, 1,8 Millionen Gäste jährlich zu begrüßen. Als Orientierung diente ein Freizeitpark gleicher Größe in den alten Bundesländern. Bis 1997 flossen 40 Millionen D-Mark in den Ausbau des Parks, der ständig mit neuen Attraktionen angereichert wurde.

 

Der unaufhaltsame Abstieg

Hinter den Kulissen spielte sich derweil ein juristischer Krimi ab, zu dem es bis heute gegenseitige Vorwürfe und verhärtete Fronten gibt. Fest eingeplante Gelder, wie Zuschüsse aus dem Fonds „Aufbau Ost“, verfielen, weil seitens des Bezirks Treptow Fristen für Verträge nicht eingehalten wurden. Betreiber und Verwaltung arbeiteten aneinander vorbei, der Informationsfluss stagnierte. So war es von Anfang an nicht möglich, an dem abgelegenen Ort ausreichend Parkplätze zur schaffen – ein Muss für die ehrgeizigen Besucherzahlen und zu DDR-Zeiten völlig unproblematisch. Angeblich jedoch erfuhren die Betreiber zu spät, dass ihr Gelände unter Landschaftsschutz gestellt worden war, was das Grundstück verkleinerte und die Einrichtung weiterer Stellplätze verhinderte. Die Idee, den Spreepark in der nahegelegenen Wuhlheide umziehen zu lassen, verlief im märkischen Sand.

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Im Jahr 2001 schloss der ehemalige “Kulti” seine Pforten (Bild: D. Bartetzko)

Laut wird der Streit zwischen Berliner Senat und der Familie Witte ab 2001 ausgetragen, als angeblich ein zwei Jahre altes Gutachten auftaucht, das den Parkplatzbau bewilligt. Der Gegenvorwurf: Die sinkenden Besucherzahlen und wachsenden Schulden lägen am schlechten Management. Die Spreepark GmbH sieht nach gut zehn Jahren Hindernislauf keine Chancen mehr, den Ex-VEB-Park als modernes Freizeitareal wiederzubeleben. Sie kündigt den Erbpachtvertrag und hofft, sich damit aller Verpflichtungen zu entledigen. Man habe den Vertrag unter völlig anderen Bedingungen abgeschlossen, als sie mittlerweile eingetroffen seien. Der Liegenschaftsfonds des Senats wehrt sich gegen diese Vorwürfe und weist die Vertragskündigung zurück. Die Betreiber melden Insolvenz an und räumen das Grundstück.

 

Eine filmreife Familiengeschichte

Die Familie Witte baut Fahrgeschäfte ab und reist nach der Saison 2001 nach Peru. „Flüchtet“ wird ihr vorgeworfen, ihnen große Summen Schwarzgeld im Gepäck nachgesagt. Ob diese Gerüchte der Wahrheit entsprechen, wird wohl ebenso wenig aufgeklärt werden, wie das Gezerre zwischen Spreewald GmbH und dem Bezirk Treptow. Jedenfalls konnte die Familie nach der Schließung des Spreewaldparks in Lateinamerika nicht neu anfangen. Norbert Witte, Techniker und Pressesprecher der Betreibergesellschaft, wurde wegen Drogenschmuggels, der – angeblich ohne sein Wissen – an peruanische Kreditgeschäfte geknüpft war, in Berlin zu sieben Jahren Haft verurteilt, die er verkürzt absaß.

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Das sog. Westerndorf im Park wurde noch einige Zeit bewohnt (Bild: D. Bartetzko)

Unterdessen ruhten die Bemühungen, für den Spreepark Plänterwald eine Lösung und neue Betreiber zu finden, keineswegs. Die Insolvenzverwalter erhoben Räumungsklage gegen den Initiator und 23 Bewohner des Westerndorfs. Unterschiedliche Investoren zogen sich wegen der anhaltenden Probleme zurück; auch die späte Bewilligung eines Parkhauses überzeugte nicht. Selbst die rudimentäre Versorgung mit Strom, Schneebeseitigung, Grünflächenpflege und Wachschutz kosten die Berliner monatlich 30.000 Euro. Der Park verfällt seit 2001 kontinuierlich.

 

Das denkmalgeschützte „Eierhäuschen“

Von dem Niedergag ist auch das einzige tatsächliche Denkmal des Parks, das „Eierhäuschen“ betroffen. Nach seiner Schließung während der konfliktreichen Übergangszeit zum West-Park wurde nie wie eigentlich verabredet Hand angelegt. Das Eierhäuschen verdankt den Namen dem nahen Schiffsanleger, von dem aus an vorbeifahrende Schiffer hartgekochte Eier verkauft wurden. Die ursprünglich 1837 gebaute Schifferkneipe brannte zweimal ab, schaffte es aber in Theodor Fontanes Roman „Der Stechlin“. Der 1897 erstmals publizierte Roman bezog sich vermutlich auf den zweiten, heute noch stehenden Wiederaufbau als Fachwerkhaus von 1891/92 durch Karl Frobenius. Eine Teilrestaurierung 1973 tat dem beliebten Ausflugslokal nicht gut: Um Heizkosten zu sparen, wurde die Deckenhöhe reduziert und dabei der historische Stuck beschädigt.

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Das denkmalgeschützte „Eierhäuschen“ wartet dringend auf Sanierung (Bild: D. Bartetzko)

Heute lässt man sich von befürchteten denkmalpflegerischen Auflagen abschrecken. Aber auch die juristische Situation erschwert die drängende Sanierung des Eierhäuschens, denn bisher löste man es trotz zahlreicher Anträge u. a. durch die Initiative „Pro Plänterwald“ nicht aus dem Erbpachtvertrag. Das würde einen separaten Verkauf und eine neue Chance für das historische Lokal ermöglichen. Doch selbst wenn sich ein Interessent fände, müsste der eine weitere Hürde nehmen: Auch das Eierhäuschen gehört zum Landschaftsschutzgebiet Plänterwald – somit darf im Außenbereich kein Mobiliar stehen, für das Sommergeschäft gänzlich unattraktiv. Inzwischen prüft die Stiftung Denkmalschutz Berlin erneut die Möglichkeit eines separaten Verkaufs; das Ergebnis ist offen und könnte für das desolate Haus zu spät kommen.

 

Der neue Ruinentourismus

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Verblassende Farben verleihen dem Park einen morbiden Charme (Bild: D. Bartetzko)

Das marode Eierhäuschen steht für die Atmosphäre des gesamten ehemaligen Freizeitparks. Ob verrammelte Kassenhäuschen, verblasste Dinosaurierfiguren oder das lückenhafte Maul der Geisterbahn – alles verharrt wie von einem Zauberstab in den Tiefschlaf versetzt. Mit der wuchernden Natur entsteht ein morbider Charme, und genau der lockt heute Scharen von Besuchern. Der Ruinentourismus wird durch Wochenend-Führungen angekurbelt. Sie starteten 2009 zum 40. Geburtstag des Rummelplatzes; die Laufzeit wurde wegen des großen Erfolgs bis heute verlängert. Seit 2010 informiert ein kleines Spreepark-Museum über die Geschichte und aktuelle Aktionen. All das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Verfall und Vandalismus fortschreiten.

Den Verfall zu stoppen und dem Freizeitpark neues Leben einzuhauchen, ist weniger eine Frage des Denkmalschutzes als guter Nutzungsideen. Denn was genau soll (abgesehen vom Eierhäuschen) geschützt werden? Eine glorreiche Vergangenheit, festgemacht an nur noch freiluftmuseal zu betrachtenden Einrichtungen, die größtenteils erst nach der DDR entstand? Einerseits will man an der morbiden Atmosphäre teilhaben, andererseits den Freizeitpark neu erfinden. Doch wie passt das zusammen? Die aktuelle Vermarktung kann nur eine Zwischennutzung sein. Für solche ist Berlin bekannt, manche Provisorien stabilisieren sich für Jahre. Aber auch hohe Eintrittspreise und das seit 2011 installierte „Café Mythos“ tragen nur notdürftig zum Unterhalt bei. Der Ruinentourismus ist keine Dauerlösung, wohl aber eine Werbung für den Standort und ein Mahnruf an die Verantwortlichen.

 

Ein Happy End?

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Vergangenes wartet auf Wiederbelebung (Bild: D. Bartetzko)

So jedenfalls stellte es sich Ende März 2014 dar, nachdem auch eine Zwangsversteigerung im Herbst 2013 geplatzt war. Überraschend scheint Bewegung in die verfahrene Situation gekommen zu sein. Am 26. März konnte man im Lokalteil des Berliner Tagesspiegels lesen: „Der Liegenschaftsfonds kauft den Spreepark zurück“. Und am Tag darauf: „Zeit, dass sich was dreht“, darunter eine Abbildung des Riesenrads. Vollkommen unerwartet für die Öffentlichkeit, hat sich das Land Berlin entschieden, den Spreewaldpark zurückzukaufen. Das Schuldenproblem ist damit gelöst; die Familie Witte wird trotz ihrer Misswirtschaft für die Räumung des Grundstücks abgefunden, der Weg für einen Neuanfang scheint frei.

Ein Happy End? Das bleibt abzuwarten. Der Treptower Bezirksbürgermeister möchte sich um eine möglichst rasche Baugenehmigung bemühen, was für dieses „Sondergebiet mit hohem Grünanteil“ kein Problem sei. In der alten DDR-Größenordnung denken auch die Optimistischsten nicht, wohl aber an eine halbe Million Besuchern jährlich. Wohnungen, so ein häufig geäußerter Verdacht in der Schließungsphase, seien weder geplant noch genehmigungsfähig. Erfreulicherweise erfährt auch das Eierhäuschen die längst fällige Beachtung: Es soll als Baudenkmal restauriert und wieder zu einem Ausflugslokal verwandelt werden. Und zwar kurzfristig.

 

das wurde draus …

In der Nacht vom 10. auf den 11. August 2014 brannte das Themendorf „Alt England“ auf dem Spreeparkgelände nieder.

 

Ein Rundgang durch den Spreepark

Begleiten Sie mit Bildern von Daniel Bartetzko eine „Fan-Führung“ durch den stillgelegten Berliner Freizeitpark.

 

Literatur und Quellen

Schönball, Ralf, Spreepark im Plänterwald. Was hat Berlin nun mit dem Spreepark vor?, in: Der Tagesspiegel. Berlin 27. März 2014

Stollowsky, Christoph, Der Liegenschaftsfonds kauft den Spreepark zurück, in: Der Tagesspiegel. Berlin 26. März 2014

Szabo, Sacha/Flade, Christopher, Vom „Kulturpark Berlin“ zum „Spreepark Plänterwald“. Eine VergnügungskulTOUR durch den berühmten Berliner Freizeitpark, Berlin 2011

Fan-Homepage des Berliner Spreeparks

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Frühjahr 14: Sport und Spektakel

LEITARTIKEL: Freie Zeiten, gute Orte

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Ingeborg Flagge sieht hinter den modernen Freizeitbauten eine Gesellschaft aufscheinen, die alles auf einmal will – und doch nur ein Zuhause sucht. Dabei brauche es weder vordergründiges Spektakel noch pure Funktion und Konstruktion. Sie ist sich sicher: Wirklich gute Architektur nimmt ein, überzeugt und erfreut.

FACHBEITRAG: Der Berliner Spreepark

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Christina Gräwe folgt all den vielen Achterbahnfahrten: Jetzt gibt es neue Hoffnung für den stillgelegten Berliner Freizeitpark.

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Karin Berkemann zeigt den Bäderbau der Nachkriegszeit: am Kurbad Königstein, das Otto Herbert Hajek 1977 künstlerisch gestaltete.

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Daniel Bartetzko blickt auf den Geschwindigkeitsrausch und die sprechenden Architektur am Hockenheimring.

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Der langjährige Braun-Designer zeigt sein Kronberger Haus: Wohn- und Atelierräume als Gesamtkunstwerk.

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Sarah Huke beschreibt die moderne Baugeschichte und ungewisse Zukunft des Lichtspieltheaters Gloria in Weißenfels.

INTERVIEW: Ursulina Schüler-Witte zum Bierpinsel

„Wir wünschten eine Stadtmarke“

Kaum ein Kind, das im West-Berlin der 1980er nicht staunend vorm Internationalen Congress Centrum (ICC) oder dem „Bierpinsel“ stand. Diese Neubauten, entworfen von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte, waren expressiver als die gradlinige Moderne des International Style. Farbenfroher als rohe Brutalismus-Burgen. Und nicht so bräsig wie die uniformen Reihenhaussiedlungen, die überall aus dem Boden schossen. Daniel Bartetzko sprach im Dezember 2015 mit Ursulina Schüler-Witte über das Erstlingswerk des Architekten-Ehepaars.

Daniel Bartetzko: Die kürzeste Frage mit der hoffentlich längsten Antwort zum Einstieg: Wie ist es zum Bierpinsel gekommen?

Ursulina Schüler-Witte: Die Planungen zum Turm begannen 1966/67. Mein Mann und ich standen am Beginn unserer selbstständigen Tätigkeit (Anm. d. Red.: Nach Abschluss ihres Studiums an der TU Berlin arbeiteten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte bis 1967 im Büro ihres einstigen Lehrers Bernhard Hermkes.). Wir wurden vom Senat mit der Gestaltung des U-Bahnhofs Schlossstraße beauftragt. Hier sollten zwei Linien übereinander laufen, darüber eine Verteilerebene folgen. Ebenerdig liegt die Schlossstraße, hierüber sollte noch ein Teilstück der Stadtautobahn als Hochstraße entstehen – also ein Treffen von fünf Ebenen. Wir wünschten für diese Superkreuzung auch ein besonderes Bauwerk, eine „Stadtmarke“.

DB: Und der Senat ließ sie einfach loslegen?

USW: Nein, man konnte ja nicht mit Luftschlössern auftauchen. Der Turm-Bauplatz lag auf öffentlichem Grund. Als privater Investor eine Genehmigung zu erhalten, schien aussichtslos. Nach langer Suche fand mein Mann aber eine Vorschrift, dass bei einem derartigen Gebäude mit anteiliger öffentlicher Nutzung in 4,5 Meter über und unter dem Straßenniveau keine Bauteile den Straßenverkehr beeinträchtigen dürfen. Wir hatten eine Aufzugsanlage vorgesehen, die auch den U-Bahn-Fahrgästen zur Verfügung stehen sollte. Also war die anteilige öffentliche Nutzung ungehindert möglich und der Weg frei.

DB:Und wie fanden Sie Investoren für ein derart ungewöhnliches Projekt?

USW: Wir gingen mit ersten Skizzen zur Direktion des Kaufhauses Wertheim, das an den U-Bahnhof grenzte. Dort war man schnell begeistert, sprang aber genauso schnell wieder ab. Nachdem wir bei etlichen Brauereien und Gastronomen abgeblitzt waren, fanden sich 1968 zwei westdeutsche Bauunternehmer, die ein Abschreibungsobjekt in Berlin suchten. Ihre Vorgabe: „etwas Besonderes, das wenig kostet“.

DB: Klingt nach Abenteuer. Und nach Diskussionen um Geld und Gestaltung.

USW: Immerhin konnten wir überhaupt bauen. Zunächst beabsichtigten wir, mehrere Kanzeln an den Turm zu hängen, und dieser „Blüten-Entwurf“ wurde auch der Presse vorgestellt. Die Bauherren schätzten die Kosten aber unrealistisch niedrig ein und korrigierten sie immer wieder. Gleichzeitig mussten wir umplanen, um zu sparen. Aus drei getrennt aufgehängten Baukörpern wurde ein einzelner mit drei Etagen. Mit dieser technoiden, an einen Wasserturm erinnernden Kanzel waren wir auch glücklich. Immerhin konnten wir damit absurde Vorschläge interessierter Brauereien wie die Form eines Bierfasses abwenden. Im Mai 1972 war schließlich die Grundsteinlegung.

DB: Letztlich wurde der Turm erst 1976 fertig. Was Sie lange nicht beeinflussen konnten.

USW: Die Bauherren litten unter Finanzengpässen: Im Frühjahr 1974 waren erst die Tiefgeschosse und der Turmschaft fertiggestellt, gleichzeitig wurde ein Baustopp verhängt. Dann stiegen die Bauträger wegen Steuerschwierigkeiten ganz aus – für uns eine Katastrophe. Aber auch der Berliner Senat wollte keinen Imageschaden durch eine prominente Bauruine riskieren. Die städtische Wohnbaugesellschaft BEWOGE übernahm das Projekt, und ab Juni 1975 wurde wieder gebaut.

DB: Die BEWOGE wollte nicht ernsthaft in die Gastronomie einsteigen?

USW: Es musste weiter ein Betreiber gesucht werden. Wir entwarfen zum x-ten Mal Interieurs: Mein Mann orientierte sich an Zeppelinkanzeln und Ozeandampfern der 1930er Jahre. Diese museale Ausrichtung, heute würde man es „retro“ nennen, wäre ein reizvoller Kontrast zum gerne als futuristisch bezeichneten Äußeren gewesen.

DB: Ich erinnere mich bei meinen Bierpinsel-Besuchen Ende der Achtziger an Rüschendeckchen und Alt-Berliner Gemütlichkeit à la Heinrich Zille.

USW: Die Berliner-Kindl-Brauerei übernahm schließlich den Turm als Pächter. Doch sie bestand darauf, die Einrichtung selbst zu gestalten. So kam es zu Tiffanylampen, Western-Saloon-Einrichtung und weiterem Nippes. Wir haben den Bierpinsel seit der Eröffnung nie wieder betreten. Aus Angst, dass jemand glaubt, wir hätten das entworfen (lacht).

DB: Auch wenn Sie nicht mehr hineingingen – gebaut haben sie weiterhin am Turm.

USW: 1986 planten wir einen neuen Eingang und 1993 eine Mobilfunkanlage auf dem Dach. Trotzdem kam das Gebäude herunter, die BEWOGE investierte nicht in die Instandhaltung. Als der Sanierungsstau drückte, verkaufte sie den Turm 2002 – seitdem steht er fast durchgehend leer. Die jetzigen Eigentümer versuchten, ihn 2009 wiederzubeleben und dafür bunt besprühen zu lassen. Das wollten wir mit Hinweis auf unser Urheberrecht verhindern. Nach monatelanger Funkstille legten die Handwerker unerwartet los: Die Gestaltung sollte ein Jahr bleiben, die Fassade dann wieder rot erstrahlen. Aber der Turm trägt jetzt gut sechs Jahre das schreckliche Graffiti-Kleid und ist immer noch ungenutzt.

DB: Und was zur Bauzeit drohte, scheint Realität geworden zu sein: Der Bierpinsel als prominente Bauruine.

USW: Laut Eigentümerin ist ein Wasserschaden schuld. Sie streite seit 2010 mit der Versicherung. Zuletzt hat das Steglitzer Bezirksamt Mitte 2015 eine Instandsetzung angemahnt, passiert ist nichts. Ich fürchte, dass eine Renovierung nur auf dem Klageweg zu erreichen sein wird.

DB: Unabhängig vom Status Quo: Glauben Sie, dass ein Projekt wie der Bierpinsel heute noch möglich wäre?

USW: Das kann ich nicht sagen. Aber die Suche nach Investoren war schon 1968 nicht leicht, auch die Bauvorschriften sind umfangreicher geworden. Möglich, dass derartige Projekte heute auf einem Amtsschreibtisch enden. Übrigens: Die Bezeichnung „Bierpinsel“ war eine Erfindung der Presse, der wir uns gefügt haben. Diesen eingängigen Namen wäre der Bau ohnehin nie wieder losgeworden.

DB: Hatten Sie eine eigene Idee?

USW: Nein, wir sprachen immer vom Turmrestaurant Steglitz – und ahnten, dass der Berliner Mutterwitz für einen Spitznamen sorgen würde …

Rundgang

… rund um Berlins schnittigstes Restaurant.

Zur Person

Ursulina Schüler-Witte (*1933) gehört neben ihrem Mann Ralf Schüler (1930-2011) zu den prägenden Architekten West-Berlins. Neben den bekannten Großbauten entwarf das Ehepaar zwischen 1967 und 2004 weitere öffentliche Gebäude und -erweiterungen, Wohnhäuser, Brücken und Museumsausbauten, dazu 1987 die Mahnmale für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Nach dem Tod ihres Mannes zog die Architektin 2011 in ein zum Mietshaus umgenutztes Schwesternwohnheim. Dass sie selbst es 1993 entwarf, merkte sie erst, als sie zur Wohnungsbesichtigung eintraf: In der Zeitung war nur ein einzelner, herausgelöster Grundriss abgebildet. Der sie spontan begeisterte …

Unbedingt Lesenswert

Ursulina Schüler-Witte, Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Eine werkorientierte Biographie der Architekten des ICC, Lukas-Verlag, Berlin 2015, 227 Seiten, 175 Farb- und Schwarzweißabbildungen, Hardcover, ISBN 978-3-86732-212-6.

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Winter 2016: Pretty Ugly

LEITARTIKEL: Hübsch hässlich

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Till Briegleb sinniert über Schönheit, Geschmack und glattgebügelten Zeitgeist.

FACHBEITRAG: Unter der Laterne

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Karin Berkemann staunt über einen opulenten 80er-Jahre-Bau in Langen: die katholische Albertus-Magnus-Kirche von Johannes W. M. Kepser.

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Jan Kampshoff belichtet ein gescheitertes Zukunftsprojekt: In Dorsten findet sich im Stadtteil Wulfen das Habiflex.

INTERVIEW: Ursulina Schüler-Witte zum Bierpinsel

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moderneREGIONAL sprach mit der Architektin über das Turmrestaurant Steglitz, in Berlin besser bekannt als „Bierpinsel“.

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Christian Holl betritt den postmodernsten Straßenzug der Mainmetropole, deren Römer gerade wieder der nächsten Rekonstruktion entgegensieht.

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Turit Fröbe fotografiert Bausünden in ganz Deutschland. Und entdeckt doch immer wieder die Qualitäten der kritisierten Bauwerke.

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Karin Hartmann untersucht die Königsplätze von Paderborn (1969-81) und ihre Chancen, wieder zu einem echten Treff- und Mittelpunkt zu werden.

LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

von Ruben Donsbach (15/4)

Die Aufgabe, mir über ein zeitgenössisches Verhältnis von Gesellschaft, Staat und Kirche Gedanken zu machen, mir einen Raum vorzustellen, in dem so ein Verhältnis sich ausprägen kann, ist nicht leicht. Weder die Kirche noch der Glaube haben in meinem Leben, in meiner Familie, jemals eine Rolle gespielt. Ich bin noch nicht einmal an Weihnachten zur Messe gegangen. Außer einmal, da war ich als Austauschschüler in Kanada und habe mich sehr fremd gefühlt. Der Glaube war für mich ein Glaube an die Moderne und ihre Protagonisten. An Mies und Scharoun. In deren Tempeln mochte ich immer gerne sein (die letzte Fassung dieses Essays entsteht in der Staatsbibliothek am Kulturforum). Mein Zugang zum Sakralen ist ein profaner und vor allem: ein ästhetischer.

Leerstehend: In Berlin-Kreuzberg wurde die katholische Kirche St. Agnes (1967, W. Düttmann) 2004 an eine evangelische Freikirche vermietet, 2011 an eine Verwertungsgesellschaft verkauft und 2012 beräumt (Bild: Pfarrei St. Bonifatius Berlin, CC BY 2.0, 2012)

Mir ist dieses NICHT glauben können dennoch von Zeit zu Zeit als Mangel erschienen. Die Welt ist längst zu komplex geworden, um alles immer zu wissen. Das kann man zwar aushalten, tröstlich ist es nicht. Zudem liegt der Religion und dem Glauben eine Widerständigkeit inne, die man in den erwartbaren Verteilungskämpfen der Gesellschaft in Zukunft noch gebrauchen wird können. Und Drittens: In einer Zeit, in der immer mehr Kirchen, vor allem jene aus der Nachkriegszeit, „profaniert“ werden, stellt sich die interessante Frage, wie man ihr „auratisches“ Potential neuen gesellschaftlichen Institutionen sinnhaft zur Verfügung stellen kann. Aber der Reihe nach.

Ein neoliberaler Schaumteppich

Ich spürte zuletzt, wenn ich mit jungen Akademikern und Künstlern sprach, dass ihnen an einer Versöhnung des modernistischen mit dem post-modernistischen sehr gelegen sei. Der Fülle der Information und Möglichkeiten möchte man eine Wahrheit zumindest auf Zeit entgegenstellen, die aber nicht hinter den Erkenntnissen von post-struktureller Theorie und Dekonstruktion zurückbleibt. Dabei gibt es einen regelrechten Trend zu Manifesten. Die kann man, wie Luther, an die Tore der Institutionen nageln oder im Netz veröffentlichen. Sie markieren jedenfalls einen Punkt im Raum, der als Koordinate oder Leitstern hilfreich ist. Ich glaube, dass dieses manifesthafte Denken eine sehr konkrete Form der Sinnsuche ist. Es bedient sich noch unbewusst einer Tradition, die in einem schönen Text von Jürgen Habermas über den neu aufgelegten Briefwechsel von Gershom Scholem und T. W. Adorno in „Der Zeit“ anklingt.

Nach außen (noch) alles beim Alten: St. Agnes als Kirchenbau in Kreuzberg im Jahr 2012 (Bild: Beek100, CC BY SA 3.0)

Habermas schreibt, Adorno hätte „im Wahrheitskern der liegen gelassenen Metaphysik ein transzendierendes, ein befreiendes Moment“ gesehen, „das die dumpfe Immanenz eines alle Lebensbezirke durchdringenden Kapitalismus aufsprengen könnte.“ Adorno wie Scholem sind „an dem möglichen Wahrheitsgehalt interessiert, den die monotheistischen Überlieferungen unter Bedingungen der Moderne noch entfalten können“ und wie dieser in der Kunst „wirksam werden“ kann. Für Habermas ein höchst aktuelles Gedankenspiel angesichts „des Schaumteppichs, der sich heute unter dem neoliberalen Regime ausbreitet und alle oppositionellen Regungen aufsaugt“.

Dieser akademische Disput spielt sicherlich jenseits der Alltagsrealität der oben beschriebenen jungen Menschen. Ich denke aber, gemeint ist dasselbe: die Suche nach Traditionen, Begriffen, Positionen und Aufschreibeformen, die der heute zunehmend schmerzlich empfundenen Ökonomisierung aller Lebensbereiche bei gleichzeitig mieser Bezahlung für geistige und kreative Arbeit entgegenwirken. Gesucht wird nach Räumen, in denen diese Sprache einen Resonanzraum findet. Ich mache mir nichts vor, das Netz ist wohl so ein Ort und nicht umsonst formieren sich in den USA auch schon rein digitale Freikirchen mit ganz eigener Liturgie. Doch gerade im digitalen Zeitalter braucht es das Analoge wie auch die analogen Räume: Sie sind keinen Gatekeepern unterworfen, sie bieten Schutz, sie ermöglichen eine gemeinsame Erfahrung.

Eine Gruppe etwas wahnsinniger Spanier

Umbau: Der Raum (Brandlhuber + Emde, Schneider, Riegler Riewe, Foto: © Jan Bitter) wurde um 2014 horizontal geteilt (Bild: brandlhuber.com, 2012)

Dieser Essay erscheint als Einleitung einer Fachzeitschrift über moderne Architektur, die sich in ihrer aktuellen Ausgabe mit Kirchenbau beschäftigt. In diesem Umfeld ist zu fragen, in welchen Räumen sich das oben beschriebe Sehnen manifestieren kann, um als gesellschaftlicher Diskurs wieder fruchtbar gemacht zu werden. Ich glaube, es werden vor allem die sakralen Orte der Moderne und Spätmoderne sein, was mit ihrem „Spirit“ zu tun hat. In seinem Aufsatz „Gotische Architektur und Scholastik“ behauptet der Kunstwissenschaftler Erwin Panofsky, dass die architektonische Form unmittelbar der Ordnung des Denkens und den Aufschreibesysteme entspricht und einen zeitgenössischen Habitus formt.

Ich habe einmal vor Jahren als Student, Panofsky in Gedanken, ein verlängertes Wochenende mit einer Gruppe etwas wahnsinniger Spanier in der Bretagne verbracht. Sie hatten sich zum Ziel gesetzt, jede gotische Kathedrale, Kirche und Kapelle zwischen St. Malo, Mont-Saint-Michel, Rennes und, etwas südlicher noch, Nantes abzuklappern. Die Wirkung dieser Architektur ist in ihrer Verdichtung natürlich spektakulär. Aber sie öffnet sich nichts gegenüber, sie schüchtert ein. Sie weist dem Himmelreich zu und lässt das Irdische zurück. Erst in der Moderne verändert sich der Kirchenraum grundlegend. Aus Distanz wird Nähe, Partizipation wird möglich.

Ein widerständiger Waschbetonbau

Die gelungene Umwidmung eines sakralen Raums zu einem gesellschaftlichen, bei gleichzeitiger Beibehaltung seines „auratischen“ Potentials, kann man gut an der Kirche St. Agnes in Berlin sehen. Der spätmodernistische, widerständige Waschbetonbau von Werner Düttmann wurde vom Galeristen Johann König und nach Plänen des Architekten Arno Brandlhuber zu einem Kulturzentrum mit Verlag, Architektenbüro und Galerie umgebaut.

Kunst statt Gottesdienst: Heute nutzt die Galerie Johann König den umgestalteten ehemaligen Kirchenraum für Ausstellungen – hier „The Smoking Kid“ von Katharina Grosse im Sommer 2015 (Bild: Galerie Johann König)

Betritt man im Berliner Spätsommer den Innenhof von St. Agnes, einem Ensemble von kubischen und rechtwinkligen Modulen nahe des Moritzplatzes im Kreuzberger Nirgendwo, dann stellt sich eine stoffliche Ruhe ein, wie man sie wohl nur in Klosteranlagen erwartet. Man sitzt alleine vor dem obligatorischen Coffeeshop, Johann Königs etwas verkaterte, aber bestimmte Stimme dringt oben aus den Büro, ab und zu kommt ein gut gekleideter Mensch aus der Galerie und sieht einigermaßen versunken aus. Der Galerieraum selbst ist ein wirklich imposanter, aber nüchterner Raum. Gefühlt endlos, selbst nachdem der Boden bis zum hinteren Balkon angehoben wurde, um den Raum besser bespielbar (wie auch heizbar) zu machen.

Johann König sagt, ihn habe vor allem interessiert, was dieser Raum als „Projektionsfläche bei den Künstlern auslöst, ähnlich vielleicht bei Glaubenden in der Kirche.“ Er habe eine Aura, „sachlich, nach außen rau, nach innen weich, beschützend.“ Im Quartier übernimmt St. Agnes eine Rolle, welche Kirchen früher einmal gespielt haben. Johann Königs Institution belebt eine lange brach gelegene Nachbarschaft und schafft einen Ort, an dem Dialog möglich ist. Es ist ein Refugium für eine Gemeinde, die sich ihrer selbst weniger zielgerichtet als spekulativ vergewissert. Und das über ästhetische Signifikanten, die noch nicht völlig ökonomisiert wurden.

Wenn denn nicht Gottesdienst wäre …

Die Sehnsucht nach der beschriebenen Offenheit ist vielen Menschen am Beginn des 21. Jahrhunderts derart dringlich, dass es sie intuitiv in diese Räume zieht. Meine Freundin „beichtete“ mir während der Arbeit zu diesem Text, dass sie gerne einmal die Woche mit mir in die Kirche gehen würde. Wenn denn nicht Gottesdienst, oder besser, wenn nicht so ein Gottesdienst wäre, wie man ihn in Deutschland kennt. Es ist der Habitus des Sakralen der in seiner ursprünglichen und anti-modernistischen Form abschreckt, der aber, gewandelt wie in St. Agnes, Schutz bietet und Kreativität beflügelt.

Ein letzter Gedanke noch zur Flüchtlingsdebatte. Kirche war immer auch ein Ort, an dem man Schutz vor Verfolgung gesucht hat. So neu gedacht wie in St. Agnes, sollte sie dieser Rolle wieder gerecht werden. Als Ort der Begegnung, des Austausches und des Asyls.

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Herbst 15: Haus mit Turm

LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

Ruben Donsbach über die Sehnsucht nach Räumen, die offen sind für andere Erfahrungen.

FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

Philipp Stoltz über eine besondere Nachbarschaft in München.

FACHBEITRAG: Straße der Moderne

FACHBEITRAG: Straße der Moderne

Andreas Poschmann über ein Projekt, das verbindet – Kirchenbauten werden virtuell und analog zur Straße verknüpft.

FOTOSTRECKE: "Ich war eine Kirche"

FOTOSTRECKE: „Ich war eine Kirche“

Lichtbilder über das, was nach Abriss, Entwidmung oder Verkauf kommt: Daniel Bartetzko und Karin Berkemann auf Fototour zu Frankfurts verlorenen Kirchen.

FACHBEITRAG: Kirchen unter Honecker

FACHBEITRAG: Kirchen unter Honecker

Verena Schädler über katholischen Kirchenbau im Osten Deutschlands.

FACHBEITRAG: Erneuerung

FACHBEITRAG: Erneuerung

Matthias Ludwig über seine Beratungsarbeit mit Gemeinden und ihren modernen Kirchenräumen.

INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

Rocco Curti und Martin Krause über Gerichtsverfahren, Gespräche und gemeinsame Ergebnisse. Ein Interview über Kirche und Denkmalpflege in Hannover.

PORTRÄT: Meine Kirchen

PORTRÄT: Meine Kirchen

Karin Berkemann über ihre erste „sakrale“ Liebe – und was danach kam.